Die Gosse und das Grab

Ed McBain
Die Gosse und das Grab

Originaltitel: I’am Cannon – for Hire (New York : Fawcett Gold Medal 1958)/The Gutter and the Grave (New York : Dorchester Publishing/Hard Case Crime 2005)
Dt. Erstausgabe (unter dem Titel „Tödliche Lügen“): 1959 (Walter Lehning Verlag/Panther-Reihe 136)
Übersetzung: N. N.
128 S.
[keine ISBN]
Ungekürzte Neuausgabe: Februar 2009 (Rotbuch Verlag/Hard Case Crime 008)
Übersetzung: Andreas C. Knigge
Cover: R. B. Farrell
221 S.
ISBN-13: 978-3-86789-066-3

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Das geschieht:

Seit er vor fünf Jahren seine Gattin in den Armen eines anderen Mannes erwischte, den er daraufhin mit seiner Pistole totschlug, ist Ex-Detektiv Matt Cordell zum Trinker herabgesunken, der auf den Straßen von New York vor sich hin vegetiert. Dort findet ihn Johnny Bridges, ein alter Jugendfreund, der jetzt eine kleine Schneiderwerkstatt führt. Aus der Kasse verschwinden seit einiger Zeit kleinere Geldbeträge, und Cordell soll das Rätsel lösen, denn einen ‚richtigen‘ Privatdetektiv kann sich Bridges nicht leisten.

Da Cordell Geld benötigt, willigt er ein, die Werkstatt auf mögliche Einbruchsspuren zu überprüfen. Als er mit Bridges den Laden betritt, finden sie im Hinterzimmer den Mitinhaber Dominic Archese: Mit zwei Kugeln in der Brust liegt er tot vor einer Wand, auf der mit Kreide die Initialen „J. B.“ geschrieben stehen.

Dass Bridges so dumm ist, als Mörder sein blutiges Werk quasi zu signieren, kann Cordell nicht glauben. Die Polizei ist da weniger skeptisch. Als Hauptverdächtiger wird Bridges umgehend verhaftet. Cordell mag ihn nicht im Stich lassen. Seine kriminologischen Sinne erwachen langsam wieder. Obwohl er seine Lizenz verloren hat, beginnt er zu ermitteln. Die Arbeit lässt ihn auch privat aus der Gosse auftauchen; mit Laraine, der jüngeren Schwester von Christine Archese, die nun Witwe ist, beginnt er eine stürmische Liebesbeziehung.

Allerdings stellt Cordell fest, dass ihn die Schwestern belügen. Damit befinden sie sich in ‚bester‘ Gesellschaft – auch Bridges, die Polizei und letztlich alle Männer und Frauen, die Cordell verhört, tischen ihm Ammenmärchen auf. Das Lügengewebe zu zerreißen ist nicht nur eine Herausforderung, sondern auch gefährlich: Schläger verfolgen Laraine und Cordell, und bald steht der von allen Seiten bedrängte Detektiv vor der nächsten Leiche …

Die Welt ist ein durchweg düsterer Ort

„Noir“ und „Pulp“: zwei Begriffe beschreiben eine ganz besondere Art von Kriminalroman. Wobei „Noir“ als Bezeichnung eigentlich dem Kino entlehnt ist. ‚Schwarze‘ Kriminalfilme kamen nach dem II. Weltkrieg in Mode. Sie waren Kinder eines Prozesses, die dieser Krieg auch an der „Heimatfront“ in Gang setzte. Die moralischen Werte der US-Gesellschaft wurden durch die Schrecken einer Realität in Frage gestellt, die sich niemand in dieser Drastik hatte vorstellen können. Hinzu kamen soziale Umwälzungen. Über Jahre kämpften ganze Generationen junger Männer in Übersee. Ihre Stelle nahmen u. a. die bisher auf die Rolle der Ehefrau und Mutter fixierten Frauen ein, die nach 1945 auf ihre gewonnene Freiheit nicht mehr verzichten wollten.

Es gärte also in den gar nicht mehr Vereinigten Staaten. Der Kriminalroman nahm sich dieses Konfliktes dankbar an. Mit dem „schwarzen“ Krimi verließ er den Elfenbeinturm des klassischen „Whodunits“. Nicht einmal Raymond Chandler oder Dashiell Hammett hatten so rigoros in Frage gestellt, was den Amerikanern als wichtig und wertvoll erschien. Der „Amerikanische Traum“ hatte sich als Lüge entlarvt. Die Verlierer bevölkerten wie Matt Cordell die Straßen.

