Kalt wie Blut

Jim Kelly
Kalt wie Blut
(Philip-Dryden-Serie, Bd. 4)

Originaltitel: The Coldest Blood (London : Michael Joseph Ltd. 2006/New York : St. Martin‘s Minotaur 2007)
Übersetzung: Carsten Mayer
Deutsche Erstveröffentlichung: Oktober 2007 (Blanvalet Verlag/TB Nr. 36436)
447 S.
ISBN-13: 978-3-442-36436-7

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Das geschieht:

Ely, ein Städtchen in der englischen Grafschaft Cambridgeshire, wird von extremer Winterkälte heimgesucht. Die ersten Armen und Obdachlosen sind ihr bereits zum Opfer gefallen: ein Fall für Philip Dryden, den Reporter des „Crow“, der sich in die Arbeit flüchtet, seit seine Gattin Laura vor fünf Jahren bei einem Verkehrsunfall ins Koma fiel und nie wieder gesunden wird.

Aktuell ermittelt Dryden in der Wohnung von Declan McIlroy, den man bei weit geöffneten Fenstern erfroren fand; offenbar hat der psychisch auffällige Mann Selbstmord begangen. So urteilt jedenfalls die Polizei, die den Fall gern abschließen möchte. Dryden ist skeptisch. Gewisse Anzeichen deuten auf ein Verbrechen hin. Ein Gemälde aus dem Besitz des Toten, das der Reporter an sich nahm, wird bei einem Einbruch in das Boot, das ihm als Wohnung dient, gestohlen. Kurz darauf findet Dryden selbst eine zweite Leiche. Joe Petulengo war krebskrank und hat scheinbar Selbstmord begangen, indem er in seinen Gartenteich sprang, sich dort besann und ans Ufer kroch, wo ihn die Kälte umbrachte.

Zwischen den beiden Männern gibt es eine Gemeinsamkeit: Beide waren Insassen des übel beleumundeten Waisenhauses St. Vincent, gegen dessen Verwaltung jüngst Vorwürfe wegen Misshandlung gerichtet sowie Klage erhoben wurde. Versucht hier jemand unliebsame Zeugen aus dem Weg zu räumen? Ausgerechnet der ehemalige Leiter von St. Vincent bringt Dryden auf eine weitere Spur. Sie reicht dreißig Jahre zurück in eine Vergangenheit und in ein Ferienlager am Meer, das Schauplatz eines brutalen Mordes wurde. Auch dort waren McIlroy und Petulengo anwesend, und zu seinem Schrecken erkennt Dryden, dass er selbst in die Ereignisse verwickelt ist, die plötzlich wieder zu neuem, erneut gewalttätigem Leben erwachen …

Das erfolgreich verdrängte Unrecht

„Bodenhaftung“ ist ein Wort, das einem in den Sinn kommt, möchte man den britischen Krimi der klassischen Machart charakterisieren. Schauplätze und Figurenkreis bleiben überschaubar, das Motiv realistisch i. S. von alltäglich. Globusumspannende Komplotte überlassen die Autoren lieber den Kollegen vom Thriller. Kleinstadt und Provinz stellen mindestens ebenso fruchtbare Biotope für menschliche Dramen und Morde dar.

Ely ist eine Kleinstadt im Südosten Englands. Nur 15000 Einwohner leben hier wie auf einer Insel, denn außerhalb der Stadtgrenzen erstreckt sich das Fen, eine flache, urwüchsige Moorlandschaft. Seine isolierte Lage macht Ely zu einem urbanen Mikrokosmos, der zwischen Tradition und Moderne noch keinen festen Stand gefunden hat. Das globalisierte Verbrechen hat seine Fühler bereits ausgestreckt, aber immer noch ist die Vergangenheit präsenter als in den Metropolen Englands.

