Totenkalt

Stuart MacBride
Totenkalt
(Logan-McRae-Serie, Bd. 10)

Originaltitel: In the Cold Dark Ground (London : HarperCollinsPublishers 2016)
Übersetzung: Andreas Jäger
Deutsche Erstausgabe: August 2017 (Goldmann Verlag/TB Nr. 48566)
635 S.
ISBN-13: 978-3-442-48566-6
eBook: August 2017 (Goldmann Verlag)
2116 KB
ISBN-13: 978-3-641-19791-9

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Das geschieht:

Die Hafenstadt Banff liegt dort im Osten der schottischen Verwaltungsgrafschaft Aberdeenshire, wo der Fluss Deveron in die Nordsee mündet. Hier schiebt Sergeant Logan McRae theoretisch eine ruhige Kugel. Praktisch holt ihn seine Vergangenheit als Ermittler der Grampian Police im ostschottischen Aberdeen immer wieder ein. Dort hat er nicht nur feindselige Vorgesetzte, sondern auch Detective Chief Inspector Roberta Steel zurückgelassen, die ihn weiterhin gern für ihre Zwecke einspannt.

Derzeit ist Steel sogar in Banff. Der örtliche Geschäftsmann Martin Milne wird vermisst; eine Sonderermittlungskommission unter Steels Leitung soll den Fall klären. Stattdessen findet man in einem Waldstück die Leiche von Milnes Geschäftspartner; er wurde vor seinem Tod brutal misshandelt. Da kurz zuvor eine Studentin ähnlich gewaltsam zu Tode kam, fragen zumindest die Medien nach Zusammenhängen.

Zu seinem Missfallen sieht sich McRae von Steel in die Ermittlungen einbezogen. Dabei plagen ihn aktuell andere Sorgen: Seiner Lebensgefährtin Samantha, die ihm gern als Geist erscheint, sollen nach fünf Jahren im Koma die lebenserhaltenden Maschinen abgeschaltet werden. Um ihr den Verbleib in der Klinik zu sichern, hatte McRae seine Wohnung an einen Strohmann des Unterweltkönigs Hamish Mowat verkauft. Mowat liegt im Sterben, sein Nachfolger Reuben Kennedy hasst McRae und will ihn grausam ermorden. Die schottische Unterwelt steht bereit, Mowats Reich notfalls mit Gewalt zu übernehmen. Von der Abteilung Innere Sicherheit sitzt McRae Chief Superintendent Napier im Nacken; er will Steel Beweisfälschung nachweisen, was durchaus möglich sein könnte. Fieberhaft versucht sich McRae Freunde und Feinde vom Hals zu halten, während er nach Auswegen aus seinen Miseren sucht …

Serie am Scheideweg

Wenn erfolgreiche Serien in die Jahre kommen, muss autorenseitig eine elementare Entscheidung getroffen werden: Lasse ich alles so, wie es bisher vom Publikum geschätzt wurde, obwohl eine allmählich wachsende Fraktion genau darüber klagt, oder gehe ich neue Wege und riskiere, mein Publikum erst recht zu vergraulen?

Es kommt womöglich auf die jeweilige Leserschaft an. So wird Donna Leon den Teufel tun, ihren Commissario Brunetti einer grundlegenden Runderneuerung zu unterziehen: Er MUSS in Band 25 derselbe Brunetti wie in Band 5 (oder 250) sein! Tatsächlich gibt es erstaunlich viele Leser, die nicht spannend unterhalten, sondern unterhaltsam eingelullt werden wollen.

Stuart MacBride hat dagegen den Schritt zur Veränderung schon einmal gewagt, als er Logan McRae aus seiner ‚Polizei-Familie‘ in Aberdeen riss und ins eher ländliche Banff verbannte. Dort musste sich der geplagte Ermittler akklimatisieren, wobei die neue Umgebung ideale Möglichkeiten bot, frische, unverbrauchte Figuren einzuführen, ohne bewährte Charaktere gänzlich unter den Tisch fallen zu lassen: Aberdeen ist nicht weit bzw. weit genug entfernt, wie McRae oft genug erfahren muss; so erfährt er dieses Mal u. a. Neues vom wegen seiner Verdauung gefürchteten Ex-Kollegen „Biowaffen-Bob“ und trifft nicht nur Steel, sondern auch andere Ex-Kollegen persönlich.

