Schlafende Hunde

Ian Rankin
Schlafende Hunde

(Inspector-Rebus-Serie, Bd. 19)

Originaltitel: Saints of the Shadow Bible (London : Orion Books 2013)
Übersetzung: Conny Lösch
Deutsche Erstausgabe (geb.): September 2014 (Manhattan im Goldmann Verlag)
462 S.
ISBN-13: 978-3-442-54723-4
Neuausgabe: September 2016 (Goldmann Verlag/TB Nr. 48431)
496 S.
ISBN-13: 978-3-442-48431-7
eBook: März 2013 (Manhattan im Goldmann Verlag)
947 KB
ISBN-13: 978-3-641-12546-2
Hörbuch-Download (gekürzt): September 2013 (der Hörverlag)
458 min., gelesen von Jürgen Tarrach)
ISBN-13: 978-3-8445-1665-4
MP3-CD: September 2014 (der Hörverlag)
458 min. (6 CDs, gekürzt), gelesen von Jürgen Tarrach
ISBN-13: 978-3-8445-1587-9

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Das geschieht:

Die schottische Polizei steht vor tiefgreifenden Umstrukturierungen. Die „Serious Crime Review Unit“ für ‚kalte‘, d. h. nie aufgeklärte Kapitalverbrechen, ist nur eine von vielen Einheiten, die aufgelöst werden. John Rebus kann froh sein, dass sich für ihn noch eine Stelle im normalen Polizeidienst fand. Dafür musste er sich vom Detective Inspector zum Sergeant herabstufen und Siobhan Clarke, seiner ehemaligen Untergebenen, unterstellen lassen, die allerdings zu klug ist, um von ihrem Mentor und Freund Arbeitsdisziplin oder gar Gehorsam zu erwarten.

Malcolm Fox, Leiter der allseits unbeliebten Abteilung „Innere Sicherheit“, die korrupten oder anderweitig kriminellen Polizisten nachspürt, steht vor der Rückversetzung in den aktiven Dienst, wo ihn ‚Kollegen‘ erwarten, die seine frühere Tätigkeit nicht vergessen haben. Fox lässt sich deshalb von Elinor Macari instrumentalisieren, einer ehrgeizigen Generalstaatsanwältin, die auf dem Weg nach oben einen alten Skandal ausgraben will: Vor drei Jahrzehnten manipulierten womöglich fünf Beamte des Polizeireviers Summerhall Beweise, um den Mörder Billy Saunders zu decken. Er diente ihnen als Spitzel, auf den sie nicht verzichten wollten. Zu den Männern, die sich damals „Saints of the Shadow Bible“ nannten, gehörte auch John Rebus, an den sich Fox deshalb mit der Bitte um Unterstützung wendet.

Rebus und Fox sind alte Feinde, weshalb sich letzterer wundert, dass ersterer ihm Hilfe zusagt. Wie üblich spielt Rebus allerdings ein doppeltes Spiel: Er setzt umgehend die alten Kumpels darüber in Kenntnis, dass man und wer hinter ihnen her ist. Dadurch gerät Rebus zunehmend zwischen die Fronten, denn es gibt sehr wohl etwas, das Macari aufdecken lassen könnte. Der bisher ahnungslose Rebus muss sich entscheiden: Hält er weiterhin zu den „Saints“, wie es der ungeschriebene Polizei-Kodex verlangt, oder setzt er sich von ihnen ab und ermittelt gar gegen sie, wie es die Vorschriften verlangen …?

Alles wird anders, der Stress bleibt

Selbstverständlich findet Rebus eine Alternative, die weder den alten noch den neuen Kollegen gefällt: Gerade Dienstwege scheut der mit allen schottischen Wassern gewaschene Erz-Polizist schon aus Prinzip. Womöglich liegt er mit dieser Einstellung unterm Strich richtig. Wer sich im Polizeidienst behaglich in den etablierten Strukturen eingerichtet hatte, erlebt jetzt eine böse Überraschung: Nachdem sich neue Besen etabliert sowie Vertreter der alten Strukturen sich auf sichere Posten geflüchtet haben, wird die Verwaltung umgekrempelt. Die ehrwürdige „Lothian and Borders Police“ der schottischen Großstadt Edinburgh steht vor dem Aus.

Auf allen Ebenen bangen, intrigieren und kämpfen jene, die bei diesem Prozess außen vor zu bleiben drohen. Ein Stellenabbau ist beschlossene Sache, aber selbst jene, die verschont bleiben, müssen damit rechnen, dorthin versetzt zu werden, wohin es sie überhaupt nicht zieht.

