Letzte Warnung

Michael Connelly
Letzte Warnung
(Harry-Bosch-Serie, Bd. 9)

Originaltitel: Lost Light (Boston : Little, Brown and Company 2003)
Übersetzung: Sepp Leeb
Deutsche Erstausgabe: November 2005 (Heyne Verlag/Heyne Paperback 43153)
415 S.
ISBN-13: 978-3-453-43153-9
eBook: September 2014 (Knaur Verlag)
1247 KB
EUR 9,99
ISBN-13: 978-3-426-42586-2

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Das geschieht:

Vor zehn Monaten hat Harry Bosch seinem Dienstherrn, dem Los Angeles Police Department, den Bettel vor die Füße geworfen Diese Entscheidung bereut er längst, denn er ist Polizeiermittler mit Leib und Seele. Notgedrungen beschäftigt er sich als Privatmann mit alten, ungeklärten Fällen. Besonders nahe ging ihm vor vier Jahren die Ermordung der jungen Hollywood-Produzentin Angella Benton. Sie arbeitete für Eidolon Productions, die erfolgreiche Firma von Alexander Taylor, der Angella ebenfalls nicht vergessen kann. Auch Bosch und er kennen sich, denn zufällig hatte der Polizist sich am Drehort eines von Eidolon produzierten Films aufgehalten, als dieser von bewaffneten Gangstern überfallen wurde, die 2 Mio. Dollar raubten, welche in einer Filmszene Verwendung finden sollten. Dieser Fall blieb ebenfalls offen. Von einem ehemaligen Kollegen erfährt Bosch, dass Martha Gessler, eine FBI-Agentin, sich für den Raub interessierte. Kurze Zeit später verschwand sie und blieb bisher verschollen.

Seltsame Querverbindungen deuten sich an. Bosch möchte alte Kontakte bei der Polizei und beim FBI aufleben lassen. Statt ihm zu helfen mauert man und droht ihm sogar mit Unannehmlichkeiten, sollte er seine Ermittlungen nicht umgehend einstellen. Wie es für ihn typisch ist, lässt Bosch sich nicht einschüchtern. Er hakt intensiv nach und bringt in Erfahrung, dass sich die noch junge „Rapid Response Enforcement and Counter Terrorism“-Einheit sich in den Fall – oder die Fälle – eingemischt hat. Nach der Terrorattacke auf das World Trade Center im September 2001 ist sie Teil des „Feldzugs gegen das Böse“, den die Bush-Regierung auch innerhalb der USA führen lässt – eine paramilitärische, strikt auf ihre „Mission“ ausgerichtete Gruppe mit weitem gesetzlichen Handlungsspielraum, die sich dem Gesetz indes nicht verpflichtet fühlt.

Auch Bosch bekommt den Zorn der REACT-Truppe zu spüren. Da ihn Druck „von oben“ seit jeher anstachelt, intensiviert er seine Ermittlungen. Doch zum ersten Mal muss er erfahren, wie angreifbar ein Privatmann und Bürger in den USA geworden ist: Der Verdacht auf „terroristische Konspiration“ ist seinen Gegnern mehr als „Grund“ genug, den Drohungen Taten – und Killer – folgen zu lassen …

Erst zuschlagen, dann keineswegs fragen

Harry Bosch‘ aktueller Fall spielt vor der Kulisse eines Amerikas nach dem 9. September 2001. Die Zerstörung des World Trade Centers durch Terroristen hat die USA erst in den kollektiven Schock und dann in blinden Aktionismus getrieben. Verständlicherweise soll so eine Tragödie sich nie wiederholen. Amerika rüstet seit 2001 auf – nach Außen und nach Innen. Dabei werden Gesetze mit Füßen getreten, welche die Privatsphäre des Bürgers bisher schützten. Nunmehr genügt es – überspitzt ausgedrückt – jemanden „terroristischer Umtriebe“ zu verdächtigen, um seine Grundrecht weitgehend außer Kraft zu setzen.

