Kupferglanz

Leena Lehtolainen
Kupferglanz
Maria Kallio 3

Kuparisydän, Finnland, 1995
Argument Verlag, Hamburg, 1999, 3. Auflage: 05/2015
TB, ariadne krimi 1118
ISBN 978-3-88619-848-1
Aus dem Finnischen von Gabriele Schrey-Vasara mit freundlicher
Unterstützung des Instituts für finnische Literatur
Titelgestaltung von Martin Grundmann unter Verwendung des Fotos
„Lake in Finand in the evening light“ von Sandra Kemppainen – Fotolia.com

www.argument.de
www.ariadnekrimis.de
www.leenalehtolainen.fi/
www.leena-lehtolainen.de/
www.martingrundmann.de

Kupferglanz
Titel erhältlich bei Amazon.de
Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de
Titel erhältlich bei eBook.de

Die finnische Autorin Leena Lehtolainen verfasste neben mehreren Büchern in verschiedenen Genres bislang zehn Kriminalromane, in denen die Juristin und Kriminalhauptmeisterin Maria Kallio ermittelt. Im Argument Verlag ist in Neuauflage der dritte Fall der Hauptfigur erschienen: „Kupferglanz“. Hat der Band gefallen, findet man die weiteren Titel bei rororo und Kindler. Liest man die Biografie der Autorin (Wikipedia), stellt man fest, dass die Themen, die sie in ihren Romanen verarbeitet, regelmäßig wiederkehren, da sie offenbar in ihrem eigenen Leben von großem Belang sind. Beispielsweise handelt ihr erstes veröffentlichtes Buch, ein Jugendroman, den sie als Teenager schrieb, von einer jungen Band; und in einem Familienroman geht es um Selbstfindung und die Auseinandersetzung mit dem persönlichen Schicksal. Das sind Motive, die auch die „Maria Kallio“-Serie prägen.

Marias Leben hat keinen Fixpunkt mehr: Sie hat ihren Job in einer Anwaltskanzlei verloren, und ihr Freund Antti weilt seit seiner Promotion für ein Jahr in den USA. Da sie nicht untätig in seiner Wohnung herumsitzen will und auch nicht die ganze Zeit bei ihm in Chicago sein kann, nimmt sie die auf ein halbes Jahr befristete Stelle als stellvertretende Ortspolizeidirektorin in ihrer Heimatstadt Arpikylä an. Eigentlich hatte Maria nicht mehr in das spießige Provinznest zurückkehren wollen, doch im Alter von fast 30 Jahren möchte sie ein wenig ihre Wurzeln ergründen: die Eltern, Geschwister und alte Bekannte neu kennenlernen. Sie zieht in das Haus ihres Onkels ein, der seit einem Schlaganfall im Krankenhaus liegt. Die Vermutung, dass sie in Arpikylä kaum mehr zu tun bekommt, als Strafzettel für Trunkenheit am Steuer und zu schnelles Fahren auszustellen, wird schnell widerlegt.

In der Nacht der Neueröffnung der stillgelegten Kupfermine als Museum stürzt eine politisch engagierte Künstlerin vom Turm. Alles weist darauf hin, dass jemand sie hinabgestoßen hat. Die Spuren führen ausgerechnet in Marias Bekanntenkreise, und mehr als einer hätte ein Tatmotiv gehabt, auch Johnny, ihre große Jugendliebe, denn Meritta hatte ihre Affäre mit ihm gerade beendet. Wenig später wird Jaska, Merittas Bruder, mit dem Maria, als sie alle noch zur Schule gingen, in einer Band gespielt hatte, ermordet auf dem Gelände der Mine gefunden. Maria bereut nun, dass sie das Gespräch mit ihm verschoben hat, obwohl er angedeutet hatte, etwas zu wissen und daraus Kapital schlagen zu wollen. Er hinterlässt Maria einen mysteriösen Schlüssel, der Meritta gehörte. Ahnend, dass sie den Täter entlarven kann, wenn sie herausfindet, in welches Schloss er passt und was die Künstlerin so sorgsam hütete, beginnt Maria zu suchen, fördert aber zunächst nur die schmutzige Wäsche ihrer alten Freunde zu Tage.

