Das Science Fiction Jahr 2010

Sascha Mamczak und Wolfgang Jeschke (Hrsg.)
Das Science Fiction Jahr 2010

(sfbentry)
Heyne, 2010, Taschenbuch
ISBN 978-3-453-52681-5
Sachbuch, Science Fiction
Umschlagbild: Arndt Drechsler
Umfang: 1.141 Seiten

www.heyne.de

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei booklooker.de

Wozu ein jährliches Kompendium über ein Genre, das unsere Phantasie ansprechen soll und es ja auch tut? Wozu weit mehr als 1.000 Seiten, um das Thema Science Fiction herum, anstelle eines gleichlangen Romans? Warum dafür auch noch knapp 30,– € ausgeben? Genau deshalb, weil mittlerweile Science Fiction endgültig in der Gesellschaft angekommen ist, sich aus dem trivialen Sumpf der Fünfziger bis Siebziger Jahre herausgearbeitet hat und der Unterhaltungsindustrie Millionen, ja neuerdings sogar Milliardenumsätze beschert.

Traurig, aber wahr, ist letztendlich das Geld, dass man mit dem Etikett Science Fiction verdienen kann, der Grund für die Daseinsberechtigung eines sehr umfangreichen und teuren Jahrbuches. Das dieses Sachbuch aus dem Haus Heyne/Randomhouse stammt, versteht sich fast von selbst, schließlich ist seit Jahrzehnten der Heyne-Verlag die Hochburg innerhalb der deutschen Science-Fiction-Verlagsszene. Kein anderer Verlag der SF publiziert, kann mit Vergleichbarem aufwarten.

Sascha Mamczak betreut seit 2002 das Lektorat und ist verantwortlicher Herausgeber der Sparte Science Fiction im Heyne-Verlag. Diese Position hat er von Wolfgang Jeschke übernommen, dem man ohne weiteres als Institution über Jahrzehnte hinweg bezeichnen darf. Jeschke selbst hat auch schon eine ganze Reihe an recht erfolgreichen SF-Romanen veröffentlicht. Beide haben sich der Mammutaufgabe gestellt, dem Genre SF mit all seinen Facetten im vorliegenden Jahrbuch gerecht zu werden.

Einen kräftigen Schwerpunkt von 150 Seiten Länge hat man einem der Lieblingsthemen der SF, nämlich Zeitmaschinen, Zeitreisen und damit verbundenen Paradoxien gewidmet. Beiträge zu Büchern, Autoren und Interviews zählen zum festen Bestandteil, ebenso Rezensionen auf 100 Seiten, Marktberichte und die SF-Bibliografie des Heyne-Verlages verschaffen in der Masse der jährlichen Neuerscheinungen keinen kompletten Überblick – was nahezu unmöglich, weil unbezahlbar ist -, doch aber einen sehr guten Überblick.

Aus der Gruppe der Beiträge zum Thema SF-Film hat mich „Beam me down, Scottie!“ auf den Boden der Tatsachen herabgeholt. Als alter SF-Fan habe ich natürlich über all die Jahre nicht nur die diversen Star-Trek-Serien konsumiert, sondern auch alle Kinofilme. Als Kinobesucher hatte sich mir die Reihe der Filme immer als fester Bestandteil der Filmschmiede Hollywood präsentiert, so á la James Bond, dessen Filme auch nie der Gefahr ausgesetzt zu sein schienen, das es irgendwann einmal keinen James Bond mehr geben könnte. Das hatte ich bei Star Trek ebenso gesehen und durch nun mittlerweile 11 Filme schien dem auch so zu sein. Doch weit gefehlt. Die Wahrheit hinter den Kulissen sah und sieht längst nicht so rosig und so professionell aus, wie sie es vor dem Vorhang den Fans erscheinen mag. Ich hatte fast schon ein Erweckungserlebnis wie Neo in Matrix 1.

Ein bisschen befremdlich scheint mir die Platzierung des Beitrages „Die Bagdad-Batterie und Hesekiels Raumschiff“ unter der Rubrik Kunst zu sein. Befasst sich der Artikel doch mit der Offenlegung, Klarstellung und nüchtern-sachlicher Erläuterung von allerlei SF-Mythen aus (Pseudo)Wissenschaft, Esoterik, echter und „Däniken“-Archäologie. Der Beitrag selbst sollte allen Anhängern von Verschwörungstheorien, Däniken-und-Konsorten-Gläubigen zur Pflichtlektüre dringend vorgelegt werden. Danke, Uwe Neuhold, das war dringend notwendig.

