Der vertauschte Koffer

Victor Gunn
Der vertauschte Koffer

(Bill-Cromwell-Serie, Bd. 21)

Originaltitel: The Whistling Key (London : Collins 1953)
Übersetzung: Ruth Kempner
Deutsche Erstausgabe: 1955 (Goldmann Verlag/Goldmanns große Kriminal Romane K 93)
215 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1988 (Goldmann Verlag/Goldmann Rote Krimi 216)
188 S.
ISBN-13: 978-3-442-00216-0

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Das geschieht:

Das vornehme Geschlecht der Staffes steht vor dem Aussterben. Es gibt nur noch den alten Kapitän Horatio Staffe und seinen Neffen Jimmy Warrender, der zu seiner Überraschung nach High Matcham auf den einsam gelegenen Stammsitz der Staffes eingeladen wird. In der Hoffnung auf ein reiches Erbe will Warrender seinen zuvor nie gesehenen Onkel Horatio besuchen. Auf der nächtlichen Fahrt nach Südengland bleibt sein Wagen nach einem Unfall stecken. Als er zu Fuß und mit seinem Koffer das nächste Dorf ansteuert, gerät Warrender in eine unheimliche Szene: Zwei Männer werfen im Wald ein Grab aus. Als er flüchtet, greift sich Warrender versehentlich den Koffer der Totengräber. Nach angstvollem Marsch erreicht er endlich High Matcham. Der Inhalt des Koffers: 250.000 Pfund aus einem Postraub, der seit vier Monaten England Polizei in Atem hält!

Horatio Staffe entpuppt sich als exzentrischer, selbstherrlicher Geselle, der seinem Neffen verbietet, die Polizei zu benachrichtigen: Er will den Räubern, die zweifellos nach ihrer verschwundenen Beute forschen werden, eine Falle stellen, um sie selbst festzusetzen. Warrender lässt sich darauf ein, bereut dies aber schnell, als man in seinem liegengebliebenen Wagen die Leiche aus dem Waldgrab findet: ein erster ‚Gruß‘ der Schurken, die seine Spur schnell aufgenommen haben.

Der Leichenfund veranlasst Scotland Yard, Chefinspektor Bill „Old Iron“ Cromwell und seinen Assistenten Johnny Lister auf den Fall anzusetzen. Der misstrauische Polizist erkennt, dass ihm Neffe und Onkel etwas verschweigen. Doch nicht einmal Warrender ahnt, wie verrückt der alte Staffe tatsächlich ist, bis die Ereignisse auf eine finale Schlacht zwischen konkurrierenden Gaunern und dem Gesetz zusteuern, während Warrender sich zu allem Überfluss in die Tochter des Dorfpolizisten verliebt  …

Mord muss & Spaß darf sein

Wenn ein Krimi-Autor seit anderthalb Jahrzehnten seine Serienhelden in neue Abenteuer schicken muss, geht dabei mit ziemlich großer Sicherheit die ursprüngliche Begeisterung verloren, während sich die Suche nach neuen Fällen zunehmend schwieriger gestaltet. Manchmal lässt er dann alle Fünfe gerade sein, bricht mit den strengen Konventionen des Genres und schöpft daraus ein Vergnügen, das die Serien-Fron wieder erträglicher macht. Dies ist jedenfalls eine Erklärung für die Existenz eines Werkes wie „Der vertauschte Koffer“, das als Kriminalroman selbst den nachsichtigsten Leser zu ratlosem Kopfschütteln veranlasst: So eine Häufung absurder Zufälle und vorsätzlicher Verstöße gegen den gesunden Menschenverstand kann einfach nur humorvoll gemeint sein.

Bereits die Ausgangssituation ist Klischee pur. „Es war eine dunkle, stürmische Nacht …“ – und es wird keineswegs realistischer. Der Sturm wirft dem erblustigen Neffen einen dicken Ast genau dort vor den Autokühler, wo zwei Gauner ihrer Friedhofsarbeit nachgehen. Einen Koffer mit geraubtem Geld haben sie in einiger Entfernung zum Grab hingestellt, damit der nächtliche Augenzeuge – der selbst einen Koffer mit sich herumschleppt – darüber stolpern und unbemerkt das falsche Exemplar greifen kann.

So geht es ungehemmt weiter, während der Leser entscheiden muss, ob er verärgert oder amüsiert reagieren soll. Gunn geht jedenfalls keine Kompromisse mehr ein. Seine solide aber simpel gestrickten Kriminalgeschichten befanden sich nie auf der Höhe der Zeit, doch mit „Der vertauschte Koffer“ legt er es offenbar auf eine echte Parodie der klassischen „Whodunits“ an.

