Dicke Fische

Carl Hiaasen
Dicke Fische

(sfbentry)
Originaltitel: Double Whammy (New York : G. P. Putnam’s Sons 1987)
Übersetzung: Malte Heim
Dt. Erstausgabe (unter dem Titel „Miami-Morde“): 1989 (Bastei-Lübbe-Verlag/Allgemeine Reihe 13183)
403 S.
ISBN-10: 3-404-13183-5
Diese Ausgabe: November 2002 (Goldmann Verlag/TB Nr. 43989)
446 S.
ISBN-13: 978-3-442-43989-8

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Das geschieht:

R. J. Decker, einstiger Starfotograf in der Sinnkrise, versucht er als Privatdetektiv einen Neuanfang im sonnigen US-Staat Florida. Aktuelle hat ihn Millionär Dennis Gault angeheuert, der sich sein süßes Leben im Müßiggang als Wettkampffischer versüßt. Der Kampf um den größten Maulbarsch ist nicht nur ein amerikanischer Breitensport geworden, lernt der erstaunte Decker, sondern hat eine lukrative Industrie für Zubehör aller Art hervorgebracht. Die Fänger der dicksten Fische gelten als Idole, die Preisgelder erreichen schwindelerregende Höhen. Bisher war Gault der Hecht in diesem Barschteich. Nun macht ihm ein Konkurrent seinen Status streitig. Dickie Lockhart hat es sogar zu einer eigenen Angel-Show im Fernsehen gebracht.

Aber er betrügt und hängt offenbar gefrorene Dickfische an den Haken, wenn niemand hinschaut. Das soll Decker beweisen. Dafür winken ihm 50.000 Dollar Honorar, was ihn eventuelle Vorbehalte rasch vergessen lassen. Er ahnt nicht, dass er sich das Geld sauer wird verdienen müssen. Just ist im Lake Jesup die Leiche des Anglers Robert Clinch aufgetaucht. Angeblich ist er ertrunken, aber Decker wird nachdenklich, als er auf der Beerdigung dessen Geliebte kennenlernt. Lanie Gault – Dennis‘ Schwester – erzählt ihm, dass Clinch Deckers Vorgänger auf der Jagd nach Lockhart war.

Ungeahnte Verbindungen tun sich auf. Um Barsche geht es nur am Rande. Ein Netz betrügerischer Aktivitäten um illegale Bodenspekulationen, Steuerbetrug und TV-Schiebereien kommt ans Tageslicht. Deckers Stochern im Schlick bleibt nicht unbemerkt. Sein aufgeschreckter Gegner, der unfromme Reverend Charles Webb, Präsident des fundamentalistischen „Outdoor Christian Network“, schickt ihm einige Killer auf den Hals. Diese sind nicht die Hellsten, versuchen aber ihr Unvermögen durch Übereifer wettzumachen und tragen sehr zum Chaos bei, das sich über den Angelsport auszubreiten beginnt. Da trifft es sich gut, dass Deckers neuer Verbündete der kauzige Fischführer und Polit-Veteran Skink ist, dem unorthodoxe Möglichkeiten der Selbstverteidigung geläufig sind …

Hechte und Heringe

Die großen Fische fressen die kleinen: Das ist ein altes Bild vom Überlebenskampf auf dieser Welt. Es lässt sich auch auf den menschlichen Alltag übertragen. Insofern leben Carl Hiaasens „Dicke Fische“ längst nicht nur in schlammigen Seen. Auf dem Land treiben sich sogar noch gefräßigere Exemplare herum. Rücksichtslos verfolgen sie die Schwächeren, mästen sich an ihnen und zerstören obendrein die Welt, in der wir alle leben.

Darüber zu klagen bringt nichts, wie auch Hiaasen erfahren musste (s. u.). Also bedient er sich der ironischen Übertreibung, um seine Botschaft anzubringen: Lasst euch nicht bescheißen von verlogenen Politikern, geldgierigen Konzernen, dem manipulierenden Fernsehen, scheinheiligen Predigern und den vielen anderen Zeitgenossen, die dreist vorgeben, für euch und zu eurem Besten das Denken zu übernehmen.

Das gelingt dem Verfasser mit bewundernswerter Treffsicherheit: „Dicke Fische“ ist wirklich komisch (eine tolle Leistung des Übersetzers, dies ins Deutsche gerettet zu haben). Schwarzer Humor der knochentrockenen Art wirkt sogar noch intensiver, weil Hiaasen ihn gekonnt und unmerklich immer wieder in ernste oder sogar tragische Momente umschlagen lässt: So transportiert er seine Botschaft, und es gelingt ihm, ohne aufdringlich zu sein.

