Die Tore der Finsternis

Ian Rankin
Die Tore der Finsternis

(John-Rebus-Serie, Bd. 13)

Originaltitel: Resurrection Man (London : Orion 2001)
Übersetzung: Claus Varrelmann u. Annette von der Weppen
Deutsche Erstausgabe (geb.): 2003 (Manhattan im Goldmann Verlag)
542 S.
ISBN-10: 3-442-54549-8
Neuausgabe: Januar 2005 (Goldmann Verlag/TB Nr. 45833)
542 S.
ISBN-13: 978-3-442-45833-2
eBook: März 2006 (Goldmann Verlag)
755 KB
ISBN-13: 978-3-641-03827-4

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Das geschieht:

Inspektor John Rebus vom Polizeirevier St. Leonard’s in der schottischen Großstadt Edinburgh hat er es zu bunt getrieben: In einem Anfall von Verdruss hat er vor versammelter Kollegenschar Detective Chief Superintendant Gill Templer, seiner Vorgesetzten, eine Tasse Tee an den Kopf geworfen. Dafür verdonnert man ihn zu einer Therapie. Zusammen mit einer Reihe ähnlich auffällig gewordener Kollegen muss Rebus nach Tulliallan ins Scottish Police College einrücken, um sich vom knorrigen Detective Chief Inspector Tennant wieder auf Vordermann bringen zu lassen. Das rettet ihn vor langweiligen Routineermittlungen im Mordfall Edward Marber, einem Kunsthändler aus Edinburgh, bringt ihn aber in neue Schwierigkeiten, als Tennant zwecks Übung seine Schützlinge auf einen ungeklärten Alt-Mord aus dem Jahre 1995 ansetzt. Damals war der kleine Gauner Eric Lomax erschlagen worden.

Die gelangweilten Polizisten in Tulliallan ergreifen dankbar die Chance, sich zu betätigen. Das passt Rebus gar nicht in den Kram, denn er weiß über das Ende von Lomax mehr als die Kollegen. Nun muss er versuchen, die Kollegen unauffällig abzulenken. Schlimmer noch: Er gefährdet seinen eigentlichen Auftrag, denn Rebus hat seine Attacke auf Templer nur gespielt. Chief Constable Sir David Strathern, der Polizeipräsident, hat ihn in Tulliallan eingeschleust. Einige der Männer, mit denen er dort lernen muss, gelten als korrupt und sollen entlarvt werden – ein gefährliches Spiel, denn Rebus hat es nicht mit Anfängern zu tun.

Unterdessen muss in St. Leonard‘s Detective Sergeant Siobham Clarke ohne Rebus die Untersuchungen im Fall Marber fortsetzen. Ihr zur Seite steht nur ein Neuling, Detective Constable David Hynds. In den Mord verwickelt ist offenbar Morris Gerald Cafferty, genannt „Big Ger“, der mächtigste Gangsterboss von Edinburgh. Seit vielen Jahren versucht ihn die Polizei vergeblich aus dem Verkehr zu ziehen. Nur einer hatte wenigstens ansatzweise Erfolg: John Rebus. Cafferty kennt und schätzt ihn widerwillig. Clarke und Hinds genießen diese Narrenfreiheit nicht, was Aufregung in ihren Arbeitsalltag bringen wird …

Rebus allein gegen alle

Wieder einmal werfen das Leben und John Rebus der Polizei von Edinburgh Knüppel zwischen die Beine. Während er normalerweise unter den Ersten ist, die dabei ins Stolpern geraten, gehört der eigenwillige Inspektor dieses Mal nur scheinbar zu den Verlierern des Spiels um Karriere und Pension. Statttdessen nimmt er an einem anderen Spiel teil: einem doppelten.

