Kalter Tod

Michael Connelly
Kalter Tod
(Harry-Bosch-Serie, Bd. 13)

Originaltitel: The Overlook (New York : Little, Brown, and Company 2007/London : Orion Books 2007)
Übersetzung: Sepp Leeb
Deutsche Erstausgabe: Oktober 2008 (Heyne Verlag/TB Nr. 43342)
319 S.
ISBN-13: 978-3-453-43342-7

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Das geschieht:

Nachdem man ihn in die Abteilung “Homicide Special” des Los Angeles Police Department versetzt hat, wird Hieronymus “Harry” Bosch mit dem Mord an dem Arzt Stanley Kent konfrontiert, den man mit zwei Kugeln im Schädel quasi hingerichtet auffand. Im Haus des Toten findet Bosch dessen Gattin Alicia – nackt und gefesselt, überfallen von zwei Männern offenbar arabischer Herkunft, die Stanley mit der Nachricht vom Kidnapping seiner Frau zwangen, die gesamten Cäsium-Vorräte des St.-Agatha’s-Krankenhauses zu stehlen, die dort für die Bestrahlung von Krebsherden verwendet werden.

Hat Kent in seiner Not Terroristen ‚beliefert‘, die mit dem radioaktiven Cäsium eine ‚schmutzige‘ Bombe bauen und in den verhassten Vereinigten Staaten zünden wollen? Nach dem 11. September 2001 setzt dieser Verdacht eine Kettenreaktion in Gang. Eine ganze Reihe sich wichtig nehmender Bundesbehörden mischt sich in die Ermittlung ein. Das Ergebnis ist Chaos, in dem die Diebe problemlos abtauchen können.

Doch stecken tatsächlich Terroristen hinter dem Diebstahl? Harry Bosch, der seit jeher auf Kompetenzrangeleien pfeift und mit dem daraus entstehenden Ärger gut leben kann, ist skeptisch. Mit kühlem Kopf arbeitet er sich akribisch durch die Indizien, zwingt die ‚Kollegen‘ wenn nötig handgreiflich zur Zusammenarbeit und setzt Stück für Stück ein Verbrechen zusammen, das dank der allgemeinen Aufregung perfekt zu funktionieren droht …

Der Terror und die Wichtigtuer

„Wir ziehen den Heimatschutz hinzu, die JTTF, alle. Die reinste Buchstabensuppe. NRC, DOE, RAP … wer weiß, vielleicht schlägt sogar noch die FEMA ihre Zelte auf … Das reinste Chaos, kann ich Ihnen sagen.“ (S. 74) So antwortet FBI-Agent Brenner, als Harry Bosch ihn fragt, wer sich denn noch in die Untersuchung des Mordfalls Stanley Kent einmischen wird. Für ihn, den Polizisten und Ermittler alter Schule, ist dies ein Fall, für das ‚sein‘ LAPD zuständig ist, das traditionell allergisch gegen die Einmischung in seine Arbeit von außen reagiert: „Das Los Angeles Police Department war eine der insularsten Behörden der Welt. Es hatte über ein Jahrhundert lang überlebt, ohne auf der Suche nach neuen Ideen, Lösungen oder Führern allzu oft einen Blick über den Tellerrand zu werfen.“ (S. 179)

Erst allmählich dämmert Bosch, dass er wieder einmal in die Mühlen der Politik geraten ist, die von den Medien eifrig in Gang gehalten werden: Nach dem 11. September 2001 ist „Terrorist“ ein Reizwort, gegen das Werte wie Logik oder Vernunft keine Chance mehr haben. Um zu verhindern, das die „Schurkenstaaten“ ihren Krieg noch einmal ins Innere der USA tragen, wurden Gesetze geändert (bzw. gebogen) und eine ganze Flut von Abwehr-Institutionen gegründet. Diese achten sehr auf ihre Kompetenzen und geraten sich regelmäßig ins Gehege. Jeder achtet eifersüchtig auf seinen Vorrang: „Wenn es darum geht, Informationen auszutauschen, frisst das FBI wie ein Elefant und scheißt wie eine Maus“ (S. 155), stellt Harry Bosch einmal drastisch klar.