„Das Science Fiction Jahr 2010“ hat neben o.g. noch viel mehr zu bieten und damit dürfte klar sein, das diese knapp 30,– € sich durch den Inhalt mehr als rechtfertigen. Einzig die fehlenden Farbseiten für die Rubriken Kunst, Film und Computerspiele sind zu bedauern, aber dann wäre das „…Jahr 2010“ sicher noch teurer geworden.

Copyright © 2010 by Werner Karl

Titel erhältlich bei Buch24.de
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… und noch eine Rezension:

Kaum ein Verlag leistet sich eine so umfangreiche Branchenpflege wie der Heyne-Verlag, der auch in diesem Jahr wieder mit dem „Science-Fiction Jahr 2010“ ein umfassendes Kompendium zum Genre zusammengestellt hat. Das Buch ist kein Sammelband mit SF-Geschichten, sondern ein Buch über Science Fiction, Fantasy und Phantastik. Es versammelt Interviews mit Autoren, Marktberichte über die 2009 erschienenen Bücher, Essays und Aufsätze zu SF und Phantatik in Comics, Computerspielen und im Film sowie zahlreiche Rezensionen. Hinzu kommen Artikel zu Themen und Motiven in der SF, diesmal angeführt durch die umfangreiche Abhandlung von Rüdiger Vaas zum Thema Zeitreisen zwischen phantastischer Literatur und Wissenschaftlicher Diskussion.

Der jährlich erscheinende Band deckt also irgendwie alles ab, was sich in einem Jahr im Genre bewegt und geregt hat. Dieser Anspruch ist Stärke und Schwäche zugleich – er macht den Reiz des Bandes aus, der in dieser Breite der einzige Versuch ist, das Phänomen Science Fiction gebündelt zu erfassen. Gleichzeitig wird dabei immer wieder klar, dass es „Die Science Fiction“ nicht gibt und dass auch Trends und Entwicklungen im Genre sehr heterogen sind, parallel verlaufen oder sich in Nischen abspielen. Also gibt es nicht „Das Science Fiction Jahr 2010“, sondern eine ganze Reihe von Büchern, Geschichten, Erzählungen, Diskussionen, Preisen, ökonomischen Entwicklungen etc., die zusammengenommen das Genre ausmachen. Jeder Fan hat also sein eigenes Science Fiction Jahr erlebt. Gerade deshalb jedoch macht es Sinn, in diesen Band mal hereinzuschauen um mitzubekommen, was sonst noch los war, was man verpasst hat und was hinter den Kulissen vorging.

Allein die Rezensionen, aber auch die Sekundärtexte sind hier eine Fundgrube für alle, die Lust auf neue und anspruchsvolle SF haben, aber im Bahnhofsbuchhandel vor immer denselben reißerischen 0815-Klappentexten stehen und überhaupt nicht mehr duchblicken. Denn, und das ist ein Trend, die Buchwerbung wird immer selbstreferentieller: ein neuer Hohlbein, ein neuer John Ringo – wenn man das wirklich glauben würde, käme im Bereich SF und Fantasy nichts neues mehr in die Welt. Das jedoch stimmt nicht, wie zahlreiche Entdeckungen und Empfehlungen im „Science Fiction Jahr 2010“ deutlich machen. Jedoch muss man sagen, dass der Szene-Überblick an vielen Stellen auch ausufert – die Marktberichte  über die Britische, Deutsche und US-Amerikanische SF-Szene etwa erschöpfen sich gegen Ende  in einer bloßen Aufzählung einzelner Titel – eine unlesbare Datenreihe die dann auch keine weitergehenden Informationen mehr vermittelt. Hier wäre weniger mehr gewesen, denn grundsätzlich sind diese Überblicksartikel von Hermann Urbanek spannend und informativ für die Mehrheit der LeserInnen, die sich für die Szene in Übersee interessiert, aber dafür nicht extra auf eine Convention nach New York fliegen würde.