Die Krimi-Handlung hält sich die Waage mit einer Beschreibung des vorgeblich beschaulichen Lebens in einer finnischen Kleinstadt, in der jeder, der sich nicht in die Spießigkeit der Alten fügt, als Rebell gilt und es entsprechend schwer hatte und hat – und das trotz der skandinavisch aufgeschlossenen, flexiblen Lebensweise. Man ist beim Lesen sofort fasziniert von der Einstellung, die die Hauptfigur Maira Kallio zu sich selbst und ihrem Umfeld hat. Dadurch unterscheiden sie und ihre Landsleute sich deutlich von den viel konservativer denkenden und lebenden Deutschen.
Beispielsweise ist es für Maria kein großes Ding, als junge Frau ihrem Heimatort den Rücken zu kehren und nach dem Erlernen von zwei Berufen alsbald an einem anderen Ort Fuß zu fassen. Nach dem Verlust ihrer Stelle braucht es auch kein langes Überlegen, nach Hause zurückzukehren und für wenige Monate als Vertretung zu arbeiten. Das Aufgeben von Wohnungen und das Zurücklassen von Familie und Freunden tangiert sie dabei kaum. Wieder in Arpikylä erneuert sie rasch die alten Freundschaften und stellt fest, dass die Stinkstiefel von früher dieselben geblieben sind.

Obwohl Maria mit Antti fest liiert ist und er immer wieder um ihre Hand anhält, ist sie unsicher, ob das wirklich die für sie richtige Zukunft ist, insbesondere weil die Ehen vieler Bekannter problematisch oder gescheitert sind. Dies trifft auch auf die von Johnny zu, der prompt wieder in ihr Leben tritt und in diesem anscheinend die Rolle an ihrer Seite einnehmen möchte, die sie sich immer erträumt hatte. Die Versuchung, sich diese Sehnsucht zu erfüllen, ist groß, aber nicht nur ist Johnny für etliche Seitensprünge bekannt, sondern er steht auch unter Mordverdacht. Maria hält sich zurück und begreift allmählich, dass die Jahre jeden verändert haben und dieser Mann nicht der Johnny ist, in den sie verliebt war. Ganz am Rande wird thematisiert, was viele Finnen bewegt: die Nähe zu Russland, die Angst vor Diebesbanden (Autodiebstähle) oder gar militärischen Übergriffen; die Ablehnung von zu viel ‚schwedischer‘ Offenheit, die sich durch Duzen und andere neue Ideen ausdrückt; die Furcht vor Überfremdung durch radikale Flüchtlinge (Somalier), welche ständig mit Skinheads aneinandergeraten, und die damit verbundene Akzeptanz rechtsnationaler Strömungen. Das Buch wurde 1995 geschrieben, vor gut 20 Jahren, und die Sorgen von damals sind heute nicht minder aktuell! Was sich gegenwärtig in Europa abspielt, war schon vor Jahrzehnten absehbar und wurde von der Politik verharmlost, verschwiegen bzw. ignoriert.

Die Aufklärung der Verbrechen verläuft relativ ruhig, unspektakulär und darum sehr realistisch. Zwei Morde sind geschehen, die miteinander in Zusammenhang stehen. Unklar ist das Motiv im Fall von Meritta, wohingegen auf der Hand liegt, dass Jaska erschlagen wurde, weil er den Täter erpressen wollte. Es schmerzt Maria, dass sie einige ihrer Freunde verdächtigen muss, aber sie nimmt ihren Beruf ernst und ermittelt teils inoffiziell, was ihr viel Entgegenkommen beschert. Tatsächlich führt der Schlüssel aus Merittas Besitz auf den letzten Seiten zur Aufklärung. Nachdem lange im Dunkeln getappt wurde, gibt es jetzt eine schlüssige Überraschung und sogar etwas Action als Höhepunkt. Dabei wurde nichts dem Zufall überlassen, sodass das Ende rundum überzeugt. Nebenbei werden die Weichen für die weiteren in sich abgeschlossenen Romane gestellt.

„Kupferglanz“ ist mehr als nur ein realistischer Krimi, bei dem die Spannungskurve stetig ansteigt bis zur Auflösung. Er ist zugleich auch ein Sittengemälde, das  beschreibt, wie die offene finnische Gesellschaft funktioniert und wie doch jeder mit seinen Problemen letztendlich allein zurechtkommen und seinen Platz in ihr finden muss. Die Protagonisten reflektieren sehr viel und stellen das eigene Wohl über das gemeinsame, sind für die Selbstverwirklichung und für das, was sie persönlich für richtig halten, auch bereit, eine intakte Partnerschaft zu opfern. Von daher darf man gespannt sein, wie zum einen Maria Kallios nächster Fall verlaufen wird und ob zum anderen ihre Gefühle für Antti stärker sind als die Zweifel an ihrer Eignung für eine Zukunft als berufstätige Ehefrau und Mutter.

Ein wirklich reizvolles, lesenswertes Buch für die Freunde subtiler Krimis, in denen ‚starke Frauen‘ durch Intelligenz und Ausdauer die Fälle lösen und deren harte Arbeit mit dem komplizierten Privatleben ein rundes, nachvollziehbares Ganzes ergibt!

Copyright © 2016 by Irene Salzmann (IS)

Titel erhältlich bei Amazon.de
Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de
Titel erhältlich bei eBook.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.