Auch der aktuelle Fall wurzelt dort. Gleich zweimal drängt unbewältigtes Unrecht nach mehr als dreißig Jahren an die Oberfläche. Im Waisenhaus St. Vincent hatten sich in den 1970er Jahren die ‚bewährten‘ Methoden der Kinder-‚Erziehung‘, die man in der Rückschau mittelalterlich nennen möchte und dürfte, fast ungefiltert erhalten. Garant für diese Kontinuität war die katholische Kirche, deren Repräsentanten die ihnen übertragene Macht offensichtlich missbrauchten, um persönliche Frustrationen und Obsessionen abzureagieren. Ganze Generationen unglücklich ihren Herren und Peinigern ausgelieferte Kinder wurden zu psychischen Krüppeln zerschlagen.

Das Unrecht behauptet sich

Schon diese zum Himmel schreiende Travestie der Waisenfürsorge böte Anlass genug für die Morde, die sich durch die Handlung ziehen. Aber Verfasser Kelly will mehr – vielleicht zuviel. Das Setzen von „red herrings“, die den Krimileser auf falsche Fährten locken (und so die Strecke zwischen erstem Kapitel und finaler Auflösung verlängern) sollen, ist eine vornehme Tradition nicht nur des angelsächsischen Kriminalromans. Sie lenken am besten ab, wenn man sie alle gleichermaßen für möglich hält. Kelly schlägt denn auch viele dieser Heringe ein. Gleichzeitig versenkt er einen riesigen Schwertfisch in den Handlungsboden – und das geht auf Kosten der Glaubwürdigkeit.

Die erste Romanhälfte verstreicht über der Entwicklung des St.-Vincent-Plots. Die daraus resultierenden Informationen werden im zweiten Teil nicht ignoriert aber in einem Ausmaß relativiert, das den Aufwand Lügen straft. Eine ganz andere menschliche Tragödie rückt ins Zentrum des Geschehens. Tatsächlich zerfällt die Geschichte von „Kalt wie Eis“ in zwei Aspekte, die nie wirklich zueinander finden. So mag das reale Leben sich abspielen, doch in einer nie literarischen, sondern strikt als Krimi gestalteten Handlung macht sich der klaffende Zwiespalt doch bemerkbar.

Es bedarf einiger schriftstellerischer Tricks, der Dienste von König Zufall sowie – buchstäblich – der rächenden Hand Gottes, bis wir nicht nur das Finale erreichen, sondern uns auch die Auflösung präsentiert wird, die ein bisschen zu komplex geraten ist, um vollauf überzeugen zu können. Dass sich „Kalt wie Blut“ dennoch so kurzweilig liest, liegt am Geschick eines Verfassers, der neben der eigentlichen Handlung dem trockenen Witz und dem Absurden Raum lässt. Wortwitz zieht sich durch den gesamten Text; er hat die Übersetzung gut überstanden. Das eine sagen und das Gegenteil meinen – das ist eine Kunst, die beherrscht werden muss. Kelly vermag nicht nur das. Er weiß auch, wann er dem Affen Zucker geben kann und wann er den Humor um des Effekts drosseln muss.

Gerechtigkeit suchender Spielverderber

Philip Dryden passt in das Raster des modernen Kriminalromans. Er ist begabt für einen Beruf, dessen Forderungen einen zwar abgestrittenen aber ausgeprägten Sinn für abstrakte Gerechtigkeit immer wieder herausfordern. Hinzu kommen private Probleme, die Dryden, den Menschen, darstellen bzw. den ‚chick‘-Faktor für Leserinnen liefern sollen, die kriminellen Schmerz ohne Herz nicht goutieren mögen: Gattin Laura liegt nach einem schweren Verkehrsunfall im Wachkoma, aus dem sie zwar allmählich erwacht, um anschließend durch demonstrative Depressionen für weitere Verwicklungen zu sorgen.

