Tödliches Netz

John Sandford
Tödliches Netz
(Kidd-&-LuEllen-Serie, Bd. 3)

Originaltitel: The Devil’s Code (New York : G. P. Putnam’s Sons 2000)
Übersetzung: Winfried Czech
Deutsche Erstveröffentlichung: August 2003 (Goldmann Verlag/TB-Nr. 45210)
348 S.
ISBN-13: 978-3-442-45210-1

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Das geschieht:

Sein enormes Fachwissen sollte Jack Morrison in den Dienst der Firma AmMath stellen, die Verschlüsselungs-Software für die US-Regierung herstellt und dabei einige Schwierigkeiten hat. Da man mit ihm auch einen notorischen Hacker engagiert hat, ist es kaum verwunderlich, dass Morrison neugierig einen intensiven Blick auf besagte Software wirft und erkennt: Hier entsteht etwas ganz und gar Illegales. Das hätte er besser gelassen, denn Sicherheitschef St. John Corbeil fackelt nicht lange mit Schnüfflern. Morrison wird ermordet, sein Tod als missglückter Überfall eines bewaffneten Datendiebes ausgegeben; es ist nicht der erste Pechvogel der Branche, der auf diese Weise endet.

Die Polizei ist mit AmMaths Version der Geschichte zufrieden, nicht jedoch Morrisons Schwester Lane Ward. Weil ihr das Gesetz seine Hilfe versagt, wendet sie sich an einen guten Freund und Kollegen ihres Bruders: Kidd ist Maler und vielleicht der Welt ältester Hacker. Er willigt ein, den Mord zu untersuchen, weil er seinen Namen auf einer Liste bekannter Hacker entdeckt hat, die vom FBI verdächtigt werden, einer radikalen Gruppe anzugehören, welche ‚abtrünnige‘, d. h. mit den Regierungsbehörden kooperierende Netzsurfer aus dem Weg räumt. Auch dahinter steckt AmMath, um von der ‚Unfallserie‘ im Umfeld der Firma abzulenken.

Ein Ruf als Attentäter ist schlecht für Kidds heimliches Gewerbe. So stößt er in das Spinnennetz von AmMath vor, wo Corbeil bereits auf ihn lauert. Glücklicherweise steht Kidd nicht allein. Eine Schar ebenso paranoider wie fähiger Datendiebe und anderer Weißkragen-Krimineller – allen voran LuEllen, Kidds Gelegenheits-Lebensgefährtin, eine notorische Einbrecherin ohne moralische Vorbehalte – stellt sich auf seine Seite. Trotzdem wird es eng für Kidd & Co., denn Corbeils Schergen sind ihnen auf den Fersen, und auch FBI und Polizei schlafen nicht …

Thriller von der Stange: passt!

Ein Roman von John Sandford ist für seine Leser stets eine sichere Sache. Hier werden solide konstruierte Thriller flott und geradlinig erzählt. Handwerkliches Geschick ersetzt Originalität, aber nie wird ein achtbares Unterhaltungsniveau unterschritten. „Tödliches Netz“ macht da – dem nichtssagenden deutschen Titel zum Trotz – keine Ausnahme. Dieses Mal verfolgen wir nicht den Kriminalpolizisten Lucas Davenport auf einer seiner Verbrecherjagden. Stattdessen haben wir quasi das Lager gewechselt; scheinbar (s. auch unten), denn obwohl Kidd gegen das Gesetz verstößt, klärt er gleichzeitig ein ‚richtiges‘ Verbrechen auf.

Wie es im modernen Thriller üblich ist, wird dabei viel gereist. Geld spielt keine Rolle; man hat es oder verschafft es sich mit Tricks, wenn man es benötigt. Die Polizei und ähnliche Behörden werden ausgeblendet, solange es die Dramaturgie erfordert. So können die AmMath-Schufte und Kidd ungestört einander verfolgen, sich beschießen und anderweitig das Leben schwer machen.

Wobei ein guter Teil der Jagd ganz modern online stattfindet. Damit stellt sich Sandford oft selbst ein Bein, weil nichts so rasch veraltet wie die Hard- und Software dieser Welt. Was der Verfasser redlich recherchiert hat, stellt er uns manchmal ein wenig zu detailliert vor und gibt dadurch selbst dem EDV-Halbgebildeten die Chance zu erkennen, dass diese digitalen Schlachten heute bereits steinzeitlich wirken. Wohl auch deshalb hat Sandford die Kidd-&-LuEllen-Serie nach dem vierten Band abgebrochen.