Als Ian Rankin „Schlafende Hunde“ schrieb, stand gar ein Referendum über eine mögliche Unabhängigkeit Schottlands bevor. Im Verlauf der Handlung wird mehrfach darauf eingegangen, welche Haltung Rebus, Clarke und andere Figuren zu diesem Thema vertreten. (Im September 2014 entschied sich übrigens eine schottische Mehrheit, Teil des britischen Mutterlandes zu bleiben.)

In diesem chaotischen Umfeld scheinen Ermittlungen zur Nebensache degradiert zu sein. Selbst Malcolm Fox, der an den Gesetzen förmlich klebt, versucht ungeschickt eine Nische zu finden. Ausgerechnet John Rebus, den er seit jeher verdächtigt, sich seine eigenen Regeln zu schaffen, stellt sich auf seine Seite: zaghaft und vorsichtig aber durchaus ehrlich, denn Rebus muss erkennen, dass die Verhältnisse in der Vergangenheit keineswegs besser waren.

Der Preis der Gemeinschaft

Polizisten sehen sich gern als Kämpfer gegen ein Böses, das immer wieder die Oberhand gewinnt. Hat man nach endlosen Beschattungen, frustrierenden Sackgassen und unzähligen Überstunden einen Strolch gefasst, paukt ihn ein Anwalt vor Gericht womöglich frei. Daraus resultieren Frustration und irgendwann der Wunsch, dem Gesetz, das vor allem den Falschen zu schützen scheint, ein Schnippchen zu schlagen. Selbstjustiz ist die lockende aber gefährliche Alternative, denn auch die Gewalt gegen jene, die sie ‚verdient‘ haben, artet rasch aus.

Wer will oder kann schließlich eine Grenze ziehen? Rebus kennt die gar nicht so lange zurückliegenden Zeiten, als nicht einmal heimliche Vigilanten wie die „Saints of the Shadow Bible“ auf ihre sehr spezielle Art für „Ruhe & Ordnung“ sorgten. Wo gehobelt wird, fallen Späne, wobei diese hin und wieder aus Menschenknochen bestanden. Ungeachtet ihres Namens haben die „Saints“ deshalb buchstäblich einige Leichen in ihrem Keller, und Rebus muss sich die Frage stellen, in welchem Maße er mitgetan hat.

Es besteht nie ein Zweifel, dass Rebus durchaus ein „Heiliger“ war. Ihn rettete das Misstrauen der Kollegen, die ihn zunächst prüften. Als Rebus selbst ein „Saint“ wurde, änderten sich bereits die Zeiten: Die wilden Jahre waren vorüber, die Organisation nahm die Zügel kontrollierend in die Hand. Doch die Freundschaftsschuld wiegt schwer. Die „Saints“ halten auch drei Jahrzehnte später gefälligst zusammen. Da nur noch Rebus im Polizeidienst steht, bringt ihn das in die vorderste Schusslinie.

Ein Mann mit eigenem Kopf

Dort fühlt er sich freilich besonders lebendig. Rebus ist Polizist aus Leidenschaft und Querulant aus tiefstem Herzen. Nichts schreckt ihn mehr als die Drohung, in Rente geschickt zu werden. Da seine Karriere vorbei ist, kann Rebus ohne Furcht vor weiteren Repressionen ermitteln. Er weiß, wie man Konfrontationen planmäßig schürt und lenkt. Auf diese Weise schafft sich Rebus einen Schutzschild, hinter dem ihn misstrauische Vorgesetzte schwer zu fassen bekommen.

Auch die Verbindung mit Malcolm Fox ist berechnend. Rebus ist auf diese Weise über den Stand der Untersuchungen in Sachen „Saints“ – die sich auch gegen ihn richten könnten – informiert. Fox ist das natürlich bewusst, doch er ist auf Rebus angewiesen, der einfach der bessere Ermittler ist. Daraus entspinnt sich ein spannendes Duell, denn Fox – den Rankin in zwei Romanen selbst als Hauptfigur eingesetzt hat – ist trotz seiner übertrieben wirkenden Gesetzestreue kein Dummkopf. Deshalb wirkt die Kombination Rebus – Fox nicht erzwungen: Sie funktioniert.

Rebus trifft seine Entscheidung; die Lügen der „Saints“, ihre Appelle und ihre Drohungen widern ihn an. Gleichzeitig schlüpft Rebus seinen Verfolgern abermals durch die Maschen. In einem brillanten Epilog zeigt Rankin einen Rebus, der die Machenschaften der „Saints“ im Alleingang fortsetzt, um einen Frauenmörder durch Terror zum Geständnis zu zwingen.

