Das rote Zeichen

Peter May
Das rote Zeichen
(Li Yan/Margaret Campbell-Serie, Bd. 2)

Originaltitel: The Fourth Sacrifice (London : Hodder and Stoughton 2000)
Übersetzung: Christoph Göhler u. Herbert Schröger
Deutsche Erstausgabe: Juni 2002 (Blanvalet-Verlag/TB Nr. 35568)
543 Seiten
ISBN-13: 978-3-442-35568-6

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Das geschieht:

Nr. 6 – Schweinchen
Nr. 5 – Null
Nr. 4 – Affe
Nr. 3 – Wühler

Vier Leichen hat die Kriminalpolizei der chinesischen Millionen-Metropole Peking bisher entdeckt – betäubt, mit einem scharfen Schwert geköpft und mit einem wie oben beschrifteten Schild um den Hals. Zwei potenzielle Opfer laufen demnach (noch) ahnungslos durch die Straßen, aber das wird sich ändern, denn Kommissar Li Yan und seine Männer haben bisher nicht die geringste Spur entdeckt.

Kompetenzrangeleien, Intrigen und Schlendrian behindern die Ermittlungen. Zusätzlich ist der frustrierte Li politischem Druck gesetzt. Vor einigen Monaten hatte er eine Affäre mit einer Ausländerin, was von den kommunistischen, d. h. chronisch misstrauischen und fremdenfeindlichen Behörden gar nicht gern gesehen wurde. Als das Duo dann noch einen aufsehenerregenden Kriminalfall löste, der die Chinesen gar nicht gut vor der Welt dastehen ließ (vgl. „Chinesisches Feuer“, Blanvalet-TB Nr. 35706), war das Maß voll: Li musste sich aus Gründen der Staatsräson von seiner Geliebten trennen.

Diese – die US-amerikanische Pathologin Dr. Margaret Campbell – hält sich noch in Peking auf. Da sich das bisher letzte Opfer des Mörders als US-amerikanischer Staatsbürger entpuppt, rekrutiert sie die Botschaft für Lis Ermittlerteam. Die vier Toten sind in die chinesische Kulturrevolution der 1960er und 70er Jahre verstrickt. Damals geschah grausames, für das sich offenbar jemand rächen will. Dass „Wühler“, Leiche Nr. 4, als Mörder ermittelt wird, sorgt für Verwirrung. Es gibt noch eine weitere Partei in diesem mörderischen Spiel – und so geraten Li und die allzu neugierige Margaret in eine weitere, nicht minder tödliche Intrige …

Mord & Obduktion: doppeltes Schnetzeln

Gar nicht viele Jahre nach Hannibal Lecter ist die meiste Luft aus dem Serienmörder-Subgenre entwichen. Zahllose Epigonen haben immer gemeiner, bizarrer und haltloser gemeuchelt, bis es – Ausnahmen bestätigen die Regel – sowohl albern als auch langweilig oder sogar widerlich wurde. Ähnliches gilt für Krimis, in denen Pathologinnen – in diesem Metier dominieren die Frauen – das Skalpell schwingen. Seit Kay Scarpetta zerlegen sie lustvoll Leichen in den Seziersälen der alten und neuen Welt. Nun dehnen sie ihr Tätigkeitsfeld auf den Fernen Osten aus. Wie sich zeigt, sehen die Menschen dort von innen auch nicht anders aus. Die ausführlichen Details ihrer Ausweidungen kommen dem erfahrenen Leser daher eher blutleer vor.

Peter May versucht nun unverdrossen, das alte Garn vor neuer Kulisse gleich doppelt noch einmal abzuspulen. Er hat einen (um 2000 noch weitgehend) weißen Flecken gefunden: Peking, Hauptstadt eines gewaltigen, fremdartigen Landes, bevölkert von Menschen, deren Mentalität oft ebenfalls rätselhaft bleibt. Die Regierung ist – Gipfel der Exotik – kommunistisch, was Raum für menschenverachtendes Verhalten als zusätzliches Spannungselement gestattet.

Die exotische Kulisse nimmt anschaulich Gestalt an, denn Verfasser May ist vor Ort gewesen und hat die Augen offengehalten. Leider spielt er trotzdem auf einer recht alten Leier das Lied von der Unvereinbarkeit fremder Kulturen, während wir gleichzeitig erfahren, dass alle Menschen auch im Leben Brüder und Schwestern sind. Anders ausgedrückt: Mays Peking kommt einem bald auch nicht fremder als irgendeine andere Krimi-Großstadt dieser Welt – ein altes Problem von Schriftstellern, die redlichen Herzens über Orte und Menschen schreiben, die ihnen nicht wirklich vertraut sind, und deshalb an der Oberfläche der Dinge verharren müssen.

