Eiswelt

Hal Clement
Eiswelt

Originalausgabe: Iceworld (New York : Gnome Press 1953)
Deutsche Erstausgabe (gekürzt): 1957 (Pabel Verlag/Utopia-Kriminal 20)
Übersetzer: Walter K. Baumann
94 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe (ungekürzt): 1983 (Bastei-Lübbe-Verlag/Science Fiction Bestseller 22060)
Übersetzung: Ingrid Rothmann
204 S.
ISBN-13: 978-3-404-22060-1
eBook: August 2017 (Heyne Verlag)
Übersetzung: Ingrid Rothmann
925 KB
ISBN-13: 978-3-641-21281-0

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Das geschieht:

Eigentlich ist Sallman Ken ein Lehrer, aber er hat auch als Wissenschaftler seine Meriten. Das macht ihn in den Augen der Drogenfahndung zum idealen Kandidaten für eine Geheimmission: Ken soll sich der Crew des Schmugglers Laj Drai anschließen, weil dieser ein gefährliches Suchtmittel auf den Schwarzmarkt bringt, Sein Pflichtgefühl lässt Ken zusagen, obwohl niemand weiß, wohin die Reise gehen wird, sobald er an Bord des Raumschiffs „Karella“ gegangen ist.

Kapitän Drai hat seine Spuren gut verwischt. Das Ziel der Schmuggelfahrt – der dritte Planet einer gelben Sonne – ist eine eisige Höllenwelt, auf der jener Schwefel, den Ken und die anderen Bewohner des Planeten Sarr atmen, nur in fester Form existiert. Niemand hat sich bisher auf die Oberfläche getraut, die allein durch unbemannte „Torpedo“-Sonden untersucht wurde. Trotzdem steht man mit einigen Einheimischen, die sich „Erdmenschen“ nennen, in Verbindung: Tief in den Wäldern am Lake Pend Oreille, gelegen im nördlichen „Pfannenstiel“ des US-Staates Idaho, steht eine Funkanlage. Zu verabredeten Zeiten taucht ein „Torpedo“ der „Karella“ dort auf und holt eine Lieferung der wertvollen Droge – „Tafak“ genannt – ab. Getauscht wird gegen Gold, was dem Freizeit-Prospektor John Wing ein ansehnliches Vermögen beschert hat.

Mit Gattin und vierköpfiger Kinderschar hält sich Wing des Sommers am Kontaktpunkt auf. Er brennt darauf, mit den Fremden zu sprechen, was Drai bisher vermieden hat. Ken soll versuchen, die Herkunft des „Tafaks“ zu lüften, damit man die Wings als Zwischenhändler ausschalten kann. Stattdessen kommt der neugierige Ken den Menschen immer näher. Dies ärgert Drai, der ohnehin den Verdacht hegt, dass ihm die Behörden einen Kuckuck ins Netz gesetzt haben, und Maßnahmen gegen den ahnungslosen Ken einleitet …

Lernen oder prägen?

Die Science Fiction hatte es als Genre schwer. Nicht nur Literaturkritiker rümpften die Nasen, wenn sich die Handlung ins Weltall begab. Auch Tugendwächter wurden aufmerksam: Wurde der Nachwuchs hier etwa vom ‚echten‘ Leben abgelenkt? Aus Sicht der ‚vernünftigen‘ Zeitgenossen mussten Kinder weniger erzogen als geprägt bzw. dressiert werden, um sich in die Schar derjenigen einzureihen, die alte Werte in neue Zeiten transportierten. Extravaganzen wie die Raumfahrt lenkten dabei nur ab, gaben der Unmoral Raum, sich zu entfalten, und boten dadurch den Sowjet-Teufeln die Chance, in das Gefüge der Weltordnung einzusickern; dem würde unausweichlich die Apokalypse folgen.

Vor allem – aber nicht nur – in den USA der 1950er Jahre war diese Weltsicht alltäglich. Allerdings konnte die Science Fiction eine Nische finden, wenn sie das Schwergewicht auf die realistische Darstellung naturwissenschaftlicher Aktivitäten legte: Dies war eine Ära beinahe religiöser Technikgläubigkeit. Alles schien dank engagierter Forscher möglich zu sein. Also war alles ‚gut‘, das entsprechende Interessen förderte = Naturwissenschaftler hervorbrachte.Titel bei Amazon.de [eBook]
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SF-Autoren waren einerseits selbst Teil einer derartig gepolten Gesellschaft und andererseits dauerhaft unterbezahlte Profis. Sie suchten stets nach neuen Verdienstmöglichkeiten. Wieso also das Nützliche nicht mit dem Angenehmen verbinden und ‚gute‘ = ‚lehrreiche‘ Science Fiction schreiben? Entsprechende (Mach-) Werke entstanden zahlreich. Die meisten konzentrierten sich auf den erhobenen Zeigefinger, was zeitgenössisch keineswegs als Minuspunkt galt: Information, Manipulation und Unterhaltung waren die Eckpunkte dieses Dreiecks.