Bemerkenswerterweise ruhen die grotesken Geschehnisse auf einem soliden Plot. „Dicke Fische“ würde auch als normaler, d. h. bierernst (und mit den genretypischen Brutalitäten) erzählter Thriller durchaus funktionieren. Es geschieht nicht gerade oft, dass sich ein Unterhaltungs-Schriftsteller (was heute immer noch ein Schimpfwort zu sein scheint) solche Mühe gibt.

Das Personal des Irrsinns

Erneut erstaunt Hiaasens Talent, seine bizarre Welt mit absolut glaubhaften Figuren zu bevölkern. Gut und Böse verwischen sich wie im richtigen Leben; der gebeutelte R. J. Decker ist weder Held noch verfolgte Unschuld, sondern auch ein recht jähzorniger Geselle, der sich selbst immer wieder in unnötige Schwierigkeiten bringt.

Auf der anderen Seite sind Hiaasens Strolche wie ‚Reverend‘ Webb oder Dennis Gault keine Schablonen-Strolche, sondern wirken manchmal fast sympathisch in ihrer allzu menschlichen Gier nach Macht und Geld. Weil sie gleichzeitig ziemlich dumm sind bzw. nie glauben können, dass ihre Machenschaften sich einmal gegen sie wenden könnten, tun sie einem fast leid, wenn sie schließlich die gerechte Strafe ereilt.

Und das geschieht, denn zumindest im Roman bringt Carl Hiaasen die Welt wieder in Ordnung. Er bedient sich dazu skurriler Heilsbringer wie des halb verrückten Ex-Gouverneurs Skink, der wohl so etwas wie einen Wunschtraum des Verfassers verkörpert – einen ehrlichen Politiker, der nur das Beste für sein Land und seine Bürger wollte, von der Realität aus dem Amt und aus der Bahn geworfen wurde und nun auf anarchistische Weise Gerechtigkeit übt. Viel Gewalt ist dabei im Spiel, aber Hiaasens Mitleid hält sich wie das der Leser in Grenzen: Wenigstens literarisch darf er die verhassten Diebe und Lügner bluten lassen – und das in weiteren Romanen bis heute!

Verfasser

Carl Hiaasen wurde 1953 in Florida geboren, ging hier zu Schule, studierte (bis 1974) Journalistik und ging anschließend zum „Miami Herald“. Bei dieser Zeitung ist er noch heute angestellt und schreibt Kolumnen und Berichte, in denen er jene Sünden anprangert, mit denen wir auch in seinen Romanen immer wieder konfrontiert werden. Zu schaffen macht Hiaasen besonders der unentwirrbare Filz aus Politik, Wirtschaft und Verbrechen, der Florida in Sachen Korruption und Umweltzerstörung einen traurigen Spitzenplatz in den USA garantiert.

Da Hiaasen die Erfahrung machen musste, dass seine wütenden Attacken im täglichen Mediengewitter mehr oder weniger untergingen, begann er ab 1981 Romane zu schreiben, die in spannender Thrillerform und scheinbar fiktiv die genannten Missstände auch jenem Publikum nahe zu bringen, die gemeinhin nur den Sportteil einer Zeitung zur Kenntnis nehmen.

Hiaasen schrieb seine ersten drei Romane mit dem Journalisten-Kollegen William D. Montalbano, bevor er sich mit „Tourist Season“ (dt. „Miami Terror“) 1986 quasi selbstständig machte. Schon früh begann er damit, die bittere Medizin, die er verabreichen wollte, zu versüßen, indem er dazu überging, immer groteskere Plots für seine ohnehin actionbetonten Geschichten zu entwerfen. Ironie und Sarkasmus, die jederzeit in blanken Zynismus umschlagen können, demaskieren die Welt, wie Hiaasen sie in Florida vorfindet, als Tollhaus. Die Rechnung ging auf: Weil Hiaasen sein Talent, wirklich krude Geschichten mit knochentrockenem und dadurch um so wirksamerem Witz zu entwerfen, rasch zur Perfektion entwickelte, fand er sein Publikum, das ihm – aus gutem Grund – treu geblieben ist. Er informiert es auf seiner vorbildlichen Website.

Kurzkritik für Ungeduldige: Mit einem Streit unter Sportanglern beginnt es. Privatdetektiv Decker geht allzu sorglos an die scheinbar lächerliche Angelegenheit heran. Als man seinen ermittelnden Vorgänger tot aus einem See zieht, wird klar, dass er einige ganz dicke, kriminelle Fische ihr Unwesen treiben … – (Wahn-) witziger Thriller im unnachahmlichen Hiaasen-Stil, d. h. überdreht, spannend und mit knochentrockenem Schwarzhumor die Dreifaltigkeit selbst ernannter Eliten – Dummheit, Gier und Ignoranz – aufs Korn nehmend.

[md]

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