Leicht neben dem Klischee

Kidd ist ein Krimineller und gleichzeitig Hauptfigur eines Thrillers, der die möglichst breite Masse ansprechen soll. Keine leichte Aufgabe, weil das bedeutet, dass er nicht wirklich ‚schlecht‘ sein darf. Deshalb zeichnet Autor Sandford Kidd eher als unkonventionellen Charakter, der sein Glück in den gesetzlichen Grauzonen sucht und dabei (meist) keiner Fliege etwas zuleide tut. Kidd lässt nur die großen Konzerne und ähnliche Widerlinge zur Ader, denen dies nicht weh tut und die dem kleinen Mann (= dem Leser eines Sandford-Romans) das Geld aus der Tasche ziehen. Er hasst Waffen, malt schöne Bilder und dient auf seiner Weise der Gerechtigkeit, indem er seine kriminellen Fähigkeit immer wieder gegen das Böse einsetzt – ein richtiger Cowboy also und ein von den Alltagszwängen freier Mann, wie ihn das US-Volk liebt, auch wenn Kidd lieber über eine digitale Prärie reitet.

LuEllen geht einen Schritt weiter als Kidd. Weil sie ‚nur‘ eine Nebenrolle spielt, darf sie sich unmoralischer geben als ihr Gefährte. Sandford verpackt das geschickt als quasi logische Konsequenz offenbar turbulenter und unglücklicher Kindheits- und Jugendjahre, wie er LuEllen immer wieder kryptisch anmerken lässt. In dieser Figur steckt daher trotz ihrer scheinbaren Eindimensionalität – die taffe, schöne Diebin – durchaus noch Potenzial für spätere Abenteuer.

St. John Corbeil ist einer dieser angenehm ‚realistischen‘ Schurken, mit denen uns Sandford gern konfrontiert. Allzu groß ist sowohl in der Unterhaltungsliteratur als auch im Kino das Rudel geistig beschädigter oder/und körperlich deformierter Serienkiller geworden. Sie wirken längst wie ihre eigenen Karikaturen. Doch Corbeil ist schlicht und ergreifend ein Mörder, weil er das schöne Leben schätzt, das ihm sein Verbrechertum beschert. Um es zu schützen, geht er über Leichen. So einfach ist das – und so überzeugend!

Autor

John Sandford, geboren 1944 als John Camp im US-Staat Iowa, studierte zunächst Geschichte, leistete dann seinen Militärdienst in Korea und ging anschließend an die Universität zurück. Mit einem „Master’s Degree in Journalism“ in der Tasche arbeitete Camp zwischen 1970 und 1978 für die „Miami Herald Tribune“, wo er Seite an Seite mit seinen inzwischen ebenfalls als Thriller-Autoren zu Bestsellerruhm gekommenen Kollegen Carl Hiaasen und Edna Buchanan arbeitete. Seine journalistische Laufbahn gipfelte Mitte der 80er Jahren eindrucksvoll im Gewinn des Pulitzer-Preises für eine Artikelserie, die ein Jahr im Leben einer modernen Farmer-Familie beschrieb.

Einige Jahre später begann Camp Romane zu schreiben – gründlich wie stets debütierte er gleich mit zwei Büchern, von denen „Rules of Prey“ („Die Schule des Todes“), veröffentlicht unter dem Pseudonym „John Sandford“, den ersten Auftritt von Lucas Davenport schilderte. Mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks ließ Camp/Sandford pro Jahr einen weiteren Davenport-Roman folgen (die im amerikanischen Original übrigens immer das Nomen „Prey“ – gleich „Opfer“ oder „Beute“ – im Titel tragen).

Seine flott geschriebenen Romane um den Polizisten Lucas Davenport erobern seit Jahren regelmäßig die Bestsellerlisten. Neben seiner Leidenschaft für Archäologie und Geschichte, die er in den letzten Jahren auch auf echten Ausgrabungen auslebt, liebt Sandford die Natur, geht gerne Fischen, spielt Klavier, und fotografiert leidenschaftlich gern. Der Autor lebt heute mit seiner Frau, die er nach einer freundschaftlichen Scheidung inzwischen ein zweites Mal geheiratet hat, in der Nähe von Minneapolis.

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