Dunkles Universum

Daniel F. Galouye
Dunkles Universum

Originaltitel: Dark Universe (New York : Bantam Books 1961)
Dt. Erstausgabe (geb.): 1962 (Goldmann Verlag/Goldmanns Zukunftsromane Z 37)
Übersetzung: Tony Westermayr
188 S,
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1965 (Goldmann Verlag/Goldmanns Weltraum-Taschenbücher 060)
Übersetzung: Tony Westermayr
188 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: März 1984 (Ullstein Verlag/Ullstein SF 31972)
Übersetzung: Joachim Pente
189 S.
ISBN-13: 978-3-548-31072-5

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Das geschieht:

Die menschliche Zivilisation ist in einem Atomkrieg untergegangen. Die wenigen Überlebenden sind in ein Bunkersystem tief unter der Erde geflüchtet. Dort harren sie noch immer aus, denn die tödliche Strahlung des atomaren Feuers hat die Oberfläche vergiftet. Bei unseren Neo-Höhlenmenschen klingt dies freilich so: Die „Ursprungswelt“ ist tabu, weil dort die Teufel „Kobalt“ und „Strontium“ ihr Unwesen treiben. Diese Interpretation verrät, dass eine neue Steinzeit angebrochen ist. Jäger und Sammler sind die Männer und Frauen vom „Unteren“ bzw. „Oberen Schacht“ geworden. Heiße Quellen spenden Wärme und lassen die wertvollen „Mannapflanzen“ gedeihen, für den Fleischtopf jagt man Salamander und Blindfische.

Freilich kann es geschehen, dass der Spieß umgedreht wird: Die Radioaktivität hat gigantische Vampir-Fledermäuse entstehen lassen, deren mörderisches Treiben jeden Höhlenbewohner zur Vorsicht mahnt. Dies gilt umso mehr, weil es in dieser seltsamen Welt kein Licht gibt! Es ist schon vor Generationen verschwunden und nur noch eine sagenhafte Erinnerung. Die Menschen sind nicht blind geworden, aber sie haben verlernt, ihre Augen zu benutzen. Stattdessen orientieren sie sich per Gehör: durch Schallwellen, die sie mit Echosteinen erzeugen und virtuos zu deuten wissen.

Niemand kann dies besser als Jared, Sohn des „Primars“ Evan Fenton, der die Siedlung des Unteren Schachtes regiert. Der junge Mann ist intelligent und neugierig, was nicht überall gern gesehen wird. Vor allem der vierschrötige Romel, sein älterer Bruder, macht Jared das Leben schwer. Auch der Vater bedrängt ihn: Der Staatsräson zuliebe soll Jared sich mit Della verbinden, der Nichte von „Boss“ Noris Anselm, der über den Oberen Schacht gebietet.

Jared sucht lieber das verschwundene Licht. Dabei dringt er sogar in die verbotene Ursprungswelt vor: Seltsame Wesen überfallen ihn, denen nur knapp entkommt. Aber man folgt ihm und terrorisiert nun die Menschen der Unterwelt. Jared steht zwischen allen Stühlen. Alte Ängste und Aberglauben überwindend, kommt er dem Rätsel der Fremden auf die Spur und entdeckt eine erschreckende, faszinierende, ganz neue und doch uralte Welt jenseits des dunklen Universums …

Ohne Licht ein Lesegenuss

… doch bis er die Seinen (buchstäblich) ans Licht führt – dies dürfte für die Leser keine Überraschung sein -, gilt es durch die wahre Düsternis zu wandeln: die der menschlichen Dummheit nämlich, die hier kongenial verkörpert wird durch den vor allem intriganten, dem Status quo verhafteten Romel. Aber Obacht: So einfach gestrickt ist diese Geschichte nicht. Ausgerechnet der geistig so rege Tabubrecher Jared ist es, der noch gegen Ende den Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen vermag. Dieser Vergleich trifft hier ins Schwarze, denn „Dunkles Universum“ ist nicht nur ein fabelhaftes SF-Abenteuer, sondern auch ein kluges Gedankenspiel, das scheinbar Selbstverständliches in Frage stellt.

Über fünf Sinne – Sehen, Hören, Riechen, Tasten, Schmecken – verfügt der Mensch, doch was geschieht, wenn ihm einer davon abhandenkommt? Hier geht es nicht um das Individuum, das mit Blindheit geschlagen wird. In einer Gemeinschaft, die in der Mehrheit sehend bleibt, ist dies ein Handicap, das durch Hilfe gemeistert werden kann.

