Mädchengrab

Ian Rankin
Mädchengrab

(Inspector-Rebus-Serie, Bd. 18)

Originaltitel: Standing in Another Man’s Grave (London : Orion Books 2012)
Übersetzung: Conny Lösch
Deutsche Erstausgabe (geb.): März 2013 (Manhattan im Goldmann Verlag)
507 S.
ISBN-13: 978-3-442-54722-7
Neuausgabe: Mai 2014 (Goldmann Verlag/TB Nr. 48091)
507 S.
ISBN-13: 978-3-442-48091-3
eBook: März 2013 (Manhattan im Goldmann Verlag)
780 KB
ISBN-13: 978-3-641-09564-2
Hörbuch-Download (ungekürzt): März 2013 (der Hörverlag)
730 min., gelesen von Oliver Siebeck
ISBN-13: 978-3-8445-1098-0
Hörbuch-Download (gekürzt): März 2013 (der Hörverlag)
474 min., gelesen von Gottfried John)
ISBN-13: 978-3-8445-1097-3
MP3-CD: März 2013 (der Hörverlag)
474 min. (6 CDs, gekürzt), gelesen von Gottfried John
ISBN-13: 978-3-86717-985-0

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Das geschieht:

Zwar ist Detective Inspector John Rebus, der viele Jahre für die „Lothian and Borders Police“ der schottischen Großstadt Edinburgh tätig war, inzwischen pensioniert. Doch von der Ermittlungsarbeit kann er nicht lassen und arbeitet deshalb für die „Serious Crime Review Unit“. In dieser kleinen Abteilung werden ‚kalte‘, d. h. nie aufgeklärte Kapitalverbrechen aufgegriffen.

Aktuell hat sich Rebus in den Fall der 1999 verschwundenen Sally Hazlitt verbissen. Am Silvestertag hatte sie sich irgendwo in den schottischen Highlands quasi in Luft aufgelöst. Rebus überprüft die Faktenlage, erweitert den Fahndungsfokus – und stößt plötzlich auf weitere Frauen, die seit 1999 in der genannten Region vermisst gemeldet und nie gefunden wurden. Mehrfach wurde vom Handy dieser Frauen das Foto einer schottischen Landschaft verschickt.

Rebus‘ einstige Kollegen reagieren ablehnend auf seine Theorie, dass ein Serienkiller sein Unwesen in den Highlands treibt. Nur Siobhan Clarke, der Rebus einst ein Mentor war, lässt sich wieder einmal erweichen, ihm mit Informationen und Verbindungen zur Seite zu stehen. Dabei ist sie gewarnt, denn die Dienstaufsicht hält Rebus für einen Spitzel: Ausgerechnet mit seinem angeblichen Todfeind, dem Gangsterboss im (zweifelhaften) Ruhestand „Big Ger“ Rafferty, leert Rebus heutzutage manches Feierabend-Bier.

Aber mit der für Rebus typischen Eigendynamik kommt eine Fahndung zustande. Zwar möchte man ihn seitens der Polizei gern kaltstellen, aber Rebus kennt keine Scham, wenn es geht, sich an entscheidender Stelle einzumischen. Dieses Mal erregt er den Zorn seiner düpierten Vorgesetzten, als das mysteriöse Foto einem Ort zugeordnet werden kann und man dort ein Massengrab entdeckt …

Die Faszination des Widerstands

Da ist er also wieder: Sechs Jahre, nachdem Ian Rankin seine Erfolgsfigur John Rebus unter recht dramatischen Begleitumständen in den Ruhestand geschickt hatte, kehrt er zu ihr zurück. Man konnte ihn damals verstehen: Eine Erfolgsserie sollte man nicht zu Tode reiten, sondern aufhören, wenn es am Schönsten ist. 17 Rebus-Krimis hatte Rankin seit 1987 veröffentlicht; es wunderte nicht, dass ihn die Sorge plagte, ihm könnten die Ideen ausgehen.

