Der Wachsapfel

Tucker Coe
Der Wachsapfel

(Mitch-Tobin-Serie, Bd. 3)

Originaltitel: Wax Apple (New York : Random House 1970/London : Victor Gollancz 1970)
Übersetzung: Martin Lewitt
Deutsche Erstveröffentlichung: 1970 (Ullstein Verlag/Ullstein-Krimi 1340)
155 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1987 (Ullstein Verlag/Ullstein Kriminalroman 10436)
155 S.
ISBN-13: 978-3-548-10436-2

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Das geschieht:

Ex-Cop Mitchell Tobin, der sich seinen Unterhalt aufgrund widriger Umstände nunmehr als privater Ermittler verdienen muss, checkt für seinen aktuellen Auftrag ins Midway-Sanatorium ein. Hier erholen sich 22 gesundende, aber psychisch weiterhin labile Ex-Geisteskranke, bevor sie endgültig ins Alltagsleben zurückkehren. Dr. Frederick Cameron, Gründer und Leiter der Einrichtung, muss seit einiger Zeit um die notwendige Ruhe der Patienten fürchten: Ein Unbekannter stellt ihnen Fallen. Noch blieb es bei leichten Verletzungen, aber die Unruhe steigt.

Tobin soll den Täter fassen. Er hat gerade seinen Koffer abgestellt und will das ihm zugewiesene Zimmer verlassen, da stolpert er über einen Draht und poltert eine Treppe hinunter, wobei ihm ein Arm bricht: Der Fallensteller hat ihn offensichtlich schon erwartet; anonym lässt er ihm ein Fläschchen Bourbon und ein Entschuldigungsschreiben zukommen.

Angeschlagen aber zornig macht sich Tobin an die Arbeit. Hinter der noblen Fassade des Sanatoriums stößt er auf Ungereimtheiten und schwelende Konflikte. Die Insassen verhalten sich erwartungsgemäß unberechenbar, aber auch Ärzte und Personal ziehen keineswegs am selben Strang. Durch das Haus geistert nachts ein ‚blinder Passagier‘. Ist der geheimnisvolle Doug, der sich so kunstreich ins Midway eingeschlichen hat, der Saboteur?

Die Zeit drängt, denn die Anschläge nehmen an Heftigkeit zu. Doch Tobin ist abgelenkt. Der enge Umgang mit den Insassen zwingt ihn zur Auseinandersetzung mit den eigenen inneren Dämonen. Nie hat er sich mit seinen psychischen Problemen wirklich beschäftigt. Jetzt kommen sie an die Oberfläche und wollen sich nicht mehr verdrängen lassen. Ein halber Tobin ist jedoch kein akkurater Gegner für den Unsichtbaren, der seinen Terror unbeirrt fortsetzt …

Kriminelle Umtriebe im Irrenhaus

Ein „Whodunit?“ in der Nervenheilanstalt stellt an den Kriminalschriftsteller gewisse Anforderungen. Die üblichen Verdächtigen sind nur bedingt zurechnungsfähig. Das öffnet theoretisch Türen, hinter denen sich recht simple Lösungen verbergen könnten. Geisteskrankheit ist im Unterhaltungsroman eine gern missbrauchte Entschuldigung für unrealistische, aus dem sprichwörtlichen Hut gezauberte ‚Lösungen‘, denn Wahnsinnigen ist bekanntlich alles zuzutrauen.

Donald E. Westlake – er verbirgt sich hinter dem Autoren-Pseudonym „Tucker Coe“ – geht diesen allzu einfachen Weg natürlich nicht. Als Vollprofi des Genres hat er es auch nicht nötig. Er nutzt die exotische Kulisse für eine wahrlich ungewöhnliche Handlung. Wer verübt absurd inszenierte aber gefährliche Anschläge in einem Sanatorium? Diese Frage vermag Westlake/Coe auf überraschende Weise zu lösen.

Wobei überraschend allerdings nicht unbedingt originell bedeutet. Psychologie ist im Unterhaltungsroman stets Vulgär-Psychologie. So ist es auch hier, obwohl Coes Krankheitsbilder, die er für seine Verdächtigen malt, zumindest überzeugend klingen. Sie sind es freilich nicht, sondern bleiben plakativ sowie dem Zeitgeist verhaftet: „Der Wachsapfel“ entstand in einer Zeit, als eine „Lesbe“ noch eine sichere Kandidatin für das Irrenhaus war.

Letztlich entpuppt sich das seltsame Treiben im Midway als Sturm im Wasserglas. Hinter dem kriminellen Treiben verbirgt sich das allzu Menschliche. In einem Sanatorium ist der Druck, der sich in verbrecherischem Handeln entladen kann, höher als innerhalb der ‚normalen‘ Gesellschaft. Darauf basiert der Plot, der allein allerdings kein Lektürevergnügen garantieren könnte.

