Das Raumschiff der Rätsel

James White
Das Raumschiff der Rätsel

Originaltitel: All Judgement Fled (Magazin-Erstausgabe in „IF“, Dez. 1967 bis Feb. 1968/London : Rapp & Whiting 1968)
Übersetzung: Thomas Schlück
Deutsche Erstausgabe: 1968 (Arthur Moewig Verlag/Terra 150)
158 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe [unter dem Titel „Das Prometheus-Projekt“]: 1976 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmann Science Fiction 222)
155 S.
ISBN-13: 978-3-442-23222-2
Neuausgabe [wieder als „Raumschiff der Rätsel“]: 1982 (Arthur Moewig Verlag/Utopia Classics 44)
Cover: Nikolai Lutohin
160 S.
[keine ISBN]

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Das geschieht:

Zwischen Jupiter und Mars kreist es plötzlich: das erste eindeutig von außerirdischen Intelligenzwesen gebaute Raumschiff. Es ist riesig und fortschrittlicher als alles, was die Menschen aufbieten können. Die Besorgnis ist auf der Erde deshalb mindestens ebenso groß wie die Neugier, zumal sich die ‚Gäste‘ stumm und taub verhalten.

Im Rahmen des Projekts „Prometheus“ werden in aller Eile zwei Raketen mit je drei Männern an Bord auf den langen Weg gen Jupiter geschickt. Es gilt nicht nur die gefahrvolle Reise zu überstehen, sondern einen Weg zu finden, sich mit den Fremden in Verbindung zu setzen.

Von Streit und Phobien geschüttelt erreichen die Astronauten ihr Ziel. Die Schwierigkeiten beginnen jedoch erst, denn sie werden weiterhin nicht zur Kenntnis genommen. In ihrer Ratlosigkeit verschaffen sich die Menschen Einlass in das Raumschiff. Sie bemühen sich um diplomatisches Auftreten, doch sie finden sich inmitten eines mörderischen Durcheinanders wieder. Ihr Leben ist in Gefahr, aber dürfen sie, die Eindringlinge, sich überhaupt verteidigen, weil sie damit womöglich einen interplanetarischen Krieg vom Zaun brechen …?

Hallo, da oben …

Die erste Begegnung zwischen Mensch und außerirdischer Intelligenz! Seit wir wissen, dass es andere Planeten außer der Erde gibt, haben wir uns dieses Ereignis immer wieder ausgemalt. Die Geburt der modernen Science Fiction in den 1920er Jahren des vergangenen Jahrhunderts sorgte dabei für eine primär der Unterhaltung geschuldete Version, der sich das SF-Kino problemlos anschloss: Außerirdische waren hier zwar intelligent aber böse, hässlich und trotzdem auf irdische Jungfrauen scharf.

Cover der dt. Erstausgabe

Natürlich gab es auch Zeitgenossen, die sich der Frage, was denn zu tun wäre, würden uns ETs besuchen, objektiver annahmen. Bei nüchterner Betrachtung ist der primäre Knackpunkt einer Kontaktaufnahme das Verständnisproblem. Beide Parteien mögen friedlich gestimmt sein, doch wie lässt sich das vermitteln, wenn es keine Gemeinsamkeiten gibt, mit denen man arbeiten kann? Wie macht man sich verständlich, wenn das Wort womöglich auf der anderen Seite als akustische Attacke gewertet wird?

Bisher blieben entsprechende Überlegungen akademische Planspiele, da Außerirdische die Erde bisher klugerweise mieden bzw. sich nur Spinnern offenbarten. Das mindert keineswegs ihre Faszination, wie James White mit dem vorliegenden Roman nachdrücklich unter Beweis stellt.

Guter Wille ist kein Allheilmittel

Ein Unterhaltungsroman ohne beinharte Helden, finstere Schurken und schöne Frauen? Kann so etwas funktionieren? Kann es ausgezeichnet, wenn der Leser bereit ist das Hirn einzuschalten. „Das Raumschiff der Rätsel“ ist nicht nur ein spannender Roman, sondern auch ein intellektueller Genuss, da Autor White praktisch jedes Genre-Klischee absichtlich unterwandert.

Da zieht nicht die Elite der Menschheit mit einem auf Hochglanz polierten Super-Raumschiff den Fremden entgegen, sondern ein hastig zusammengewürfelter Haufen, der in zwei notdürftig gezimmerten Mini-Kapseln hockt. Die irdischen Staaten haben ihre teuren Raumfahrtprogramme zusammengestrichen – längst keine Science Fiction mehr, sondern Realität! – und wurden von der Ankunft der Außerirdischen quasi mit heruntergelassenen Hosen erwischt.

So verhalten sie sich denn auch. Die „Prometheus“-Mission ist trotz des stolzen Namens ein reines Verlegenheits-Unternehmen. Niemand hat eine Ahnung, wie man den ‚Besuchern‘ entgegentreten soll, zumal diese sich in Schweigen hüllen. Echte und selbst ernannte Fachleute lassen die Köpfe rauchen und bestürmen die verwirrte und überforderte „Prometheus“-Crew mit unausgegorenen und widersprüchlichen Anweisungen. Hier ist White, der seine Geschichte ansonsten in betont nüchternem Ton erzählt, geradezu sarkastisch: Die Großen der Welt haben keine Ahnung, bestehen aber darauf überall mitzureden.

Dabei haben die sechs Astronauten mit sich und ihrer Mission mehr als genug zu tun. Die Reise dauert Monate, die auf engstem Raum eingepferchten Männer werden von psychischen Problemen geplagt und müssen sich mit sich und ihrer Situation ständig neu arrangieren.

Der große Moment: Erstkontakt!

