Der Schlächter von Dead End

James Hadley Chase
Der Schlächter von Dead End

Originaltitel: This Way for a Shroud (London : Robert Hale 1953)
Übersetzung: Manfred Scheiber
Deutsche Erstausgabe: 1968 (Ullstein Verlag/Ullstein-Krimi 1164)
183 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1979 (Ullstein Verlag/Ullstein-Krimi 1948)
183 S.
ISBN-13: 978-3-548-01948-2

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Das geschieht:

Delikat und grausig zugleich ist der Fall, den Charles Forest, Staatsanwalt für den Bezirk Hollywood, seinem Chefermittler Paul Conrad überträgt. Im Swimmingpool ihrer „Dead End“ genannten Riesenvilla hat man den aufgeschlitzten und enthaupteten Körper des Filmstars June Arnot gefunden; der Schädel ist verschwunden. Damit nicht genug: In und beim Haus findet man die Leichen des Pförtners, des Gärtners, des Kochs, der Zofe, des Butlers und des Hausboys. Alle wurden sie kaltblütig und zielgenau mit einer Pistole des Kalibers .45 erschossen.

Die Medien feiern dieses Schlachtfest bis ins letzte blutige Detail. Es kommt sogar noch besser: Hauptverdächtiger ist Ralph Jordan, Arnots Geliebter und Regisseur, der gerade vom Studio wegen seiner Drogen und Alkoholexzesse vor die Tür gesetzt wurde. Als ihn Conrad in seiner Wohnung befragen will, findet er ihn dort mit durchschnittener Kehle in der Badewanne. Hat sich ein siebenfacher Mörder selbst gerichtet?

Oder ist er einem Konkurrenten in die Quere gekommen? June Arnot unterhielt ein Verhältnis mit dem Gangsterboss Jack Maurer, dem das Gesetz schon lange auf den Fersen ist. Conrads Theorie zufolge hat Maurer seinen Chauffeur und Leibwächter Tony Paretti in „Dead End“ wüten lassen. Dieser ist seither untergetaucht; womöglich hat sich Maurer seiner entledigt. Conrad will Parettis Lebensgefährtin Flo Presser verhören. Er findet sie mit einem Eispickel erstochen vor. Sie ist nicht das letzte Opfer in diesem Fall, der sich zum Wettlauf zwischen Gesetz und Verbrechen, zwischen Conrad und Maurer entwickelt. Besonders delikat: Conrads schöne aber unzufriedene Gattin Janey sich Maurers Umgarnungsversuchen durchaus aufgeschlossen, was die Ermittlungen keineswegs einfacher werden und die Emotionen kochen lässt.

Massenmord ist nur die Einleitung

Als Auftakt ein siebenfacher Mord samt Enthauptung: Hier wird kein feines kriminalliterarisches Netz gesponnen, sondern Tempo gemacht. Folgerichtig gleicht die Jagd auf einen Gangsterboss eher einem Krieg, bei dem auf beiden Seiten keine Nachsicht geübt wird. In Anbetracht der Entstehungszeit geht es erstaunlich heftig zur Sache. Dieser Roman ist eher Thriller als Krimi. Zwar geht es um oberflächlich um polizeiliche Ermittlungen gegen das organisierte Verbrechen. Die beschriebenen „police procedurals“ wirken – um es zurückhaltend auszudrücken – jedoch nicht annähernd so überzeugend wie in einem zeitgleichen Roman von Ed McBain.

Auch sonst wird trotz der rasant und geradlinig erzählten Story nur allzu klar, dass Entscheidendes fehlt: Von Plot-Raffinesse und Atmosphäre keine Spur. Statt Nostalgieglanz liegt dick der Staub von Jahrzehnten auf dem Geschehen. Bitter vermisst wird selbst ein Hauch von Humor. Viel zu ernst kommt „Der Schlächter von Dead End“ daher.