Die Arbeit undercover gehört zu den gefährlichsten Tätigkeiten eines Polizisten. Um sich genau dort einzuschleichen, wo man am wenigstens willkommen ist, bedarf es eiserner Nerven und eines guten Motivs. Rebus jagt ganz besonders misstrauisches Wild: korrupte Kollegen, die sehr genau wissen, was sie erwartet, wenn sie überführt werden. Deshalb kann keine Gnade erwarten, der von ihnen erwischt wird.

Aber geht es überhaupt darum, einige faule Äpfel aus dem Polizeikorb zu sortieren? Rankin beginnt einen reizvollen Handlungsstrang, der sich um die Möglichkeit rankt, dass Rebus nur Mittel zum Zweck ist und – da als Quertreiber entbehrlich – entweder geopfert werden soll oder sogar das eigentliche Ziel einer ausgefeilten Intrige ist.

Rebus kämpft also an zwei Fronten gleichzeitig. Was seine Gegner wohl niemals lernen werden: Das ist er gewohnt, das braucht er, um zur Höchstform aufzulaufen. Er findet darüber hinaus die Energie, sich in eine andere Ermittlung einzumischen. Der Kampf gegen „Big Ger“ Cafferty tobt seit vielen Serienbänden. Er hat den Charakter einer privaten Fehde angenommen. Besonders pikant ist dabei die Tatsache, dass sich die Kontrahenten längst persönlich näher gekommen sind: Zwischen alten Feinden und Freunden ist der Unterschied oft gar nicht sehr groß.

Ermittlung als Therapie

Es steckt noch Leben in unserem John Rebus. Dabei sieht es erst gar nicht gut aus. Die Entlassung steht womöglich dieses Mal wirklich bevor, dazu nimmt der Alkoholkonsum nach Feierabend alarmierende Ausmaße an und führt zu echten Ausfällen. Das ist der wahre Grund für Rebus, sich auf das schmutzige Spielchen seines Polizeipräsidenten einzulassen. Er benötigt eine echte Herausforderung, denn sobald er seinen unruhigen Geist darauf richten kann, stellt er privat weniger Dummheiten an.

In Tulliallan trifft er auf eine erlesene Auswahl ähnlich abgebrühter und/oder ausgebrannter Kollegen. In ganz Schottland gibt es also Männer wie Rebus, die sich nur bedingt in die Dienstordnung integrieren lassen. Ihr Aufeinandertreffen schildert Rankin als Feuerwerk unkonventioneller – und möglicherweise gefährlicher – Geister.

Derweil muss Siobhan Clarke dieses Mal ohne Rebus auf die Pirsch gehen. Rankin stellt ihr einen Neuen zur Seite. David Hinds passt sich gut in das Team ein und weiß sich gegen die älteren Kollegen zu wehren, die gern unangenehme Arbeit auf Jüngere abwälzen oder üble Scherze auf ihre Kosten reißen.

Siobhan Clarke hat in den letzten Bänden an Profil gewonnen. Man fragt sich unwillkürlich, ob sie dereinst Rebus à la Wallanders Tochter beerben wird, wenn dieser in Pension geht. Clarke stellt zu ihrem eigenen Missvergnügen fest, dass sie ihrem Chef ständig ähnlicher wird Allerdings bringt sie das als Ermittlerin durchaus voran.

Ihre Stelle als Frischling im Team St. Leonard‘s übernimmt David Hynds. Dies ist eine Figur, die Rankin gut gelungen ist, denn der junge Constable ist kein Grünschnabel, der sich auf der Nase herumtanzen lässt. Wir werden Hynds sicherlich in neuen Rebus-Abenteuern wiedersehen.

Kontinuität im Guten wie im Bösen

Schleimig und scheinbar unangreifbar wie immer sitzt „Big Ger“ Cafferty als alter Fuchs in seinem Bau und will sich nicht ausräuchern lassen. Stattdessen hilft er Rebus, wenn dieser wieder einmal der Gerechtigkeit per Abkürzung zum Recht verhelfen will, und stärkt dadurch das unheilige Band zwischen den beiden alten Feinden, die tatsächlich längst Freunde geworden sind – eine nach vielen Bänden immer noch faszinierende Konstellation, der Rankin weiterhin neue Züge hinzufügen kann.

