Die Robinson-Morde

Gretelise Holm
Die Robinson-Morde
(Karin-Sommer-Serie, Bd. 2)

Originaltitel: Robinson-Mordene (Kopenhagen : Aschehoug Dansk 2003)
Übersetzung: Hanne Hammer
Deutsche Erstausgabe (geb.): Mai 2004 (List Verlag)
432 S.
ISBN-10: 3-4717-9485-9
Neuausgabe: August 2005 (Ullstein Verlag/TB Nr. 26272)
432 S.
ISBN-13: 978-3-548-26272-7
eBook: August 2014 (SAGA Egmont)
470 KB
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Das geschieht:

Die Insel Skejø vor der dänischen Küste zählt nur 600 Einwohner, wobei die permanente Flucht der Jugend durch den Zuzug pflegebedürftiger Senioren vom Festland ausgeglichen wird. Das „Seniorenservicecenter“ – von den Anwohnern hartnäckig „Altenheim“ genannt – stellt den größten Arbeitgeber dar. Leiterin Inger-Margarethe Jörgensen ist gleichzeitig Vorsitzende des einflussreichen Inselvereins, der auf Skejø das Sagen hat. Das ist praktisch, denn so kann sie mit der Drohung einer Personalreduzierung unschönen Gerüchten entgegenwirken: Zuletzt sind auffällig viele Bewohner des Centers verstorben. Zuletzt hat es den Lehrer Gustav Kwium getroffen. Stimmt es, was die Alten munkeln? Wurde Kwium wie so viele andere „vom Inselverein abgewählt“, d. h. hat man bei seinem Tod nachgeholfen? „Heute kommt die Strafe“, lautet der mysteriöse letzte Eintrag in seinem Tagebuch.

Die Journalistin Karin Sommer will auf Skejø ein Buch über historische Hexenverfolgungen schreiben. Dem rätselhaften Geschehen quasi unter ihrer Nase kann sie nicht widerstehen. Viele Seltsamkeiten gibt es zu klären. Wieso schlich Pfarrerin Anna Skov nachts in die Leichenhalle? Warum weisen die Hälse verstorbener Heimbewohner seltsame Einstichmale auf? Treiben dort Mikael „Wolf“ und Lone „Belia“, Skejøs verfemtes Satanisten-Paar, ihr Unwesen? Hat der Geisterbeschwörer „Heiler-Franz“, ein entschiedener Vertreter der Vielweiberei, die Hand im Spiel? Was verbirgt die verbitterte, medikamentensüchtige Pflegehelferin Britta Olsen? Hat sich der weichherzige Arzt Jörgen Wad als Sterbehelfer betätigt?

Kriminalinspektor Halfdan Thor und Kriminalassistent Magnus Kohlberg tappen im Dunkeln. Verdächtige gibt es viele, bald erfolgt sogar eine Verhaftung, doch es ist Karin Sommer, welche die richtige Spur verfolgt: Die alten Leute wurden nicht wahllos umgebracht …

Mord + Nord = guter Krimi?

Der Abriss der Handlung charakterisiert dieses Buch bereits ausreichend: Wir haben es hier mit einem jener „Nordlicht-Krimis“ zu tun, die hierzulande aus manchmal unerfindlichen Gründen so beliebt sind. Verbrechen finden prompt ihre deutschen Leser, spielen sie sich nur in Skandinavien ab. Ob es die Mischung aus Sozialkritik und schlechtem Wetter ist, die so anziehend wirkt? An der herausragenden Schriftstellerkunst der dänischen, schwedischen, norwegischen, finnischen Autoren kann es eigentlich nicht liegen; gute Krimis wurden und werden auch anderswo – sogar in Deutschland – geschrieben. Doch der Prophet gilt wenig im eigenen Land, das angelsächsische Krimi-Kernland ist zu unübersichtlich, deshalb lockt der Zauber des kleinen, feinen Nordens.

Dieser Bonus ist wichtig, möchte man das vorliegende Buch beurteilen. Man kann dies betont subjektiv oder objektiv tun. Ist das nicht immer so? Schon, doch selten klafft die Lücke deutlicher. Faktisch ist „Die Robinson-Morde“ schlicht und ergreifend ein gut geschriebener, lesbarer, unterhaltsamer Krimi mit vorsichtig versuchtem Tiefgang und sacht belehrender Moral.

