Lunatic

Richard Montanari
Lunatic

(Balzano-&-Byrne- oder Philadelphia-Serie, Bd. 3)

Originaltitel: Merciless [US-Titel]/Broken Angels [UK-Titel] (London : Arrow Books Ltd. 2007/New York : Ballantine Books 2007)
Übersetzung: Karin Meddekis
Deutsche Erstausgabe (Paperback): Mai 2008 (Luebbe Verlag)
477 S.
ISBN-13: 978-3-7857-2324-1
Neuausgabe: Januar 2010 (Bastei-Lübbe-Verlag/Allgemeine Reihe 16384)
477 S.
ISBN-13: 978-3-404-16384-7
eBook: März 2012 (Bastei-Lübbe-Verlag/Bastei Entertainment)
1841 KB
ISBN-13: 978-3-8387-1741-8
Hörbuch: Mai 2008 (Lübbe Audio)
Sprecher: Matthias Koeberlin
5 CD (ca. 450 min.)
ISBN-13: 978-3-7857-3542-8

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Das  geschieht:

Gerade ist Kevin Byrne, Beamter der Mordkommission der Stadt Philadelphia, aus dem Urlaub zurück, als ihm und seiner Partnerin Jessica Balzano ein neuer, bizarrer Fall zugewiesen wird: Am Ufer des Schykill Rivers fand man die Leiche einer jungen Frau, die nicht nur erdrosselt, in ein altmodisches Kostüm gekleidet und sorgfältig sitzend drapiert wurde: Der Mörder hat ihr auch beide Füße abgesägt, die man später in roten Schuhen zur Schau gestellt an anderer Stelle entdeckt.

Die Ermittlungen führen in die Unterwelt der Stadt, denn Kristina Jakos, so hieß das Opfer, arbeitete als „exotische Tänzerin“ für einen Nachtclub-Besitzer mit Mafia-Verbindungen. Leider erweist sich die vielversprechende Spur als Sackgasse. Ein zweiter Mord am Fluss – dieses Mal hält die tote, immerhin nicht verstümmelte Frau eine Nachtigall zwischen ihren gefalteten Händen – lässt sich nicht mit dem Verdächtigen in Verbindung bringen.

Stattdessen muss sich die Polizei der unangenehmen Wahrheit stellen: Ein irrer Serienkiller geht um, der – so stellt sich bald heraus – schon früher mordete und sein Werk fortzusetzen gedenkt. Was für die Medien ein gefundenes Fressen ist, wird für die Polizei zum Wettlauf um Leben zu Tod. Der Druck auf die Beamten wächst, als ein hochrangiger Ex-Polizist grausam umgebracht wird. Was hat diese Tat mit den Morden am Fluss zu tun?

Als Byrne die Wahrheit dämmert, ist es fast zu spät: Weitere Serienmörder treiben ihr Unwesen! Der Detective muss klären, ob diese mit „Moon“, dem Flussmörder, zusammenarbeiten. Das Leben seiner Kollegin hängt davon ab, denn Jessica Balzano und eine weitere Polizisten drohen ahnungslos in Moons Versteck zu stolpern …

Alles wie üblich, nur noch verrückter

Der Serienkiller in Film und Krimi wird spätestens seit 1989 durch Hannibal Lecter definiert. Will er erfolgreich sein, muss er – meist handelt es sich, soviel Realität muss sein, um einen Mann – seitdem gleichzeitig a) völlig verrückt und b) amoralisch aber c) hochintelligent und d) mindestens ansehnlich sein sowie e) über eine faszinierende Persönlichkeit verfügen, die ihn für das weibliche Publikum erotisch anziehend wirken lässt.

Über die Schlüsse, die der versierte Psychologe vor allem aus e) ziehen könnte, wollen wir uns hier ausschweigen, da nachweislich keine allzu große Gefahr besteht, dass realiter ein „Moon“ aus dem Gebüsch springt und seiner Bewunderin zeigt, was ein echter Psychopath ist. Im Falle unseres Romans verzichtet Verfasser Montanari ohnehin auf d) und e) und beschränkt sich auf die ersten drei Merkmale. Das ist erstaunlich, denn er begibt sich dadurch freiwillig noch ein gutes Stück tiefer in die Sackgasse, die er selbst geschaffen hat.

Denn sogar Mr. Lecter langweilte auf die Dauer, weshalb seine Übeltaten immer aufwändiger und exotischer, d. h. bizarrer werden mussten. Sein Opfer nach dessen Ende zu verspeisen ist längst keine Übeltat mehr, die den Zuschauer/Leser (diese Doppelung wird hier mit Bedacht gewählt) in Angst und Schrecken versetzen könnte: Alles schon dagewesen.

