Das Tor zur anderen Welt

Clifford D. Simak
Das Tor zur anderen Welt

Originaltitel: The Worlds of Clifford Simak (New York : Simon & Schuster 1960)
Übersetzung: Tony Westermayr
Deutsche Erstausgabe (geb.): 1961 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmanns Zukunftsromane 20)
196 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1963 (Wilhelm Goldmann Verlag/Weltraum-Taschenbuch 015)
184 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1979 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmann SF 23015)
192 S.
ISBN-13: 978-3-442-23015-0
Neuausgabe: 1982 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmann SF 23015)
192 S.
ISBN-13: 978-3-442-23015-0

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Inhalt:

Fünf längere Geschichten belegen die ‚besondere‘ Science Fiction des Clifford D. Simak (1904-1988), der abseits pompöser Weltall-Spektakel einen (nicht immer) zukünftigen Alltag schildert:

Das Tor zur anderen Welt (The Big Front Yard, 1958): Hiram Taine betreibt eine kleine Reparaturwerkstatt. In die sind gerade Heinzelmännchen eingezogen, die aber nicht aus dem Märchenbuch, sondern aus dem Weltraum gekommen sind. Gern nehmen sie Hirams Gastfreundschaft an, helfen ihm des Nachts in der Werkstatt – und bauen in seinem Vorgarten ein Dimensionsportal, das sich in eine andere Welt öffnet.

Schachspiel der Welten (Honorable Opponent, 1956): Sie waren der Galaktischen Föderation kein ehrenvoller aber ein unüberwindlicher Gegner: die Fiver, seltsame Aliens, die den Krieg eher als Spiel zu betrachten schienen. Nun, da der Kampf zu Ende ist, sollen die Gefangenen ausgetauscht werden, doch wieder verstehen die Fiver nur Bahnhof.

Die Spiegelwelt (Carbon Copy, 1957): Homer Jackson, Grundstücksmakler, ist einem guten Geschäft nie abgeneigt. Die Vermittlung einiger schön gelegener Seegrundstücke erweist sich als geradezu unheimlich lukrativ, weil sie sich scheinbar unendlich oft vermieten lassen – bis Homer herausfindet, dass besagter Grund und Boden nicht nur mehr als die bekannten vier Dimensionen aufweist, sondern auch buchstäblich von einer anderen Welt ist.

Mein Freund Stinky (Operation Stinky, 1957): Saufnase Asa Bayley, einsam und arm aber zufrieden und gutherzig, rettet ein Stinktier, das sich als schiffbrüchiger Außerirdischer entpuppt. „Stinky“ revanchiert sich, indem er per Telekinese Maschinen aller Art nicht nur repariert, sondern gleichzeitig revolutionär verbessert. Bald wird das Militär aufmerksam und zwingt Stinky, futuristisches Kriegsgerät zu entwickeln. Doch Gier macht blind und dumm, und es kommt der Tag, an dem Stinky unter Beweis stellt, dass er nicht so naiv und niedlich ist wie er aussieht.

Das romantische Raumschiff (Lulu, 1957): Der Zentralrechner eines Raumschiffs erweist sich nicht nur als intelligent, sondern entwickelt sogar eine Persönlichkeit. Vom selbst ernannten Dichterfürsten der Drei-Mann-Crew mit schmalziger Poesie auf dumme Gedanken gebracht, erklärt „Lulu“ den verblüfften Passagieren ihre Liebe und brennt mit ihnen in die Tiefen des Weltalls durch.

Fünf gar nicht so fern wirkende Welten

„Das Tor zur anderen Welt“ ist eine Sammlung von Kurzgeschichten des Altmeisters Clifford D. Simak. Sie gehört zu den Science-Fiction-Schätzen, vor mehr als einem halben Jahrhundert in den „Weltraum-Taschenbüchern“ des Wilhelm-Goldmann-Verlags gehoben wurden. Vor allem die ersten 100 Bände sammelten die elementaren Romane und Storys eines hierzulande noch jungen Genres.

Man konnte aus dem Vollen schöpfen – und tat es. Auch „Das Tor zur anderen Welt“, ursprünglich Band 15 der genannten Reihe, ist eine mit Kabinettstücken gefüllte Schatzkiste. „Schatz“ ist durchaus wörtlich zu nehmen, denn Simak gewann mit der Titelgeschichte 1959 den begehrten „Hugo Gernsback Award“ für die beste längere Erzählung („novelette“); für ihn freilich nichts Besonderes, da Simak in seiner fast sechs Jahrzehnte umspannenden Schriftstellerkarriere alle wichtigen Preise (und die meisten weniger bedeutenden) der Science Fiction gleich mehrfach einheimste.

