Gefangene des Meeres

James White
Gefangene des Meeres

Originaltitel: The Watch Below (London : Whiting & Wheaton 1966/New York: Ballentine Books 1966)
Übersetzung: Walter Brumm
Deutsche Erstausgabe: 1967 (Erich Pabel Verlag/Terra Taschenbuch 122)
158 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1974 (Erich Pabel Verlag/Terra Taschenbuch 234)
144 S.
[keine ISBN]

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Das geschieht:

Im Kriegswinter des Jahres 1942 wird der US-amerikanische Tanker „Gulf Trader“ von den U-Boot-Jägern Nazideutschlands mit Torpedos beschossen. Die Besatzung geht in die Boote, doch drei Männer der Crew und zwei weibliche Passagiere bleiben an Bord zurück, als das Schiff in den Fluten des Atlantiks versinkt. In den wasserdichten Tanks können sie überleben, aber es ist nur eine Frage der Zeit, wann ihnen dort Luftmangel und Kälte den Garaus machen. Helfen wird ihnen niemand; sie sind verloren.

In Schwierigkeiten befinden sich auch die Insassen eines Raumschiffs, das im Erdorbit kreist. Es gehört zur Rettungsflotte der Unthans, deren Heimatplanet einer kosmischen Katastrophe zum Opfer gefallen ist. Die Überlebenden sind auf dem langen Weg zu einer neuen Welt. Das ist nicht einfach, weil sie keine Luft, sondern Wasser atmen, denn Wasserplaneten sind eher selten im All. Die Erde war trotzdem nicht das Ziel besagter Flotte; schließlich wird sie von sichtlich kämpferischen Intelligenzwesen bewohnt. Aber das Raumschiff ist vom Kurs abgekommen. Zudem stellt sich heraus, dass die Konservierung der Passagiere durch Kälte technisch unausgereift ist. Sie können die Reise nicht fortsetzen.

Man nimmt die Situation wie sie ist und landet. Der Erdozean gefällt, hier könnte man leben. Schneller als geplant kommt es zum Erstkontakt mit den Einheimischen: Auf dem Grund des Meeres finden die Fremden die versunkene „Gulf Trader“ und ihre verzweifelten Überlebenden. Man könnte sich bekämpfen und gemeinsam zugrunde gehen, oder man versucht sich zu verständigen und mit vereinten Kräften einen Ausweg aus der Doppelkrise zu finden. Diese Alternativen sind beiden Seiten klar, aber auch die Not lässt mehr als genug Raum für Misstrauen und Angst, denn man ist einander so furchtbar fremd …

Anders muss nicht feindlich sein

Menschen und Außerirdische in der Krise, die sich zur Lebensbedrohlichkeit ausweitet; Allein werden beide Gruppen untergehen, sodass der Faktor Fremdheit schließlich nebensächlich wird; Vertrauen führt zur Zusammenarbeit, die von Erfolg gekrönt wird: Für weniger begabte Schriftsteller war dies lange keine des Erzählens werte Geschichte. Außerirdische waren ihnen nur in der Schurkenrolle willkommen. Sie mussten Erdfrauen ent- und verführen, harmlose Kleinstadtbürger niederblastern oder die Welt versklaven: Projiziert wurde in die ETs, was man selbst vor den ‚Fremden‘ aus dem irdischen Nachbarland fürchtete.

James White wich Zeit seines Autorenlebens von diesem Schema ab. Wohl fühlte er sich mit vergleichsweise kleinen, unspektakulären Geschichten. Die Protagonisten sind meist kleine Rädchen im Getriebe größerer Zusammenhänge, seine Außerirdischen zwar fremd aber niemals ‚böse‘, sondern primär faszinierende Intelligenzwesen mit oft bizarrer, aber ausgeprägter und sympathischer Persönlichkeit. Whites Glanzleistung stellt die „Sector General“-Serie dar, die in einem Weltall-Hospital spielt, das von allen möglichen (und unmöglichen) Patienten frequentiert wird. Hier wird geholfen, nicht geschossen – das spannende Gegenstück zur „Military Science Fiction“.

