Ein kerngesunder Tod

Kim Småge
Ein kerngesunder Tod
(Anne-kin-Halvorsen-Serie, Bd. 3)

Originaltitel: En kjernesunn død (Kopenhagen : H. Aschehough & Co/W. Nygaard 1995)
Übersetzung: Gabriele Haefs
Deutsche Erstausgabe: 1999 (Scherz Verlag/Krimi 1720)
319 S.
ISBN-10: 3-502-51720-7
Neuausgabe: Juni 2015 (Fischer Verlag/TB-Nr. 30344)
319 S.
ISBN-13: 978-3-596-30344-1
eBook: Juni 2015 (Fischer Verlag/Fischer DIGITAL)
1327 KB
ISBN-13: 978-3-105-60346-8

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Das geschieht:

Als Anne-kin Halvorsen, Kommissarin bei der Polizei-Hauptwache im norwegischen Trondheim, ins Wasserbecken der städtischen Bade- und Schwimmanstalt springen will, findet sie dort die gerade 15 Jahre alt gewordene Leistungsschwimmerin Gry Berg tot vor. Der Schock wirft Halvorsen aus dem Gleichgewicht, weshalb ihr Vorgesetzter sie zur Erholung für ein verlängertes Wochenende in einem Wintersportort an der schwedisch-norwegischen Grenze schickt. Aber auch dort herrscht große Aufregung, nachdem gerade ein prominenter Ski-Langläufer nach einem grandiosen Wettlauf auf der Zielgeraden tot zusammenbrach.

Noch entdeckt niemand die Verbindung zwischen den beiden Vorfällen. Zurück im Dienst wird Halvorsen mit den Ermittlungen im Fall Gry Berg betraut. In Trondheim werden in großem Stil Anabolika und andere illegale Muskelpräparate verkauft. Trainerin Line Stølen streitet ab, ihre Schützlinge auch chemisch zur Höchstleistung anzuspornen. Generell läuft die Polizei gegen eine Wand des Schweigens. Moderner Sport ist kein Wettkampf mehr, sondern ein Medienereignis, bei dem viel Geld auf dem Spiel steht. Nur Gewinner ergattern ein Stück dieses Kuchens. Daher ist die Versuchung groß, dem Glück auf die Sprünge zu helfen.

Inzwischen entdeckte Halvorsen ein merkwürdiges Andenken an ihr Wintersport-Wochenende: Im Gepäck liegt eine Kassette, bespielt mit einer raffinierten, geradezu hypnotischen „Du-musst-siegen!“-Lektion: „Audio-Doping“ ist den bestehenden Gesetzen völlig enthoben und daher doppelt gefährlich. Die Kassetten sind in Sportlerkreisen der letzte Schrei. Eine Kopie wird auch bei Line Stølen gefunden, die damit Gry Berg in einen Trainingsrausch getrieben hat, der diese in den Kollaps trieb.

„Audio-Doping“ lässt sich nicht nachweisen, die Trainerin bleibt unbehelligt. Die Beamten der Mordkommission dringen erzürnt tief in die verdrehte Welt des modernen Leistungssportes ein, wo sie einer regelrechten Mafia auf die Spur kommen; einer Mafia, die auf das Stillschweigen der Beteiligten rechnen kann, solange die Zahl der strahlenden Sieger die der Doping-Toten überschreitet …

Durch die Ohren direkt ins Blut?

Noch immer strahlen die Nordlichter hell hinab in die polarferneren Gefilde Kontinental-Europas. Wenn wir Henning Mankell selig für sonst nichts danken könnten, dann auf jeden Fall für seine Rolle als Fackelträger einer Krimi-Szene, die trotz der winterkalten hohen Breitengrade höchst lebendig ist und Exotik und willkommene Abwechslung selbst in ein so abgegriffenes Genre wie den Kriminalroman zurückbringt. Im Gefolge Kommissar Wallanders sprengt seit Jahren eine stetig wachsende Schar mit Robbenspeck und Aquavit großgezogener Autoren das Korsett ihrer skandinavischen Heimat und stellt sich mit großem Erfolg ihren südlichen Nachbarn vor.

