Hardcore Angel

Christa Faust
Hardcore Angel
(Angel-Dare-Serie, Bd. 1)

Originaltitel: Money Shot (New York : Dorchester Publishing Company Inc./Hard Case Crime 2008)
Übersetzung: Almuth Heuner
Dt. Erstausgabe: September 2008 (Rotbuch Verlag/Hard Case Crime 004)
Cover: Glen Orbik
250 S.
ISBN-13: 978-3-86789-048-9

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Das geschieht:

Gina Moretti führt eine kleine aber erfolgreiche Agentur für Porno-Models im Großraum Los Angeles. Bekannter ist sie unter ihrem ‚Künstlernamen‘ Angel Dare, denn auch sie hat im Filmgeschäft angefangen. Ganz ausgestiegen ist sie noch nicht; gern springt sie beispielsweise für Darstellerinnen ein, die am Set ihres alten Freundes und Mentors Sam Hammer durch Abwesenheit glänzen.

Dieses Mal erwartet Angel am angegebenen Drehort indes kein geiler Hengst, sondern eine Gruppe brutaler Gangster offensichtlich osteuropäischer Herkunft. Sie haben Hammers Frau gekidnappt und ihn damit gezwungen, Angel in die Falle zu locken, weil sie diese ‚befragen‘ möchten: Früher am Tag ist eine Rumänin, die sich Lia nannte, in Angels Agentur erschienen, wo sie sich nach einer Freundin erkundigte. Kurz darauf verschafften sich zwei Männer, die nach Lia suchten, gewaltsam Einlass. Die hatte sich durch das Toilettenfenster davongemacht, ließ aber einen Aktenkoffer zurück. Den wollen die Gangster haben, denn er enthielt viel Geld. Als Angel selbst unter der Folter nicht sagen kann, wo der Koffer geblieben ist, wird sie in den Kofferraum eines Wagens geworfen, mehrfach angeschossen und für tot liegengelassen.

Aber Angel überlebt – und will Rache. Allerdings haben die Gangster Sam Hammer erschossen und dabei ihren Revolver benutzt, sodass die Polizei sie als Mörderin sucht. Angel muss flüchten. Als Freund in der Not erweist sich Lalo Malloy, der sporadisch als Sicherheitsmann für die Agentur arbeitet. Gemeinsam setzt sich das ungleiche Duo auf die Fährte der Verbrecher, was erschreckend einfach ist, weil diese weiterhin eine breite Blutspur hinterlassen …

Eine Lektion in Pulp

Einst wurden sie auf billiges, holziges Papier gedruckt und ebenso eifrig verdammt wie gelesen: Die Krimis der „Pulp“-Ära hatten (viele Ausnahmen bestätigen die Regel) eher vorgeblich mit den Verbrechen in der realen Welt zu tun. Viel lieber spielten sie mit dem Genre und luden es mit politisch unkorrekten Emotionen auf. Sex & Crime: Dieses berühmte Motto kündet vom Primat der Unterhaltung, während die Literatur Pause hat.

Natürlich ist das sehr vereinfacht ausgedrückt; mancher Pulp-Titel gilt inzwischen als Klassiker, und die die Differenzierung zwischen „Unterhaltung“ und „Literatur“ ist längst in Frage gestellt. Doch die meisten Pulp-Krimis waren in der Tat Verbrauchsware, die möglichst billig produziert wurde, ohne dass die Autoren sich Gedanken über ihren Nachruhm machten.

Die Zeiten haben sich geändert. ‚Alter‘ Pulp wird wie ein Schatz behandelt, und ‚neuer‘ wird gezielt geschrieben. Das Rezept ist bekannt, und es gibt nach wie vor ein Publikum für spannende, anspruchslose Geschichten. Heute muss man sich nicht mehr schämen, mit einem Pulp-Thriller ertappt zu werden. Die „Hard Case Crime“-Reihe wird von der Kritik und vor allem vom Publikum gelobt, und die grellen Titelbilder sind mit viel Liebe zum Detail im alten Stil gestaltet.

Tempo, Tempo – und lieber nicht nachgedacht!

Im 21. Jahrhundert sind die Grenzen sowohl für „Crime“ als auch für „Sex“ deutlich weiter geworden. Ein Roman im Milieu des US-Pornofilms ist deshalb keine Sensation mehr. Diese Kulisse garantiert dennoch eine gewisse Aufmerksamkeit, die durch die Werbung selbstverständlich angeheizt wird. Auf diese Weise lässt sich auch heute ein ansonsten eher mittelmäßiger Krimi wie „Hardcore Angel“ besser verkaufen.

Der Plot bleibt zunächst Nebensache, wenn uns Angel Dare ausgiebig ihre unmoralische Welt schildert. Dies mag US-amerikanische Leser sündig erschauern lassen – dazu unten mehr -, doch eine Handlung ersetzt es nicht. Als die einsetzt, wird rasch klar, auf welch dünner Wolkendecke sich der „Hardcore Angel“ bewegt. Auch ohne große Aufmerksamkeit lässt sich dem Geschehen folgen. Es wird getäuscht, verfolgt, geschossen und gekillt, wobei die Reihenfolge manchmal wechselt. Das Tempo ist hoch, wobei Autorin Faust mit dem Timing gewisse Schwierigkeiten hat. Vor allem im Mittelteil stoppt sie viel zu oft ab und lässt leidlich gelungener Action ausgiebige Angel-Dare-Nabelschauen und pseudo-philosophische Erörterungen über das (Un-) Wesen der modernen Welt folgen.