Vielleicht sollte man dieses Werk als Roman zu einem nie entstandenen Film goutieren. Im Hollywood der 1950er Jahre sind zahllose B Movies im Stil von „Der Schlächter …“ entstanden. Moralisierend und holzschnittartig, aber gleichzeitig handwerklich kompetent in Szene gesetzt, können sie auch heute noch unterhalten, wenn man ihre Schwächen als typisch hin und nicht übel nimmt.

Simpel im Denken und Handeln

Die Struktur der Story spiegelt sich in den Figurenzeichnungen wider. Sie erregen durch ihre allzu zeitgenössische Eindimensionalität Missfallen. Als Leser steht man diesen Figuren unbeteiligt gegenüber. Sie sind sämtlich unsympathisch. Paul Conrad ist beispielsweise nicht nur Ermittler, sondern repräsentiert das Gesetz – mit Leib und Seele! Wenn sein Chef pfeift, dann springt er, denn es bereitet ihm geradezu körperliche Schmerzen, wenn ein Gauner ungezüchtigt bleibt.

Dass Conrad gleichzeitig persönliche Rachegefühle befriedigen kann, ist überhaupt kein Problem; schlimm genug, wenn das Gesetz auch Abschaum wie Jack Maurer schützt! Ihm kann Conrad außerdem seine privaten Probleme ankreiden. Er wünscht sich (und verdient) ein Heimchen am Herd, doch bekommen hat er eine Gattin, die etwas erleben will und sich vernachlässig und gefangen fühlt in der Ehe mit einem Spießer, der wie Pawlows sprichwörtlicher Hund sabbernd auf kriminelle Umtriebe reagiert und rund um die Uhr arbeitet. Er wäre besser mit der patenten Sekretärin Madge verheiratet, die wie Kollege Van vermutlich im Aktenschrank von Conrads Büro übernachtet und keine lästige Aufmerksamkeit einfordert.

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Cover der dt. Erstausgabe 1968

Janey Conrads Verhalten gilt als schlimmes Vergehen und verdient Strafe in der Welt des J. H. Chase. Sie verkörpert ein aus heutiger Sicht bemerkenswertes Frauenbild. Chase, der ein halbes Jahrhundert mit derselben Frau verheiratet war, stellt seine weiblichen Figuren oft als schön und schlau, aber egoistisch, verräterisch und mörderisch dar. Auch Maurers derzeitige Geliebte Dolores fällt in diese Kategorie: „Solange fette alte Männer Geld und Macht besaßen, wählte Dolores sich fette alte Männer.“ (S. 55) Schließlich präsentiert Chase seinen weiblichen Figuren die Rechnung und liefert sie gern einem grausamen Schicksal aus, das mit viel Liebe zum sadistischen Detail beschrieben wird. Was Chase hier möglicherweise kompensieren musste bleibt unklar; er lebte sehr zurückgezogen, biografische Zeugnisse sind rar.

Geschmeiß, das es zu vertilgen gilt

Jack Maurer ist kriminell und deshalb der personifizierte Unmensch. Der Verfasser lässt ihn das reichlich unter Beweis stellen. Dass Chases Vorstellungen vom organisierten Verbrechen in den USA dabei eindimensional wirken, verwundert kaum. Vielleicht war der zeitgenössische Leser naiv genug zu glauben, dass Verbrechen sich nie lohnt und stets hart bestraft wird. Und in den Verdacht, kriminell zu sein, gerät ein Bürger von Chases Amerika schon, wenn er oder gar sie einen Nachtclub – offenbar ein Synonym für Sünde & Zügellosigkeit – betritt. Anpassung und Biedersinn ersetzen das zwar theoretisch vorhandene, praktisch aber besser der Obrigkeit überlassene Recht auf freie Lebensgestaltung.