In „Letzte Warnung“ spielt Connelly durch, was das konkret bedeuten kann. Eine „REACT“-Einheit gibt es in Los Angeles nicht. Ähnliche Gruppen, die Elemente der Polizei, des Militärs und des Geheimdiensts in sich vereinigen, sind freilich durchaus real. Das Gefährliche ist: Sie stehen quasi außerhalb des Gesetzes, das auch für potenzielle Terroristen zunächst gilt, um auf diese Weise möglichen Gewalttaten vorgreifen zu können.

Das an sich Nützliche trägt den Keim des Verderbens freilich bereits in sich: „Wer bewacht den Wächter?“ heißt ein altes Sprichwort. Gruppen wie Connellys „REACT“ lassen sich schwer kontrollieren. Stattdessen könnten ihre Mitglieder auf den Gedanken kommen, das Gesetz in die eigene Hand zu nehmen, welches von seinen demokratisch gewählten Repräsentanten = Waschlappen, Zauderern, Schwätzern – nicht wirklich durchgesetzt wird. Womöglich sind die Gesetze zu lasch?

Bittere Medizin in unterhaltsamer Dosis

Dies denken ohnehin jene in Staat und Militär, die man als „Falken“ bezeichnet und die „das Böse“ prinzipiell mit blanker Waffe zu Boden strecken und austilgen wollen. Unter ihrem Befehl verwandeln sich Gruppen wie „REACT“ zum idealen Instrument, denn sie schlagen erst zu und stellen erst dann – vielleicht – Fragen.Titel bei Amazon.de [eBook]
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Connellys Harry-Bosch-Romane sprengten seit jeher die Grenzen des Krimigenres, wenn sie das Thriller-Element betonten: Die wahre Gefahr in dieser Welt geht nicht von verrückt-genialen Serienkillern aus, sondern von verblendeten Fanatikern, gewissenlosen Fundamentalisten sowie gesichtslosen „Eliten“, denen es ausschließlich um Geld und Macht geht. Connelly formuliert „Letzte Warnung“ als Etappe auf US-Amerikas Weg zum Polizeistaat, dessen Führung (dieses Wort wird hier mit Bedacht verwendet) seine Bürger „zu ihrem Besten“ unmündig hält und als nützliche Idioten behandelt und nach Strich & Faden ausnutzt.

Michael Connelly wäre nicht Michael Connelly, wenn er seine Botschaft der Leserschaft nicht höchst unterhaltsam nahe brächte. „Letzte Warnung“ ist geschickt geplottet, dazu flott & spannend geschrieben, reich an unerwarteten Wendungen und sicherlich ein Muss für die Freunde des richtig guten Cop-Thrillers. Auch hierzulande hat sich das inzwischen herumgesprochen.

Machtlos gestrandet aber keineswegs wehrlos

Zum ersten Mal schreibt Hieronymus „Harry“ Bosch (die Feder führt ihm Michael Connelly) selbst eines seiner kriminalistischen Abenteuer auf. Der Zeitpunkt für diesen Perspektivenwechsel ist klug gewählt: Bosch ist nunmehr Privatmann. Viel Zeit hat er nun, in der er sich notgedrungen mit sich, seinen Plänen (er hat keine) und Träumen (weiterhin will er die Welt vom Bösen reinigen) auseinandersetzen muss. Dieser Konflikt spielt sich in seinem Inneren ab und stellt eine der Handlungsebenen dar, mit denen Connelly seine Leser dieses Mal unterhält.

Bosch ging im Zorn und zunächst erleichtert. Im Dienst der guten Sache – dem Kampf gegen das Verbrechen – hat er sich in jahrzehntelanger Polizeiarbeit aufgerieben. Mit allen hat er sich dabei angelegt – mit den Vorgesetzten, mit eigentlich zur Kooperation verpflichteten, tatsächlich aber konkurrierenden Polizeibehörden, mit Staatsanwälten, Politikern, den Medien. Sie alle haben ihm im Verlauf für sie oft unbequemer Ermittlungen Steine in den Weg gelegt, ihn mundtot zu machen, gar zu vernichten versucht.

