Die Einsamkeit des Todbringers

Greg F. Gifune
Die Einsamkeit des Todbringers

(sfbentry)
Blood in Electric Blue, USA, 2009
Festa Verlag, Leipzig, 08/2011 PB
Psycho-Thriller, Mystery
ISBN 978-3-86552-098-2
Aus dem Amerikanischen von Michael Weh Titelfoto von iStockphoto.com

www.Festa-Verlag.com
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„Ein weibliches mysteriöses Wesen entsteigt dem Meer …“ So beginnt Greg F. Gifunes Roman „Die Einsamkeit des Todbringers“.

Dignon Malloy, 42 Jahre, depressiv und von Kindheitserinnerungen gepeinigt, lebt alleine mit seinem Kater Mr Tibbs. Der Einzige, zu dem Dignon Kontakt pflegt, ist sein schwuler Bruder Willie/Wilma. Dignons eher graues und melancholisches Leben verändert sich, als er in einem Antiquariat das abgegriffene Buch  ‚Mystische Wesen in einer sterblichen Welt‘ kauft. Beim ersten Aufschlagen des Werkes befällt Dignon eine düstere Vorahnung, und das Buch wirkt auf ihn sonderbar vertraut. Es gehörte vorher einer gewissen Bree Harper. Jackie Shine, Dignons Partner im Lieferanten-Team bei ‚Tech Metropolis‘ (sieht aus wie eine Spätausgabe von James Dean, hat sein rechtes Bein in Vietnam verloren), ist der einzige Kollege, den er als Freund betrachtet. Er kam ein Jahr zuvor bei einer Auslieferung zu Tode (wurde von einem geistig Verwirrten mit einer Schrotflinte erschossen) – seitdem ist Dignon arbeitsunfähig und lebt von einer Arbeitsunfähigkeitsrente, tief verstrickt in Gedanken, die sich um seine Kindheit, aber auch um Lisa ranken, die ihn vor zwanzig Jahren verlassen hat.

Bree Harper, die Vorbesitzerin des Buches, entpuppt sich als hübsche Frau, nachdem Dignon zu ihr Kontakt aufgenommen hat. Sie lässt ihn fortan gedanklich nicht mehr los. Und er hat immer Visionen vom Meer, von Wasser. In dem Buch liest er u. a. etwas über „Todbringer“ – friedfertige, traurige, isolierte und einsame Wesen. Von Natur aus melancholisch und nicht gewalttätig können sie unter bestimmten Umständen gefährlich und äußerst unberechenbar sein. Sie sind von menschlicher Natur, aber von den Göttern dazu verdammt, über die Erde zu wandern, während ihnen der Tod ohne ihr Zutun folgt.

Dignon fühlt sich als ein solcher Todbringer. Seine  Mutter ist bei seiner Geburt gestorben, und sein Vater hasste ihn dafür. Dignon erzählt Bree von seiner Kindheit, was er noch keinem Freund anvertraut hat, denn er fühlt sich wohl in ihrer Gesellschaft. Doch ihr Ex-Freund Kyle warnt ihn vor Bree, behauptet, sie wäre kein Mensch, sondern ein Wesen, wie sie in dem Buch über ‚Mystische Wesen‘ beschrieben werden: eine Sirene …

Der minimalistische Stil des Autors unterstützt die Eindringlichkeit des Textes und die Einsamkeit des „Todbringers“, die er aber auf seine Weise mit Würde trägt. Auch im Zwischenmenschlichen, denn Dignon lehnt Prostituierte ab, kann sich nichts Unerotischeres vorstellen, als eine Frau dafür zu bezahlen, dass sie so tut, als begehre sie ihn. Selbst seine schreckliche Einsamkeit zieht er dem vor. Greg F. Gifunes Welt bewegt sich oftmals zwischen den Zeilen; man muss den Duktus des Textes annehmen, sich gar von ihm vereinnahmen lassen, damit die Fülle der Gefühle, die er transportiert, auf den Leser wirken und er sie in sich aufnehmen kann. Der Autor begegnet seinem Publikum auf Augenhöhe und hält ihm einen Spiegel vor, in dem man sich mit der eigenen Einsamkeit konfrontiert sieht. Denn durch Dignon zeigt Greg F. Gifune deutlich, aber dennoch behutsam, die Geißel der heutigen Gesellschaft auf: die Vereinsamung inmitten Menschen, Partnern, Familien.

Denn auch Dignon hat sehr wohl in seinem Arbeitskollegen, seinem Bruder und schlussendlich Bree sowie einer jungen Nachbarin Persoen, mit denen er Kontakte pflegte, Menschen, die ihn nicht hätten einsam werden lassen können – hätten sie ihn erreicht. Dennoch bleibt er der einsame Wolf, an den nur Bree wirklich herankommt da er zu sehr geprägt ist von der einen großen Liebe, die zerbrach, und einer Kindheit, die ein einziges Trauma darstellt. Außerdem ist er gefangen in der Annahme, abstoßend zu sein und so auf andere zu wirken, und somit fühlt er sich nicht ‚würdig‘ für eine neue Beziehung, nach der er sich insgeheim sehnt. Gifune setzt in seinen Texten nicht auf Tempo, nicht auf reißerische Szenen, sondern auf Stimmungen, und seine Rechnung geht auf. Das seitenüberschaubare Buch vermittelt daher weitaus mehr Atmosphäre als es so mancher ‚Schinken‘ vermag, weil der Autor auf Effekthascherei verzichtet und dafür auf die Tiefe seiner Charaktere baut.

Die Aufmachung des Romans ist ohne Fehl und Tadel. Satz, Druck, Papier und Bindung sind top, der Umschlag ist hochwertig. Vor jedem Kapitel gibt es das Covermotiv, das in seiner minimalistischen Art hervorragend zum Roman passt, noch einmal in Greyscale. Somit stimmt auch das Preis-Leistungs-Verhältnis. Victor Hugo sagte einst: „Melancholie ist die Freude am Traurigsein.” Dieser Satz könnte für „Die Einsamkeit des Todbringers” stehen. Atmosphärischer Roman über die melancholische Geschichte eines Mannes, der mit seiner Vergangenheit, aber auch an der Gegenwart zu knabbern hat. Absolut empfehlenswert!

Copyright © 2013 by Alisha Bionda (AB)

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