Neben Rezensionen und Berichten gibt es eine Reihe von Artikeln, die sich in der Rubrik „Hinter den Kulissen“ zusammenfassen ließe – etwa die lesenswerten Autoreninterviews mit Steven Baxter und China Miéville. In dieselbe Rubrik gehören die zahlreiche Artikel  zu SF in Film und Fernsehen – etwa die Überlegungen zur Vergangenheit und Zukunft des Phänomens Star Trek von David Hughes und Ralph Sander sowie die kritische Würdigung des Kassenschlagers „Avatar“ aus der Feder von Simon Spiegel. Die hier gebotenen Hintergrundinfos sind allesamt spannend und lesenswert, allerdings vermisst man bei den Filmartikeln oft eine gewisse kulturkritische Distanz zum Gegenstand. Zwar ist es mitunter spannend zu wissen, warum aus kommerziellen oder anderen produktionstechnischen Überlegungen gerade dieses und nicht jenes Star-Trek Drehbuch ausgewählt wurde. Aber es wird kaum spekuliert, warum gerade gewisse Serien und Filme den Zeitgeist treffen, Popularität oder gar Kultstatus erreichen. Das klingt banal, ist aber eine Riesenlücke. Denn letztlich brechen die Artikelautoren aus dem Film-Universum aus, berichten über die Produktionsbedingungen, nur um dann erneut in einer Fan-Diskussion ohne Abstand gefangen zu sein. Das beste Beispiel dafür ist wohl Ralph Sanders Kritik am inflationären Star-Trek Merchandising, die darauf hinausläuft, dass die Industrie die Lizenzen für Fanprodukte verknappen sollte, damit das Sammeln mehr Spass macht. Hier hat man wirklich den Eindruck, dass die Kuh sich beschwert, nicht sanft genug gemolken zu werden. Aber warum sollen wir als Fans uns überhaupt so melken lassen? Das eigentlich Spannende ist doch nicht der Serien- und Sammelfetisch, sondern die Tatsache, das SF immer wieder dynamisch mit der Gegenwart interagiert und sich dabei stets neu erfindet. Wenn wir SF nicht nur konsumieren, sondern kritisch diskutieren, können wir Teil dieses Prozesses sein.

Am Phänomen Star-Trek interessant ist in dieser Hinsicht etwa der schwankende Charakter der Originalserie zwischen utopischer Überwindung des Kalten Krieges durch die Multikulturelle Russisch-Amerikanische Besatzung der Enterprise und die gleichzeitige Übernahme von Kalter-Kriegs Stereotypen – etwa in Form des Zerrbildes der Klingonen als barbarische (russische?) Gegner. Man vergleiche dieses Bild der SF der 60er Jahre nun mit den düster-militärischen Szenen beim 90er Jahre Phänomen Deep Space Nine, das mir nicht zuletzt durch die Realität des ersten Irak-Krieges und die enttäuschte Hoffnung auf eine „Friedensdividende“ nach dem Ende des Blockkonfliktes geprägt scheint. Führte man solche Überlegungen konsequent weiter, könnte man auf die tollsten Ideen kommen – doch solche Vergleiche zwischen gesellschaftlicher Realität und deren Reflektion in der SF fehlen leider in vielen Beiträgen des aktuellen Sammelbandes.

In früheren Bänden des „Science Fiction Jahr“ war da mehr zu finden – ich selbst bin etwa immer noch beeindruckt von der klaren Analyse und couragierten Stellungnahme des Artikels „Morgenwelt – die Diktatur des Profits und die Herrschaft der Konzerne. Das Unbehagen an der Globalisierung und die Macht des Kapitals“ aus dem SF Jahr 2002. Der Autor Robert Hector unternahm hier eine einzigartige Bestandsaufnahme kritischer und politischer SF und legte dar, wie die SF Gesellschaftskritik verarbeitet und weiterentwickelt. Beiträge dieser Art, die den SF-Mikrokosmus und die Gesellschaft drumrum kritisch unter die Lupe nehmen, würde ich gerne öfter lesen. Aber auch im bisherigen Band gibt es zum Glück nicht nur immanente Fandebatten, sondern auch vieles, was die SF mit dem Leben da draußen in Beziehung setzt. Vor allem das Interview mit China Miélville mit dem vielsagenden Titel „Mich interessiert beides – die Politik und die Monster“ ist in dieser Hinsicht interessant. Aber auch der Artikel „Science Fiction zum Tanzen – Kraftwerk, Afrofuturismus und eine Stadt im Niedergang – 25 Jahre Detroit Techno“ stellt interessante Verbindungen her.

Insgesamt ist „Das Science-Fiction Jahr 2010“ daher lohnenswert für alle, die sich ernsthaft über den Tellerrand ihrer Lieblingsserie hinaus wagen wollen, um die Gesamtheit von SF und Phantastik kennenzulernen. Man muss im Sammelband wie auch in der SF selbst natürlich Rosinenpickerei betreiben – nicht alles ist interessant, nicht alles von gleicher Qualität, ein jeder muss seine eigene Wahl treffen. Zwar hätte ich mir im Sammelband manchmal etwas mehr orientierende Eingriffe und Artikel gewünscht, Hinweise auf übergreifende, auch mehrjährige Trends – aber der Gesamteindruck ist positiv. Hier findet sich vieles gebündelt, was man im Internet lange suchen müsste. Und bei aller genannten Kritik: Im Science Fiction Jahr wird immer ein journalistischer Mindeststandard eingehalten, der in der anarchischen Szene von Fanzines und Fanblogs nur allzu oft fehlt.

