Die Medusa-Chroniken

Stephen Baxter/Alastair Reynolds
Die Medusa-Chroniken

Originaltitel: The Medusa Chronicles (London : Victor Gollancz 2016; New York : Saga Press/Simon & Schuster 2016)
Übersetzung: Peter Robert
Deutsche Erstausgabe (Paperback): November 2016 (Heyne Verlag/Paperback Nr. 31784)
590 S.
ISBN-13: 978-3-453-31784-0
eBook: November 2016 (Heyne Verlag)
1811 KB
ISBN-13: 978-3-641-19300-3

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Das geschieht:

Nach einem schweren Unfall überlebte Howard Falcon nur als quasi-maschineller Cyborg. Das machte ihn zum Idealkandidaten für eine Expedition, die ihn in den Neunzigerjahren des 21. Jahrhunderts in die turbulente Atmosphäre des Riesenplaneten Jupiter eintauchen ließ, wo Falcon außerirdisches Leben entdeckte.

Durch seine ‚Verwandlung‘ ist Falcon quasi unsterblich geworden. So erlebt er mit, was er selbst angestoßen hat: Von Menschen geschaffene Maschinen entwickeln Intelligenz. Falcon wird zum Bindeglied zwischen der misstrauischen Menschheit und den außerhalb des Sonnensystems ihre eigene Zivilisation entwickelnden Maschinen.

Dabei muss Falcon selbst gegen Vorurteil kämpfen. Er blieb der einzige Cyborg seiner Art. Die Menschen fragen sich, ob sie ihm trauen können. Aufgrund seiner robusten Bauart wird Falcon dennoch immer wieder mit gefährlichen und delikaten Aufträgen betraut. Da er erkennt, dass Menschen und Maschinen auf einen gefährlichen Konflikt zusteuern, lässt er sich bereitwillig einspannen.

Doch Falcon kann die Konfrontation nicht verhindern. Die Maschinen stellen den Menschen ein Ultimatum: Binnen 500 Jahren sollen sie die Erde verlassen – eine Forderung, die nicht akzeptiert wird. Die Frist nutzt man zur Aufrüstung, während Falcon mehrfach vergeblich zu vermitteln versucht. Schließlich kommt der Tag X – und die Maschinen siegen.

Die vertriebene Menschheit findet eine neue Heimat jenseits des Jupiters. Allerdings will man sich an den Maschinen rächen und entwickelt die Technik dafür. Ein letztes Mal macht sich Falcon auf, um die Katastrophe zu verhindern …

Epos mit Vorgeschichte

1971 galt Arthur C. Clarke (1917-2008) in der Science-Fiction-Welt einerseits als Legende, während er andererseits das Genre weiterhin durch hochklassige Beiträge bereicherte. Mit seiner Novelle „A Meeting with Medusa“ (dt. „Ein Treffen mit Medusa“) stellte er seinen Status – und nach Ansicht von Stephen Baxter und Alastair Reynolds zum letzten Mal – unter Beweis. Die Novelle wurde mehrfach preisgekrönt und gilt als SF-Klassiker. Dies zu Recht, wie man auch in diesem Buch feststellen kann: „Ein Treffen mit Medusa“ wird den „Medusa-Chroniken“ angehängt – eine schöne Idee, aber auch ein Risiko, da auf diese Weise die Qualitätsdiskrepanz zwischen Hauptteil und Extra unmittelbar ins Auge sticht.

Clarke schuf 1971 einen geschlossenen Mikro-Kosmos, als er Howard Falcon seine Jupiter-Expedition unternehmen ließ. Er gab sich große Mühe und investierte viel Zeit in diese Novelle, die deshalb kompakt geschrieben ist und thematisch auf den Punkt kommt. Ganz sicher dachte Clarke nicht daran, die Falcon-Figur erneut einzusetzen. Dies blieb einer neuen Generation von SF-Autoren überlassen, die Recherche-Aufwand nicht mehr für nur eine Story betreiben, sondern ihre Arbeit verwenden, um tausendseitige Romane mit endlosen Fortsetzungen zu produzieren.

