Die Saat des Zweifels

Graham Hurley
Die Saat des Zweifels
(Joe-Faraday-Serie, Bd. 1)

Originaltitel: Turnstone (London : Orion Books 2000)
Übersetzung: Marion Sohns
Deutsche Erstausgabe: April 2008 (Bastei-Lübbe-Verlag/Allgemeine Reihe 15843)
382 S.
ISBN-13: 978-3-404-15843-0

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Das geschieht:

Großer Druck lastet auf der Kriminalpolizei der südenglischen Hafenstadt Portsmouth. Ohnehin unterbesetzt und überlastet, wird die Behörde von den Medien und örtlichen Geschäftsprominenz unter Beschuss genommen, die eine zu geringe Polizeipräsenz und vor allem zu wenige Festnahmen monieren. Gerade ist eine groß angelegte Drogenrazzia gegen einen örtlichen Gangsterboss spektakulär misslungen, was die Lage noch verschärft.

Superintendant Neville Bevan ist deshalb keineswegs erfreut, als sich Detective Inspector James Faraday darauf versteift, den Fall des angeblich verschwundenen Stewart Maloney zu übernehmen. Dieser wurde von seiner achtjährigen Tochter Emma als vermisst gemeldet. Eigentlich hätte ihr Vater an der großen Fastnet-Regatta teilnehmen sollen. Etwa 300 Yachten stechen von Portsmouth aus in See. Maloney hätte an Bord der „Marenka“ sein sollen, war aber kurz vor dem Auslaufen verunglückt. Nach einem letzten Besuch auf dieser Yacht wurde er nicht mehr gesehen.

Die „Marenka“ gerät in einen Sturm und sinkt, wobei drei Männer den Tod finden. Skipper Charlie Oomes, ein krankhafter ehrgeiziger Gewinner-Typ, verbirgt nach Faradays Meinung, was wirklich geschehen ist. Der Polizist ist fest davon überzeugt, dass Oomes Maloney umgebracht, seine Leiche auf hoher See entsorgt und seine Spuren verwischt hat. Zusammen mit seiner Kollegin Cathy Lamb sichtet er die wenigen Indizien – ein Wettlauf gegen die Zeit, denn Bevan will die Akte schließen.

Als die beiden Polizisten in eine Sackgasse geraten, bleibt ihnen kein Ausweg: Sie ziehen Detective Constable Paul Winter hinzu, einen berüchtigten Querkopf, der für außerordentlich unkonventionelle Ermittlungsmethoden bekannt ist. Die Zeit läuft, denn Oomes arbeitet hinter den Kulissen womöglich an der Beseitigung letzter Beweise …

Ermitteln und kritisieren

Kriminalromanen aus England hängt der Ruf einer gewissen Bodenständigkeit an. Zwar ist die Krimi-Szene der Insel zu vielfältig, um sie mit dieser Aussage zu erfassen, doch spricht hier vor allem das breite Publikum, das sich für maßvoll spannende aber ‚realistische‘ Thriller mit psychologischer Tiefe begeistert und diese fast so auflagenstark wie die Seifenoper-Krimis à la Elizabeth George aus deutschen Buchkettenläden schleppt.

Auch „Die Saat des Zweifels“ ruht literarisch auf einem Fundament, das fast so stabil wie die Grundmauern des Towers zu London wirkt: Akribisch beschriebene Polizeiarbeit wird kombiniert mit der Kulisse einer modernen Gesellschaft, die in der globalisierten Realität aus den Fugen gerät. Die Schwachen werden immer weiter ins soziale Abseits geschoben, während die ‚neuen Reichen‘ sich ohne Gewissensbisse bereichern. Die Polizei steckt zwischen Hammer und Amboss und soll mit traditioneller Gründlichkeit einen Job leisten, der mit den zur Verfügung stehenden Mitteln nur noch improvisiert werden kann. Während der Verwaltungsapparat immer mächtiger und restriktiver herrscht, bleibt die Polizeiarbeit an der ‚Front‘ auf der Strecke.

Gesellschaftskritik übt Autor Hurley pflichtbewusst an weiteren üblichen Verdächtigen: manipulative Medien, rückgratlose Karrieristen in hohen politischen Ämtern, schleimige Juristen, die das Recht beugen, um gut betuchte Schwerverbrecher vor gerechter Strafe zu bewahren.

Anti-Held mit Prinzipien

Wie es sich für einen Krimi mit Klasse gehört, artet diese Kritik nicht in offenen Anklagen und Gutmenschen-Gejammer aus, sondern wird in die Handlung integriert. Diese erschöpft sich auch nicht in der Schilderung alltäglich gewordenen Unrechts. Es gibt eine ‚richtige‘ Kriminalgeschichte, die sich mit jenen grundsätzlichen Motiven beschäftigt, die den bisher unbescholtenen Menschen zum Verbrecher wider Willen werden lassen: Liebe wird zu Hass, der eine Bluttat gebiert; das Wissen darum vergiftet erst den oder die Täter, bevor es sich ausbreitet und Familienangehörige, Freunde und weitere unschuldige Menschen in Mitleidenschaft zieht.