Copyright © 2010 von Ralf Hoffrogge

Comments

  1. Lieber Werner, ich weiss aus sicherer Quelle, dass das Jahrbuch noch nie – seit es erscheint – in irgendeinem Jahr Gewinn abgeworfen hat! Du täuschst dich also mit deiner Einschätzung, dass der Verlag damit Geld verdient, das tut nicht, dieses Buch ist nur ein Prestigeobjekt, und wenn Jeschke mal das Zeitliche segnet, wird es bestimmt ebenfalls verschinden! Könnte ich drauf wetten!

  2. Hallo Detlef,

    ja, da hab ich mich missverständlich ausgedrückt. Natürlich weiß ich, dass so ein Jahrbuch keinen Cent Gewinn abwirft. Ich wollte die Bemerkung „Geld verdienen…“ auf das ganze Genre bezogen formulieren, hab´s aber falsch getan. Sorry dafür.

    Mit galaktischen Grüßen
    galaxykarl

  3. Ich habe ja selbst 10 Jahre als Honorarautor für diesen Band gearbeitet und weiss daher, dass dieser Band ein Lieblingsprojekt von Wolfgang Jeschke gewesen war und nur durch sein Zutun enstand. Insgesamt ist die SF-Redaktion auch bei Heyne – selbst in der Zeit in der sie Marktführer für dieses Genre waren – jedoch immer von den anderen Redaktionen (und damit auch Herr Jeschke selbst) belächelt worden und nicht ganz für voll genommen worden.

    Und wenn ein SF-Roman (meist einer aus den USA in Übersetzung) mal eine Auflage hatte, die den nicht-SF-Titeln gleichkam, wurde dieses Buch sofort von der SF-Reihe in die Allgemeine Reihe verschoben und damit dann marketingmässig richtig umworben, so dass der Verlag eben nur mit diesen Titeln Geld verdienten, wenn SF draufstand. Soweit ich weiss geschar das niemals mit Titeln in der SF-Reihe und wenn doch dann nur, weil die anderen nicht-SF-Reihen die finanzielle Infrastruktur für diese Titel bereits hergestellt und bezahlt hatten. Will sagen: ein Verlag, der etwa nur die SF-Titel (ausser der in der Allgemeinen Reihe) von Heyne verkauft hätte, der hätte einfach finanziell nicht überleben können. Das Überleben der SF in Deutschland ist eizig der Quersubvension durch andere nicht-SF-Rehen zu verdanken.

    Das wundert viele und halten das nicht für möglich! Das ist aber immer noch so. Und so gut wie kein Verlag, der nur SF bringt kann sich davon über Wasser halten, wenn doch ist immer auch eine andere Reihe oder Fantasy und/oder Horror im Spiel. Oder sehr bekannte SF-Autoren, die ein kleiner Verlag aber niemals stemmen könnte.

    Das ist die Wahrheit über SF-Literatur in Deutschland. Das ist auch der Grund warum ich mich beruflich ganz davon zurückgezogen habe. Man kann von SF in Deutschland NICHT LEBEN!

  4. Ja, alles verstanden, mit SF-Literatur ist scheinbar wirklich nicht die Million zu verdienen. Aber wenn ich sage „das ganze Genre Science Fiction“ und auch noch das Schlüsselwort „Unterhaltungsindustrie“ verwende, bezieht es sich auf ALLE VARIANTEN DER MEDIALEN UMSETZUNG; wie z.B. Kinofilme wie „Avatar“, „Star Wars“, „Star Trek“ und viele, viele andere, das gigantische Merchandising-Geschäft, Computerspiele aller technischen Coleur usw. usw. Alles, was da das Etikett „SF“ trägt, läßt doch die Dollars und Euros nur so sprudeln. Ich bin nicht so naiv zu glauben, das man alleine mit SF-Romanen Millionär werden kann. Oder hoppla, da fallen mir doch so Namen ein wie Frank Herbert mit „Dune“ oder Isaac Asimov. Schön, das waren Weltklasse-Autoren, aber immerhin, die habe$n es geschafft.

    Ich werde meine nächsten Kommentare korinthenkackermäßig genauer formulieren.

    Mit galaktischen Grüßen
    galaxykarl

  5. Sicher hast du recht was alle medien betrifft, ich dachte nur, wenn es sich um das Buchrezicenter handelt, sollte es vor allem die Leser betreffen, und die sollten halt mal wissen was Sache ist, was ihr Buchgenre angeht.

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