Doch in Galouyes dunklem Universum wurde das Sehen kollektiv verlernt. Das Ohr hat das Auge ersetzt. Wie immer erwies sich das Menschentier als überaus anpassungsfähig. Es entstand ein völlig neues Alltagsleben, das Galouye meisterhaft zu schildern vermag, denn er lässt eine Unterwelt Gestalt annehmen, die tatsächlich völlig lichtlos ist. Der Autor geht noch einen Schritt weiter: Er schildert die Ereignisse aus der Perspektive der ‚augenlosen‘ Höhlenmenschen. In dieser Geschichte gibt es buchstäblich keinen allessehenden bzw. allwissenden Erzähler.

Die Düsternis des Geistes

Galouye findet Mittel und Wege, eine an sich simple Ausgangssituation so spannend zu entwickeln, dass man ihm eine Handlung verzeiht, die keine besonderen Überraschungen bietet. „Dunkles Universum“ ist eine „Post-Doomsday“-Story wie viele andere, die in den Jahren des Kalten Krieges erzählt wurden. Der Verfasser trifft dennoch einen Nerv: Jedem Leser fällt es leicht, sich die Fremdheit der Schachtwelt zu veranschaulichen. Es genügt, die eigenen Augen zu schließen und sich vorzustellen, man müsste den Alltag in vollständiger Lichtlosigkeit meistern.

Cover der dt. Erstausgabe

Die einfachsten Handlungen müssten neu erprobt und Alternativen dort gefunden werden, wo auf das Licht nicht verzichtet werden kann. Doch wie weit könnte dies gehen? Für Galouye steht fest, dass der Mensch durch die Dunkelheit allein nicht dem Untergang geweiht ist. Er hat sich viele Gedanken gemacht sowie das Geschehen in eine technikfreie Kulisse verlegt: Dass der Mensch die Technik bewahrt aber das Licht verliert, ist in der Tat eine unwahrscheinliche Annahme.

Science Fiction ist bekanntlich kein Wegweiser in die Zukunft. Die meisten geglückten ‚Voraussagen‘ erweisen sich nachträglich als Zufälle. Galouye interessiert dieser Aspekt des SF-Genres ohnehin nicht. Er konzentriert sich auf den Menschen. Die Gesellschaft der Höhlenmenschen beschreibt er sehr konventionell: Man bildet ‚Stämme‘, die sich der Führung des Stärksten unterwerfen. Der Alltag ist hart und auch ohne Kobalt, Strontium und die Vampir-Fledermäuse gefährlich. Deshalb gibt es eine Vielzahl von Regeln, deren Befolgung streng beachtet wird: Wer aus der Reihe tanzt, bringt theoretisch die Gruppe in Gefahr.

Der tastende Weg zurück ins Licht

Für Galouye birgt diese starre Haltung die eigentliche Gefahr: Das Establishment der Unterwelt ist zufrieden mit dem Erreichten. Doch in solcher Stagnation sieht Galouye den Keim für den zwar nur allmählichen aber endgültigen Untergang der Menschheit. Ohnehin ist der Friede brüchig: Wie einst die Morlocks hausen unter den Schächten die „Zerver“. Diese haben durch die Radioaktivität die Fähigkeiten entwickelt, infrarote Wärmestrahlung zu orten, was der Orientierung in der Dunkelheit dienlich ist. Doch Jareds Leute haben Angst vor den „Zervern“. Sie treten ihnen feindlich entgegen und können nur hoffen, dass die „Zerver“ nicht eines Tages über sie herfallen.

Cover der TB-Ausgabe 1965

Jared verkörpert den dornigen Weg des Aufbruchs. Wissen mag Macht sein, aber es zu erwerben, kann mühevoll und sogar gefährlich sein. Damit ist nicht nur die Ablehnung gemeint, die Jared von seinen Stammesgenossen entgegenschlägt. Die Ereignissen scheinen ihnen rechtzugeben: Nachdem Jared in die „Ursprungswelt“ vorgedrungen ist, folgt ihm diese hartnäckig. Wie Goethes Zauberlehrling hat Jared Kräfte geweckt, die er nicht kontrollieren kann. Statt Neues zu erfahren, bringt er das Alte bzw. das Althergebrachte in Gefahr: Die ‚Ungeheuer‘ aus der „Ursprungswelt“ versetzen nicht nur die Stämme der Schächte in Unruhe. Auch die „Zerver“ werden aufgeschreckt und lassen sich nicht mehr in ihren Orkus zurücktreiben.

