Das Leben der Insekten

Wiktor Pelewin
Das Leben der Insekten

Edition du Seuil, Paris 1995
Reclam Leipzig 2000
Übersetzung von Andreas Tretner
203 Seiten
(sfbentry)

Das vorliegende Buch ist sicher das komplizierteste des Autors; es erschließt sich nicht auf direktem Wege. Man könnte leicht geneigt sein, die hierin gesammelten Geschichten als Tierfabeln abzutun, doch würde diese Bezeichnung ihnen nicht gerecht werden.
Im übrigen handelt es sich gar nicht um einen Storyband, das Buch trägt die Aufschrift „Roman“. Liest man sich ein, stellt man schnell fest, daß die einzelnen Kapitel für sich existieren, unabhängig voneinander gelesen werden können; liest man sich fest, bemerkt man allerdings Zusammenhänge zwischen den einzelnen Episoden. Doch ist dies eigentlich nicht wesentlich für das Buch.

Dem Leser werden überaus seltsame Metamorphosen vorgeführt, die zum einen verblüffen, weil sie den Sinn für das Phantastische unmittelbar ansprechen, die zudem Tieren zugesprochene Eigenschaften menschlichen Personen verfügbar machen – oder, anders ausgedrückt, den (kerb-) tierischen Kern des Neuen Russen offenlegen; und nicht nur seinen.
Äußerlich wendet Pelewin eine kafkaeske Methode der Verwandlung des Menschen zum Käfer an. Doch hat er diese verfeinert. Im ersten Kapitel, „Russischer Wald“, werden drei Figuren eingeführt, von denen, das bekommt man schnell mit, nicht alle Russen sind. Sam aus Amerika versucht sein Glück im Goldrauschland der russischen Weiten und missioniert seine russischen Geschäftspartner. Ach, by the way, man solle vom Titel dieser ersten Episode nicht auf einen national(istischen) Inhalt schließen, „Russischer Wald“ ist ein Parfüm, das von Alkoholikern als Wodka-Ersatz gesoffen wird; muß ‘ne mörderische Droge sein…
Sehen wir unsere drei Helden anfangs noch als Menschen durch die verkommenen Straßen einer ukrainischen Stadt laufen und Pläne schmieden, wird einem schon etwas komisch in der Magengrube, als sie sich von der Balustrade eines Balkons fallen lassen – was ihnen als Mücken keinerlei Probleme bereitet. Die handelnden Figuren sind mal Mensch, dann wieder Insekt; meist ändern sie ihren „Charakter“ dann, wenn der Leser es am wenigsten vermutet und erhofft: So wird aus einem Liebesspiel nicht gerade eine tolle erotische Szene, wenn sie mit den Händen den ersten Ring seines mit kurzen Borsten besetzten Unterleibs erreicht.
Aus dem „Doppelleben“ dieser Wesen entsteht auch ein spezifischer Wortschatz; so bezeichnen die Mücken das Blut ihrer Opfer als „Rubintropfen“; die heimgesuchten Menschen werden direkt mit den Ländern, aus denen sie stammen, identifiziert. „Mexiko“ ist übrigens sehr gefährlich, weil die im hartholzigen Laub nistenden Läuse faul und gefräßig sind.

Pelewin macht es Spaß, mit der Sprache zu spielen. So greift er in ironischer Weise nachsowjetische, russische Großmachtssucht auf, indem er den Weltherrschaftsanspruch Rußlands „beweist“. Es kann ja kein Zufall sein, daß Moskau als das Dritte Rom bezeichnet wird und das russische Wort „Mir“ das Anagramm zum russischen Wort für Rom = „Rim“ ist.

Es fällt nicht leicht, sich in das Buch einzulesen, auch wird der „harte“ Phantastikfreund sicher enttäuscht sein, da das Spiel mit der Verwandlung quasi nebenher läuft und eigentlich auch gar keine Rolle spielt (es ist mitunter sehr schwer, zu merken, wann von Menschen, wann von Insekten die Rede ist; außerdem ändert sich das während der Erzählung: Ein Mädchen erschlägt eine Mücke, die sich dummerweise auf ihr Bein gesetzt hat, im nächsten Moment ist sie auch ein Insekt, das den Tod eines Bekannten beweint.). Inhalt ist das Befremden, das wahrscheinlich der Autor tagtäglich spürt in seinem „Heimatland“ und das er auf diese surrealistische Weise dem Leser wunderbar zu vermitteln weiß. Vergleicht man diesen Roman mit seinem „Omon“, könnte man zu dem Schluß kommen, daß er einfach – als garstiges und widerspenstiges Kind der Sowjetunion – mit den neuen Verhältnissen und den Symbionten aus Altem Sowjetmensch und Neuem Russen nicht klar kommt; genau das sind nämlich seine Kakerlaken, Ameisen und Mistkäfer.
Die Ameisen symbolisieren die totalitär Denkenden und Erzogenen, die nun ihr Heil in der Russischen (hier: Magadaner) Nation suchen, um von einem unverdauten, weil eingebläuten Kommunismus (der in ihrem Erleben eben doch nur ein Kasernenhofkommunismus war) zu neuen Formen faschistoiden Selbstverständnisses zu kommen. Pelewin geht da sehr unkompliziert und ironisch heran. Die dumme Ameisenkönigin, die ihre Träume ihrem zur Gebärmaschine degenerierten Körper opfert, läßt sich durch ein Pamphlet eines Majors über das Wesen der Mutterschaft beruhigen…
Wirklich stark ist Pelewin, wenn er seine Allegorien konkretisiert. Er erzählt z.B. die Geschichte einer Schabe, die tagein, tagaus im Dreck wühlte, ihr Leben lang, sich dabei immer im Kreis bewegt. Eines Tages wühlt sie im Kies, wird „erfolgreich“, kann ins Gelobte Land, nach Amerika aussiedeln, um dort im Dreck zu wühlen. Der Tagesablauf ist derselbe, und irgendwann merkt sie es auch. Oder doch nicht? Einfach großartig: Da läßt die Schabe sich z.B. noch in Rußland einen Bart wachsen, weil alle einen tragen und sie sich somit besser integrieren kann in die Gemeinschaft; später, in den USA, läßt sie sich einen Bart wachsen, nicht etwa, weil das alle so machen, sondern weil dies ihre Individualität unterstreicht, wie bei allen anderen auch…

Pelewin schwingt keinen didaktischen Finger, um seine Landsleute zu warnen. Braucht er nicht.
Er kleidet seine Geschichten in eine – so möchte ich es bezeichnen – typisch russische Diktion, die auch mal ins Wehmütige, sehr oft ins Philosophische abgleitet. Das ist nicht immer eine leichte Lektüre, aber dafür lohnt es, manche Seite zweimal zu lesen, um die Metapher vom Licht, das die Motten anzieht, oder dem Brunnen, in den man nicht hineinsieht, weil man bereits in ihm sitzt, nachzuvollziehen. (TH)

Titel bei Amazon:
Das Leben der Insekten.

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