Die Hand des Todes

shuman-hand-des-todes-coverGeorge D. Shuman
Die Hand des Todes

Originaltitel: Last Breath (New York : Simon & Schuster, Inc. 2007)
Übersetzung: Norbert Jacober
Deutsche Erstausgabe: Dezember 2008 (Wilhelm Heyne Verlag/TB Nr. 43347)
352 S.
ISBN-13: 978-3-453-43347-2

Das geschieht:

Sherry Moore aus Philadelphia ist zwar blind, sie wird aber trotzdem oft und landesweit von der Polizei als Sonderermittlerin angefordert, denn die junge Frau verfügt über eine einzigartige Gabe: Berührt sie eine Leiche, durchlebt sie deren letzten 18 Lebens-Sekunden. Hat dieser Mensch dabei seinen oder ihren Mörder gesehen, ist dies für die Fahndung überaus hilfreich.

Aktuell wird Moore in Cumberland, einer kleinen Stadt im US-Staat Maryland, eingesetzt. Im Kühlraum einer stillgelegten Schlachterei fand man drei tote Frauen. Sie wurden hier gefangen gehalten, gefoltert und schließlich umgebracht. Dieser Fall bekommt zusätzliche Brisanz durch die Tatsache, dass diese Morde bereits vor drei Jahren geschahen und als aufgeklärt galten. Nun stürzen sich die Medien auf die Tatsache, dass damals die falschen Täter beschuldigt wurden. Außerdem könnte der Täter weiterhin sein Unwesen treiben.

Dem ist tatsächlich so, obwohl Kenneth Dentin sein Tötungsritual inzwischen variiert. Er  ist seit vielen Jahren fasziniert vom Töten durch Ersticken. Sein Trieb droht ihn inzwischen zu übermannen; zwischen den Morden, werden die Abstände immer kürzer.

Konnte Sherry Moore, über deren Besuch am Tatort die Medien ausführlich berichteten, den Gedanken der toten Frauen Hinweise auf seine Person entnehmen? Dem ist zwar nicht so, aber die skrupelarme FBI-Agentin Alice Springer behauptet genau das, um den Mörder aus der Reserve zu locken. Das macht Moore zum Köder, denn Dentin wird auf die blinde Ermittlerin aufmerksam, und weil die Polizei thrillertypisch bei der Überwachung schlampt, gerät Moore prompt in Lebensgefahr …

Kein frischer Wind im Killer-Thriller

Es weht ein Hauch der Verzweiflung durch das Subgenre. Längst wurde mit allem gemeuchelt & gemetzelt, was Werkzeugkästen, Arzttaschen oder Küchenschubladen hergeben. Geniale Mörder würgten & wirkten immer abgedrehter, bis sie die Grenze zur Lächerlichkeit durchbrachen. Inzwischen schnetzelten sie allein, zu zweit oder im Rudel, und sie begründen und verschlüsseln ihre Übeltaten so gründlich, dass ihnen für das eigentliche Morden kaum noch Zeit bleiben dürfte.

Ein Relaunch im Sinne eines echten Neustarts unter Tilgung des inzwischen geronnenen Kill-Klimbims ist überfällig, aber weiterhin hängen viele Autoren, die erst spät auf den Butcher-Bus aufgesprungen sind, an den alten Klischees, die sich durchaus noch toppen lassen. George Shuman ist keineswegs der erste Verfasser, dem der Einfall kam, den Thriller mit Elementen der Phantastik zu verschneiden. Er gehört zu denen, die damit ziemlich Schiffbruch erleiden.

Als ehemaliger Polizist kennt er den Arbeitsalltag der fahndenden und verurteilenden Gerechtigkeit offensichtlich gut. „Die Hand des Todes“ profitiert von diesem Insider-Wissen, über das längst nicht alle Krimi-Autoren verfügen. Das Buch unterhält vor allem dort, wo der Verfasser einschlägige Abläufe schildert. Shuman hätte gut daran getan, mit diesem Pfund stärker zu wuchern.