Das zu verfolgen ist immer spannend. Graham Hurley versteht außerdem sein schriftstellerisches Handwerk, sodass es eine Freude ist seiner Geschichte zu folgen, auch wenn diese bar jeder Originalität ist, um es offen auszusprechen. „Die Saat des Zweifels“ ist aus Modulen des Genres sauber zusammengesteckt. Ecken und Winkel, die der Story ihr eigenes Gesicht geben könnten, wurden sorgfältig abgeschliffen. Damit entstand ein Krimi, der es fast allen Lesern recht machen wird. Man kann ihn verschenken und wird mit ziemlicher Sicherheit nichts falsch damit machen – ein Urteil, das nicht einmal abwertend gemeint ist. „Die Saat des Zweifels“ bietet Sicherheit: die Sicherheit nämlich, für sein Geld unterhalten zu werden. Verblüffung oder Erregung sind im Preis dagegen nicht inbegriffen.

Diese solide Gelassenheit setzt sich in der Figurenzeichnung fort. James Faraday ist ganz sicher keine profilstarke Persönlichkeit, obwohl ihn Hurley gleich mit mehreren Handicaps ausstattet: Faraday ist Witwer, der noch immer um seine perfekte Gattin trauert; der gemeinsame Sohn ist taubstumm und will den einsamen Vater gerade ‚verlassen‘; im Dienst sieht sich Faraday als letzter Polizist mit Prinzipien, während seine Kollegen dem Druck schon nachgegeben haben.

Gegen die Strömung = unterhaltsam

Ebenso farblos wie ihr Vorgesetzter wirkt Cathy Lamb, die als Figur zwischen unterhaltsamer Polizeiarbeit und einer öden Ehekrise pendelt. Es menschelt ein wenig zu arg, was auf Dauer schwer erträglich wäre, gäbe es da nicht Paul Winter, der für willkommene Ablenkung sorgt. Winter ist Polizist und lebt gleichzeitig quer zum System, worin er es zu einer wahren Meisterschaft gebracht hat. Er kämpft auf seine Weise gegen das Verbrechen und gegen die Bevormundung von oben, macht sich die Methoden des kriminellen Gegners zu Eigen und lässt lästige Befehlsgeber geschickt auflaufen.

Faraday gehört zu ihnen und ist deshalb nicht Winters Freund. Seine Pfadfinder-Mentalität zwingt ihn dazu, mögliche Vorschriftsabweichungen nachzuweisen und zu ahnden. Winter ist freilich in seinem Spiel der König. Krisen hat er noch immer zu seinen Gunsten ausgeritten. Denken und zweckgemäß handeln statt Grübeln und Klagen, das ist Winters Devise. Seinen Eskapaden folgt man deshalb als Leser gern – wenn Winters auftritt, geschieht endlich Unerwartetes.

In England wurde die Faraday-Serie quasi zu einer Institution und vom Verfasser kontinuierlich fortgesetzt. In Deutschland fand sie dagegen nicht genug Leser und wurde nach dem dritten Band abgebrochen.

Autor

Geboren 1946 im englischen Clacton-on-Sea (Grafschaft Essex), besuchte Graham Hurley eine Internatsschule in London und studierte anschließend in Cambridge. Unter dem Eindruck des israelisch-ägyptischen Sechstagekriegs von 1967 wurde Hurley Soldat. Drei Jahre später kehrte er ins Zivilleben zurück. Ein erster Versuch, als Schriftsteller seinen Lebensunterhalt zu verdienen, scheiterte.

Hurley ging zum Fernsehen und schrieb Scripts für „Southern Television“. Er arbeitete außerdem als Rechercheur und wurde schließlich Regisseur für Dokumentarsendungen – eine Tätigkeit, die er zwei Jahrzehnte ausübte, bevor er doch als Schriftsteller Fuß fassen konnte.

In den 1990er Jahren schrieb Hurley eine Reihe von „Stand-Alone“-Thrillern, bevor er 2000 mit „Turnstone“ (dt. „Saat des Zweifels“) die sehr erfolgreiche Serie um das ungleiche Polizisten-Duo Joe Faraday und Paul Winter startete, die er bis 2012 fortsetzte und die es auf zwölf Bände brachte.

Graham Hurley lebt mit seiner Familie im südenglischen Portsmouth, wo die genannte Serie auch spielt. Über sein Werk informiert er auf dieser Website.

Copyright © 2017 by Michael Drewniok (md)

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