Ganz so schlimm kommt es in den „Medusa-Chroniken“ nicht. Trotzdem funktioniert der gleichnamige Roman nur eingeschränkt. So ist Howard Falcon eher ein Alibi als eine für die Story wichtige Figur. Als solche besitzt Falcon in der SF-Gemeinde einen Prominentenbonus, was den „Chroniken“ bereits vorab eine verkaufszahlenförderliche Aufmerksamkeit bescherte. Doch obwohl Baxter & Reynolds mehrfach auf Clarkes Novelle zurückgreifen, spinnen sie ein völlig unabhängiges Garn, das es inhaltlich trotz eines Spielfeldes, das über das Sonnensystem hinausgreift sowie eine Jahrtausend-Historie erfährt, an kompakter Prägnanz mit Clarkes Vorlage nie aufnehmen kann.

Episoden einer wechselvollen Zukunft

Selbst der Titel führt in die Irre: Während Clarke sich auf die Begegnung zwischen Howard Falcon, dem Menschen, und der Medusa, einem intelligenten, in der Atmosphäre des Jupiters schwebenden außerirdischen Wesen, konzentrierte, schildern Baxter & Reynolds keineswegs die Fortsetzung dieses Kontakts. Zwar kommen sie mehrfach auf die Medusa zurück, was jedoch eher dem Titel geschuldet ist. Ansonsten könnte das Autorenduo auf die Jupiter-Medusen oder die Simps (und der deutsche Verlag auf eine Veröffentlichung als satzspiegelfreizügiges Pluster-Paperback) verzichten.

Primär geht es um eine Auseinandersetzung zwischen Menschen und Maschinen – ein klassisches Science-Fiction-Thema, dem auch Baxter & Reynolds nicht wirklich Neues hinzuzufügen haben. Die Maschinen werden schlau, den Menschen gefällt das nicht, man streitet, es kommt zum Krieg. Zwischen den Fronten stecken Howard Falcon, selbst eine halbe Maschine, und Adam, sein ‚Sohn‘, d. h. jene Maschine, die Falcon einst darin bestärkte, sich selbstständig zu machen und eigene Wege zu gehen.

Der Konflikt währt fast ein Jahrtausend. Die Story kehrt zu verschiedenen Zeitpunkten zur Primärhandlung zurück, was den ‚Roman‘ in eine Folge durchaus lose miteinander verbundener Episoden gliedert. Eine echte Entwicklung erfahren die Protagonisten eher sporadisch: Wenn wir sie in einem neuen Kapitel wiedertreffen, schildern Baxter & Reynolds, was sich inzwischen verändert hat.

‚Harte‘ Science Fiction in digitaler Gegenwart

Zu großer Form läuft das Autorenduo auf, wenn es gilt, zukünftige Hightech sowie das Universum als Ort natürlicher Wunder darzustellen. In den letzten Jahren konnten auf allen Gebieten der Astronomie spektakuläre Erkenntnisse gewonnen werden, auf die sie sich stützen. Der Mond, Mars, Merkur, Jupiter und Saturn sind nur Stationen einer Tour, die Falcon durch das Sonnensystem und ein gutes Stück darüber hinaus führt. Was er dort entdeckt und erlebt, ist deutlich besser geraten als die manchmal hausbackenen Figurenprofile – was übrigens auch Falcon selbst einschließt, der angeblich als Relikt der Vergangenheit ausgegrenzt wird aber allzu offensichtlich immer dort landet, wo gerade Geschichte geschrieben wird.

