Federwelt Nr. 112, Juni / Juli 2015 – Zeitschrift für Autorinnen und Autoren

Federwelt Nr. 112, Juni / Juli 2015 – Zeitschrift für Autorinnen und Autoren

(sfbentry)
Uschtrin Verlag, Juni / Juli 2015
Heft, 19 x 27 cm, 66 Seiten
Literatur
ISSN 1439-8362
Layout & Satz: Vogt und Boerboom
Titelbild: fussel Cartoons, Ralf Fieseler

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Wir AutorInnen sind neugierig. Nein! Korrektur: wissbegierig. Also checke ich wie immer zuerst die Themen der FEDERWELT. Psycho, Psycho, nochmal Psycho, Gedichte, nochmal Gedichte … och nöö, denke ich, muss das sein? Na schön, fangen wie halt mit dem vielversprechendsten Beitrag an …

„Wir holen das Beste für AutorIn und Manuskript heraus!“ behauptet Klaus Kluge von der Bastei Lübbe AG im Gespräch mit Susanne Berg.
Da werden einige Fakten bestätigt, die einem schon hart zusetzen können: 8.000 bis 10.000 Manuskripte gehen im Jahr allein bei Bastei Lübbe ein, zur Hälfte via Agenturen, die andere Hälfte als unverlangte Manuskripte. Das macht geschmeidige 40 bis 50 Stück am Tag! Nun, das wussten wir so oder ähnlich schon, aber es wieder mal zu hören, lässt sofort folgendes Zitat verständlich – wenn auch frustrierend – erscheinen: „… meist reicht ein schneller Blick ins Anschreiben und auf die ersten Seiten, um ein valides Urteil zu fällen.“ Zitat Ende.
Noch nicht genug? Dann hier noch zwei Zahlen: Bei BL konzentriert man sein Engagement auf ca. 8 Spitzentitel im Jahr, dazu 1 bis 2 Debüts pro Halbjahr, also gesamt 10-12 Titel. Soweit ich es richtig gelesen und verstanden habe, investiert man für Marketingmaßnahmen 100.000 € in diese, sogenannten Kampagnentitel. Jeweils! Denn es steht dort „Etats“, also Plural. Zitat: „Investiert wird in der Regel in Topautoren …“ Zitat Ende. Was nichts anderes bedeutet, dass die Masse an verfügbaren Finanzmittel in die bereits erfolgreichen Autoren gesteckt wird und nicht unbedingt in die Vielzahl an aufstrebenden Autoren. Da sind mir 1-2 Debüts im HJ schon ein wenig dünn … und der ganze andere tolle Rest? Susanne Berg legt hier den Finger in die Wunde mit ihrer Frage, bzw. Erfahrung anderer Midlist-Autoren: „Da wird nach Erscheinen meines Buches mal eben eine Pressemitteilung an den üblichen Verteiler* geschickt und das war es dann auch.“ Klaus Kluge verneint dies für BL und verweist auf mehr als zehn sehr engagierte Mitarbeiterinnen in der BL-Presseabteilung. Hoffen wir es.

„Ein Stern, der deinen Namen trägt … Vom Umgang mit schlechten Rezensionen“ von Susanne Pavlovic. Ein Damoklesschwert, das wohl über jedem Autor, jeder Autorin schwebt. Gottlob hat es mich noch nicht getroffen, aber gefeit ist man sicher nicht davor. Denn jedem es recht zu machen, ist ein unmöglich Ding. Aber wie würden wir reagieren? Die Autorin rät zur Gelassenheit. Auf keinen Fall mit Gegendarstellungen – und schon gar nicht – mit erbosten Kommentaren dem Troll Futter geben. Wie heißt es im Internet so schön: Don´t feed the troll! Für alle, die sich trotzdem ärgern: Denken Sie an zwei alte Journalistensprüche. „Worüber nicht berichtet wurde, hat nicht stattgefunden.“ und „Schlechte Presse ist besser als gar keine Presse.“ Naja, dann lieber gute Texte schreiben und tolle Rezis kassieren.

Psycho, die Erste:
„Drama, Baby, Drama! – Das Drama-Dreieck und psychologische Spiele für AutorInnen“ von Bettina Wüst. OK, je besser wir unsere Protas kennen, desto glaubwürdiger sind ihre Handlungen und Äußerungen, schon klar. Aber muss es dann gleich ein Psycho-Spiel sein um das herauszufinden? Muss ich dazu das Instrument Transaktionsanalyse anwenden, wenn ja, hoffentlich richtig? Genügt es nicht, wenn ich mich in die Figur hineinversetze und ihre Motivation, Erlebnisse, Wandlungen berücksichtige?