Kriminalistisch kocht die Verfasserin auf Sparflamme. Stattdessen lässt sie die Zeitbombe der gesellschaftlichen Vergreisung ticken. Ansonsten geht es um den skurrilen Mikrokosmos der Insel Skejø. Ein wenig aufdringlich wirkt die forcierte Parallelstellung historischer Hexenjagden mit den Phänomenen moderner sozialer Ausgrenzung; hier gibt es zweifellos gemeinsame Wurzeln, aber es ist nicht zulässig, das eine mit dem anderen quasi gleichzusetzen. Um der Story willen kann dieser Kritikpunkt indes relativiert werden.

Kleine Insel für Menschen mit großen Macken

Hier wird nicht die Welt gerettet, es stehen keine rasanten Verfolgungsjagden oder Schusswechsel an. Ein Hau-drauf-und-Schluss-Held ist folglich als Hauptfigur nicht erforderlich, es genügt ein „normaler“ Mensch; die schwierigste schriftstellerische Herausforderung also. Holm hat sie gemeistert. Selten findet man eine glaubwürdige Figur wie Karin Sommer. Sie ist nicht mehr die Jüngste und beschäftigt sich mit den Problemen ihrer mittleren Jahre, ohne dass dies allzu oft zu schmalziger Breite ausgewalzt würde.

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Skejø ist ansonsten ein Reservat für allerlei merkwürdige Zeitgenossen. Der „Landhauskrimi“ – und zu diesem Genre ist dieses Buch trotz seiner nicht-englischen Herkunft zu zählen – lebt von schrulligen Gestalten, was die gemächliche Handlung auszugleichen pflegt. Wiederum beherrscht Holm ihr Handwerk besser als die meisten ihrer Kolleg(inn)en. Skejøs kauzige Bewohner werden mit trockenem, nie aufdringlichem Humor in Szene gesetzt, wofür die Einführung des Satanisten-Pärchens ein schönes Beispiel ist: „Mikael mit dem satanischen Namen ‚Wolf‘ baute gerade das alte Hühnerhaus im Hintergarten der Galerie zu einem Tempel für Luzifer um, während seine Freundin Lone mit dem satanischen Namen ‚Belia‘ ihm von einem Gartenstuhl aus, auf dem sie saß und der vier Monate alten Lucy die Brust gab, verliebt ansah“. (S. 55)

Darüber hinaus treffen wir eine Gottesfrau mit vampirischen Neigungen, einen frauenmagnetischen Quacksalber, einen Grab schändenden Irren, einen nach Internetpornos süchtigen Hauptermittler und einen heiratssüchtigen Inselarzt – kein Wunder, dass der Seniorenmeuchler so lange unentdeckt bleiben kann! Leider wird er final doch entdeckt und muss seine Übeltaten erklären, was den positiven Eindruck, den dieser Roman hinterlässt, deutlich relativiert. Dass die Reihe um Karin Sommer hierzulande nach dem dritten Band abgebrochen wurde, mag ein Indiz dafür sein, dass selbst das deutsche Skandi-Krimi-Publikum nicht recht warm mit Gretelise Holm wurde.

Autorin

Gretelise Holm, geboren am 22. März 1946 im dänischen Tønder, war sowohl viele Jahre als Journalistin als auch als Dozentin an einer Hochschule für Journalistik tätig. Außerdem wandelte sie auf Henning Mankells Spuren und verbrachte fünf Jahre im afrikanischen Simbabwe, wo ihr Ehemann als Arzt arbeitete.

Als Schriftstellerin, die ca. zwei Dutzend Fach- und Lehrbücher sowie Romane für Kinder und Jugendliche verfasste, begann Holm relativ spät mit dem Verfassen von Thrillern. „Mercedes Benz Sydromet“ war 2000 ihr Debüt, für das sie von der dänischen Kriminalakademie sogleich mit dem Preis für den besten Erstlingskrimi ausgezeichnet wurde.

Copyright © 2017 by Michael Drewniok (md)

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