Abstieg in die Hölle

Nachdem Autor MacBride mit „In Blut verbunden”, dem neunten Band der Serie, buchstäblich über alle Ufer trat und ein mehr als 700-seitiges Krimi-Epos präsentierte, hält er sich auch dieses Mal keineswegs zurück. „Totenkalt“ ist ein ziegelsteindickes Werk, das erfreulicherweise einen wichtigen Pluspunkt für sich beanspruchen kann: Hier werden keineswegs unterhaltsame, aber nur marginalwichtige Episoden aneinandergehängt. Stattdessen geht es rasant zur Sache – oder zu den Sachen, denn MacBride legt viel Einfallsreichtum an den Tag, wenn es gilt, Logan McRae den ohnehin schwankenden Boden unter den Füßen fortzuziehen.

Die in der Inhaltsangabe aufgelisteten Widrigkeiten decken nicht annähernd das Spektrum der Schwierigkeiten ab, in denen McRae dieses Mal steckt. Er scheint der Prügelknabe für die schottische Unterwelt UND der Sündenbock für die schottische Polizei zu sein. Jegliche gute Tat gerinnt McRae zu einem Desaster, das sich fugenlos in eine Kette weiterer Missgeschicke einfügt und sich und zu einer Sturmwoge auftürmt, die irgendwann über unserem Anti-Helden zusammenbricht.

Autor MacBrides Geschick zeigt sich einerseits in der Konstruktion solcher Unheils-Geschichten. Viel interessanter ist die Frage, ob und wie es ihm andererseits gelingt, McRae durch die Hölle zu schicken und ihn trotzdem für die nächste Folge seiner Serie im Spiel zu halten. Der Ermittler hat mehr Leben als seine Katze Cthulhu – und die benötigt er auch, um in einem ‚Alltag‘ zu bestehen, den sich Dante nicht infernalischer ausgedacht haben könnte!

Mechanismen des (urkomischen) Schreckens

In dieser Hinsicht muss man MacBride nicht nur einen erheblichen Einfallsreichtum bescheinigten. „Totenkalt“ bietet sogar eine Steigerung, mit der man in dieser Wucht nicht gerechnet hat. Quasi mit jeder Buchseite verheddert sich McRae stärker in den Fallstricken des Schicksals. Realistisch betrachtet bleibt da kein Ausweg, doch MacBride geht hilfreich von der Prämisse aus, dass die Welt sich nicht nur Logan McRae stets von ihrer Schattenseite zeigt: Auch seine Gegner erleben unerwartet Rückschläge. Zuvor hat der Autor jedoch gut vorgearbeitet, weshalb die Leser dies nicht als Zufall, sondern als logische Konsequenz beurteilen.

Schrecken und Humor sind in den McRae-Romanen seit jeher Nachbarn. Nun ziehen sie zusammen, was es ihnen erleichtert, einander immer wieder abzuwechseln. Dabei muss der Humor keineswegs raffiniert oder schwarz, sondern kann rau oder absurd sein. MacBride setzt auf den Wahnsinn des Systems, der hier vor allem durch eine Polizei präsentiert wird, die vor allem um sich selbst kreist. Ständige Sparmaßnahmen und personelle Unterbesetzung sollen primär durch Druck von oben ‚ausgeglichen‘ werden. Ausgelaugte und ausgebrannte Beamte geben auf oder flüchten in eine innere Emigration, die durch groteskes Handeln mit Leben gefüllt wird. („Und kümmern Sie sich doch bitte um die Terrorwarnstufe, ja? Jemand hat sie in ‚Drohender Dalek-Angriff‘ geändert. Die Nachtschicht hat offenbar ihre eigenen Gesetze.“ – S. 415)

