In Blut verbunden

Stuart MacBride
In Blut verbunden
(Logan-McRae-Serie, Bd. 9)

Originaltitel: The Missing and the Dead (London : HarperCollinsPublishers 2015)
Übersetzung: Andreas Jäger
Deutsche Erstausgabe: April 2016 (Goldmann Verlag/TB Nr. 48336)
733 S.
ISBN-13: 978-3-442-48336-5
eBook: April 2016 (Goldmann Verlag)
1457 KB
ISBN-13: 978-3-641-16753-0

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Das geschieht:

Logan McRae hat die Grampian Police im ostschottischen Aberdeen, wo er bisher vertretungsweise als Detective Inspector tätig war, verlassen. Man hat ihn aufgrund seiner ständigen Eigenmächtigkeiten quasi strafversetzt. Als Sergeant und in Uniform muss McRae nun Dienst in Banff schieben. Die Hafenstadt liegt im Osten der Verwaltungsgrafschaft Aberdeenshire dort, wo der Fluss Deveron in die Nordsee mündet.

Die neue Stellung bedeutet für McRae nicht nur einen Karriereknick, sondern auch eine erhebliche Gehaltseinbuße. McRae muss sparen; er zahlt Pflege und Behandlung seiner Freundin Samantha, die seit vier Jahren im Koma liegt. Die Arbeit bietet wenig Ablenkung, denn Banff ist keine Hochburg des Verbrechens. In der Regel sind es Bagatellverbrechen, die den erfahrenen Polizisten wenig fördern. Die ihm unterstellten Constables Scott, Nicholson und Quirrel sind freilich keine besonderen Leuchten.

Bald türmt sich neuer Ärger auf: Noch in Aberdeen hatte McRae den „Waldhütten-Mörder“ Graham Stirling überführt, wobei einige Vorschriften unberücksichtigt blieben. Stirlings Anwalt kann deshalb für seinen Klienten einen Freispruch erwirken. Die Verantwortung für dieses Fiasko wird McRae zugeschoben. Seit Wochen tanzt eine Räuberbande der Polizei auf der Nase herum. Ein örtlicher Drogendealer kann sich der Verfolgung immer wieder entziehen.

Als in einem aufgegebenen Schwimmbad wird die Leiche eines kleinen Mädchens gefunden, will McRae sich in die Ermittlungen einschalten, wird aber von Vorgesetzten und Konkurrenten ausgebremst. Noch schlimmer: Aus Aberdeen schickt man seine ehemalige Vorgesetzte, die exzentrische Detective Chief Inspector Roberta Steel, nach Banff, wo sie sich zu denen gesellt, die McRae im Nacken sitzen …

Immer ein Stückchen weiter

An der Logan-McRae-Serie schieden sich rasch die Geister. Während in den ersten Bänden noch die klassische Aufklärung eines Kriminalfalls im Vordergrund stand, begann Verfasser Stuart MacBride später den Schwerpunkt zu verschieben. Immer stärker wurde das Element des Irrwitzes. Der Autor begann politische und gesellschaftliche Probleme absurd zu übersteigern und auf die Spitze zu treiben, um sie auf diese Weise zu verdeutlichen – ein riskanter Weg, der auf jeden Fall die eher puristische Fraktion des Krimi-Publikums verstörte, verärgert und abschreckte.

In der Tat muss man bereit sein, sich auf dieses Konzept einzulassen. Der Verfasser bewegt sich auf einem schmalen Grat. Nichts ist übler als ein Witz, der seine Zündkraft verloren hat. MacBride ist nicht nur gezwungen, das Niveau zu halten. Er muss die Latte stattdessen immer ein Stückchen höher legen, was ihn vor eine gewaltige Herausforderung stellt: Wie weit kann er es noch treiben?

Der Leser verfolgt dieses Spiel gespannt. „In Blut verbunden“ ist bereits der neunte Band der Logan-McRae-Reihe! Da ist es durchaus gerechtfertigt, auf den großen Knall zu warten, der verkündet, dass dem Verfasser die bisher in der Luft gehaltenen Plot-Bälle zu Boden gefallen sind. Doch einmal mehr ist voller Bewunderung zu melden: So weit ist es noch nicht! (Die negativ gestimmte Kritiker- und Leserschar kommt dagegen zu dem Schluss: Jetzt sind Hopfen & Malz endgültig verloren!)

