Harte Landung

Algis Budrys
Harte Landung

Originaltitel: Hard Landings (New York : Warner Books 1993)
Übersetzung: Frank Borsch
Deutsche Erstausgabe: 1998 (Heyne Verlag/Science Fiction 06/5938)
188 S.
ISBN-13: 978-3-453-13968-8
eBook: Juli 2016 (Heyne Verlag)
714 KB
ISBN-13: 978-3-641-18715-6

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Das geschieht:

Shoreview ist eine Vorstadt der Metropole Chicago im US-Staat Illinois. Der typische Bürger verbringt hier seine Freizeit; gearbeitet wird in der City, die man mit der Bahn erreicht. Zehntausende fahren morgens nach Chicago und abends zurück nach Shoreview. Da ist es leicht, anonym zu bleiben, und das war wichtig für den Mann, der sich Neville Unruh Sealman nannte und auf den Schienen des Vorortzuges zu Tode gekommen ist.

„Mann“ ist indes kaum die richtige Bezeichnung, gehörte „Mr. Sealman“ doch zur Besatzung eines außerirdischen Raumschiffs, das vor einem Vierteljahrhundert auf der Erde notlanden musste. Ohne Hoffnung auf Rettung gestrandet, versuchten die vier Überlebenden sich in die Gesellschaft der Menschen zu integrieren. Die (fast) vollständige körperliche Übereinstimmung war dabei eine wertvolle Hilfe.

Die Außerirdischen werden sie mit dem Leben in der Verbannung unterschiedlich gut fertig. Mancher hat sich sogar verheiratet, während andere sich vor Entdeckung fürchten oder unter bitterem Heimweh leiden, was sie ihre Tarnung vernachlässigen lässt. Sealman kam durch einen Unfall während einer Auseinandersetzung mit seinem Leidensgefährten Mullica um. Nachdem jüngst das Wrack des Raumschiffes gefunden wurde, hatte Sealman die drohende Entlarvung befürchtet und die Nerven verloren.

Dabei war die Tarnung der Aliens bereits Stunden nach der Notlandung aufgeflogen. Der skrupellose Pilot Ditlo Ravashan hat sich ohne Wissen seiner Kameraden der US-Regierung zu erkennen gegeben. Mit einem gerissenen jungen Kongressabgeordneten schloss er einen Pakt: Er würde ihn vor den Behörden und besonders vor dem Militär abschirmen, Ravashan dem Menschen im Gegenzug Geld verschaffen. Gemeinsam hat das seltsame Duo Patente für ‚Erfindungen‘ angemeldet, die nicht von dieser Welt stammen. Ravashan führt ein Leben im Luxus, bis er an einer Krankheit stirbt, die auf der Erde nicht behandelbar aber durchaus auf den Menschen übertragbar ist …

Wer ist Algis Budrys?

Algis Budrys ist ein Name, der – steht er über dem Titel eines Science- Fiction-Romans – selbst bei denjenigen Lesern, die sich im Genre auskennen, für Ratlosigkeit sorgt. Darüber hinaus ist Budrys hierzulande als Schriftsteller immer ein wenig stiefmütterlich behandelt worden. Er schrieb selten die leicht konsumierbare und gut zu verkaufende SF eines Robert A. Heinlein oder Isaac Asimov. Jene Titel, die noch am ehesten in diese Richtung gehen, lassen sich zu seinem Frühwerk zählen.

Sie haben sich dem Publikum nicht dauerhaft ins Gedächtnis gesetzt; mit einer Ausnahme vielleicht: Budrys Story „Who?“ (1959), die Geschichte eines amerikanischen Atomphysikers, der während einer Reise durch die Sowjetunion verunglückt, mit viel Metall und Plastik zusammengeflickt wird und nach seiner Rückkehr in die USA von den misstrauischen Behörden prompt als kommunistisch verseuchter Maschinenmensch-Spion verdächtigt wird, war sehr erfolgreich, wurde später zu einem Roman ausgebaut und 1974 auch verfilmt. (In Deutschland trägt der Streifen den schönen Titel „Der Mann aus Metall“; in den Nachtprogrammen wird er hin und wieder versendet.)

Dabei war Algirdas Jonas Budrys (geb. 9. Januar 1931 als Sohn litauischer Eltern in Ostpreußen und erst im Alter von fünf Jahren in die USA übergesiedelt, gestorben am 9. Juni 2008 in Evanston, US-Staat Illinois) ein talentierter Autor, dessen SF-Karriere bereits 1952 begann. Doch sein schriftstellerisches Werk blieb schmal, und die Abstände zwischen den Titel aus seiner Feder wurden immer größer. Dabei war Budrys keineswegs untätig. Als Kritiker und Herausgeber war in der SF-Szene über Jahrzehnte sehr aktiv. Allerdings verharrte Budrys gleichzeitig im Dunstkreis der „Scientology“-Sekte auf, wo er – nur angeblich unabhängig von allen pseudoreligiösen Aktivitäten – u. a. seit 1987 den „L. Ron Hubbard Presents Writers of the Future“-Wettbewerb zur Förderung von SF-Nachwuchs-Autoren betreute.