Nicht selten bleibt dem Leser das Lachen im Halse stecken, wenn hinter einer neuen überspitzten Tat eine Tragödie zum Vorschein kommt. MacBrides Verdienst besteht auch darin, dies ohne Sentimentalitäten oder erhobenen Zeigefinger darzustellen. Gleichzeitig sind bewährte und beliebte Konstellationen keineswegs sakrosankt. Wenn es nach Klärung des eigentlichen Kriminalfalls in den Epilog geht, hat MacBride dafür gesorgt, dass eine Hauptfigur auf der Strecke blieb, was einerseits traurig stimmt und andererseits Neugier weckt: Wie wird McRae auf diese von ihm mitverursachte Veränderung reagieren?

Ein Job ist ein Job – auf beiden Seiten des Gesetzes

Erneut lasst MacBride eine eindrucksvolle Parade niemals ‚normaler‘ Zeitgenossen aufmarschieren. Dass Logan McRae sich erst mit einer Vision seiner komatösen Freundin und später mit seinem Spiegelbild ‚unterhält‘, ist keineswegs der sonderbarste Spleen, der hier gepflegt wird. Dem Verfasser fallen auch in diesem Zusammenhang unerwartete Seltsamkeiten ein.

Erstaunlich ist dabei, dass die Ernsthaftigkeit des grundsätzlichen Geschehens darunter nicht leidet. Ermittelt wird in einem Fall mehrfachen Mordes, hinzu kommt ein Gangsterkrieg. Die Taten sind grausam; der Autor spart nicht mit Details. Gewalt ist ein zweifelhaftes ‚Privileg‘, das MacBride seinem McRae – durchaus zu dessen Nachteil in einer ‚globalisierten‘ Welt – völlig abspricht. Um dies zu belegen, stellt er McRae absichtlich einen Schrecken gegenüber, der aus einem Horrorfilm stammen könnte: Reuben Kennedy ist ein Sadist und Lustmörder, dem seine Abartigkeit ins entstellte Gesicht geschrieben steht. McRae bleibt keine Alternative: Er muss Reuben töten, bevor dieser ihn erwischt. MacBride wendet viel Zeit auf, um McRae jeglichen Ausweg zu verbauen. Es kommt der Moment der Entscheidung, aber MacBride wäre nicht MacBride, würde er den Ereignissen nicht trotzdem eine Wendung geben, die eindimensionale Erwartungen und einschlägige Thriller-Klischees aushebelt.

Unterdessen gerät jener Kriminalfall, der unsere Geschichte einleitete, scheinbar aus dem Blickfeld. Tatsächlich behält MacBride die vielen Fäden, aus denen er sein Garn spinnt, fest in der Hand. Angst vor Knoten hat er nicht, und was heraushängt, wird garantiert im nächsten Band aufgegriffen. Mit „Totenkalt“ ist es Stuart MacBride gelungen, über viele hundert Seiten kein Stroh zu dreschen, sondern einen komplexen Kriminalfall und eine komplizierte Privatgeschichte zu erzählen – ein Parallelflug, der so harmonisch nur wenigen zeitgenössischen Autoren gelingt.

Autor

Stuart MacBride wurde am 27. Februar 1969 im schottischen Dumbarton geboren. Die Familie zog wenig später nach Aberdeen um, wo Stuart aufwuchs und zur Schule ging. Studiert hat er an der University in Edinburgh, die er indes verließ, um sich in verschiedenen Jobs (Designer, Schauspieler, Sprecher usw.) zu versuchen. Nach seiner Heirat begann MacBride Websites zu erstellen, stieg bis zum Webmanager auf, stieg in die Programmierung ein und betätigte sich in weiteren Bereichen der Neuen Medien.

Stuart MacBride lebt heute wieder in Aberdeen. Über Leben und Werk informiert er auf seiner Website, die er um einen Autorenblog sowie eigene Kurzgeschichten erweitert hat.

Copyright © 2017 by Michael Drewniok (md)

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