Aber Rebus ist quasi die Personifizierung eines Unkrauts: Es wird nicht geliebt, hat aber seinen festen Platz in der Ökologie. Vor allem ist es zäh. Rankin selbst musste die erkennen, dass er eine Figur wie Rebus nicht ersetzen konnte. Er hat es versucht und Malcolm Fox erfunden, der jünger und dem System enger verbunden ist aber ansonsten ebenfalls in Edinburgh Kriminalbeamter ist. Mit hoher Wahrscheinlichkeit war das ein Kardinalfehler: Die Überschneidung ermöglichte den direkten Vergleich, in dem Fox schlechter abschnitt und abschneiden musste.

Wer nach einer Bestätigung sucht, wird sie im nun doch erscheinenden 18. Rebus-Roman finden: Malcolm Fox spielt eine größere Nebenrolle. Ob Rebus die Fox-Serie fortsetzen wird, ist unklar. Ein 19. Rebus-Krimi ist bereits angekündigt. Rankin hat seine Lektion begriffen: Rebus ist ein Quertreiber, Fox ein Langweiler. Wen die Leser stärker lieben, hat sich rasch herausgestellt.

Die alten Tricks in einem neuen Fall

Der Sieg gehört Rebus. Rankins Leser schätzen nicht nur die sorgfältig geplotteten Kriminalfälle, in die der Autor seine Figuren verwickelt. Ein offensichtlich unverzichtbares Beiwerk stellen Rebus‘ mehr oder weniger subtile oder subversive Angriffe gegen „das System“ dar. Rankin lässt es durch Malcolm Fox auf den Punkt bringen: Die moderne Polizei funktioniert bürokratisch, die Beamten folgen Vorschriften. ‚Abkürzungen‘ sind gefährlich, denn sie bringen das Element des Unkalkulierbaren ins Spiel. In der Jetzt-Welt bringt dies das labile Gleichgewicht in Gefahr, in dem Polizei, Politik und die Medien umeinander kreisen.

Rebus ist ein Dinosaurier, der bewusst Sand ins Getriebe streut und es damit außer Kontrolle bringt. Er beobachtet die Folgen und erkennt, wessen Maske ins Rutschen gerät. In „Mädchengrab“ widmet Rankin diesem Spiel innerhalb des (Fahndungs-) Spiel noch mehr Aufmerksamkeit als sonst. Der Kriminalfall scheint mehrfach in den Hintergrund zu rücken. Dies ist aber Absicht, denn Rankin schildert die Ereignisse aus der Sicht eines Außenstehenden: Rebus ist kein aktiver Polizist mit den dazugehörenden Verhörprivilegien mehr. Was im Fahndungsapparat vorgeht, muss er durch List und Tücke in Erfahrung bringen. Noch stärker als sonst kämpft Rebus an zwei Fronten: gegen einen Verbrecher, der dem System durch die Maschen zu schlüpfen droht, und gegen eine Polizei, die sich nicht aus der Deckung traut.

In diesem Spiel ist es wenig hilfreich, dass Rebus einen ganz speziellen ‚Freund‘ gefunden hat: Nachdem er in „Ein Rest von Schuld“ seinem Erzfeind „Big Ger Rafferty“ das Leben gerettet hatte, treffen sich die beiden alten Kämpen nun regelmäßig zum Bierchen. Einerseits versuchen sie einander weiterhin auszutricksen, andererseits wollen sie sich nicht eingestehen, dass es stimmt, was das Sprichwort sagt: Manchmal sind sich alte Feinde näher als Freunde.

Bewährtes toppt erzwungen Neues

Für Rankins Hausverlag, für sämtliche Auslandsverlage, die mit seinen Werken gut verdienen, und für Rankins Leser war die Rückkehr von Rebus eine Sensation. Der einzige, der daraus keine große Sache machte, war Rankin selbst. „Ein Rest von Schuld“ endete mit einem Knalleffekt, doch „Mädchengrab“ beginnt wie jeder ‚normale‘ Rebus-Krimi. Die Kritik maulte: Alles wie gehabt!

Selbstverständlich bleibt auch dem Leser nicht verborgen, dass der neue Rebus ganz der alte ist. Genau das hat er sich freilich gewünscht und freut sich, dass Rankin es ihm liefert. Angesichts des Charakters, mit dem der Autor seine Hauptfigur geschlagen hat, würden gravierende Änderungen ohnehin aufgesetzt wirken.