Vorsichtige Exotik mit Erdung durch Vertrautes

Ärgerlich ist Mays Hang zur Seifenoper. Selbst die gar traurige Geschichte vom ungewollten kleinen Chinesenmädchen, um das sich sicherlich fürderhin Onkel Li kümmern wird, lässt ziemlich kalt, weil sie aufgesetzt wirkt, obwohl sie ein alltägliches chinesisches Drama thematisiert. Wesentlich aufdringlicher sind freilich die endlosen Passagen, in denen die Elemente des Dreiecks Li, Margaret und Zimmerman sich in mehr oder weniger erfüllter Liebe und Eifersucht umkreisen.

Über solchen Herz-Schmerz-Schwulst gerät manchmal in Vergessenheit, dass hier eine solide Kriminalgeschichte erzählt wird. Der Plot ist verwickelt, wenn auch nicht wirklich überraschend, aber er funktioniert. Die Kulturrevolution ist ein ausgezeichneter Aufhänger dafür, denn hier versteht es May begreiflich zu machen, wieso altes Unrecht manchmal nicht in Vergessenheit gerät, sondern weiterschwärt und neues Unheil hervorruft. Das Finale in der Gruft der Terrakotta-Krieger ist wiederum ein wenig dick aufgetragen, aber so läuft es nun einmal in der Welt des Mittelklasse-Thrillers.

In Sachen Figurenzeichnung verließ den in der Recherche so fleißigen Verfasser fast jede Inspiration. Li Yan muss politisch korrekt und heldentypisch auf vielen Hochzeiten tanzen. Er gibt den exotisch-aufregenden Lover, den unbestechlich-hartnäckigen Bullen, den gutherzigen Menschenfreund und – sich aus letzterem quasi ergebend – den sacht regimekritischen Reformer, der sich das freie Denken nicht verbieten lässt. Alles addiert ergibt trotzdem einen wenig aufregenden Charakter mit nur behaupteten Ecken und Kanten.

In Vertretung der (westlichen) Leserschaft

Margaret Campbell bleibt noch konturenärmer. Sie ist eine Amerikanerin in Peking, eine tüchtige Pathologin – gibt es auch andere? – mit kompliziertem Privatleben, ein weiterer Klon der ebenfalls austauschbar gewordenen Scarpettas. Geradezu lästig lässt May sie um ihre verlorene bzw. neu entfachte Liebe barmen, aber so verlangt es vermutlich das breite Publikum. Und wer weiß: Sollte Hollywood einst aufmerksam werden, ist eine Lovestory ohnehin obligatorisch.

Michael Zimmerman: ein schleimiger Schwätzer, den nur die begriffsstutzige, weil reinen Herzens verliebte und ohnehin auf das Gute im Menschen fixierte Margaret nicht sogleich durchschaut. Weil May wohl selbst gemerkt hat, dass er hier seinen Lesern keine Überraschung mehr bieten kann, zieht er im Finale den beinahe obligatorischen Nebenschurken hervor, der bisher am Rande der Handlung umhergeisterte und sich nun plötzlich als großer Marionettenspieler im Hintergrund entpuppen soll. Was die übrigen Darsteller dieses Dramas betrifft, so fällt es sogar während des Lesens schwer, sich ihre Namen zu merken (obwohl diese in China meist nur zwei oder drei Buchstaben umfassen) was sicherlich keine Empfehlung ist.

Insgesamt war diese Mischung offenbar selbst für das Publikum solcher Mainstream-Soft-Thriller auf Dauer zu eintönig. Obwohl Autor May insgesamt sechs Romane der Li Yan/Margaret Campbell-Serie veröffentlichte, brach man sie hierzulande nach dem dritten Band ab; bei nüchterner Betrachtung ist dies kein Grund zur Trauer.

Autor

Peter May wurde am 20. Dezember 1951 geboren. Einer kurzen Karriere als Angestellter und Ausbilder für Automobilverkäufer folgte in den 1970er Jahren eine Ausbildung zum Journalisten. Bis zum Ende des Jahrzehnts arbeitete May für diverse schottische Zeitungen, wobei er sich auf politische Themen und Alltagsgeschichten spezialisierte.

1979 wurde May hauptberuflicher Schriftsteller. Zwischen 1992 und 1996 wirkte er außerdem für die erfolgreichen TV-Serie „Machair“, „The Standard“ und „Squadron“. Nach deren Auslaufen entdeckte er das zuvor bereits bereiste China als Schauplatz für einen schnell und strikt publikumsorientiert arbeitenden Schriftsteller. Zwischen 1999 und 2004 schuf May sechs Thriller um den Ermittler Li Yan. 2006 setzte er auf ein neues Pferd, den Forensiker Enzo Mackay, eine Kombination aus Indiana Jones und Temperance „Bones“ Brennan.

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