Genau das ist das Problem des aktuellen Killer-Thrillers: Was das halbwegs gesunde Menschenhirn an Obsessionen, Foltern und Metzeleien ausbrüten kann, ist im Rahmen des gesetzlich Gestatteten inzwischen geschehen. Montanari hat die Herausforderung dennoch angenommen. Bewältigt hat er sie, soviel sei vorweggenommen, nicht.

Tempo plus Handwerk schlägt Logik und Tiefe

Um nicht mit den negativen Seiten, weil diese gar nicht so stark zu Buche schlagen, lassen wir dies zunächst so stehen und wechseln zum Erfreulichen: „Lunatic“ ist als Bestseller und Pageturner entworfen und umgesetzt – und die Rechnung geht auf! Unter Verzicht auf jede Originalität bedient sich Montanari der einschlägigen Klischees des Genres auf unerwartet geschickte Weise. Handwerklich hat er seine Geschichte voll im Griff. Er lässt sie Haken schlagen, führt sie auf Seitenstraßen, mit denen der Leser nicht rechnet, schürt dadurch die Spannung und lässt nicht eine Sekunde Ruhe einkehren. Montanari gelingt sogar (noch), woran Jeffery Deaver, zu dem sich diverse Gemeinsamkeiten feststellen lassen, mehr und mehr scheitert: der finale Twist, der die Story quasi innerhalb weniger Zeilen in Frage stellt und uns mit einer völlig neuen Sicht derselben entlässt.

Der eigene Schwung trägt die Handlung über die gewaltigen Logiklöcher. Schlägt man das Buch endlich zu – was vor der letzten Seite kaum geschehen wird – und lässt sich das Gelesene noch einmal durch den Kopf gehen, kommt man aus dem Kopfschütteln darüber, wie man sich hat an der Nase herumführen lassen, kaum mehr hinaus. Die Verzahnung der diversen Serienkiller und Rachemörder, die dem Geschehen zu Grunde liegt, geht über den Zufall weit, weit hinaus. Andererseits schlägt das wahre Leben gern die menschliche Vorstellungskraft, sodass man in dieser Hinsicht kein schlechtes Gewissen haben muss.

Glücklich ist übrigens derjenige Leser, der mit „Lunatic“ zum  ersten Roman der nun zur Trilogie angewachsenen Serie um die Detectives Byrne & Balzano gegriffen hat. Der zur Ökonomie neigende und kühl auf den Effekt trimmende Verfasser bedient sich einer – objektiv-freundlich ausgedrückt – Story-Konstruktion, die sehr an die beiden ersten Bände erinnert. Schräge Killer scheinen die beiden Hauptfiguren zu lieben. Oder ist Philadelphia als Lebens- und Arbeitsstätte für wahre Schnetzelkünstler besonders attraktiv?

Figuren nach Maß

Kevin Byrne und Jessica Balzano sind wie die zahlreichen Nebenfiguren im Grunde Stereotypen. Jeder gute US-Cop hat eine Leiche im Keller, wird von privaten Problemen gebeutelt, knabbert an einer schrecklichen Erfahrung. Meist trifft alles mehr oder weniger zu. Hier zagt Byrne, weil sein stummes (!) Töchterlein zur Frau erblüht und ihren Daddy womöglich nicht mehr benötigt. Das tut er im Chor mit Balzano, die als überfürsorgliche Mutter ihren Spross am liebsten im Keller vor der bösen Welt einschließen möchte. Sollte das nicht ausreichen, kann sich Byrne noch um seinen Vater (wird alt & wunderlich) oder die allgemeinen Schrecken des Alltags den Kopf zerbrechen.

Montanari lässt zusätzlich den Connolly-Faktor einfließen: Byrne ist einst in den Fluss gefallen und hat seither das zweite Gesicht. Das ist praktisch, wenn sich die Handlung gar zu sehr verheddert, was sich durch eine ‚Vision‘ richten lässt. Zudem sind Byrnes Geistesblitze in der Regel so kryptisch, dass sich der Verfasser nicht festnageln lässt, wenn es dann doch ganz anders kommt.

Er ist halt ein Guter, dieser Kevin Byrne, dessen Verhältnis – Dienst oder mehr? – zu Jessica Balzano auch weiterhin nicht wirklich ausgelotet wird. Glücklicherweise ist er ob der vielen Schicksalsschläge und unerfreulichen Erlebnisse nicht zum Griesgram geworden – ein Klischee, dessen Abwesenheit der Leser freudig zur Kenntnis nimmt. Byrne verfügt über Humor und die Fähigkeit zur Selbstironie (wovon sich die leider deutlich blassere Balzano ein Scheibchen abschneiden könnte), wie Montanari überhaupt immer wieder eine gut gewählte Gelegenheit findet, seine düstere Story mit einem trockenem, ziemlich schwarzen Gag aufzuhellen. Da funktioniert sogar die Figur eines amischen Ermittlers, der die nahe liegenden Witze über seine Religionsgemeinschaft vorsichtshalber selbst reißt, ohne dabei in billigen Klamauk zu verfallen.