Natürlich stellte sich dabei rasch heraus, dass auch im Norden die schreibenden Talente nicht wie die Lemminge von den Eisbergen purzeln. Kim Småge gehörte aber zu den erfreulichen Entdeckungen. Natürlich hat sie den Kriminalroman – und hier das „police procedural“ – nicht neu erfunden, aber sie variiert die bekannten Motive und Charaktere, die zudem von der noch frischen Kulisse Trondheim profitieren, einfallsreich genug, um ihr Publikum zu fesseln.

Daher verzeiht man ihr auch den skurrilen Einfall vom Hightech-Doping, das durch die Ohren geht; ein Konzept, das man der Verfasserin beim besten Willen und trotz des Aufwandes, mit dem sie uns überzeugen möchte, nicht abnimmt. Der Plot als solcher rankt sich glücklicherweise um das Phänomen des Dopings im modernen Leistungssport an sich, das längst nicht mehr nur primär zwielichtige Chemiker beschäftigt. Hier hat Småge ordentlich recherchiert und übertreibt es höchstens ein bisschen mit ihrem Eifer, Kommissarin Halvorsen plötzlich auf Schritt und Tritt mit anabolikagestopften Gantern und Gänsen zu konfrontieren.

Alles bleibt (so mies) wie zuvor

Der große Triumph der Polizei erweist sich als Pyrrhus-Sieg. Zwar werden die festgenommenen Schuldigen ihrer gerechten Strafe zugeführt, doch an ihre Stelle treten umgehend andere mit noch raffinierteren Methoden, den menschlichen Körper zu manipulieren. Der Dopingtod gilt den Gladiatoren des 21. Jahrhunderts, der Sport-Industrie und letztlich auch den Zuschauern als Berufsrisiko, und bestraft werden nur jene, die so dumm sind, sich erwischen zu lassen, so Anne-kin Halvorsens (und Kim Småges) bitteres Resümee.

Viel Raum wird ansonsten den privaten Problemen der Heldin gewidmet, die wie im skandinavischen und somit gesellschaftskritischen Thriller üblich das Leid der ganzen Welt auf ihren schmalen Schultern zu tragen scheint. Vater zwangsverrentet, da Norwegen in wirtschaftlicher Rezession; freundlicher Nachbar von der Ausländer-Polizei gejagt; beste Freundin Freizeit-Nutte; Polizei-Kollegen aufgrund ständiger Einsparungen überlastet; kleiner Bruder Nachwuchs-Säufer und Pillenfreak; Lebensgefährte unsicherer Ehe-Kandidat mit Peter-Pan-Komplex – Nackenschläge für die arme Kommissarin lassen nie lange auf sich warten, doch „Ein kerngesunder Tod“ entstand noch in einer glücklicheren Vergangenheit, als Kriminalromane nicht zwangsläufig durch zwischenmenschliche Exkurse auf Felsbrockenformat gepimpt wurden.

Autorin

Kim Småge wurde am 23. Juni 1945 als Anne Karin Thorhus in Trondheim (Norwegen) geboren. Sie studierte an der Fischereitechnischen Hochschule ihrer Heimatstadt und arbeitete zunächst als Lehrerin und Journalistin, bevor sie sich als weltweit erste Ausbilderin für sporttauchende Unterwasser-Jäger etablierte. Die exotische Welt unter Wasser bildete denn auch die Kulisse für Småges viel beachtetes Romandebüt „Nattdykk“ (1983; dt. „Nachttauchen“), das von der Kritik wegen seiner literarischen Brillanz geschätzt, vom Publikum begeistert angenommen und mit dem Riverton-Preis für den besten norwegischen Kriminalroman des Jahres ausgezeichnet wurde.

Bereits 1992 konnte Småge, die neben ihren Krimis auch ‚normale‘ Literatur schreibt, für ihr schriftstellerisches Werk den renommierten Språklig-Samlings-Preis entgegennehmen. In diesem Jahr erschien außerdem der erste Roman einer Serie um die Kriminalkommissarin Anne-kin Halvorsen aus Trondheim, dem die Autorin bis 2004 fünf weitere Bände folgen ließ. Es folgte eine zwölfjährige Schaffenspause, in der Småge mit schweren Gesundheitsproblemen kämpfte. 2016 kehrte sie mit dem Nicht-Kriminalroman „Dameroman m/menn“ als Schriftstellerin zurück.

Kim Småge lebt und arbeitet auf der Insel Aukra im Trondheim-Fjord.

Copyright © 2017 by Michael Drewniok (md)

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