Giebelschatten

Kai Meyer
Giebelschatten

Blitz-Verlag
Erscheinungsjahr 1998
ISBN-10: 3932320050
150 Seiten
(sfbentry)

Mein Fazit vorweg: Für Kai Meyer-Fans ist das Buch ein „Muß“! Für die Freunde deutschsprachiger Phantastik dürfte die Anschaffung auch nicht in Frage stehen, doch für Leute, die anspruchsvolle Unterhaltung suchen, könnte das Buch enttäuschend ausfallen.
Nun habe ich keine Ahnung, wie die Original-Mitternachts-Romane waren; dem Vorwort des Autors folgend, wurden sie damals von der Mitternachts-Redaktion den nicht so hohen Ansprüchen dieser Reihe angepaßt und nun vom Autor noch einmal grundlegend überarbeitet. Ich denke, das tat den Texten gut und war nötig.

Was beim Einlesen sogleich auffällt, ist die ziemlich einfache Personenentwicklung; wir haben es hier mit Typen zu tun, wobei auch recht tolle Typen dabei sind, wenn ich da nur an den verschrobenen Privatlehrer Pimlott aus der ersten Story denke, der bucklig und uralt, mit Krücke ausgestattet, sich mehr um seine eklig-fette, weiße Riesenratte kümmert, die ständig übelriechende Flüssigkeiten absondert. Ist schon köstlich. Leider ist Pimlott nur eine Nebenfigur und die Ratte wird im Laufe der Erzählung gekreuzigt…
Doch die Helden, gerade in der ersten Novelle „Das Haus des Kuckucks“, sind edle Gute, der Bösewicht entpuppt sich als solcher auch alsbald, und läßt keinen Zweifel an seinen niedrigen Beweggründen.
In besagter Novelle werden in viktorianischem Ambiente die Abenteuer junger Leute in einem Spukschloß geschildert. Edelmütige Adlige ziehen in ihrem Haus ausgewählte Waisen auf, denen sie eine gute Ausbildung und Erziehung angedeihen lassen wollen. Martin – einer der Zöglinge – hält sich schon fünf Jahre im Hause auf, hat sich primstens eingelebt und in die Tochter des Hauses verliebt, die auch mehr als geschwisterliche Gefühle ihm gegenüber entwickelt, als ein Neuer kommt: der böse Christopher.
Dieser erkundet den verbotenen Trakt des großen Hauses, in dem einst ein Ahne der Familie sich aufhielt, und an irgend etwas wahnsinnig wurde.
Dieses Etwas lernt natürlich Christopher kennen; er sieht „sie“ als die „Gewebefrau“. Sie verführt ihn zu bösen Taten, doch wird dem Spuk am Ende abgeholfen, nachdem sich der Butler auch noch als potentieller Bösewicht entpuppte. Neben dem üblichen anheimelnd gruseligen Ambiente sind es vor allem Träume, die als dramaturgisches Element genutzt werden. Insgesamt fand ich die Geschichte nicht so dolle, richtige Spannung wollte in mir nicht aufkommen.

Etwas besser gefiel mir da der zweite Text: „Grand Guignol 1899“, der beeinflußt ist vom italienischen Giallo. Entsprechend kriminalistisch geht es auch zu.
Die Handlung ist in Paris zur letzten Jahrhundertwende angesiedelt, die Heldin ist eine Theaterschauspielerin, die die ungarische Erzsébeth Bathory, eine mädchenmordende, vampireske Bestie, mimt. Eines Tages lernt sie einen englischen Edelmann kennen. Parallel dazu finden bestialische Hurenmorde a lá Jack the Ripper statt. Erzähltechnisch wird zunächst die Aufmerksamkeit auf besagten Edelmann gelenkt, doch bald wird klar, daß er es nicht gewesen sein kann.
Nun holt der Autor mächtig weit aus: Er läßt genau den Jack the Ripper nicht im Dunkel der Geschichte verschwinden, sondern erzählt uns, daß dieser gefaßt, als Mitglied der englischen Königsfamilie entlarvt, und aus Gründen der Diskretion ins Ausland, also nach Frankreich verfrachtet wurde. Dort sitzt er in der Klapsmühle ein, bricht aus, und schon gehen die Morde weiter. – Natürlich ist er es auch nicht gewesen… – Übrigens handelt es sich bei ihm um den Zwillingsbruder unseres englischen Helden. Na ja, insgesamt haben wir hier auch ziemliches Abenteuergarn, das aber schnell und recht spannend erzählt wird. Es lohnt das Lesen bis zur letzten Seite, weil der Mörder wirklich erst zum Schluß entdeckt wird.

Ich wünsche dem Verlag, daß dieses Buch sich gut verkauft, was anzunehmen ist bei einem Bestseller-Autoren wie Kai Meyer, damit genug Geld da ist für interessantere Projekte! (th)

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Giebelschatten – Zwei Novellen

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