Messer, Gabel, Schere, Mord

Ann Granger
Messer, Gabel, Schere, Mord
(Mitchell-&-Markby-Serie, Bd. 4)

Originaltitel: Murder Among Us (London : Headline 1992)
Übersetzung: Axel Merz
Deutsche Erstveröffentlichung: Februar 2001 (Bastei-Lübbe-Verlag/Allgemeine Reihe 14479)
381 Seiten
ISBN-13: 978-3-404-14479-2
eBook: März 2011 (Bastei Entertainment)
6732 KB
ISBN-13: 978-3-8387-0697-9

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Das geschieht:

Über Bamford, einem Landstädtchen in England, braut sich ein der idyllischen Umgebung angemessener Sturm im Wasserglas zusammen. Ein ‚Ausländer‘ – der Schweizer Eric Schuhmacher – hat sich erdreistet, das Landhaus Springwood Hall zu kaufen und in ein elegantes Nobelrestaurant mit Hotel umzubauen. Zwar war das alte Gebäude nur noch eine Ruine. Trotzdem hat sich der energische Hotelier in Bamford Feinde gemacht. Vor allem die „Gesellschaft zur Bewahrung des Historischen Bamford“ verteufelt mit viel Elan, doch wenig Sachkenntnis den Umbau. Der „Alice-Batt-Schutzhof für Pferde und Esel“, den die junge Zoë Foster führt, soll weichen, da alte und kranke Huftiere in direkter Nachbarschaft zum neuen Landgasthaus die Augen und Nasen der vornehmen Gäste beleidigen.

So herrscht wenig Harmonie zwischen Schuhmacher und seiner Nachbarin. Allerdings sind sich auch die Mitglieder der „Gesellschaft“ untereinander keineswegs grün. Ellen Bryant, die mondäne, ein wenig zwielichtige Ladenbesitzerin, wird sogar erpresst, und die Spuren weisen nach Springwood Hall. Das wird offensichtlich, als während der feierlichen Eröffnung des Gasthauses eben diese Ellen Bryant erstochen im Weinkeller gefunden wird – von Meredith Mitchell, die eigentlich in London für das Foreign Office arbeitet, sich aber zufällig wieder einmal in Bamford aufhält, wo ihre komplizierte Beziehung zu Chief Inspector Alan Markby in eine neue Runde geht.

Auch der Inspektor ist unter den Gästen. Zu seinem Leidwesen wird sogleich mit dem Fall betraut. Ausgerechnet an diesem Tag ist u. a. die „Gesellschaft“ vollzählig erschienen, um gegen Schuhmachers Hotel mobil zu machen. Außerdem verdächtig: Restaurantkritiker Denis Fulton, der seine Bekanntschaft mit Ellen Bryant geheim zu halten sucht, Robin Harding, der sich in Zoë verliebt hat und buchstäblich alles für sie tun würde; die Angestellte Margery Collins, die von der Ermordeten tüchtig ausgenutzt wurde und nun deren gesamtes Vermögen erbt; und – und – und … Alan Markby muss Licht in die verworrene Geschichte bringen, und Meredith Mitchell will ihren Teil dazu beitragen, was das Verhältnis des seltsamen Paares erheblich belastet – auch deshalb, weil Meredith der Polizei ein paar Schritte voraus ist …

Meide die Realität!

Der vierte Fall (von schließlich 15) des ungleichen Paares Mitchell und Markby erweist sich als klassischer englischer Landhaus-Krimi reinsten Wassers. Wie es üblich ist in diesem Genre, spielt er in einer Welt, die einem Goldfischglas gleicht. Bamford ist die idyllische Kleinstadt auf dem Land, die irgendwie außerhalb des normalen Raum-Zeit-Kontinuums zu existieren scheint. Auch wenn die Gegenwart und die Außenwelt nicht mehr völlig negiert werden – Drogen, Arbeits- und Perspektivenlosigkeit sind auch in Bamford keine Fremdwörter mehr – leitet Ann Granger die Handlung rasch auf die ausgefahrenen Gleise des betulichen „Häkel-Krimis“ um, der seinen Lesern (die hier wohl hauptsächlich weiblichen Geschlechts sein dürften) echte Überraschungen tunlichst erspart und sich am besten im behaglichen Ohrensessel bei einer guten Tasse Tee genießen lässt.