Wie die Geschichte ‚logisch‘ ausgehen könnte, war Baxter & Reynolds nicht so wichtig wie ein Finale, das Arthur C. Clarke zumindest theoretisch geschrieben haben könnte. Der Jupiter faszinierte Clarke Zeit seines Lebens. Als er in „2001 – A Space Odyssey“ (1968; dt. „2001 – Odyssee im Weltraum“) die menschliche Zivilisation als Keim einer ‚Saat‘ beschrieb, die eine außerirdische Intelligenz mit Hilfe schwarzer Obelisken verstreute, ließ er diese auf (oder im) Jupiter hausen.

Wenn Falcon und Adam in den „Medusa-Chroniken“ final in die Tiefen dieses Gasriesen reisen, greifen Baxter & Reynolds (allzu) deutlich auf diese Vorlage zurück. Was als Hommage gemeint ist, wird zu einer Deus-ex-Machina-‚Lösung‘. Den Menschen und den Maschinen wird das Heft aus den Händen bzw. Greifklauen genommen. Eine Macht mit quasi göttlichen Kräften renkt ein, worum sich die Kontrahenten ansonsten selbst hätten kümmern müssen. Das ist recht billig und lässt die zuvor ausführlich eingebrachte Zivilisationskritik ins Leere laufen, führt aber immerhin zur Auflösung eines Garns, das die Autoren ansonsten Episode um Episode hatten weiterknüpfen können. So kommt der Schlusspfiff, bevor der Leser eines SF-Romans überdrüssig wird, der zwar unterhaltsam ist aber selten mehr zu bieten hat.

Autoren

Stephen M. Baxter wurde 1957 in Liverpool geboren. Er studierte Mathematik in Cambridge, promovierte als Ingenieur an der Universität Southampton, wurde Schullehrer und erteilte Mathematik- und Physikunterricht. Später arbeitete er als Informatiker.

Geschrieben hat Baxter schon in jungen Jahren. Veröffentlicht wurde seine erste Science Fiction Story („The Xeelee Flower“) 1987 im Magazin „Interzone“. Weitere Kurzgeschichten folgten. 1991 erschien „The Raft“ (dt. „Das Floß“), Baxters erster Roman. Diese Arbeiten leiteten den bis heute fortgesetzten Xeelee Zyklus ein, der den Verfasser als modernen Vertreter des Subgenres Hard-SF auswies. Im Gegensatz zu vielen Kollegen sieht Baxter den Menschen nicht als Rädchen einer Super-Technik. Im Guten wie im Bösen steuert er im Rahmen der ihm gegebenen Möglichkeiten eigenverantwortlich sein Schicksal.

Seit 1995 ist Baxter hauptberuflicher Schriftsteller. Für seine einfallsreichen Romane und Kurzgeschichten heimste er zahlreiche Preise (u. a. den Philip K. Dick Award, den John Campbell Memorial Award und sogar den deutschen Kurd Lasswitz Preis) ein,

Website

Alastair Preston Reynolds, geboren am 13. März 1966 in Barry, einem Ort in Süd-Wales, studierte Physik und Astronomie an der Newcastle University. 1991 ging er in die Niederlande und arbeitete in Noordwijk für die Europäische Raumfahrtbehörte (ESA). Ab 2004 konnte Reynolds von der Schriftstellerei leben. 2008 kehrte er – inzwischen mit einer Französin verheiratet – nach England zurück. Heute lebt Reynolds wieder in Wales.

Als Autor war Reynolds ab 1989 aktiv. Ab 1995 veröffentlichte er Kurzgeschichten; 2000 erschien das Romandebüt „Revelation Space“ (dt. „Unendlichkeit“), dem vier ebenso umfangreiche Fortsetzungen folgten. Reynolds schreibt harte Science Fiction, die von seinem naturwissenschaftlich-technischen Wissen profitieren, sich aber keineswegs auf den Abenteuer-Aspekt beschränken. Der Autor vertritt eine eher düstere Sicht, was die geistige oder soziale Entwicklung des Menschen betrifft, der seiner Ansicht nach bekannte Fehler in nunmehr kosmischen Dimensionen wiederholen wird.

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