Nicht einmal das LAPD ist gegen das Rampenlicht immun, das auf diese scheinbar wichtigen Einrichtungen fällt: Nachdem der Heimatschutz diverse Operationen gegen terroristische Aktionen leitete, von denen das LAPD nicht wusste, gründete man dort prompt einen separaten Heimatschutz, der nunmehr seine Bedeutsamkeit ständig unter Beweis stellen möchte und dabei zur Hysterie neigt, die in „Kalter Tod“ tödliche Folgen hat.

Womit Harry Bosch dorthin zurückgekehrt ist, wo es ihm stets gar nicht gefiel. Ein Mord ist ein Fall, der aufgeklärt gehört. Wie man das macht, ist Bosch nach mehr als dreißig Dienstjahren kein Geheimnis mehr. Am besten arbeitet er, wenn man ihn in Ruhe lässt, was freilich nie geschieht: Die besondere Dynamik der Bosch-Serie speist sich nicht nur aus der Spannung, die besagten Fällen innewohnt, sondern auch aus den Kämpfen, die Harry Bosch, ein moderne Don Quijote, mit den Windmühlenflügeln der Bürokratie ausfechtet.

Die ist dieses Mal geradezu gemeingefährlich. Der Kampf gegen den Terrorismus ist in den USA zum allzu gern eingesetzten Freibrief geworden, mit dessen Hilfe sich lästige Fahndungshindernisse wie Menschenrecht und Menschenwürde erschreckend problemlos aushebeln lassen. Connelly spielt durch, was solche Hysterie nach sich zieht. Hoffentlich gerät er danach nicht selbst ins Visier der selbst ernannten und scheinbar unkontrollierbaren Staatsschützer … Dabei ist Connelly eher Kritiker einer aus dem Gleichgewicht geratenen, längst selbst fanatisierten Anti-Terror-Organisation. Er lässt die Auswüchse in seine Geschichte einfließen, ohne die reine Notwendigkeit der Wachsamkeit zu leugnen.

In der Kürze liegt die Würze

Dass „Kalter Tod“ deutlich kürzer als die üblichen Bosch-Thriller ausfällt, wirkt sich eher positiv aus. Wie alle lang laufenden Reihen hat auch diese viel privaten Ballast auf das Haupt ihres Helden gehäuft, der von Band zu Band mitgeschleppt wird. Dieses Mal ist dafür kaum Platz. Der Fall und die daraus entstehenden Verwicklungen stehen im Vordergrund. Die Seifenoper spielt im Hintergrund, was Connelly – nicht nur hier – viel öfter so halten sollte.

Während der Grundton wieder sehr nüchtern und teilweise dokumentarisch ist, gelingen dem Verfasser oft gelungene ironische Spitzen, die sich gegen den Kompetenzwirrwarr, die Medien und die zornige Ohnmacht einer Polizei richten, die in Los Angeles nicht selbstständig schalten und walten darf, sondern der Aufsicht des Justizministeriums und der Stadtverwaltung untersteht. In den höheren Rängen sind die Beamten vor allem mit Verwaltungsarbeit und der Absicherung ihrer Entscheidungen beschäftigt; manche haben sich das Entscheiden vorsichtshalber ganz abgewöhnt; selbst Harry jungem Partner wurde schon der Schneid abgekauft. Und zur Ausstattung fällt Connelly folgender hübscher Satz ein: „Wie viele Detectives benutzte er lieber seinen eigenen Computer, weil die von der Polizei gestellten Geräte alt und langsam waren und meistens stärker mit Viren verseucht als eine Nutte vom Hollywood Boulevard.“ (S. 130)

Keine Ruhe für Harry Bosch

Schon wieder steht unser gestresster Held vor einem Neuanfang: Nachdem er seinen Job als Privatermittler an den Nagel gehängt hatte und in den Polizeidienst zurückgekehrt war, bearbeitete Bosch ‚kalte‘ Fälle, die vor Jahren ergebnislos ad acta gelegt wurden. Weil es ihm gelungen war, auch in dieser vom realen Polizeialltag weitgehend abgekoppelten Abteilung für Trubel zu sorgen (s. „Echo Park“ – oder eben nicht …, dazu weiter unten), lässt man ihn jetzt der ‚normalen‘ Mordkommission zuarbeiten.