Und so sind sie wieder da – die notorisch exzentrischen ‚Eingeborenen‘ des Miss Marple-Landes auf der einen und die ermittelnde Polizisten auf der anderen Seite. Das Klischee nicht meidend, sondern es selbstbewusst suchend, lässt Granger die Handlung tatsächlich in einem Landhaus spielen. Ein Mord findet statt, und alle Anwesenden sind verdächtig; Inspektor Markby ermittelt offen, die Hobby-Detektiven Mitchell verdeckt; falsche Spuren werden gelegt, einige Hinweise auf den wahren Täter gegeben, dem dennoch im großen Finale ganz überraschend die Maske vom Gesicht gerissen wird.

So weit, so gut, denn das altehrwürdige Muster hat sich bewährt, und es muss ja nicht immer knallhart-realistischer Noir-Krimi sein. So lange sich Ann Granger an ihren Fall hält, bleibt ihr mit leichtem Witz erzählter Krimi unterhaltsam. Leider verlässt sie den eingeschlagenen Kurs und flicht den überflüssigen Subplot um einen Kinderschänder ein, der Bamford heimsucht. Warum sie dies tut, bleibt unklar; ist es der Versuch, einen realistischen Zug in die Handlung zu bringen?

Verstöße gegen die Regel

Deutlich misslungen ist ein weiterer Handlungsstrang, der sich um eine Art Altersruhesitz für ausgemusterte Pferde, Ponys und Esel rankt. Hier wird mit billigen Stilmitteln auf die Tränendrüse gedrückt, und als sei dies nicht schon übel genügt, entspinnt sich auch eine schmalzige Liebesgeschichte zwischen der wackeren Reiterhof-Maid und dem ansehnlichen Landhaus-Eigentümer. Ann, schreib‘ was „für‘s Herz“, das bringt mehr weibliche Leser – so könnte die Anweisung an die Autorin gelautet haben. Sie wurde überredet, aber nicht überzeugt, denn dieser Strang zieht sich schier endlos durch die gesamte zweite Hälfte des Romans, um schließlich in einer Sackgasse bzw. einem ebenso kitschigen wie peinlichen Happy-End zu münden. Dem Roman wird damit ein nicht wieder gutzumachender Schaden zugefügt. Der Mordfall wird ordentlich und schlüssig aufgeklärt, aber das interessiert zu diesem Zeitpunkt kaum mehr.

Bleibt noch nachzutragen, dass sich Mitchell & Markby auch in ihrem vierten gemeinsamen Fall nicht ‚kriegen‘; allmählich wird es langweilig mit den beiden, zumal klar ist, dass sie irgendwann zueinander finden müssen, so wie Granger ihre Figuren angelegt hat.

Als Fazit sei festgestellt, dass „Messer, Gabel, Schere, Mord ein an Agatha Christie angelehnter (aber niemals erreichender), flott startender, doch zu langgezogener und in der zweiten Hälfte heftig verflachender Krimi sowie nicht Michells und Markbys stärkster Auftritt ist.

Verfasserin

Patricia Ann Granger wurde 1939 in Portsmouth in England geboren. Sie studierte moderne Sprachen in London (Royal Holloway College), wurde Lehrerin und ging für ein Jahr nach Frankreich, wo sie ihre Muttersprache verbreitete. Da sie das nicht recht ausfüllte, arbeitete sie dann – Meredith Mitchell ward geboren! – für britische Konsulate in damals noch existierenden Ländern wie Jugoslawien, der Tschecholowakei sowie in Österreich.

Granger heiratete einen Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes und begleitete ihn u. a. ins afrikanische Sambia und nach Deutschland. Nach England zurückgekehrt (und inzwischen Mutter zweier Kinder) begann sie zu schreiben. Ann Granger begann nicht als Krimi-Autorin, sondern (unter dem Namen Ann Hulme) mit historisierenden Schmalzromanen, von denen die deutsche Leserschaft bisher gottlob verschont blieb, bis Granger im Jahre 1991 mit den „Mitchell-&-Markby“-Romanen der Durchbruch gelang.

Irgendwann fiel auch Ann Granger auf, dass sich diese nicht endlos strecken lässt Deshalb begann sie 1997 eine neue Serie um die erfolglose Gelegenheits-Schauspielerin und Muss-Geld-verdienen-Amateurdetektivin Fran Varady, deren Originalität sich jedoch ebenfalls in Grenzen hält. Mitchell & Markby fanden endlich in Band 15 ehelich zueinander und die Serie 2004 ein Ende, Fran Varady verstummte nach Band 7 drei Jahre später. Mitchell ersetzte sie durch das Detektivpaar „Ben & Lizzie“ (Plätscher-Krimi und Liebe im viktorianischen Zeitalter) bzw. die in den gegenwärtigen Cotswolds ermittelnden Inspector Jess Campbell und Superintendent Ian Carter.

Website der Autorin

Copyright © 2018 by Michael Drewniok (md)

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