Lesen und leiden

Man muss die jugendlichen SF-Fans bedauern, auf die entsprechend motivierte Autoren losgelassen wurden. Selbst Talente wie Robert A. Heinlein, Isaac Asimov oder Arthur C. Clarke schienen zu verdrängen, was sie eigentlich konnten, wenn es darum ging, die Jugend ‚wertvoll‘ zu instrumentalisieren. Dies geschah mit einer dreisten Penetranz, die heute erschüttert und erstaunt: Waren unsere Altvorderen tatsächlich so naiv, dass sie sich auf derartig plumpe Weise einwickeln ließen? Natürlich nicht, aber es dauerte seine Zeit, bis diese faulen Tricks durchschaut wurden.

Umso verdienstvoller sind deshalb Autoren, die nicht auf Dressur, sondern auf tatsächlich unterhaltsame Information setzten. „Infotainment“ ist ein Begriff, der im Zeitalter moderner Medien keineswegs fälschlich in Verruf geraten ist. Grundsätzlich ist die Kombination aus Information und Vergnügen jedoch die ideale Mischung. Man muss nur wissen, wie man sie ansetzt.

Hal Clement ist kein Heiliger. Auch er kann nicht verhehlen, dass „Eiswelt“ Anfang der 1950er Jahre entstand. Zudem war Clement hauptberuflich Lehrer, was einen Hang zur zwanghaften Vermittlung von Wissen verstärken konnte. Nichtsdestotrotz gelang ihm besser, woran die meisten ‚Kollegen‘ scheiterten, als Clement die Vermittlung naturwissenschaftlichen Fakten in Geschichten einbettete, die spannend, ideenreich und witzig waren, ohne sich in bierernsten Predigten oder verkappten Lektionen zu erschöpfen.

Die Erde als Planet des Grauens

Schon die ersten Kapitel stellen eine angenehm überraschende Täuschung dar. Clement bleibt in der Beschreibung der „Karella“-Mission unerwartet zurückhaltend. Der Leser glaubt sich in einer Zukunft, in der die Menschheit den Kosmos bereist. Stattdessen sind tentakelbewehrte Aliens die Raumfahrer. Clement enthüllt dies erst, als die „Karella“ im Orbit eines wahren Höllenplaneten kreist: der Erde.

Cover der dt. Erstausgabe

Diese Enthüllung macht neugierig. Clement bietet sein physikalisches Wissen auf, um möglichst interessant eine Expedition zu beschreiben, deren Teilnehmer von einem Planeten stammen, auf dem die Temperaturen so hoch sind, dass sie sogar die sonnendurchglühte Seite des Merkurs für kühl halten. Geschickt transponiert Clement eigentlich ‚menschliche‘ Gedanken – und Irrtümer – auf seine Aliens: Auf einem ‚Eisplaneten‘ wie der Erde kann es doch kein Leben geben!

Als sich dies als Irrtum erweist, sorgt die geistige Prägung durch eine Herkunft, die u. a. die Atmung gasförmigen Schwefels als selbstverständlich betrachtet, für weitere Fragen und Irrtümer, die theoretisch umständlich aber praktisch sehr einfallsreich und damit unterhaltsam gelöst werden. Tatsächlich ist „Eiswelt“ ein Roman ohne fesselnden Plot. Es geschieht wenig Spektakuläres, was freilich eine Betrachtungsebene darstellt, die ‚interessant‘ mit ‚Action‘ gleichsetzt.

Gar nicht unheimliche Begegnung der dritten Art

Clement kontrakariert die Abenteuer der Raumfahrer mit den Reaktionen der von ihnen besuchten Erdmenschen. Hier steht die Didaktik doch über der Story: Die Wings sind definitiv eine allzu vorbildliche Familie. Vater John ist ein Amateur-Forscher, der die Ankunft von Außerirdischen problemlos vor der Regierung und dem zweifellos ebenfalls interessierten Rest der Menschheit verschweigt. Er – und nur er – will die Aliens erforschen. Unterstützung zieht er sich in Gestalt seiner Familie buchstäblich heran. Die Kinderschar wird entsprechend gedrillt und in ‚nützliche‘ Studiengänge gedrängt. Sehr zeitgenössisch überlässt die Mutter die Alien-Forschung den Männern (und – zaghaft rührt sich der Gedanke, dass auch Frauen denken können – der Schwester Edith), freut sich über den außerirdischen Goldsegen und kümmert sich ansonsten um den noch kindlichen Nachwuchs, der später in Vaters ‚Team‘ aufrücken wird.

Besonders sympathisch wirken die Wings aus heutiger Sicht nicht. Allzu flach werden sie gezeichnet. Einnehmend ist höchstens die Ignorierung zeitgenössischer Vorurteile. Die Wings ‚funktionieren‘ logisch. Deshalb kann auch die angebliche Untauglichkeit von Frauen in der Wissenschaft hinterfragt und negiert werden. Andererseits ist John Wing ein Patriarch, dem sich Gattin und Kinder bedingungslos unterwerfen.