„Die Tore der Finsternis“ unterhält den Krimifreund wie gewohnt auf hohem Niveau. Das oft durchaus tragische Geschehen wird immer wieder durch trockenen Humor aufgelockert (der die Übersetzung erfreulich gut überstanden hat). Schon längst ist der Leser heimisch geworden im Revier St. Leonard‘s.

Rankin versäumt es nie, uns über das Tun und Treiben lieb gewordener oder verhasster Figuren zu informieren. Schottland ist eine kleine Welt. Nicht nur die Gangster, sondern auch die Gesetzeshüter laufen einander immer wieder über den Weg. Abnutzungserscheinungen lassen sich in diesem 13. Band der John-Rebus-Reihe nicht entdecken. Es wird weitergehen, und das ist gut so.

Autor

Ian Rankin wurde 1960 in Cardenden, einer Arbeitersiedlung im Kohlerevier der schottischen Lowlands, geboren. In Edinburgh studierte er ab 1983 Englisch. Schon früh begann er zu schreiben. Nach zahlreichen Kurzgeschichten versuchte er sich an einem Roman, fand aber keinen Verleger. Erst der Bildungsroman „The Flood“ erschien 1986 in einem studentischen Kleinverlag.

Noch im selben Jahr ging Rankin nach London, wo er u. a. als Redakteur für ein Musik-Magazin arbeitete. Nebenher veröffentlicht er den Kolportage-Thriller „Westwind“ (1988) sowie den Spionage-Roman „Watchman“ (1990, dt. „Der diskrete Mr. Flint“). Unter dem Pseudonym „Jack Harvey“ verfasste Rankin in rascher Folge drei Action-Thriller. 1991 griff er eine Figur auf, die er vier Jahre zuvor im Thriller „Knots & Crosses“ (1987; dt. „Verborgene Muster“) zum ersten Mal hatte auftreten lassen: Detective Sergeant (später Inspector) John Rebus. Mit diesem gelang Rankin eine Figur, die im Gedächtnis seiner Leser haftete. Die Rebus-Romane ab „Hide & Seek“ (1991; dt. „Das zweite Zeichen“) spiegeln das moderne Leben (in) der schottischen Hauptstadt Edinburgh wider. Rankin spürt den dunklen Seiten nach, die den Steuerzahlern von der traulich versippten Führungsspitze aus Politik, Wirtschaft und Medien gern vorenthalten werden. Daneben lotet Rankin die Abgründe der menschlichen Psyche aus. Nachdem er Rebus 2007 in den Ruhestand geschickt hatte, begann Rankin 2009 eine neue Serie um den Polizisten Malcolm Fox, kehrte aber bereits 2012 zu seiner Erfolgsfigur zurück.

Ian Rankins Rebus-Romane kamen ab 1990 in Großbritannien, aber auch in den USA stets auf die Bestsellerlisten. Die renommierte „Crime Writers‘ Association of Great Britain“ zeichnete ihn zweimal mit dem „Short Story Dagger“ (1994 und 1996) sowie 1997 mit dem „Macallan Gold Dagger Award“ aus. 2004 wurde Rankin für „Resurrection Man“ (dt. „Die Tore der Finsternis“) mit einem „Edgar Award“, 2007 „The Naming of the Dead“ (dt. „Im Namen der Toten“) als „BCA Crime Thriller of the Year“ ausgezeichnet. Rankin gewann weiter an Popularität, als die britische BBC 2000 mit der Verfilmung der Rebus-Romane begann.

Ian Rankins Website ist höchst empfehlenswert; über die bloße Auflistung seiner Werke verwöhnt sie u. a. mit einem virtuellen Gang durch das Edinburgh des John Rebus.

Copyright © 2014/2017 by Michael Drewniok (md)

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