Neue Umgebung, alte Probleme

In einem Punkt musste MacBride freilich der Konzeptlast nachgeben: Logan McRae verlässt Edinburgh und das (vielleicht inzwischen allzu) vertraute Polizeirevier. Der Autor findet geschickt einen schlüssigen Ansatz: 2013 wurden die acht traditionellen Verwaltungsbezirke der schottischen Polizei aufgelöst bzw. zum „Police Service of Scotland“ zusammengelegt. Dies geschah offiziell, um einerseits verkrustete Strukturen aufzubrechen und andererseits vorhandene Kräfte besser zu bündeln.

Polizeiintern wurde die Einrichtung der „Police Scotland“ nicht nur nach Ansicht Stuart MacBrides der Startschuss zu einem Wettlauf karrieresüchtiger Etappen-Beamter, die sich ihre Pfründen in der entstehenden Super-Behörde sichern wollten. Gleichzeitig war „Police Scotland“ der neue Anstrich für eine ansonsten weder personell aufgestockte noch technisch aufgerüstete Polizei: Jenes Mehr an Ermittlungsarbeit, das ihr ein globalisiertes, modernes Verbrechen bereitet, muss im Grunde weiterhin eine Schar von Beamten leisten, die durch ‚Rationalisierungsmaßnahmen‘ zusätzlich ausgedünnt wurde.

Was dies realiter bedeutet, sorgt in diesem Roman einen nie endenden Hintergrundchor aktueller Meldungen und Einsatzbefehle, die in ihrer grotesken Gemeinsamkeit unterstreichen, dass die Polizei in vielen Bereichen kapituliert hat: Diese Arbeit ist nicht mehr zu meistern. Beispielsweise haben Sparmaßnahmen im Gesundheitswesen dazu geführt, dass geistig kranke Menschen dem „kommunalen Wohl“ überlassen werden. Tatsächlich hat man sie aus anschließend geschlossenen Einrichtungen auf die Straße vertrieben, wo sich neben überlasteten Ämtern verstärkt die Polizei um sie ‚kümmern‘ muss.

Welt aus dem Lot

Das Problem hat längst die Großstädte verlassen. Banff an der Nordseeküste mag wie eine idyllische Hafenstadt wirken. Die Realität hat aber die Provinz erreicht. Logan McRae führt u. a. einen Kampf mit konkurrierenden Banden um die Herrschaft über den lokalen Rauschgifthandel. Erfolge lassen sich dabei nur verzeichnen, weil die jungen, hungrigen, zu jeder Gewalttat bereiten Neu-Gangster Dummköpfe sind: Brutalität allein kann Intelligenz nicht ausgleichen. Deshalb hält sich die Freude der Ermittler über seltene Erfolge in Grenzen, denn die tumben Gangster hinterlassen bei ihrem Tun besonders breite Blutspuren.

Insofern bleibt McRae das Pech an seinem neuen Einsatzort nicht einfach treu, sondern blüht und gedeiht prächtig. „Police Scotland“ und das Ende der „Grampian Police“ bot den Vorgesetzten die ideale Möglichkeit, einen guten Ermittler, der auch ein Befehle hinterfragender und notfalls ignorierender Querkopf ist, ins Abseits zu schieben. Nun trägt McRae wieder Uniform und verdient weniger Geld. Er haust in einer Mischung aus Neubau und Ruine, fühlt sich unterfordert und sieht sich auch in Banff mit dem üblichen Klüngel konfrontiert. Lange dauert es deshalb nicht, bis McRae sich auch hier unbeliebt macht.

Der Mord an einem Kind weckt den immer noch fähigen Polizisten aus seiner Routine. Doch „Police Scotland“ hat auch hier die Nase vorn: Ehrgeizige Stadtbeamte ziehen den Fall an sich; für die Polizei von Banff bleiben nur Wasserträgerdienste. Weil in McRaes Welt ein böses aber einfallsreiches Schicksal dem geplagten Helden gern weitere Tiefschläge versetzt, gehört zu denen, die es nach Banff verschlagen, seine alte Chefin Roberta Steel, die ihrerseits in Ungnade gefallen ist, sich langweilt und McRae so übel ausnutzt wie immer.