Lieber bringt Rankin frischen Schwung in die Handlung, indem er sie dieses Mal aus Edinburgh in die Highlands auslagert. Rankin ist ein ausgewiesener Kenner der schottischen Geschichte und Folklore, die er in seine Krimis einfließen lässt. Natürlich liest Rebus nicht grundlos ein Buch über schottische Sagen; Rebus muss (und soll) feststellen, dass sich auch das ‚alte‘ Schottland verändert hat: Rankin versorgt das Unterbewusstsein des ruhelosen Ermittlers mit Grübel-Futter, das die Grundlage für jene Gedankensprünge bildet, die Rebus dort durchblicken lassen, wo die Kollegen nur Regeln sehen, die es zu beachten gilt.

Auf dieser Basis kann und wird es weitergehen. Rebus kehrt wie gesagt zurück; er hat sogar die Unterlagen ausgefüllt, die ihm eine Rückkehr in den aktiven Dienst ermöglichen – die schottische Polizei hat das Pensionsalter angehoben. Ob ihm dieser Coup gelingt, lässt Rankin klug offen; ein kleiner Cliffhanger darf sein. Die Rebus-Gemeinde wird ihm ohnehin wieder folgen und – diese Annahme dürfte kein Risiko darstellen – abermals gut unterhalten werden.

Autor

Ian Rankin wurde 1960 in Cardenden, einer Arbeitersiedlung im Kohlerevier der schottischen Lowlands, geboren. In Edinburgh studierte er ab 1983 Englisch. Schon früh begann er zu schreiben. Nach zahlreichen Kurzgeschichten versuchte er sich an einem Roman, fand aber keinen Verleger. Erst der Bildungsroman „The Flood“ erschien 1986 in einem studentischen Kleinverlag.

Noch im selben Jahr ging Rankin nach London, wo er u. a. als Redakteur für ein Musik-Magazin arbeitete. Nebenher veröffentlicht er den Kolportage-Thriller „Westwind“ (1988) sowie den Spionage-Roman „Watchman“ (1990, dt. „Der diskrete Mr. Flint“). Unter dem Pseudonym „Jack Harvey“ verfasste Rankin in rascher Folge drei Action-Thriller. 1991 griff er eine Figur auf, die er vier Jahre zuvor im Thriller „Knots & Crosses“ (1987; dt. „Verborgene Muster“) zum ersten Mal hatte auftreten lassen: Detective Sergeant (später Inspector) John Rebus. Mit diesem gelang Rankin eine Figur, die im Gedächtnis seiner Leser haftete. Die Rebus-Romane ab „Hide & Seek“ (1991; dt. „Das zweite Zeichen“) spiegeln das moderne Leben (in) der schottischen Hauptstadt Edinburgh wider. Rankin spürt den dunklen Seiten nach, die den Steuerzahlern von der traulich versippten Führungsspitze aus Politik, Wirtschaft und Medien gern vorenthalten werden. Daneben lotet Rankin die Abgründe der menschlichen Psyche aus. Nachdem er Rebus 2007 in den Ruhestand geschickt hatte, begann Rankin 2009 eine neue Serie um den Polizisten Malcolm Fox, kehrte aber bereits 2012 zu seiner Erfolgsfigur zurück.

Ian Rankins Rebus-Romane kamen ab 1990 in Großbritannien, aber auch in den USA stets auf die Bestsellerlisten. Die renommierte „Crime Writers‘ Association of Great Britain“ zeichnete ihn zweimal mit dem „Short Story Dagger“ (1994 und 1996) sowie 1997 mit dem „Macallan Gold Dagger Award“ aus. 2004 wurde Rankin für „Resurrection Man“ (dt. „Die Tore der Finsternis“) mit einem „Edgar Award“, 2007 „The Naming of the Dead“ (dt. „Im Namen der Toten“) als „BCA Crime Thriller of the Year“ ausgezeichnet. Rankin gewann weiter an Popularität, als die britische BBC 2000 mit der Verfilmung der Rebus-Romane begann.

Ian Rankins Website ist höchst empfehlenswert; über die bloße Auflistung seiner Werke verwöhnt sie u. a. mit einem virtuellen Gang durch das Edinburgh des John Rebus.

Copyright © 2013/2017 by Michael Drewniok (md)

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