Kuckuck im Nest der Nervenschwachen

Dies schafft Coe, indem er ausgerechnet Mitch Tobin ins Midway bringt. Er ist vordergründig der „Wachsapfel“, d. h. der Falschspieler, der sich unter die Patienten mischt. Tatsächlich muss Tobin feststellen, dass er viel besser hierher passt als ihm bewusst und lieb ist. Er ist seelisch krank, seit sein Partner bei der Polizei zu Tode kam. Tobin gibt sich die Schuld, denn er betrog seinen Freund und war mit dessen Frau zusammen, statt diesem den Rücken zu decken. Die Schuldgefühle haben ihn überwältigt und arbeitsuntauglich gemacht. Seitdem vergräbt er sich in seinem Haus, grübelt und zieht eine Steinmauer um das Anwesen, was seinen Rückzug von der Welt auch optisch deutlich macht.

Nur die Geldnot kann Tobin manchmal dazu bringen, sein selbst gewähltes Exil zu verlassen. Dann stellt er immer noch beachtliches ermittlerisches Geschick unter Beweis. Weil er nicht mehr im Staatsdienst arbeitet, kann Tobin undercover tätig werden. Der enge Kontakt zu verdächtigen Zeitgenossen hat Vorteile, kann aber schnell gefährlich werden. In seinen früheren Fällen bestand diese Gefahr darin, von  den Verbrechern, unter die er sich gemischt hatte, entlarvt zu werden.

Der eigenen Psyche ausgeliefert

Dieses Mal ist es anders: Als Tobin im Midway eintrifft, ist er längst erkannt. Niemandem kann er vertrauen, und er hat keine Ahnung, wie er sich den Rücken freihalten kann. Die eigentliche Gefahr droht indes von unerwarteter Seite: Tobin stellt fest, dass ihn seine bisher leidlich verdrängten Schuldgefühle übermannen. Seine Legende als genesender Geisteskranker vermischt sich mit privater Seelenpein. Dem Angriff von dieser Seite ist der erfahrene Kriminalist nur bedingt gewachsen.

Dieser Kampf mit dem eigenen Ich verleiht der Story ihren besonderen Drive. Tobins sorgfältig ausgeklügelten Verdrängungsmechanismen zerbröckeln. Seine Umgebung und vor allem seine Mitpatienten jagen ihm Angst ein, denn er sieht, wo und wie er enden könnte. Die Sicherheit, die ihm einst seine kriminalistische Tätigkeit gab, ist ebenfalls Vergangenheit: Als die Polizei in Gestalt Captain Yonckers im Midway aktiv wird, sieht sich Tobin ohnmächtig in die Schar der übrigen „Verrückten“ eingegliedert. Wie er seinen persönlichen aber zweifelhaften Ausweg findet, ist aus medizinischer Sicht wahrscheinlich indiskutabel, liest sich aber spannend und sorgt dafür, dass dieser in Vergessenheit geratende, kleine Krimi doch noch lesenswert ist.

Autor

„Tucker Coe“ ist das Pseudonym des Profi-Schriftstellers Donald Edwin Westlake (geb. am 12. Juli 1933 in Brooklyn, New York). Erste Kurzgeschichten verkaufte er bereits 1953 an Science Fiction- und Mystery-Magazine. Nachdem er in den späten 1950er und frühen 1960er Jahren unter diversen Pseudonymen Softsex-Romane verfasst hatte, erschien 1960 ein erster ‚richtiger‘ Roman. „The Mercenaries“ (dt. „Das Gangstersyndikat“) ließ Westlakes Talent für harte, schnelle Thriller deutlich erkennen.

1962 betrat Parker, ein nervenstarker Berufskrimineller, die Bildfläche. Seine Abenteuer schrieb Westlake als „Richard Stark“. Weil er jährlich gleich mehrere Romane auf den Buchmarkt warf, legte er sich weitere Pseudonyme zu. Westlake versuchte sich in allen Genres. Er schrieb Science Fiction („Anarchaos“, 1966), Phantastisches, Western („Gangway“, 1973), ein Kinderbuch („Philip“, 1967) und sogar eine Biografie der Schauspielerin Elizabeth Taylor.

1966 begann Westlake als “Tucker Coe” mit “Kinds of Love, Kinds of Death” (dt. “Auf totem Gleis“) eine neue Reihe um den desillusionierten Ex-Cop Mitch Tobin aus New York. Immer lotete der Verfasser den Markt aus, um maßgeschneiderte Unterhaltung in Serie zu produzieren. Blieb der Erfolg aus, probierte er etwas anderes. Tobin war deshalb kein allzu langes literarisches Leben vergönnt.

Nach einer fünf Jahrzehnte währenden, höchst produktiven und erfolgreichen Schriftsteller-Karriere dachte Westlake keineswegs an den Ruhestand. Auf einer Ferienreise traf ihn am Silvestertag des Jahres 2008 ein tödlicher Herzschlag. An sein Leben und Werk erinnert diese Website , die in Form und Inhalt seine Romane aufgreift: ohne Schnickschnack, lakonisch und witzig, dazu informativ und insgesamt unterhaltsam.

Copyright © 2010/2017 by Michael Drewniok (md)

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