Als das Ziel dennoch erreicht ist, geht erst recht schief, was schiefgehen kann. White hat sich über das Thema „Missverständnis“ viele und kluge Gedanken gemacht. Die sechs Männer sind besten Willens. Sie wollen ja in die Rolle von Botschaftern für die Erde schlüpfen. Die Situation vor Ort will es einfach nicht gestatten. In Unkenntnis der fremden Technik beschädigen die Männer das Raumschiff. Sie sind ratlos, weil man sie ignoriert. Als dann nichtirdische Lebensformen erscheinen, kommt erst recht eine Kette unheilvoller Ereignisse in Gang. „All Judgement Fled“ lautet der Originaltitel dieses Romans, was sich etwa mit „Am Ende aller Urteilskraft“ übersetzen lässt: Weit von ihrer Heimat entfernt und von dort über Funk ständig kritisiert, müssen die Männer von „Prometheus“ sich auf ihre Intuition verlassen.Titel bei Amazon.de
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Die daraus erwachsenden Nachteile verschweigt White nicht. Fehlentscheidungen sind an der Tagesordnung, die Folgen oft tödlich. Diese Ereignisse stellt der Verfasser nicht im Stil atemloser Action dar, sondern bleibt quasi dokumentarisch. Was geschieht, wirkt dadurch eher eindrucksvoller.

Denk nach und entscheide dich richtig

Umso spannender gerät die Auflösung der Rätsel, die sich um das fremde Raumschiff ranken. Stück für Stück stoßen die Astronauten ungeachtet aller Gefahren ins Innere vor. Sie enthüllen ein Drama, das ein weiteres Klischee zum Einsturz bringt: ET-Technik muss weder im Guten noch im Bösen ‚überlegen‘ sein. Letztlich gibt es bei allen Unterschieden eine bemerkenswerte Parallele zwischen der „Prometheus“-Mission und der Expedition der Fremden: Beide wagen sich dorthin, wo sie noch nie zuvor gewesen waren, und stoßen dabei an die Grenzen ihrer Fähigkeiten.

Das Finale ist logisch und versöhnlich. Im All kommt der Erstkontakt zu Stande, auf der Erde akzeptiert man die Entscheidungen der im harten Crash-Kurs zu Diplomaten der besonderen Art gewordenen Astronauten. Sie haben einen hohen Preis für ihren neuen Status bezahlt, doch das Ergebnis – daran lässt White keinen Zweifel – war es wert. Alles kam anders als geplant aber die Herausforderung ist gemeistert.

Eine solche Geschichte zu lesen bzw. von ihr überrascht zu werden macht Spaß! White ist kein raffinierter Autor. Man könnte ihn redlich nennen, denn er ist ein Vertreter der ‚harten‘ Science Fiction, die sich zumindest auf der Basis gesicherter naturwissenschaftlicher Fakten bewegt. White ergänzt das durch ironische Betrachtungen über die Natur des Menschen, die er als wenig geeignet für ein wertneutrales Treffen mit fremder Intelligenz betrachtet.

Aussichtslos ist die Sache indes nicht. Versuch macht bei White tatsächlich klug. Der Erstkontakt endet nicht im Desaster, weil unsere sechs gar nicht heldenhaften und deshalb umso sympathischeren Astronauten über ihren Schatten springen und die Krise meistern. Deshalb ist Whites Ende versöhnlich, ohne dabei aufgesetztes Happy-End zu sein.

SF ohne laut verkündeten Anspruch ist immer für eine angenehme Überraschung gut. „Das Raumschiff der Rätsel“ gehört auf jeden Fall dazu. Nach 160 Seiten fällt der Vorhang; noch ein Vorteil in einer Zeit, die den SF-Leser allzu gern mit Endlos-Garnen jenseits der 1000-Seiten-Grenze malträtiert.

Autor

James White wurde 1928 im irischen Belfast geboren. Seine berufliche Laufbahn begann er als Schneider, bis er 1964 zu einer Flugzeugfabrik und dort in die Public Relation-Abteilung wechselte. Als SF-Schriftsteller begann James White seine Karriere als aktiver Fan. 1952 gab er mit drei gleich Freunden (darunter Bob Shaw) das Fanzine „Slant“ heraus, das zu den besten seiner Art gezählt wurde. Zunächst fertigte White Grafiken an, aber schon 1953 erschien „Assisted Passage“, seine erste Kurzgeschichte. 1957 wurde „The Secret Visitors“ (dt. „Die Außerirdischen“), ein erster Roman, veröffentlicht.

Der Durchbruch gelang White 1962 mit „Hospital Station“, dem ersten der schließlich zwölf Bände umfassenden „Sector General“-Serie um eine wechselnde Gruppe von Weltraumärzten, die sich über die Heilung in der Regel sehr merkwürdiger weil in Gestalt und Psyche fremdartiger Patienten den Kopf zerbrechen müssen. Neben der ausgeprägten Friedfertigkeit bestechen diese Geschichten durch ihren positivistischen Pazifismus und ihren farbenfrohen Einfallsreichtum, der eindrucksvoll unter Beweis stellt, dass der „Sense of Wonder“ der Science Fiction sich nicht aufs Zerschmettern ganzer Sonnensysteme beschränken muss. Dieser Haltung blieb White auch in seinen nicht zur „SG“-Serie gehörenden Romanen treu.

Die letzten Jahre seines Lebens litt White zunehmend unter seiner Diabetes, die ihn beinahe erblinden ließ. Dem Fandom blieb er sein Leben lang verbunden. Er schrieb weiter und war bis zu seinem Tod im August 1999 ein gern und oft gesehener Gast auf großen und kleinen Science Fiction-Veranstaltungen.

Über James White und sein Werk informiert diese Website.

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