Wesentlich liebenswerter gelingt Clement der Charakter des eigentlich ‚fremden‘ Sallman Ken. Der Autor ist seiner Zeit voraus, wenn er davon ausgeht, dass „außerirdisch“ nicht automatisch „unvorstellbar fremdartig“ bedeutet. Die Evolution kommt auf sehr verschiedenen Wegen oft zu erstaunlich ähnlichen Ergebnissen. So könnte es auch außerhalb der Erde sein, weshalb die Bewohner von Sarr trotz ihrer inneren Hitze mit den Erdmenschen Kontakt aufnehmen können – und umgekehrt.

Wer wissen will, kann kein Feind sein

Neugier ist der Schlüssel. Sallman Ken vergisst seinen kriminalistischen Auftrag, seine Angst, als Undercover-Agent enthüllt zu werden, und seine Furcht vor dem tückischen Kapitän Drai, sobald er entdeckt, welche Geheimnisse die Erde für einen echten Wissenschaftler bereithält. Der Wunsch zu wissen eint ihn mit den Wings und gestattet eine Kontaktaufnahme trotz beachtlicher Alien-Elemente – auf beiden Seiten. Das ist Clements Pfund, mit dem er wuchern kann: Für Sallman Kenn sind die Menschen die Aliens, mit denen mit sich verständigen muss.

Die aus außerirdischer Sicht exotische Physik der Erde sorgt für eine Kette unvorhergesehener Zwischenfälle. Feindseligkeiten zwischen Menschen und Aliens entfallen dagegen ersatzlos: Dies ist keine SF, die Clement interessiert. Auch der Drogen-Plot ist kaum mehr als ein Vorwand. Clement relativiert seine Bedeutung, indem er ausgerechnet Tabak als Droge wählt. Ohnehin taucht Rauschgift-Ermittler Rade nur im ersten Kapitel auf – und Schmuggler Drai wird nicht in einem dramatischen Finale gestellt und zur Strecke gebracht, sondern mit einem Trick ins Abseits gestellt, wo er darauf warten muss, von Rades Beamten gefangengenommen zu werden.

„Eiswelt“ bietet keine dicht erzählte Story. Die wenig stringente Struktur mit mehreren Handlungshöhepunkten und einem bemerkenswert knappen Finale erinnert daran, dass „Iceworld“ 1951 zunächst in Fortsetzungen im SF-Magazin „Astounding“ erschien und vom Verfasser erst nachträglich für die Buchausgabe überarbeitet aber nicht grundsätzlich der Romanform angepasst wurde. Nichtsdestotrotz kann die sowohl naive als auch entschiedene Mischung aus Information und Unterhaltung auch viele Jahrzehnte später gefallen, selbst wenn man bei der Lektüre das Hirn einschalten und sich an rudimentäres Wissen aus der Schulzeit erinnern muss.

Autor

Hal Clement wurde am 30. Mai 1922 als Harry Clement Stubbs im neuenglischen Somerville (US-Staat Massachusetts) geboren. Er wuchs auf in Boston, ging zur Schule in Arlington und Cambridge und studierte später Astronomie und Chemie. 1943 wurde Clement Soldat. Er trat dem Army Air Corps Reserve bei, wurde Pilot und flog bis zum Ende des II. Weltkriegs Kampfeinsätze. 1951 wurde er während des Koreakrieges als Ausbilder in den aktiven Dienst zurückgerufen. Dem Militär blieb Clement auch später verbunden. Erst 1976 trat er im Rang eines Colonels in den Ruhestand. Als „George Richard“ startete Clement 1972 eine ‚Zweitkarriere‘ als Zeichner und Maler, der sich auf Motive der Astronomie und Science Fiction spezialisierte.

Der Science Fiction ist Clement nach eigener Auskunft seit 1930 verbunden. Wie so viele seiner Altersgenossen verfiel er den Buck Rogers-Comic-Strips. Seine erste Story („Proof“) erschien im Juni 1942 im Magazin „Astounding Science Fiction“, ein erster Roman, „Needle“ (dt. „Symbiose“/„Die Nadelsuche“), 1949 in Fortsetzungen, 1950 als Buch.

Clements Werk blieb schmal, denn bis zu seinem Ruhestand 1987 arbeitete er vierzig Jahre als Chemie-Lehrer. In diesem Rahmen schuf er dennoch Klassiker der SF. 1954 erschien „Mission of Gravity“ (dt. „Unternehmen Schwerkraft“), der Abenteuer auf einer Welt mit extrem hoher Schwerkraft schildert und seine besondere Spannung daraus bezieht, dass jedes Element der Geschichte dieser Prämisse unterworfen ist. Diesem Schema blieb Clement treu, wobei er es geschickt zu variieren wusste.

1999 wurde Clement mit dem SFWA Grand Master Award ausgezeichnet. Am 29. Oktober 2003 ist er 81-jährig im Schlaf in seinem Haus in Milton, Massachusetts, gestorben.

Copyright © 2017 by Michael Drewniok (md)

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