Die sonderbare Karriere der Frau Choi

Birgit Vanderbeke
Die sonderbare Karriere der Frau Choi

Piper Verlag, München, 08/2014
(Erstausgabe: Fischer Verlag, Frankfurt/Main, 2007)
TB, Krimi
ISBN 978-3-492-30448-1
Titelgestaltung von Kornelia Rumberg unter Verwendung eines
Motivs von plainpicture/Frauke Schumann

www.piper.de
www.rumbergdesign.de

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Plötzlich wird alles anders in dem abgelegenen, südfranzösischen Nest M**: Yimin Choi, eine Koreanerin, zieht mit ihrem Sohn Piet in den Ort und eröffnet das ‚Bapguagup‘, ein Lokal, das asiatische Spezialitäten anbietet, deren Zutaten von den benachbarten Bauern und aus dem hauseigenen Garten stammen. Obwohl man ihr anfangs voller Skepsis begegnet, hat sie bald viele Freundinnen unter den Frauen von M**, und jeder kehrt gern bei ihr ein. Das hat auch damit zu tun, dass Frau Choi interessante Pläne verfolgt, an denen sie das Dorf teilhaben lässt, und jeder begreift schnell, dass er daraus seinen Nutzen ziehen kann. Wer ihr hingegen Steine in den Weg legen will oder jemandem das Leben zur Hölle macht, der sich daraufhin Rat suchend an sie wendet, nun … Die Todesfälle, die sich in M** ereignen, scheinen ausnahmslos natürliche Ursachen zu haben und kümmern niemanden sonderlich.

„Die sonderbare Karriere der Frau Choi“ fällt zwar in die Rubrik des Krimis, ist aber eigentlich eine Parabel. Dreh- und Angelpunkt ist die Titelfigur Frau Choi, die sich in dem namenlosen Dorf – es könnte jeder beliebige Ort sein – etwas aufbaut, an ihrem Erfolg die Alteingesessenen beteiligt und dadurch Veränderungen einleitet, die sich für alle auszahlen. Es bleibt dem Leser überlassen, die Geschehnisse, die diese Entwicklung stören könnten und sehr schnell beseitigt werden, mit Frau Choi in Verbindung zu bringen und in ihr eine skrupellose, gerissene Mörderin zu sehen. In dieser Hinsicht bleibt die Autorin bewusst vage, denn die Todesfälle sind nicht das Kernthema, sondern die Folgen des Wandels für das Dorf und seine Bewohner.

Was sich in M** im Kleinen abspielt, geschieht tagtäglich im Großen. Die Vertreter von Politik und Wirtschaft wollen ihre Ziele realisieren, für sich persönlich und vorgeblich zum Wohle des Volkes. Selbst wenn es Gegner gibt, werden die meisten Pläne durchgesetzt, legal und illegal. Der Erfolg gibt den Agitatoren Recht. Anschließend stellt keiner mehr unbequeme Fragen, denn ohne Beweise wären Anschuldigungen für die Skeptiker nur nachteilig, und wer ohnehin ein Stück vom Erfolg abbekommt, ist zufrieden und schweigt. Diejenigen, die gegen das Gesetz verstoßen haben, kommen davon, teils weil sich niemand für das Vergehen interessiert oder alle mit drin stecken, teils weil die Spuren verwischt werden und die Angelegenheit verjährt.

Diese Machenschaften erhalten im vorliegenden Buch ein spießbürgerliches Mäntelchen. Die Autorin beschreibt um die tiefergehenden Vorgänge herum die typischen Repräsentanten eines verschlafenen Nestes und nimmt ihre persönlichen Dramen und Verhaltensweisen auf die Schippe. Insofern fährt das Buch zweigleisig, denn die Eigenbrödler, die Nassauer und die diversen Aktionisten, die sofort zur Stelle sind, wenn es eine Gelegenheit für eine Demonstration gibt, bekommen vordergründig  ihr Fett weg.

Das alles wird sehr ruhig und ohne die Inszenierung von spannenden Höhepunkten in einfacher Sprache und doch voller zunächst nebensächlich erscheinender Details vorgetragen. Die Sätze sind lang, fast schon Aufzählungen von Handlungs- und Geschehnisabläufen. Bestimmte Formulierungen werden regelmäßig wiederholt, obwohl dem Leser diese Dinge nicht entfallen sind, beispielsweise „… sie glauben zwar nicht mehr an Werwölfe und Weiße Frauen …“, „… bis weit über die Grenzen bekannt …“, „… aus Gwangju …“. Überhaupt wird die Wiederholung ständig als stilistisches Element verwendet, um die Langsamkeit der Veränderungen auszudrücken, das Tempo dementsprechend aus der Handlung zu nehmen und den Roman so klingen zu lassen, als würde er dem Leser erzählt, der gelegentlich auch angesprochen wird. Daraus ergibt sich eine ganz eigenartige, distanzierte Atmosphäre, wodurch sich das Buch vom Krimi-Genre immer weiter entfernt.

Alles in allem ein interessanter Titel, den man nach der Lektüre wirklich nicht mit den üblichen Krimis in einen Topf werden möchte. Wie schon „Das Muschelessen“ von Birgit Vanderbeke ist auch „Die sonderbare Karriere der Frau Choi“ geeignet, als Deutschlektüre den Schülern ab etwa der 9. Klasse das Leben schwerzumachen …

Copyright © 2014 by Irene Salzmann (IS)

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