Phantastisch aber nicht fantasievoll

Das Übernatürliche hat im ‚realistischen‘ Kriminalroman wenig zu suchen. Das wird in „Die Hand des Todes“ sogar überdeutlich, weil Shuman mit der mysteriösen Gabe seiner Hauptfigur erstaunlich wenig anzustellen weiß. Sherry Moore kann 18 Sekunden der Erinnerung aus toten Hirnen sichten. Das postuliert der Verfasser, um diese Gabe sogleich durch diverse Hindernisse einzuschränken, die einen praktischen Nutzen beinahe ausschließen – kein Wunder, denn die Geschichte wäre zu Ende, könnte Sherry Moore den Täter zuverlässig erkennen.

Der Plot ist schon ohne übersinnliches Element simpel genug, wobei Shuman hier womöglich den Realitätsfaktor nicht einmal überstrapaziert. Allzu viele Serienkiller können ihre ‚Erfolge‘ auf zwischenbehördliche Missverständnisse und misslungene Fahndungsarbeit zurückführen. Hinzu kommen politische Intrigenspiele und ein Mediendruck, der zumindest im Thriller vor allem die negativen Charakterzüge des Menschen weckt, bedient und fördert.

Auf jeden Fall kann es seine Zeit dauern, bis ein Strolch hinter Gitter kommt. „Die Hand des Todes“ ist kein „Whodunit“, die Identität des Täters steht schon früh fest. Shuman erlegt seinem Killer Dentin nicht das Joch übermenschlicher Schläue auf (dazu unten mehr), aber er kennt die Nischen, die ihm ein anonymes und unverdächtiges Leben bieten, gut genug, um zwischen sich und der Polizei einen soliden Sicherheitsabstand zu wahren. Während er seinen mörderischen Weg weitergeht, blendet der Autor immer wieder auf seine Jäger um, bis sich die Wege von Gut und Böse schließlich schneiden. Der Weg dorthin ist konventionell, und das trifft ebenfalls auf das Finale zu.

Wie unterhaltsam ist die Dauerkrise?

Shumans Figurenzeichnung sorgt abermals für einige Verblüffung. Während es ihm beim besten Willen nicht gelingt, Sherry Moore als Identifikations- oder gar Sympathiefigur aufzubauen, ist er wesentlich erfolgreicher in der Gestaltung eines Killers, der glaubhaft psychisch krank wirkt.

Moore ist Klischee pur – selbstverständlich bildschön aber blind und somit verletzlich, was für zusätzliches Interesse sorgen soll, obwohl unsere Heldin diese Behinderung so fabelhaft ausgleicht, dass sie zum Beispiel eine erstklassige Kampfsportlerin abgibt. Darüber hinaus nervt Shuman seine Leser mit endlosen Flashbacks auf Moores chronisch unglückliches Privatleben, wobei er sich reichlich aus dem ersten Teil der Serie („18 Sekunden“, Heyne-TB Nr. 43278) bedient. Mit der überzeugenden (oder wenigstens erträglichen) Darstellung von Gefühlen hapert es bei Shuman generell. Er kann außerdem nicht verschleiern, dass Moore keine Tiefe und wenig Potenzial aufweist; irgendwie hat sie die Tendenz, aus dem Zentrum der Story zu verschwinden: kein idealer Zug für eine Hauptfigur.

Kenneth Dentin ist wie schon erwähnt kein Serienkiller, der sich über monströse Gruseltaten definiert. Wiederum zahlt sich Shumans Fachwissen aus. Dentin ist ein kranker Mann und ein Mörder, der unter seinem Trieb durchaus leidet, ohne daraus jedoch Konsequenzen zu ziehen: Stärker als die Sorge, langsam endgültig in den Wahnsinn abzugleiten, ist Dentins Furcht, lebenslänglich im Gefängnis sitzen zu müssen. Shuman gelingt das Kunststück einer Figur, deren Motive man versteht, ohne ihnen zustimmen zu müssen. Dentin ist kein Monster, sondern ein Mensch – ein Mensch freilich, vor dem man sich hüten muss!

Doppelt schade ist deshalb, dass „Die Hand des Todes“ – blöder und nichtssagender deutscher Titel übrigens – nur Thriller-Mittelmaß bietet. Dem Erfolg der Sherry-Moore-Serie tut das offenbar keinen Abbruch; Shuman setzt sie mit einem Band pro Jahr fort und kann dabei auf jenen Teil der Leserschaft setzen, die ihren Lesestoff ohne allzu viele Novitäten schätzen, sondern die sanfte Variation des Bekannten favorisieren …

[md]

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