Ungewöhnlicher Roman eines ebensolchen Mannes

In „Harte Landung“ lassen sich keine Missionierungsversuche feststellen. Stattdessen lesen wir einen SF-Roman, wie er selten geworden ist – basierend auf einer nicht unbedingt neuen aber geschickt variierten Idee, entwickelt zu einer spannenden, immer wieder überraschenden Handlung, die auf vordergründige Action weitgehend verzichtet und nach 190 Seiten zu einem überzeugenden Ende kommt, statt zu einem der heute üblichen Drei-, Vier- oder Zehnteiler ausgewalzt zu werden.

Budrys Landung Cover 1994

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Erzählt wird die typische Budrys-Geschichte von Menschen (oder halt Aliens), die in eine lebensbedrohliche Situation geraten und unter Druck versuchen müssen, nicht nur zu überleben, sondern dabei ihre Menschlichkeit zu bewahren. In diesem Fall stellt sich nicht die Notlandung als eigentlicher Prüfstein heraus, sondern das Bemühen, mit den Erdmenschen auszukommen, die sich als wesentlich hartgesottener als ihre Besucher erweisen.

Die vier Außerirdischen entsprechen so gar nicht dem Bild, das sich der SF-Leser gemeinhin von Besuchern aus dem All macht. Statt geistig und technisch hochgerüsteter Botschafter oder Invasoren erscheinen zur Routinekontrolle eines kleinen, abseits der üblichen Raumschiff-Routen gelegenen Planeten einige Streckenposten, die nur an den Feierabend denken und sich nicht gerade grün sind. Als ihr klappriges Dienstfahrzeug eine Motorpanne hat, drehen sie ratlos das Handbuch für Notfälle in den Händen, versuchen sich krampfhaft an lang zurückliegende und halb verdöste Schulungsstunden zu erinnern und machen sich schließlich mit flatternden Nerven daran, auf ihrer Insel voller Wilder, genannt Menschen, eine neue Heimat zu finden. An Rettung von außen (bzw. oben) ist nicht zu denken. Budrys lässt einen der Fremden die Gründe auflisten und entlarvt dabei höchst überzeugend und mit Witz den Unsinn angeblicher Landungen von und Entführungen durch UFOs, mit dem psychisch derangierte Zeitgenossen den Medien auch heute noch über manche Sauregurkenzeit helfen.

ET-Jedermänner, von der Situation überfordert

Nur einer wählt eine Abkürzung. Ein besonders hübscher Einfall Budrys lässt ihn den Weg eines ehrgeizigen Politikers kreuzen, der sich bald als der noch junge Richard „Tricky Dick“ Nixon entpuppt; ein idealer Verbündeter für einen verschlagenen Marsmenschen, der im irdischen Exil die Puppen tanzen lassen möchte. Dass er dabei seinen ahnungslosen Gastgebern die AIDS-Seuche beschert, ist ein weiterer sarkastischer Geistesblitz Budrys, der sich damit über die schwachsinnige ‚Theorie‘ lustig macht, die Immunschwäche sei von Außerirdischen eingeschleppt worden. Als der todkranke Fremde von seinem inzwischen zum US-Präsidenten aufgestiegenen Kumpanen als wertlos abgeschoben wird, ‚verabschiedet‘ er sich mit Stil, indem er den Watergate-Skandal anzettelt …

„Harte Landung“ ist kein Roman mit durchgehender Handlung. Budrys konfrontiert seine Leser mit fiktiven Zeugenaussagen, Auszügen aus Geheimdienst-Berichten, Tagebuch-Einträgen, Aktennotizen, Protokollen, Zeitungsartikeln etc., die für sich allein keinen Sinn ergeben, doch in ihrer Gesamtheit eine heimliche aber unfreiwillige ‚Invasion‘ aus dem All ahnen lassen. Der Leser muss dieses Bild freilich aus den Mosaiksteinen, die ihm Budrys liefert, selbst zusammensetzen – ein reizvolles literarisches Spiel, das deutlich macht, welche Mühe sich der Autor gemacht hat

Dieser Roman ist kein Verbrauchsliteratur, sondern bei (oder wegen?) aller Kürze ein eigenständiges, dichtes und originelles Opus. Budrys Vexierspiel blieb in der deutschen Übersetzung erfreulicherweise erhalten. Frank Borsch gelingt es vor allem in den eingeschobenen ‚Dokumenten‘, den Tonfall amtlicher Sachlichkeit zu treffen, was sehr zur Glaubwürdigkeit dieser Passagen und somit der gesamten Geschichte beiträgt.

Copyright © 2016 by Michael Drewniok (md)

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