Der „Pulp“ ist älter als der „schwarze“ Krimi. Die billigen, auf holzreiches Papier gedruckten Magazine hatten ihre große Zeit vor dem II. Weltkrieg, dessen Papierrationierung ihnen nach und nach den Garaus machten. Geblieben war der Stil. Kurz und knackig kamen die der rauen Wirklichkeit entlehnen Geschichten daher. Der Erzählstil war nüchtern, die Dialoge knapp und scharf, die Figurenzeichnung zeigte den ‚nackten‘ Menschen ohne beschönigende Masken.

Dies war keine Zeit für vornehme, alltagsentrückte Denkmaschinen. Sie starben nicht aus, aber sie zogen sich zurück und wurden durch harte Cops und desillusionierte Privatdetektive ersetzt. „Noir“ und „Pulp“ ergänzten sich ausgezeichnet.

Auftritt Carl Cannon

„Die Gosse und das Grab“ ist dafür ein hervorragendes Beispiel. Die gerade genannten Faktoren lassen sich sämtlich in diesem Roman wiederfinden. Nur 200 Seiten umfasst McBains Werk, aber die werden bis zum Bersten mit Spannung, Streit und Tempo aufgeladen!

Genau das hatte McBain – der eigentlich Evan Hunter hieß – im Sinn. Schon das gewählte Pseudonym spiegelte die rohe Unmittelbarkeit der Story wider: „Carl Cannon“ klang wie ein Doppelknall in den Ohren einer Leserschaft, die wissen sollte, was sie erwartete. Dass der Held des Romans „I’m Cannon – for Hire!“ gar nicht Cannon hieß und nicht einmal bewaffnet war, blieb nebensächlich; der Titel war zugkräftig und sprach ein Publikum an, das nicht enttäuscht wurde.

Ein halbes Jahrhundert später hat sich der einst dem reinen Profit verpflichtete Pulp in einen kultisch gefeierten Seitentrieb des Genres verwandelt. Aus „I’m Cannon – for Hire!“ wurde „The Gutter and the Grave“ – „Die Gosse und das Grab“, was nicht lockend, sondern eher bedeutungsschwanger klingt. „Noir“ gilt inzwischen als Kunst, und mit der „Hard Case Crime“-Reihe bekam auch der Pulp ein entsprechendes Forum. (Deshalb gibt’s zum Roman auch ein kluges Nachwort des Übersetzers Andreas C. Knigge, der über Leben und Werk von Ed McBain informiert und „Die Gosse und das Grab“ als Krimi im Genre verortet.)

Unsicherheit als zuverlässige Konstante

Obwohl McBain 1958 vor allem einen Roman schrieb, der sich verkaufen sollte, blieb er von den zeitgenössischen Umwälzungen nicht unberührt. Der Krieg war vorbei, aber die Wellen, die er wie ein Stein, den man in tiefes Wasser wirft, aufgeworfen hatte, brachten das Fundament des Alltags ins Schwanken. Matt Cordell wurde aus der Bahn geworfen. Als ‚echter‘ Amerikaner hätte er sich längst aus der Gosse erheben und die Sprossen der gesellschaftlichen Leiter möglichst hoch erklimmen sollen. Stattdessen liegt er weiterhin am Boden, und das wird sich bis zum ganz und gar nicht glücklichen Ende nie ändern.

Cordell hat seinen Schutzpanzer verloren. Als glücklich verheirateter Mann und erfolgreicher Detektiv hatte er den amerikanischen Traum gelebt. Inzwischen hat er ihn als Illusion erkannt. Als Quelle der Kraft für einen Neuanfang kann und will er ihn nicht mehr nutzen. So wie ihm geht es den meisten Männern und Frauen, auf die McBain Cordell treffen lässt. Wer nicht darüber grübelt, was er oder sie auf dieser Welt verloren haben, entpuppt sich wie Dennis Knowles als zynischer Karrierist, der nach oben buckelt und nach unten tritt, und als Feigling, der nicht einmal fähig ist, sich persönlich an einem alten Feind zu rächen.

Was blieb, ist die Lüge. „Tödliche Lügen“ wurde die deutsche Erstausgabe dieses Romans 1959 betitelt, was verrät, dass derjenige, der ihn prägte, das Buch genau gelesen und verstanden hatte. Alle lügen sie Matt Cordell an – nicht nur definitiv oder möglicherweise Verdächtige, sondern auch die Polizei, angebliche Freunde, seine Geliebte. Johnny Bridges, der im Gefängnis sitzt und nur auf Cordell hoffen kann, offenbart sich ihm erst, als der Detektiv ihm die anderweitig recherchierte Wahrheit quasi ins Gesicht schleudert. Ein am täglichen Kampf um ein möglichst großes Stück von der Wurst uninteressierter und scheinbar idealistischer Musiker wird als schnöder Dieb entlarvt. Auch die Kunst hat ihre Unschuld längst verloren und ist zur Ware degeneriert.