Das ändert selbstverständlich gar nichts an seiner Halsstarrigkeit. Ein fähiger Mann, der keine Karriere mehr plant, ist der von der Politik und den Medien geprägten Welt des LAPD ein Dorn im Fleisch, der sich in diesem Fall auch noch schwer entfernen lässt, weil Bosch durch Drohungen und Strafmaßnahmen nicht eingeschüchtert, sondern angestachelt wird: Er ist ein Ritter, aber einer mit angriffslustig eingelegter Lanze.

Dem kann sich auf Dauer kein ‚Freund‘ oder Feind entziehen. Bosch zermürbt durch Hartnäckigkeit. Darüber hinaus ist seine Findigkeit mindestens so ausgeprägt wie sein Überlebenswille, den er – in seinem Fall kein Klischee – auf den Schlachtfeldern Vietnams gestählt hat. Bosch dringt durch und löst den Fall. Kollateralschäden in Gestalt düpierter Vorgesetzter oder entlarvender Schlagzeilen sind ihm gleichgültig. Von den Anforderungen, die er bezüglich kriminalistischer Arbeit stellt, schließt er auch langjährige Freunde nicht aus, was sein Privatleben ebenso unstet wie seine berufliche Laufbahn wirken lässt.

Dem Leser bereitet die Odyssee des Hieronymus Bosch weiterhin großes Vergnügen. Es wird nie langweilig mit dem bockbeinigen Ermittler, den es unverhofft in neue Jagdgründe verschlägt. So bleibt es auch im 14. Fall, „The Brass Verdict“, der Bosch auf seinen Halbbruder Mickey Haller, den „Lincoln Lawyer“ aus Connellys gleichnamigen Roman von 2005 (dt. „Der Mandant“), treffen lässt.

Ärger mit der Nummer 13

Deutsche Titel für fremdsprachige Krimis … Darüber sollte man irgendwann ein Buch schreiben, denn selten manifestieren sich Ungeschick und Ahnungslosigkeit so deutlich wie in diesem Zusammenhang: Wie kann man ein Buch – das im Original hübsch doppeldeutig sowohl „Der Überblick“ als auch „Das Übersehen“ heißen könnte -, in dem es um den Raub radioaktiven und denkbar ‚heißen‘ Cäsiums geht, ausgerechnet KALTER Tod nennen? Und wenn wir schon solche Fragen stellen: Wieso erscheint der 13. Harry-Bosch-Roman hierzulande VOR „Echo Park“, dem 12-ten? Diverse wichtige Vorkenntnisse bleiben dem Leser so vorbehalten.

Dessen ungeachtet ist die Nummer 13 ganz und gar keine Unglückszahl. Dabei ist „Kalter Tod“ eigentlich gar kein ‚richtiges‘ Buch. „The Overlook” veröffentlichte Connelly in 16 Fortsetzungen in der “New York Sunday Times”. Das erklärt die relative Kürze sowie eine Gliederung, die das „Fortsetzung folgt“ am Schluss manches Kapitel noch ahnen lässt – marginale Anmerkungen zu einem Roman, der sich gleichrangig in eine weiterhin hochwertige Krimi-Serie integriert.

Autor

Michael Connelly wurde 1956 in Philadelphia geboren. Den Büchern von Raymond Chandler verdankte der Journalismus-Student der University of Florida den Entschluss, sich selbst als Schriftsteller zu versuchen. Zunächst arbeitete Connelly nach seinem Abschluss 1980 für diverse Zeitungen in Florida. Er profilierte sich als Polizeireporter. Seine Arbeit gefiel und fiel auf. Nach einigen Jahren heuerte die „Los Angeles Times“, eine der größten Blätter des Landes, Connelly an.

Nach drei Jahren in Los Angeles verfasste Connelly „The Black Echo“ (dt. „Schwarzes Echo“), den ersten Harry-Bosch-Roman, der teilweise auf Fakten beruht. Der Neuling gewann den „Edgar Award“ der „Mystery Writers of America“ und hatte es geschafft.

Michael Connelly arbeitet auch für das Fernsehen, hier u. a. als Mitschöpfer, Drehbuchautor und Berater der kurzlebigen Cybercrime-Serie „Level 9“ (2000). Mit seiner Familie lebt der Schriftsteller in Florida. Über das Connellyversum informiert stets aktuell diese Website.

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