Jeder Einfall kommt sofort in die Suppe

Des Onkels Landsitz entpuppt sich selbstverständlich als verfallenes Spukschloss voller Winkel und Schatten, in die Zugluft einem Schlüssel zu Pfeifen bringen kann, wie der Originaltitel zu entschlüsseln ist. Der Hausherr erscheint als verschrobene Wiedergeburt eines Feudalherrn, der auch im 20. Jahrhundert über seine ‚Untertanen‘ herrscht und die Aufklärung eines Raub- und Mordfalls umgehend zur Privatsache erklärt. Der Neffe, ein ansonsten angeblich ‚moderner‘ junger Mann, verfällt dem seltsamen Zauber, den Gunn über ihn wirft, und beugt sich dem ‚Plan‘, obwohl er sich dessen Irrwitzes bewusst ist.

Die Räuber reihen sich nahtlos in ein generell bemerkenswertes Figurenpersonal ein. Am Eingang des Dörfchens, über das der alte Horatio herrscht, scheint eine Zeitmaschine zu stehen. Sie bewahrt die Bürger vor den zweifelhaften Segnungen der Moderne. Selbst  gestandene Posträuber benehmen sich wie Trottel. Falls ihre obskuren Einfälle zur Rückeroberung der abhanden gekommenen Beutel wider Erwarten doch zu fruchten scheinen, löst Gunn dieses ‚Problem‘ mit einer zünftigen Slapstick-Prügelei in finsterer Nacht, bei der sich die Hüter des Gesetzes selbst außer Gefecht setzen, sodass die Schurken wieder ins Gebüsch entkommen können.

Nicht einmal „Old Iron“ Cromwell ist immun gegen die verwirrenden Schwingungen in und um High Matcham. Obwohl der erfahrene Kriminologe genau weiß, dass man ihn an der Nase herumführt, spielt er nur aus einem zwingenden Grund mit: Verfasser Gunn würde mit seiner Geschichte sofort auf der Strecke bleiben, sollte auch nur einer der Beteiligten dem Rat des gesunden Menschenverstandes folgen!

Wenn man an keine Steigerung mehr glaubt …

Die Stringenz des Plots ist eine Kardinaltugend des Kriminalromans. Selbst der verwickeltste, mit Tricks und Finten aufgeladene Fall nuss einem logischen roten Faden folgen. Den können wir auch in diesem Roman finden, aber wir müssen ihn sehr sorgfältig suchen! Endgültig jenseits von Gut & Böse ist ein Geschehen, das Horatio Staffe als übergeschnappten Hüter familiärer Werte zeigt. Es hat mit der eigentlichen Handlung rein gar nichts zu tun und wird vom ansonsten allwissenden Cromwell nicht einmal wahrgenommen.

Gunn opfert dem Effekt scheinbar jegliche Krimi-Klarheit – und er kommt durch damit, weil er dennoch zu überraschen vermag. So bricht die Kette der wiederholten Attacken durch die düpierten Gauner plötzlich ab. Dieses Ende ist kurios, die Auflösung bizarr. Wundert sich jemand, dass sie in diesem kruden ‚Krimi‘ problemlos funktioniert?

Auf einen anderen Nebenstrang hätte Gunn verzichten können. Wie üblich gibt er einer Liebesgeschichte breiten Raum. Sie trieft vor altmodischen Klischees, die einen Mann in einen stammelnden Trottel und eine junge Frau in ein „Mädchen“ verwandeln, das aufkeimende Liebe primär durch eiliges Fortlaufen signalisiert: Ausgerechnet hier, wo Ironie nottäte, bleibt Gunn ernst und wird langweilig – eine Sünde, die er ansonsten zu vermeiden weiß.

Autor

Der Engländer Victor Gunn (1889-1965), dessen richtiger Name Edwy Searles Brooks lautete, war als Unterhaltungs-Schriftsteller ein Vollprofi. Er verfasste für Zeitschriften und Magazine über 800 (!) Romane und unzählige Kurzgeschichten – genaue Zahlen werden sich vermutlich nie ermitteln lassen – unterschiedlichster Genres, wobei er sich diverser Pseudonyme bediente. Der nome de plume „Victor Gunn“ blieb jenen Romanen und Story-Sammlungen vorbehalten, die Brooks um den knurrig-genialen Inspektor William Cromwell und seinen lebenslustigen Assistenten Johnny Lister verfasste.

In Deutschland ist Gunn vom Buchmarkt verschwunden. Dabei ließ sich sein Erfolg einmal durchaus mit dem seines Schriftsteller-Kollegen Edgar Wallace messen. Eine stolze Auflage von 1,6 Millionen meldete der Goldmann-Verlag, der Brooks als Victor Gunn hierzulande exklusiv verlegte, schon 1964 – eine Zahl, die sich in den folgenden Jahren noch beträchtlich erhöht haben dürfte, bis ab 1990 die Flut der ständigen Neuauflagen verebbte.

Copyright © 2010/2017 by Michael Drewniok (md)

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