Düster aber nie deprimierend für den Leser

Für dieses Trauerspiel findet McBain die geeigneten Worte. Ohnehin dienen ihm die Schatten der geschilderten Realität nur als Hintergrund für eine spannende, zügig vorangetriebene Handlung, die sie keineswegs ersetzen sollen. „Die Gosse und das Grab“ ist ein Kriminalroman. Expressive Gesellschaftskritik überließ Ed McBain stets dem dafür außerdem literarisch wesentlich besser gerüsteten Evan Hunter.

Natürlich funktioniert manches nicht mehr so gut wie vor einem halben Jahrhundert. Die Auflösung kommt ziemlich abrupt. Sie entspricht dem Milieu der Handlung, d. h. sie ist ganz und gar nicht originell, weil in Cordells Welt für raffinierte Verbrecher kein Platz ist. Damit der Leser nicht gar zu früh merkt, was hinter den Morden steckt, legt McBain gleich mehrere falsche Spuren – Handlungsstränge, die den zentralen Fall nicht berühren.

Die Frauen der Handlung sind aus zeitgenössischer Sicht überaus selbstständig. „Gleichberechtigt“ würde man sie heute aber nicht nennen. Der „schwarze“ Krimi liebt die Figur der „femme fatale“: Frauen, die nicht lieben, sondern Männer verführen, um sie sich auf diese Weise gefügig zu machen. Auf diesen Liebesgeschichten liegt ein Fluch, und sie enden garantiert tragisch. In diesem Punkt trägt McBain ein wenig zu dick auf. Immerhin ist er konsequent: Drei Frauen treten in wichtigen Rollen auf, und ALLE benehmen sie sich verdächtig.

Den Lesespaß kann weder das noch die betont auf Nostalgie gebürstete Neuausgabe dieses angejahrten Krimis (dem sogar ein ‚neues altmodisches‘, politisch garantiert nicht korrektes Cover spendiert wurde) mindern. „Die Gosse und das Grab“ ist nicht der für die Ewigkeit gedachte Klassiker, zu dem er dadurch erhoben werden soll. Erfreulich ist seine Wiederkehr aufgrund der zeitlosen Qualitäten auf jeden Fall.

Autor

Ed McBain wurde als Salvatore Albert Lombino am 15. Oktober 1926 geboren. Dies war in den USA in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg kein Name, der einem ehrgeizigen Nachwuchsschriftsteller hilfreich gewesen wäre. Also ‚amerikanisierte‘ sich Lombino 1952 zu Evan Hunter und schrieb ‚richtige‘ Bücher, d. h. Literatur mit Botschaft und Anspruch, darüber hinaus Kinderbücher und Drehbücher.

Da sich der Erfolg in Grenzen hielt, wählte Vollprofi Hunter ein neues Pseudonym und verfasste als „Ed McBain“ den ersten der von Anfang an als Serie konzipierten Kriminalromane um das 87. Polizeirevier. Schnelles Geld sollten sie vor allem bringen und ohne großen Aufwand zu recherchieren sein. Deshalb ist Isola mehr oder weniger das Spiegelbild von New York, wo Lombino im italienischen Getto East Harlems groß wurde. Aber Hunter bzw. McBain kochte nicht einfach alte Erfolgsrezepte auf Er schuf ein neues Konzept, ließ realistisch gezeichnete Polizisten im Team auf ‚richtigen‘ Straßen ihren Job erledigen. Das Subgenre „police procedural“ hat er nicht erfunden aber entscheidend geprägt.

1956 erschien „Cop Hater“ (dt. „Polizisten leben gefährlich“). Schnell kam der Erfolg und es folgten bis 2005 54 weitere Folgen dieser Serie, der McBain niemals überdrüssig wurde, obwohl er ‚nebenher‘ weiter als Evan Hunter publizierte und als McBain die 13-teilige Serie um den Anwalt Matthew Hope verfasste. Mehr als 100 Romane umfasste das Gesamtwerk schließlich – solides Handwerk, oft genug Überdurchschnittliches, geradlinig und gern fast dokumentarisch in Szene gesetzt, immer lesenswert -, als der Verfasser am 6. Juli 2005 einem Krebsleiden erlag.

Copyright © 2009/2016 by Michael Drewniok (md)

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