Dryden legt darüber hinaus diverse exotische Züge an den Tag. Er lebt auf einem uralten Boot, das im II. Weltkrieg britische Soldaten nach Dünkirchen (und nach der peinlichen Niederlage zurück) transportierte, besitzt aber trotz der Mobilitätsanforderung, die sein Job an ihn stellt, kein Auto. Einziger Freund ist der Taxifahrer Humph, der sich mit einem in die Jahre gekommenen Ford Capri ebenfalls nur mühsam über Wasser hält, seinem besten und wohl auch einzigen Arbeitgeber stoisch die Treue (und Junkfood sowie Alkohol in enormen Mengen bereit) hält und stets für eine Überraschung gut ist; im hier vorgestellten Roman rettet er Dryden sogar das Leben.

Jim Kelly gehört eindeutig nicht zu den Anhängern von Maggie Thatcher, die mit ihrem die Reichen und ‚Tüchtigen‘ fördernden Amoklauf als Premierministerin (1979-1990) die Armen, Kranken oder anderweitig an den Rand der britischen Gesellschaft Gedrängten endgültig in den Abgrund stieß. Auch für gewisse ehr- oder besser merkwürdige Traditionen hegt er wenig Sympathie. Englische Internate, Waisenhäuser und andere Einrichtungen, an denen Kinder und Jugendliche fern eines Zuhauses betreut werden, sind durch autoritäre Zwänge geprägt, die ganz offen oder stillschweigend ein Kastensystem favorisieren, in dem die Starken die Schwachen bedrängen und unterjochen, um sie auf die Härten des Lebens ‚vorzubereiten‘; dass dabei hin und wieder jemand auf der Strecke bleibt, wird als Kollateralschaden akzeptiert.

Hässliche Folgen gleichgültiger ‚Erziehung‘

Mit den Geschwistern McIlroy und Joe Petulengo zeigt Kelly die Folgen solcher Anmaßung. Das System fabriziert seelische Krüppel, die im Alltag erst recht keine Chance haben. Die Verantwortung mag dafür niemand übernehmen. Mit Father Martin präsentiert uns Kelly einen besonders unangenehmen Vertreter der brutalen Autorität: Der Leiter des Waisenhauses St. Vincent gibt sich reumütig angesichts der schließlich doch ans Tageslicht gekommenen Misshandlungen, die er in seiner aktiven Zeit geduldet und mit getragen hat.

Scheinheiligkeit beherrscht auch die Szene im Ferienlager Dolphin‘s. In seinem Zentrum stellt es sich als Zeitkapsel dar, in der die ungelösten Ungerechtigkeiten der Vergangenheit perfekt konserviert wurden. Das Lügengespinst hat lange gehalten, doch die es einst webten, sind nie glücklich damit geworden. Sie belauern einander und wissen letztlich, dass sie den Tag der Wahrheit nur verschoben haben. Als er kommt, werden alle Beteiligten des Dramas von 1974 zur Rechenschaft gezogen. Die Unbarmherzigkeit der Lawine, die auf sie niedergeht, ist Kelly besser gelungen als der leicht überkonstruierte Plot.

Autor

Jim Kelly, geboren am 1. April 1954, stammt aus der ostenglischen Stadt Ely. Er ist langjähriger Korrespondent der „Financial Times“. Bereits mit seiner ersten Buchveröffentlichung war er erfolgreich: Sein 2002 erschienener Roman „Tod im Moor“ („The Water Clock“) gelangte in die Endausscheidung des renommierten „Dagger Award“ für den besten britischen Krimi des Jahres. „Kalt wie Blut“ („The Coldest Blood“) wurde 2007 von den öffentlichen englischen Büchereien mit einem „Dagger Library Award“ ausgezeichnet.

Kelly setzte den Kleinstadt-Journalisten Philip Dryden bis 2013 in weiteren sechs Romanen ein, die in Ely und Umgebung spielen – der Heimat des Verfassers, die eine zentrale Rolle in seinen Romanen spielt und deren Historie immer wieder Auslöser für diverse Kriminalfälle ist. 2008 begann Kelly eine zweite Serie mit den Kriminalbeamten
DI Peter Shaw and DS George Valentine.

Website des Verfassers

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