Nun hat Bosch seine Ruhe aber Zufriedenheit will sich nicht einstellen. Die eigentliche Polizeiarbeit, das Ermitteln in Mordfällen, fehlt ihm. Außerdem muss er feststellen, dass ein Kriminalist ohne Polizeimarke in seinen Möglichkeiten stark eingeschränkt ist – eine Quelle neuer Frustrationen. Schließlich lässt ihn sein Privatstatus für alte und neue Gegner angreifbar werden.

Blüht unter Druck, schliddert auf Seife

Denn Gegner macht sich natürlich auch der ‚neue‘ Harry Bosch reichlich. Die Reichen und Mächtigen hassen es, wenn man ihnen im Glanz ihrer Privilegien gleichgültig oder gar respektlos entgegen tritt. Wichtiger als die Dienstvorschrift sind die komplexen ungeschriebenen Regeln, die den Umgang mit Kollegen und Konkurrenten, mit „wichtigen“ und „unwichtigen“ Bürgern fixieren. Harry Bosch akzeptiert nicht, dass manche Menschen gleicher sind als andere. Seine Konsequenz, deren unmittelbare und mittelbare Folgen Connelly meisterhaft in Szene zu setzen weiß, macht Bosch zu einer kantigen aber liebenswerten Person bzw. Persönlichkeit, an deren Schicksal man als Leser Anteil nimmt.

Teil der Handlungsebene „Bosch privat“ ist Harrys Entdeckung, dass ihm seine Ex-Frau die Existenz einer gemeinsamen Tochter verschwiegen hat. Um diese Tatsache ranken sich die üblichen seifenoperlichen Verwicklungen. Sie passen gar nicht ins Konzept eines straff und überzeugend geplotteten Thriller-Krimis, sondern wirken wie ein Zugeständnis an jene, die unbedingt „etwas fürs Herz“ auch in ihrer Krimilektüre suchen. Harrys familiäre Sorgen werden sich auch in „Die Rückkehr des Poeten“, dem 10. Bosch-Band, und dort sogar noch unerquicklicher fortsetzen.

Was wir daraus lernen: Harry Bosch ist kein Familienmensch; jedenfalls vermag ihn Connelly als solchen nicht überzeugend in Szene zu setzen. Bosch ist ein Getriebener, der sich mit dem Verbrechen und dem System gleichermaßen anlegt. In dieser Rolle ist er großartig. Connelly hat es rasch selbst gemerkt. Seit „The Closers“ (2005; dt. „Vergessene Stimmen“) ist Bosch wieder beim LAPD und berichtet auch nicht mehr aus der Ich-Perspektive.

Autor

Michael Connelly wurde 1956 in Philadelphia geboren. Den Büchern von Raymond Chandler verdankte der Journalismus-Student der University of Florida den Entschluss, sich selbst als Schriftsteller zu versuchen. Zunächst arbeitete Connelly nach seinem Abschluss 1980 für diverse Zeitungen in Florida. Er profilierte sich als Polizeireporter. Seine Arbeit gefiel und fiel auf. Nach einigen Jahren heuerte die „Los Angeles Times“, eine der größten Blätter des Landes, Connelly an.

Nach drei Jahren in Los Angeles verfasste Connelly „The Black Echo“ (dt. „Schwarzes Echo“), den ersten Harry-Bosch-Roman, der teilweise auf Fakten beruht. Der Neuling gewann den „Edgar Award“ der „Mystery Writers of America“ und hatte es geschafft.

Michael Connelly arbeitet auch für das Fernsehen, hier u. a. als Mitschöpfer, Drehbuchautor und Berater der kurzlebigen Cybercrime-Serie „Level 9“ (2000). Mit seiner Familie lebt der Schriftsteller in Florida. Über das Connellyversum informiert stets aktuell diese Website.

Copyright © 2017 by Michael Drewniok (md)

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