Die Affen von Cannstadt

Christine Lehmann
Die Affen von Cannstadt

Argument Verlag, Hamburg, 1. Auflage: 09/2013
TB, ariadne krimi 1195, Schwaben-Krimi
ISBN 978-3-86754-195-4
Titelgestaltung von Martin Grundmann, Hamburg unter Verwendung
eines Motivs von imprisoned © giagahnar.deviantart.com

www.argument.de
http://christine-lehmann.blogspot.com
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Während Camilla Feh in U-Haft sitzt und bangt, ob das Gericht ihre Unschuld erkennt und sie freispricht, führt sie an einem Laptop Tagebuch und schreibt ihre Erinnerungen nieder, hoffend, auf diese Weise die entscheidenden Details zu finden, die sie in diese unglückliche Situation brachten und beweisen, dass nicht sie für den gewaltsamen Tod ihres Ex und Vorgesetzten Till Deutschbein verantwortlich ist.

Dessen Leiche wurde im Bonobo-Käfig der Wilhelma gefunden, in den ihn, laut der Indizien, jemand eingesperrt hatte – und das kann nur Camilla gewesen sein, deren DNA vor Ort gefunden wurde und der man unterstellt, dass sie Rache für eine Kollegin hatte nehmen wollen, die von Till so massiv unter Druck gesetzt wurde, dass sie einen Selbstmordversuch unternahm. Darüber hinaus wird behauptet, dass psychische Probleme Camilla motivierten, weil sie nie bewältigen konnte, dass die Mutter, von der sie als Dreijährige verlassen wurde, als mehrfache Kindsmörderin gilt. Für die belastenden Fakten sorgte niemand Geringeres als Schwabenreporterin Lisa Nerz. Doch dann kommen ihr Zweifel an dieser konstruierten Schuldzuweisung, und sie beginnt, bei allen Beteiligten noch tiefer zu bohren …

Im Vorwort schreibt Else Laudan: „Dies ist kein Lisa-Nerz-Abenteuer, wo die schlagfertige Heldin den Bürokratenschurken und Strippenziehern kräftig einheizt und mit den Vorurteilen in unser aller Köpfen Domino spielt.“ Und durch die Hintertür ist es dann doch einer, numerisch der 11. Band, auch wenn die Protagonistin nicht die Hauptrolle spielt, jedoch so manchen Stein ins Rollen bringt. Denn warum sollte Christine Lehmann neue Figuren erfinden, wenn die von ihr geschaffenen Charaktere geradezu prädestiniert für diesen Roman sind und bei treuen Lesern für einen Aha-Effekt sorgen? Interessanterweise kommt Lisa diesmal nicht so gut weg, denn Camilla Feh hat reichliche Gründe, sie abzulehnen und negativ zu beschreiben.

Dreh- und Angelpunkt der Geschehnisse ist Camilla, die jedoch eher passiv bleibt und im Rahmen ihrer Aufzeichnungen zurückblickt: Kindheit, Soziologiestudium einschließlich der Bonobo-Studien, die Liebe zu Till, Abbruch des Studiums und Trennung von Till, diverse Jobs, Anstellung in Tills Firma, der nun nicht länger Veganer, Feminist, Tierschützer und Punk ist, sondern zum spießigen Establishment gehört, der Tod ihres Dozenten und der von Till, Inhaftierung und JVA-Alltag, Prozess, Verurteilung, Hoffnungslosigkeit.

Dass Camilla vergleichsweise wenig unternimmt, oft wie gelähmt wirkt und sich meist den Anweisungen fügt, um nicht aufzufallen und Konflikte zu vermeiden, führt sie auf ihre Mutter zurück, deren damaliges Handeln sie einfach nicht versteht und deren mögliche Motive auch das Soziologiestudium nicht schlüssig zu erklären vermag. Diesem Schatten, den die Mutter auf sie wirft, kann sich Camilla erst allmählich entziehen, als etwas Unerwartetes passiert.

Die Bonobo-Studien (Affen aus dem Kongo, die als einzige Primaten matriarchalische Strukturen entwickelt haben) und die permanenten Vergleiche ihres und des menschlichen Verhaltens sind in diesem Zusammenhang bedeutsam und versorgen den Leser nicht nur mit feministischen Überlegungen, sondern auch mit ‚schlüpfrigen‘ Beschreibungen und einem Tabu-Thema, das letztlich entscheidend für die Aufklärung des Falls ist. Noch erschütternder jedoch sind die Schilderungen der Abwärtsspirale, aus der Camilla sich nicht aus eigener Kraft befreien kann. Kaum steht die Polizei an ihrer Schwelle, wird ihr alles genommen: Freiheit, Recht, Würde, Menschlichkeit.

Wer im Gefängnis landet, kann nur verlieren: Wohnung, Arbeit, Freunde, Familie, das menschenwürdige Leben, Hoffnung. Niemanden interessiert es, ob man schuldig oder unschuldig ist; wer einsitzt, muss einfach ein Verbrechen begangen haben und wird so behandelt vom Personal und den anderen Häftlingen. Ist das Urteil gefällt und die Revision abgewiesen, tut sich das Gericht schwer, aufgrund neuer Beweise den Fall wiederaufzunehmen. Nachdem sich schon die Verhandlung über Monate hinzog und sich zu einer zermürbenden Tortur entwickelte, wird man zum Vermodern weggesperrt. Wer bislang an Recht und Gerechtigkeit in Deutschland glaubte, hat nach diesen Beschreibungen seine Naivität verloren.

„Die Affen von Cannstadt“ ist eine äußerst empfehlenswerte Lektüre, die lange in bedrückender Erinnerung bleibt. Es ist weniger der Kriminalfall, der den Leser packt, vielmehr sind es die realistischen, desillusionierenden Schilderungen von der Entmenschlichung, die man – als Schuldiger oder Unschuldiger – erleidet ab dem Moment, in dem man in die langsam, mitunter verkehrt herum mahlenden Mühlen des Gesetzes gerät. Einfach beängstigend!

Copyright © 2014 by Irene Salzmann (IS)

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