„Gefangene des Meeres“ spielt das White-Prinzip vor ungewöhnlicher Kulisse durch. Nicht im All, sondern in den Tiefen des Ozeans spielt die Geschichte. Der ist für die Menschen ebenso lebensfeindlich wie faszinierend. Vor dem Hintergrund des II. Weltkriegs zeichnet White mit wenigen Strichen ein Bild, das vor dem geistigen Auge des Lesers sogleich Gestalt annimmt. Ort, Zeit und Handlung gehen eine harmonische Einheit ein, erzählen eine spannende Geschichte, die ihre quasi humanistische Aussage nicht wie ein flammendes Fanal vor sich her trägt, sondern leise und doch hörbar anbietet.

Fremd aber gemeinsam in der Patsche

Weder durch das All noch über das Meer reisen Superintelligenzen oder Übermenschen; ganz normale Durchschnittswesen stellen sich tapfer den Fährnissen des Alltags. Sie haben alle einen Job, den sie mehr oder weniger gern oder gut erfüllen, und sind schon zufrieden, wenn es halbwegs gut läuft. In der Not verwischen sich dann die Grenzen zwischen Menschen und Nicht-Menschen: Sie können und wollen zusammenarbeiten, beide Seiten werden davon profitieren.

Cover der dt. Erstausgabe

Gänzlich unbeleckt von zeitgenössischen Vorurteilen blieb jedoch auch „Gefangene des Meeres“ nicht. Intensiv beraten die Außerirdischen über notwendige Rettungsmaßnahmen, die auch die Züchtung genetisch möglichst ‚reinen‘ Nachwuchses einschließen. Weibliche Unthans werden dafür eingeplant, ohne dass man eine Vertreterin ihres Geschlechts am Beratungstisch fände. Stattdessen machen sich die vorgesehenen Väter schwere Sorgen, ob denn die fortpflanzungswürdigen Frauen auch hübsch genug sind. Darüber konnte man Anno 1966 tatsächlich schmunzeln …

Anmerkung

„In den Tiefen des Meeres“ ist die Romanfassung einer Novelle, die 1954 unter ihrem Originaltitel „The Deep Range“ in der April-Ausgabe des SF-Magazins „Argosy“ erschien.

Autor

James White wurde 1928 im irischen Belfast geboren. Seine berufliche Laufbahn begann er als Schneider, bis er 1964 zu einer Flugzeugfabrik und dort in die Public Relation-Abteilung wechselte.

Als SF-Schriftsteller begann James White seine Karriere als aktiver Fan. 1952 gab er mit drei gleich Freunden (darunter Bob Shaw) das Fanzine „Slant“ heraus, das zu den besten seiner Art gezählt wurde. Zunächst fertigte White Grafiken an, aber schon 1953 erschien „Assisted Passage“, seine erste Kurzgeschichte. 1957 wurde „The Secret Visitors“ (dt. „Die Außerirdischen“), ein erster Roman, veröffentlicht.

Der Durchbruch gelang White 1962 mit „Hospital Station“, dem ersten der schließlich zwölf Bände umfassenden „Sector General“-Serie um eine wechselnde Gruppe von Weltraumärzten, die sich über die Heilung in der Regel sehr merkwürdiger weil in Gestalt und Psyche fremdartiger Patienten den Kopf zerbrechen müssen. Neben der ausgeprägten Friedfertigkeit bestechen diese Geschichten durch ihren positivistischen Pazifismus und ihren farbenfrohen Einfallsreichtum, der eindrucksvoll unter Beweis stellt, dass der „Sense of Wonder“ der Science Fiction sich nicht aufs Zerschmettern ganzer Sonnensysteme beschränken muss. Dieser Haltung blieb White auch in seinen nicht zur „SG“-Serie gehörenden Romanen treu.

Die letzten Jahre seines Lebens litt White zunehmend unter seiner Diabetes, die ihn beinahe erblinden ließ. Dem Fandom blieb er sein Leben lang verbunden. Er schrieb weiter und war bis zu seinem Tod im August 1999 ein gern und oft gesehener Gast auf großen und kleinen Science Fiction-Veranstaltungen.

Über James White und sein Werk informiert diese Website.

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