„Moon“ macht nicht süchtig

Trotz intensiver Arbeit an und mit seinem Märchenbuch-Schlitzer „Moon“ ist dieser – so paradox es klingt – eine eher konventionelle Figur. Wir erleben ihn lange in den üblichen Kursivschrift-Einschüben, die nur Schlaglichter auf sein Denken und Handeln werfen. Das ist klug so, denn wie üblich entpuppt sich der tausend tollen Polizisten trotzende Bösewicht schließlich als ziemlich armes Würstchen: Einen Norman Bates aus dem Reich der Wikinger könnte man ihn nennen – keine Sorge, das ist kein Spoiler –, und man wundert sich, wie er sein mörderisches Spiel so lange durchziehen konnte ohne erwischt zu werden. So dicht sind auch in Pennsylvania die Wälder heute nicht mehr, dass sich dort ein „Moon“ sein privates Horrorkabinett einrichten könnte!

Da sind „Moons“ ‚Konkurrenten‘ aus anderem Holz geschnitzt! Zum Zwang des Auftrumpfens gehört es im modernen Maniac-Thriller, dass ein Serienkiller manchmal nicht mehr ausreicht, um für den nötigen Horror zu sorgen. Man schlachtet im Team oder ignoriert einander, doch der eigentliche Effekt ist gesichert: Die Polizei tappt völlig verwirrt im Dunkeln. Wer kommt schon darauf, dass es mehr als einen Lecter geben könnte? (Eigentlich jeder erfahrene Leser, was als Fakt von den Autoren des Genres wohlweislich ignoriert wird.) Während uns Montanari die Identität von „Moon“ bis zum Schluss nicht enthüllen mag, erfahren wir schon früh, wer sich hinter Meuchel-Team B verbirgt. Dieser Mörder wirkt wesentlich erschreckender, denn sein Wahnsinn verrät Methode. (Montanari übertreibt es freilich, wenn er noch einen dritten Irren auftreten lässt.)

„Merciless“ – „Broken Angels“ – „Lunatic“

Unschuldig ist Montanari übrigens am Titel, den sein Roman in Deutschland trägt. „Lunatic“ ist an sich ein guter und den Kern der Story treffender Titel; verwunderlich, dass der Autor oder sein Verlag ihn nicht selbst wählten. Er ist allerdings englisch – oder sollten wir besser sagen: „denglisch“? Über den ‚Sinn‘ dieser Betitelung lässt sich nur rätseln. Soll „Lunatic“ Weltläufigkeit demonstrieren? Soll der Titel besser in die Reihe „Crucifix“ – „“Mefisto“ – „Lunatic“ passen (bzw. passend gemacht werden)? Ist es altmodisch zu wünschen, dass deutsch übersetzte Bücher deutsche Titel tragen?

Egal: Unter jedem Titel liest sich dieser Roman quasi von selbst und liefert leichte Lektüre ohne nachträglichen Ärger über vergeudete Zeit. Das ist eine Leistung, die auf dem von Instant-Thrillern terrorisierten Buchmarkt keinesfalls selbstverständlich ist.

Autor

Richard Montanari (geb. 1952 in Cleveland, US-Staat Ohio) entstammt einer US-amerikanisch (Byrne!) – italienischen (Balzano!) Familie. Als junger Mann reiste er ausgiebig durch Europa und schlug sich mit verschiedenen Gelegenheitsjobs durch, bevor er in die USA zurückkehrte und einige Jahre in der väterlichen Baufirma arbeitete.

Montanari sattelte um, wurde freier Journalist und schrieb Artikel für unzählige Zeitungen und Zeitschriften. Anfang der 1990er Jahre schrieb er seinen Romanerstling „Deviant Way“. Er fand einen Literaturagenten und einen Verlag. Nachdem „Deviant Way“ 1996 als bestes Krimidebüt des Jahres mit einem „On-Line Mystery Award“ ausgezeichnet wurde, konnte Montanari einen Zwei-Romane-Vertrag mit einem renommierten Buchverlag abschließen. Zum weltweiten Durchbruch verhalf ihm 2005 der erste Band der „Philadelphia“-Serie um das Polizisten-Duo Kevin Byrne und Jessica Balzano.

Über Leben und Werk unterrichtet der Autor auf seiner sehr professionell layouteten aber informationsarmen Website.

Copyright © 2009/2017 by Michael Drewniok (md)

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