Obergangster Maurer ist von allerlei schillernden Kleinganoven umgeben, deren offensichtliche Dummheit nur ihrem Chef verborgen bleibt. Sie tragen einsilbige Vornamen wie Moe oder Pete, sind hässlich, brutal und auch sonst ostentativ vertiert. Immer wieder bauen sie Mist, doch unverdrossen setzt sie Maurer auf neue Untaten an. Immerhin gibt es Überraschungen: Der psychotische Pete Weiner wird vom Saulus zum Paulus, als ihm ausgerechnet die Frau, die er ermorden soll, trotz seines entstellenden Feuermals freundlich begegnet.

Im Umfeld des echten Verbrechens existiert außerdem eine Halbwelt moralisch bedenklicher und geistig ebenfalls minderbemittelter Zocker, ‚Tänzerinnen‘ oder Schauspieler, die von der Polizei verächtlich geduzt, herum geschubst und zum Spitzeldienst gepresst werden. So herrschen wenigstens im Unterhaltungsroman „Law & Order“, deren Existenz allen Bürgern dieser Welt von ihren Regierungen gern vorgegaukelt wird.

Autor

Als René Brabazon Raymond wurde der spätere James Hadley Chase 1906 in London geboren. Er verließ sein Elternhaus mit 18 Jahren und versuchte sich in mehreren Jobs, bis er Anfang der 1930er Jahre beschloss, Unterhaltungsschriftsteller zu werden. Nach der Lektüre des überaus erfolgreichen Krimiklassikers „The Postman Always Rings Twice” (1934, dt. „Wenn der Postmann zweimal klingelt“) von James M. Cain beschloss Raymond, einen möglichst verkaufstauglichen Thriller zu verfassen. Er plante einen Gangster-Krimi, denn dieses Genre war just in den Vereinigten Staaten überaus beliebt. Raymond, der niemals in den USA gewesen war, studierte Landkarten und Reiseführer, eignete sich den amerikanischen Slang an und schrieb in sechs Wochen den Roman „No Orchids for Miss Blandish”, der unter dem Pseudonym James Hadley Chase veröffentlicht wurde und bemerkenswerte Verkaufserfolge erzielte.

Schon in diesem frühen Werk setzte Chase auf ein für ihn typisches Muster: Verbrechen werden begangen, um sich aus finanzieller Not und gesellschaftlicher Isolation zu befreien. Doch dieser Plan geht in der Regel schief, führt zu weiteren Verbrechen, zu Verrat, Erpressung, Mord. Zu spät geht dem Täter, der stets auch Opfer ist, auf, dass er niemals eine wirkliche Chance hatte. Das Ende ist düster und brutal. Schon deshalb konnte Chase die Gunst seiner Kritiker nie gewinnen; „zweitklassiger [James M.] Cain“ war nur eine von zahllosen Schmähungen. Seine Leser schätzten ihn dagegen sehr – auch in Deutschland, wo sein Stern indes nach seinem Tod rasch sank. Im 21. Jahrhundert sind Chase-Romane – bis in die 1990er Jahre immer wieder aufgelegt – vom Neubuchmarkt verschwunden.

Chase schrieb fast 100 Bücher und blieb bis zuletzt – er starb am 6. Februar 1985 in der Schweiz – als Schriftsteller aktiv. Seine einfach aber meist sauber geplotteten, rasanten Thriller waren wie geschaffen für das Kino der B-Movie-Ebene. Besonders in Frankreich, Italien und Deutschland entstanden, oft als Koproduktionen, Filme nach Chase-Reißern. Hin und wieder bedienten sich auch die Großen des Kinos seiner Stoffe. 1962 drehte Joseph Losey „Eva“ (nach „Eve“) mit Jeanne Moreau in der Titelrolle, 1971 Robert Aldrich „The Grissom Gang“ (nach „No Orchids for Miss Blandish“), 1998 Volker Schlöndorff „Palmetto“ (nach „Just Another Sucker“).

Copyright © 2016 by Michael Drewniok (md)

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