Psycho, die Zweite:
„Lebendige Figuren entwickeln mit dem Propensity Sorter, Teil 1: Was ist der Propensity Sorter und wie funktioniert er?“ von Martin Schabenbeck. Gib dem Kind einen neuen – am besten englischen – Namen und erzähle den Leuten, was sie schon immer geahnt, aber nie … Sie wissen schon. Propensity Sorter ist ein psychologisches Modell, das auf C. G. Jungs Typologie basiert und den Weiterentwicklungen von Myers-Briggs und David Keirsey. Nun, ja, selbst der umfangreiche Wikipedia-Eintrag spricht von sehr schlechter Zuverlässigkeit des dem o.g. Modell zugrunde liegenden Myers-Briggs Typenindikator. Aber was aus USA zu uns herüberschwappt, muss ja toll sein …

Psycho, die Dritte:
„Von Gute-Laune-Wörtern und kleinen Klängen – Psycholinguistik für AutorInnen“ von Michaela Seul. Dem Beitrag konnte ich schon ein wenig mehr abgewinnen, tauchten doch gleich vor meinem geistigen Auge die Familiennamen Atreides (positiv) und Harkonnen (negativ) aus Frank Herberts Dune und die allgegenwärtigen weichen Namen von Elfen und ihren harten Gegenstücken á la Orks, Saruman, Mordor und Sauron aus Tolkiens Herr-der-Ringe auf.

Mein Highlight in dieser Ausgabe ist eindeutig der Beitrag „In jedem Autor steckt ein Detektiv? Laura Rose im Gespräch mit Tamer Bakiner“ (aktueller Buchtitel: „Der Wahrheitsjäger“, Ariston). Wirklich erhellend und erschreckend zugleich. Unbedingt lesen!

Soooo, noch ein * aufzulösen. „Aus der Werkstatt des Schriftstellers – Die Presseliste“ von Oliver Uschmann. Jeder Neuautor baut sich eine auf, jeder bekanntere Autor wird sie peu à peu an den Verlag abtreten, Self-Publisher müssen sie ohnehin haben und pflegen. Aber auch hier sollte man Gelassenheit vor Verbissenheit stellen. Auch ein personalisiertes Anschreiben an einen Pressekontakt ergibt nicht automatisch das gewünschte Feedback. Solche Kontakte aus der Presseliste zu löschen, davon rat ich ab. Denn vielleicht hat die Zielperson momentan wirklich keine Zeit, ist der angebotene Titel evtl. einfach „nicht ihr Ding“. Beim nächsten Buch kann das ganz anders sein. Löscht man frustriert den Kontakt, ist er endgültig weg.

Noch im Heft:
–    „Mein erster Fernsehauftritt“ Ein Erfahrungsbericht von Sandra Henke: OK, schien gut gegangen zu sein. Wenn´s live ist, kann so was auch voll in die Hose geben. Ein Problem, was viele wohl noch nicht haben dürften. Gottseidank.
–    „Ein fussel für die Federwelt – Unser Cartoonist stellt sich vor“ Eine schöne Idee, denn Lachen ist gesund und lockert die verspannten AutorInnenrücken.
–    „Vorlesen für Fortgeschrittene, Folge 52: Die Pause“ von Michael Rossié. Ja, da muss man manchmal schon schmunzeln, wenn man im Publikum sitzt … und schwitzen, wenn man der ist, der gerade eine Pause nötig hätte. Mein Tipp: so gut wie nichts vor der Lesung trinken. 😉
–    „Autorinnen daheim, diesmal: Annette Langen“
–    „Die Textküche – mit Gasch und Co., Folge 21: Literarisch anspruchsvolle Gedichte schreiben“ und gleich dazu passend …
–    „Die Zutatenliste“ von Michaela Didyk
–    „Schreibkurse entwickeln – Erfahrungsbericht mit praktischer Anleitung“ von Astrid Rösel
–    „Lehrbuch einmal anders: die Fallstudie als Genre“ von Florian Bliefert
–    „Moralkeule? Nein danke!“ von Claudi Feldhaus
und noch viel mehr …

Fazit: Man kann Schwerpunkt-Ausgaben machen … muss es aber nicht. Vielleicht war es ja auch Zufall, dass dieses Mal etliche Beiträge „nicht mein Ding“ waren. Aber vielleicht jubeln gerade die Psychologen-Fans unter uns AutorInnen und „fressen“ diese 112. FEDERWELT. Bon appétit! 😉

Copyright © 2015 by Werner Karl
www.wernerkarl.org

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