Für Jared stellt die Situation in mehrfacher Hinsicht ein Problem dar. Er hat seinen Stamm ‚verraten‘ und dem Gegenspieler Romel in die Hände gespielt. Selbstverständlich verliebt sich Jared im Laufe des Geschehens, und ebenso selbstverständlich gehört die Auserkorene zu den „Zervern“ – ein Klischee, das hier freilich funktioniert, weil es sich so, wie Galouye die Karten mischt, thematisch anbietet.

Was da aus der „Ursprungswelt“ in die Tiefe hinabsteigt, dürfte dem Leser bald dämmern, wenn das Wortspiel erlaubt ist. Dennoch ist es wiederum spannend zu verfolgen, wie bei Jared nur ganz allmählich der sprichwörtliche Groschen fällt. Die Welt ist größer als Jared dachte, und indem er sich auf sie einlässt, öffnet er eine Grenze für sich und jene, die sich ihm anschließen wollen. Mit diesem Schritt ist Jareds Reifeprozess keineswegs abgeschlossen. Er wird die vor allem geistige Enge des „dunklen Universums“ endgültig hinter sich lassen, denn auf ihn wartet nicht nur die „Ursprungswelt“, sondern das echte, unendliche Universum.

Autor

Daniel Francis Galouye wurde am 11. Februar 1920 in New Orleans im US-Staat Louisiana geboren. Seiner Heimat blieb er zeit seines Lebens verbunden. Galouye studierte an der Louisiana State University, doch als die Vereinigten Staaten in den II. Weltkrieg eintraten, wurde Galouye 1942 Testpilot. Dies blieb er auch nach 1945; er gehörte zu jenen waghalsigen Teufelskerlen, die mit den primitiven Raketenflugzeugen dieser Ära bis an die Grenze der Erdatmosphäre vorstießen. Dafür zahlte Galouye freilich einen hohen Preis. Diverse Unfälle und Bruchlandungen hinterließen u. a. schwere Kopfverletzungen.

Galouye verließ die US Navy 1946 als kranker Mann. In den 1950er Jahren arbeitete er trotzdem als Zeitungsreporter. 1951 veröffentlichte er den Science-Fiction-Kurzroman „Rebirth“ in „Imagination“, einem der zahlreichen Magazine dieser Zeit. Auch „Galaxy“ und „The Magazine of Fantasy and Science Fiction“ druckten Kurzgeschichten. Sie brachten Galouye an die Seite brillanter junger Autoren wie Robert Sheckley, James Gunn, Damon Knight, Judith Merril oder Cyril Kornbluth, die frischen Wind und neue Ideen in die immer noch von pompösen Space Operas bestimmte SF-Szene bliesen.

Erst 1961 erschien mit „Dark Universe“ (dt. „Dunkles Universum) ein erster Roman. Er wurde vom Publikum und von der Kritik gleichermaßen wohlwollend aufgenommen und für den HUGO nominiert. „Dark Universe“ unterlag nur knapp gegen Robert A. Heinleins „Stranger in a Strange Land“ (dt. „Ein Mann in einer fremden Welt“), was deutlich machte, in welcher Liga Galouye als Schriftsteller inzwischen spielte. Die in ihn gesetzten Erwartungen konnte er zunächst erfüllen – mit „Lords of the Psychon“ (1963, dt. „Die gefangene Erde“) und vor allem mit „Counterfeit World“ (1964, später „Simulachron-3“, dt. „Welt am Draht“) einem echten SF-Klassiker, der als wichtiger Vorläufer der Cyberspace- und -punk-Spektakel der 1980er und 90er Jahre gilt.

Die vielversprechende Karriere wurde durch massive gesundheitliche Probleme beeinträchtigt. 1967 musste Galouye seine Journalistentätigkeit aufgeben. 1973 erschien noch „The Infinite Man“ (1973, dt. „Der unendliche Mann“). Den Spätfolgen seiner Verletzungen ist Galouye am 7. September 1976 im Alter von nur 55 Jahren in einem Veteranenhospital in New Orleans schließlich erlegen.

Copyright © 2014/2017 by Michael Drewniok (md)

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