„Das Tor zur anderen Welt“ – gemeint ist nun die Story selbst – ist die Variation einer Idee, die Simak immer wieder aufgriff und dank seines außerordentlichen Talentes stets mit neuem Leben erfüllte, wie er „Mein Freund Stinky“ unter Beweis stellt: In einem der ländlichen Winkel des US-Mittelwestens, meist im Staate Wisconsin – dort wurde Simak geboren, dort lebte und arbeitete er viele Jahre als Journalist – und stets so idyllisch gelegen, dass der Kitsch bedrohlich über der Szene hängt (ohne allerdings jemals herabzustürzen), leben naturfreundliche, der Großstadt-Hetze abholde Durchschnittsamerikaner. Meist sind es Handwerker, Händler oder Farmer, d. h. Männer, die mit den Händen arbeiten und privat in friedlicher Abgeschiedenheit als Single mit Hund ihr Dasein fristen, bis eines Tages das Phantastische in ihr ruhiges Leben tritt.

Fremd ist vor allem faszinierend

Außerirdische landen, Passagen in fremde Welten öffnen sich, seltsame Artefakte erscheinen und sorgen für Verwirrung. Diese Begegnungen verlaufen immer friedlich, etwaige Missverständnisse werden geklärt, wobei Simaks Protagonisten – die menschlichen wie die außerirdischen – vielleicht etwas überfordert aber aufgeschlossen und neugierig sind, statt misstrauisch oder mit der Waffe bei der Hand zu sein.

„Schachspiel der Welten“ und „Das verliebte Raumschiff“ scheinen um klassische SF-Motive zu kreisen – die Außerirdischen kommen, ein Rechengehirn dreht durch -, die indes stark ‚simakisiert‘ wurden und nichts mit den üblichen Blut, Schweiß & Laser-Spektakeln gemein haben, die man üblicherweise mit ihnen verbindet. Das Motiv des ‚lebendigen‘ Raumschiffs, das eine besondere Beziehung zu seinem Piloten aufbaut, wurde schon vor und noch nach Simak oft verwendet (oder strapaziert, wenn man sich – mit Schaudern – der „Schiff“-Romane der SF-Schwätzerin Anne McCaffery erinnert). „Lulu“ ist dennoch deutlich gealtert. Simaks Frauenbild war stets … nun, zeittypisch und gar nicht Science Fiction, um es vorsichtig auszudrücken.

Immerhin bleibt Lulus Auftritt kurz; ihr geistiger Vater schrieb noch vor dem Aufkommen der Zyklus-Pest, von der er sich auch in seinen späten niemals anstecken ließ. Clifford D. Simak dachte sich neue Geschichten aus (auch wenn sie sich im Rückblick irgendwie ähneln) – ein liebenswert altmodischer Zug, der es ermöglicht, seine Werke in beliebiger Reihenfolge zu lesen, weil man sich nicht durch die Bände I-XII einer endlosen Vorgeschichte quälen muss.

Der Ruf in den Wald

„Die Spiegelwelt“ zeigt einen anderen Tenor. Thematisch erinnert diese Erzählung zwar an „Das Tor zur anderen Welt“, doch es fehlt der sanfte Unterton. Simak wird beinahe zynisch; sein überforderter Grundstücksmakler ist kein gutmütiger Huckleberry Finn, sondern ein auf seinen Vorteil bedachter, in die Jahre gekommener Tom Sawyer, den letztlich die verdiente Strafe ereilt. Auch die Aliens sind dieses Mal aus härterem Holz geschnitzt als sonst und buchstäblich unmenschlich.

Allerdings hatte Simak, der viele Jahrzehnte hauptberuflicher Journalist war, durchaus das Ohr am Puls der Zeit. Die Schrecken des Nationalsozialismus‘, des Zweite Weltkrieg und des Kalten Krieges der 1950er Jahre floss in das Werk dieser Jahre ein. Simak mag ein ‚pastoraler‘ Autor gewesen sein. Dies beeinträchtige jedoch keineswegs sein Talent als Geschichtenerzähler: Simak predigte nicht, sondern setzte Mahnung und Warnung in spannende Unterhaltung um.