Wahnsinn mit Methode – und Breite

In der deutschen Fassung zählt „In Blut verbunden“ 733 Seiten. MacBride fasste sich auch früher nicht kurz, aber dieses Mal hat er sich selbst deutlich übertroffen. Das ist kein Lob, denn die Handlung ließe sich definitiv kürzer fassen oder auf zwei, drei Romane verteilen. Andererseits ist die Episodenhaftigkeit dieses Mal noch stärker als sonst ein Stilmittel. Zeitweise gerät der erwähnte Mord fast in Vergessenheit; er wird ‚ersetzt‘ durch eine Flut anderer Verbrechen, unter denen McRae förmlich begraben wird, denn der verweigert die ‚Kunst‘ der Abschiebung lästiger Pflichten auf Untergebene, die gleichzeitig als Sündenböcke dienen, sondern will Fälle vor allem lösen. Mit diesem Prinzip hat die ‚moderne‘ Polizei im Einklang mit der Politik längst abgeschlossen; dies ist eine der vielen Spitzen, die MacBride verschießt. Die Kritik ist (ihm) – um es zu wiederholen – ebenso wichtig wie die Krimi-Handlung, die aber trotz epischer Ereignisbreite nicht ins Hintertreffen gerät. Alle angesprochenen, manchmal eher angerissenen Übeltaten werden bis zum Finale aufgeklärt, wobei Überraschungen keineswegs ausbleiben. Angesichts ähnlich umfangreicher ‚Kriminalromane‘, die sich vor allem den privaten Probleme & Problemchen ihrer Hauptfiguren widmen, ist Umfang à la MacBride eindeutig vorzuziehen.

Überhaupt ist Langeweile kein Problem dieses Romans, da MacBride Alltag und Absurdität meisterhaft zu mischen versteht. Immer geschieht etwas, ständig ergeben sich unerwartete Zusammenhänge. Der Zufall ist handlungswichtig, ohne strapaziert zu werden. Die Figuren sind in ihrer Überzeichnung glaubwürdig. Im Trommelfeuer oft schwarzen Humors geht die Tragik mancher Handlungsstränge keineswegs unter. Orts- und vor allem Personalwechsel sorgen für eine Abmilderung alter, inzwischen überstrapazierter Witze (Stichwort „Biowaffen-Bob“). Nur Steel treibt es bunter denn je; für die Kraft der Figur spricht, dass man sie dennoch erträgt bzw. (meist) unterhaltsam findet.

Ein neuer Fall liegt im englischen Original bereits vor. Obwohl MacBride 2012 mit einer neuen, eher nüchtern gehaltenen Krimi-Serie um den Detective Constable Ash Henderson begonnen hat, gedenkt er Logan McRae und seine kunterbunte, wüste Schar von Peinigern und Leidensgefährten nicht zu vernachlässigen. So lange es ihm gelingt, einem eigentlich limitierten Konzept immer wieder neue Seiten abzugewinnen, wird ihm sein Publikum weiterhin die Treue halten.

Autor

Stuart MacBride wurde am 27. Februar 1969 im schottischen Dumbarton geboren. Die Familie zog wenig später nach Aberdeen um, wo Stuart aufwuchs und zur Schule ging. Studiert hat er an der University in Edinburgh, die er indes verließ, um sich in verschiedenen Jobs (Designer, Schauspieler, Sprecher usw.) zu versuchen. Nach seiner Heirat begann MacBride Websites zu erstellen, stieg bis zum Webmanager auf, stieg in die Programmierung ein und betätigte sich in weiteren Bereichen der Neuen Medien.

Stuart MacBride lebt heute wieder in Aberdeen. Über Leben und Werk informiert er auf seiner Website, die er um einen Autorenblog sowie eigene Kurzgeschichten erweitert hat.

Copyright © 2016 by Michael Drewniok (md)

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