Die Entstehung der Arten und andere Erzählungen

Wiktor Pelewin
Die Entstehung der Arten und andere Erzählungen

Reclam Leipzig
Erscheinungsjahr 1995
übersetzt von Andreas Tretner
230 Seiten
(sfbentry)

Die hier versammelten Erzählungen knüpfen inhaltlich eher an die von „Das Leben der Insekten“ an als an „Omon“. Allerdings nicht etwa so, daß wieder humanoide Insekten bzw. insektoide Menschen in einen satirischen Handlungsreigen eintreten, aber es ist in der Regel (aber nicht nur) wieder der neue, alte Russe, der sich hier ach so vertrauten und gleichsam völlig fremden Welten gegenüber stehen sieht – mal mehr, mal weniger entfremdet. Die Sujets der Stories nähern sich damit mal mehr, mal weniger der „reinen“ Phantastik; überraschend (was gute Phantastik wohl sein sollte) sind alle Geschichten.

Der Opener „Nike“ scheint zunächst eine unverfängliche Liebesgeschichte zu sein; erzählt von einem Mann, der – scheinbar – in einer Lolita eine große Liebe fand, auch wenn er gar nicht rational fassen kann, warum er sich zu diesem reinen, unbedarften, natürlichem Geschöpf so hingezogen fühlt. Die „Auflösung“ ist dann wahrlich ein richtiger Knalleffekt!

„Sechszeh und Einsiedel“ scheint nun anfänglich eine echte SF-Story zu sein, die auf einem fremden Planeten, in einer uns fremden Umwelt spielt, und in der die Handelnden irgendwelche Aliens sind. Aber stop! Wir haben es hier mit Pelewin zu tun: Wahrscheinlich ist es bei ihm wirklich so, daß man immer dann, wenn man meint, hier habe man es mit der und der Situation zu tun, diese Situation völlig auf den Kopf gestellt wird – aber am Ende ist man selber Schuld, wenn man glaubt, es wäre anders…
Um konkret zu werden: Die im Titel benannten Protagonisten sind Hühner, die der Leser auf ihrer bizarren Flucht aus einer Hühnergroßfarm beobachten kann.

Pelewin spielt mit seinem Metamorphosen-Sujet, muß es nicht immer als Gesellschaftssatire benutzen wie in „Das Leben der Insekten“.
„Die Entstehung der Arten“ ist fast ein Ausrutscher, denn die Story spielt auf dem Forschungsschiff Darwins. Doch ist der gute alte Darwin hier ein anderer; er „forscht“ nicht, sondern „erprobt“ seine Lehren, indem er sich Duellen mit Menschenaffen aussetzt und dabei seine Ideen und Gedanken weiterentwickelt.

„Ontologie der Kindheit“ ist der schwierigste Text des Bandes – ja, hier ist man leicht geneigt, den Text als „Text“ zu titulieren, weil er vielleicht gar keine richtige Story ist. Es geht in ihm um Kindheitserfahrungen…

In „Die blaue Laterne“ geht es fast gruselig zu: Kinder in einem Ferienlager (?) erzählen sich abends im Bett Geschichten, die zunächst irgendwie absurd klingen, dann aber eine ziemlich gruselige Wendung erfahren. Hier kommt auch wieder das Motiv zum Tragen, das Pelewin in „Das Leben der Insekten“ behandelte: Was ist real, was erträumt, bzw. das Abbild der Realität.

Genau dieses Thema behandelt auch die längste Geschichte am Ende des Bandes: „Der gelbe Pfeil“. Die Menschen – hier eindeutig wieder die Nachwenderussen – sind Reisende in einem Zug, der haltlos durch endlose Landschaften fährt. Ein Tag gleicht dem anderen und läßt ernsthafte Zweifel daran aufkommen, daß dieses Leben überhaupt sinnvoll ist. Das Ziel der Reise wird als „zerstörte Brücke“ benannt, wobei niemand weiß, was damit gemeint ist und auch scheinbar niemand darüber nachdenkt, ob dieses Ziel die Fahrt überhaupt wert ist. Im Laufe der Handlung unterhalten sich zwei Reisende über ein Buch, das der eine liest. Darin wird über eine Reise in einem indischen Zug erzählt; der Erzähler nun zweifelt durchaus daran, daß dieses sein Erlebnis real ist. Genau die gleichen Zweifel müßten eigentlich auch den in der Erzählung Handelnden kommen.
Die Geschichte endet utopisch: Der Protagonist kann den Zug verlassen (ist eigentlich nur Toten vorbehalten). Auch wenn er nun kein Ziel mehr hat, so kann er erkennen, daß der Zug, aus dem er gerade ausgestiegen ist, aus einem dunklen Vakuum kommt und in ein solches hineinrast.

„Die Tarzanschaukel“ ist ein beliebtes Kinderspielzeug. Man kennt das ja: Ein langes Seil mit Knoten oder am Ende befestigtem Holz, das an einem hohen Ast über einem Abhang pendelt. Wer sich zum richtigen Zeitpunkt fallen läßt, landet im See. Im wesentlichen wird ein seltsamer Dialog wiedergegeben, nur daß nur eine Person spricht, die andere zunächst immer nur wie ein Echo das letzte Wort wiedergibt. Das gefällt dem Sprechenden nicht, doch als sich dies ändert, gefällt es ihm noch weniger.

„Musik aus dem Lautsprecher“ geht nun ziemlich an die Substanz. Auch in Rußland gibt es diese Hornochsen, die glauben, zu einer Herrenrasse zu gehören, und ihr Ideal in einem untergegangenem 1000jährigem Reich suchen. Und so einer hat gelesen, daß die Germanen sich durch den Genuß von Fliegenpilzen in einen Rauschzustand versetzten; Alkohol ist da out.  Als die Assi-Bande sich also aus dem nahen Wald Pilze holt und diese roh verspeist, passiert… gar nichts. Irgendwie wirkt hier nichts. Doch für den Schrumpfgermanen unmerklich, verändert sich die Welt um ihn herum, auf einmal befindet er sich mitten in einer Szene aus der Zeit des Dritten Reiches, mitten unter Hitler und Konsorten. Genauso unmerklich und übergangslos driftet er auch wieder in seine triste russische Wirklichkeit.

Nein, Pelewin hält nicht viel von seiner „Heimat“ – für ihn scheint Rußland zu einer Menagerie grotesker Figuren und unwahrscheinlicher Abenteuer degeneriert zu sein; vielleicht ist seine Sicht der Wirklichkeit die richtigere? Wer vermag das schon zu sagen? (TH)

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