Der große Fall als nützliche Ablenkung

Rebus wäre nicht Rebus, würde er sich nicht die Zeit nehmen, sich zusätzlich in eine aktuelle Ermittlung einzumischen. Der Mord an einem prominenten Politiker interessiert ihn nicht wegen der damit verbundenen, karrieretechnisch möglicherweise nützlichen Medienrummels, sondern als Fall, der gelöst werden muss. Wieder nur bedingt skrupulös setzt Rebus auf seine Freundschaft zu Detective Inspector Clarke, die sich gegen solche Manipulation nur bedingt wehren kann, zumal Rebus immer wieder Informationen bieten kann.

Dieser parallele Handlungsstrang bietet klassische Krimi-Kost, ist interessant verwirrend und erfährt eine unerwartete Auflösung. Viele alte Bekannte geben sich wieder ein Stelldichein, und einmal verschlägt es Rebus ganz in Gedanken in ‚sein‘ altes Revier St. Leonard’s. Ebenfalls schon Routine ist Rankins genaue Kenntnis der Stadt Edinburgh, deren turbulente politische Gegenwart es problemlos mit den bizarren Vorfällen einer historisch reichen Vergangenheit aufnehmen kann.

Für den bereits 19. Band einer Serie weist „Schlafende Hunde“ eine beachtliche Qualität und ein enormes Unterhaltungspotenzial auf. Man ist weiterhin interessiert, wie es weitergeht – mit Rebus, Clarke und Malcolm Fox.

Autor

Ian Rankin wurde 1960 in Cardenden, einer Arbeitersiedlung im Kohlerevier der schottischen Lowlands, geboren. In Edinburgh studierte er ab 1983 Englisch. Schon früh begann er zu schreiben. Nach zahlreichen Kurzgeschichten versuchte er sich an einem Roman, fand aber keinen Verleger. Erst der Bildungsroman „The Flood“ erschien 1986 in einem studentischen Kleinverlag.

Noch im selben Jahr ging Rankin nach London, wo er u. a. als Redakteur für ein Musik-Magazin arbeitete. Nebenher veröffentlicht er den Kolportage-Thriller „Westwind“ (1988) sowie den Spionage-Roman „Watchman“ (1990, dt. „Der diskrete Mr. Flint“). Unter dem Pseudonym „Jack Harvey“ verfasste Rankin in rascher Folge drei Action-Thriller. 1991 griff er eine Figur auf, die er vier Jahre zuvor im Thriller „Knots & Crosses“ (1987; dt. „Verborgene Muster“) zum ersten Mal hatte auftreten lassen: Detective Sergeant (später Inspector) John Rebus. Mit diesem gelang Rankin eine Figur, die im Gedächtnis seiner Leser haftete. Die Rebus-Romane ab „Hide & Seek“ (1991; dt. „Das zweite Zeichen“) spiegeln das moderne Leben (in) der schottischen Hauptstadt Edinburgh wider. Rankin spürt den dunklen Seiten nach, die den Steuerzahlern von der traulich versippten Führungsspitze aus Politik, Wirtschaft und Medien gern vorenthalten werden. Daneben lotet Rankin die Abgründe der menschlichen Psyche aus. Nachdem er Rebus 2007 in den Ruhestand geschickt hatte, begann Rankin 2009 eine neue Serie um den Polizisten Malcolm Fox, kehrte aber bereits 2012 zu seiner Erfolgsfigur zurück.

Ian Rankins Rebus-Romane kamen ab 1990 in Großbritannien, aber auch in den USA stets auf die Bestsellerlisten. Die renommierte „Crime Writers‘ Association of Great Britain“ zeichnete ihn zweimal mit dem „Short Story Dagger“ (1994 und 1996) sowie 1997 mit dem „Macallan Gold Dagger Award“ aus. 2004 wurde Rankin für „Resurrection Man“ (dt. „Die Tore der Finsternis“) mit einem „Edgar Award“, 2007 „The Naming of the Dead“ (dt. „Im Namen der Toten“) als „BCA Crime Thriller of the Year“ ausgezeichnet. Rankin gewann weiter an Popularität, als die britische BBC 2000 mit der Verfilmung der Rebus-Romane begann.

Ian Rankins Website ist höchst empfehlenswert; über die bloße Auflistung seiner Werke verwöhnt sie u. a. mit einem virtuellen Gang durch das Edinburgh des John Rebus.

Copyright © 2015/2017 by Michael Drewniok (md)

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