Erst wenn es auf das Finale zugeht, bleibt Faust auf dem Gaspedal. Endlich gibt es die eine oder andere Überraschung. Endlich wird „Hardcore Angel“, dieser seinem Milieu zum Trotz ungemein politisch korrekte Frauenpower-Krimi, tatsächlich zum Pulp. Endlich hält Angel nicht mehr die andere Wange hin oder – noch schlimmer – weiterhin Vorträge, von denen diejenigen zur Verteidigung des ‚sauberen‘ Pornos (z. B. S. 85/86) besonders gestelzt und geradezu didaktisch sind. Jetzt wird die Rechnung beglichen, jetzt ergeht es mancher für sakrosankt gehaltenen Figur ernsthaft an den Kragen, jetzt beißen die Bösen malerisch hässlich ins Gras (wobei Faust gern theatralisch und dadurch unfreiwillig komisch wird).

Das Ende ist zwar nicht happy aber wieder schaurig brav. Angel tut ‚das Richtige‘ und befreit (oder besser: erlöst) die armen, von vertierten Ostblock-Strolchen („In seinen ausdruckslosen grauen Augen stand die Erinnerung an schreckliche Kriegsverbrechen.“ – S. 245) ins Land geschmuggelten Nachwuchs-Huren.

Braves Porno-Mädchen mit einer Mission

Die Eskapaden einer Russenmafia, wie sie in dieser brutalen Dämlichkeit – oder dämlichen Brutalität – wohl nur Angels Pulp-Hollywood existiert, bedürfen unbedingt eines aufmunternden Beiwerks. Fragt sich nur, ob Angel Dare und ihre berufsgeilen Freunde dafür die richtigen Kandidaten sind. Auf den ersten Blick schockiert oder begeistert der unverstellte Blick auf die kalifornische Porno-Szene; hier kommt es auf des Lesers Einstellung an. Diverse Besuche an bumsfidelen Drehorten und ähnlichen Lotterstätten sorgen für Handlungssequenzen, in denen Autorin Faust deutliche Worte findet. Dass Porno selten Spaß, sondern knallhartes, nüchternes Geschäft ist, wird ebenfalls deutlich.

Leider ist Angel Dare, die uns als Ich-Erzählerin durch dieses Milieu führt, ein wenig zu abgeklärt. Sie ist längst wieder Gina Moretti und war es wohl stets, d. h. eben nicht eine starke, nach eigenem Kodex lebende, selbst über ihr Schicksal bestimmende Frau, sondern ein gutes, amerikanisches Mädchen, das unkonventionell höchstens in ihrer freigeistigen Einstellung zum Sex ist – und auch die unterliegt streng definierten, ‚vernünftigen‘ Grundsätzen. Wenn Angel uns die düsteren Aspekte des Porno-Business vorstellt – Autorin Faust vergisst keinen, und man ahnt ihren erhobenen Zeigefinger, wenn sie darüber schreibt -, sind es stets andere Pechvögel, die es getroffen hat. Eigentlich ist Angels Künstlername „Dare“ ein Euphemismus; „Teflon Angel“ wäre die weitaus bessere Alternative, denn letztlich ist Gina Moretti rein wie Schnee dem dreckigen Pornoversum entkommen.

Sie wird dann ordentlich durch die Mangel gedreht, während sie erst vor der Mafia flieht und sich selbst auf die Jagd begibt. Das geht verständlicherweise mit einigen Wesensveränderungen einher, die indes aufgesetzt wirken. Angel Dare besitzt nicht einmal als Pulp-Figur echte Tiefe. Ihre taffe Art wird behauptet, nur selten entwickelt sie sich aus dem, was Angel erlebt bzw. erduldet. Wirklich überzeugend wirkt sie nie, wenn sie schließlich als Selbstjustiz übender Racheengel über die Finsterlinge kommt. Eine (Frauen-) Figur mit interessanten Ecken und Kanten vermag Faust nicht aus Angel Dare zu formen.

Wer seine Krimilektüre lieber glatt und stromlinienförmig wünscht und die Schrecknisse dieser Welt lieber durch den Mainstream-Filter gegossen genießt, wird „Hardcore Angel“ wohl (in mehrfacher Hinsicht) auf- und erregend finden. Zumindest auf diesem Level ist dieser Roman – und damit kommen wir einerseits zum Schluss und knüpfen andererseits an die Einleitung zu diesem Text an – in der Tat Pulp: spannender, freizügiger Lesestoff, der sorgfältig ausklammert, was verstören oder an Tabus rühren könnte. Dafür gibt es einen Markt („Featured on the cover of ‚Penthouse‘ magazine!“, lockt die Werbung auf der US-Version der „Hard Case Crime“-Website über „Hardcore Angel“), und Christa Faust ist eine Autorin, die seine Regeln beherrscht.

Autorin

Christa Faust, geboren am 21. Juli 1969 in New York City, ist Schriftstellerin und „bondage artist“ mit Hang zu großflächigen Tattoos und enormem Darstellungsdrang, dem sie nicht nur auf ihrer Website, sondern auch an anderen Stellen des Internets in Wort und Bild frönt.

Dem Image des taffen, betont unkonventionellen „bad girl“ entspricht sie auch literarisch. Klassischen Horror und „Noir“-Krimis zählt sie zu ihren Vorlieben, die sie in ihre düsteren und zeitgemäß ‚unmoralischen‘ Geschichten einfließen lässt. Dazu gehören neben den damit assoziierten Stimmungen Schilderungen drastischer Gewalt, die an die „Pulps“ der 1920er bis 50er Jahre anknüpfen.

Neben der „Hardcore-Crime“-Schriftstellerin und BDSM-Ikone gibt es noch die nüchterne Alltags-Autorin, die sich ihren Lebensunterhalt mit „tie-ins“ – Romanen zu Filmen – verdient. Dabei hilft die Nähe zu Hollywood, denn Christa Faust lebt und arbeitet in Los Angeles, Kalifornien.

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