Dass er darüber nicht bitter oder zynisch wurde, sondern seinem Stil treu blieb, muss ebenso bewundert werden wie die Tatsache, dass Simak ein Publikum fand. Kritiker wie Leser erkannten, dass hier schon vergleichsweise früh ein SF-Autor einen eigenen und interessanten Weg eingeschlagen hatte. In den 1960er und 70er Jahren begann sich eine neue Generation von SF-Schriftstellern dem „inner space“ zu widmen. Clifford D. Simak gehörte nicht zu ihnen, aber er hatte den Boden mitbereitet. Seine Erzählungen mögen inhaltlich wie formal gealtert sein, doch was ihr Verfasser ausdrücken wollte, wird auch dem die Naivität der Vergangenheit zynisch verurteilenden Gegenwartsleser deutlich.

Anmerkung

„The Worlds of Clifford Simak“ erschien in Deutschland leider nur zerpflückt. Der Goldmann-Verlag übernahm 1961 nur fünf der eigentlich zwölf Storyss, welche die ursprüngliche Kollektion darstellten, um die für Taschenbücher damals noch übliche Seitennorm von ca. 190 Seiten nicht zu überschreiten. Die anderen Geschichten wurden stillschweigend unterschlagen – doppelte Arroganz eines Verlages, der sich auch noch anmaßte, „nur die besten Romane und Erzählungen der Science-Fiction-Literatur“ und „keine haltlosen Phantastereien“ zu veröffentlichen. Doch so wurde der deutsche SF-Leser noch bis in die späten 1970er Jahre und nicht nur vom Goldmann-Verlag für dumm verkauft.

Das macht dem Freund wirklich klassischer Science Fiction diesen Band allerdings nicht weniger wertvoll, zumal einige der ‚verschollenen‘ in anderen Sammlungen auftauchten. Leider ist Simak-SF beinahe vollständig vom deutschen Buchmarkt verschwunden und muss antiquarisch erworben werden: ein Armutszeugnis für die SF-Monokultur der hiesigen Verlage bzw. eine Anregung, diese Lücke zumindest als eBook zu schließen.

Autor

Clifford Donald Simak wurde am 3. August 1904 in Mil(l)ville, einem Städtchen im Südwesten des US-Staates Wisconsin, geboren. Naturwissenschaft und Journalismus waren seine frühe und lebenslange Leidenschaft. Simak studierte an der Universität von Wisconsin und wurde 1922 zunächst Lehrer. 1929 wagte er den Absprung und wurde für diverse Zeitungen des Mittelwestens tätig. Ab 1939 war er fest beim „Minneapolis Star“ angestellt, wo er bis 1976 blieb und u. a. die Wissenschaftsbeilage betreute.

Der junge Simak war von den Science-Fiction-Magazinen fasziniert, die in den 1920er Jahre erschienen. Er wurde bald selbst schriftstellerisch aktiv. Eine erste Kurzgeschichte erschien 1931 in Hugo Gernsbacks „Wonder Stories“. 1938 wechselte Simak als Autor zu „Astounding Science Fiction“. Unter dem charismatischen Herausgeber John W. Campbell jr. (1910-1971) begann er seine eigene Stimme zu finden. In den nächsten Jahren entstanden jene Storys, die 1952 zum „City“-Zyklus zusammengefasst wurden.

Obwohl Simak zu den Gründervätern der Science Fiction gezählt wird, begann seine eigentliche Karriere erst nach dem II. Weltkrieg. Der Autor sperrte sich gegen aktuelle Modeströmungen und blieb ‚seiner‘ SF treu. Einfache Männer bilden seine Hauptfiguren, die außerhalb der großen, anonymen Städte in übersichtlichen Gemeinschaften leben, in denen gesunder Menschenverstand allemal über weltfremdes Spezialistentum gestellt wird.

Mit seinen ‚pastoralen‘ SF-Werken schuf sich Simak eine literarische Nische, in der er sich behaglich einrichtete. Selbst die eifrigen und manchmal eifernden Vertreter der „New Wave“, die Ende der 1960er Jahre der SF grundlegende neue Impulse gaben, ließen ihn in Ruhe. Schon 1973 wurde Simak in die „Science Fiction Hall of Fame“ aufgenommen. In den 1970er Jahren erweiterte er sein Repertoire und verfasste erfolgreiche Fantasy-Romane. Erst sein Tod am 25. April 1988 in Minneapolis setzte dieser erstaunlichen, fast sechs Jahrzehnte umspannenden Karriere ein Ende.

Copyright © 2015/2016 by Michael Drewniok (md)

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Comments

  1. Das Fahrzeug im ersten Cover erinnert schwer an das der Jawas in Star Wars.
    Wer hat hier zuerst abgeguckt?

    mgg
    Werner

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