Krieg der Seelen

Iain Banks
Krieg der Seelen

Originaltitel: Surface Detail (London : Orbit Books 2010)
Übersetzung: Andreas Brandhorst
Deutsche Erstveröffentlichung (Paperback): Januar 2012 (Heyne Verlag/TB Nr. 52871)
799 S.
ISBN-13: 978-3-453-52871-0
eBook: Januar 2012 (Heyne Verlag)
1037 KB
ISBN-13: 978-3-641-07284-1

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Das geschieht:

Im Jahre 2970 droht dem dicht besiedelten Universum Krieg aus dem Jenseits. Seit vielen Jahrtausenden ist es üblich, das Bewusstsein – die „Seele“ – aufzuzeichnen und auf diese Weise vor dem Tod zu bewahren. Jene Zivilisationen, die über die entsprechenden technischen Mittel verfügen, richteten virtuelle Jenseits-Sphären ein, die den Seelen als neue Heimat dienen. Längst wurden diese Sphären miteinander vernetzt, sodass die Seelen die „Himmel“ anderer Intelligenzen besuchen können.

Viele Zivilisationen bestanden auf die parallele Erschaffung von „Höllen“, in denen straffällig gewordene Zeitgenossen für im Leben begangene Verbrechen buchstäblich büßen müssen. Den „Anti-Höllisten“ erscheint dieses Konzept grausam und antiquiert, weshalb sie mit den „Pro-Höllisten“ im Streit liegen. Dieser soll durch einen virtuell und deshalb unblutig geführten Krieg entschieden werden. Dabei geraten die „Anti-Höllisten“ ins Hintertreffen. Im Dienst ihrer guten Sache wollen sie deshalb mogeln. Doch die Gegenseite schläft nicht und trifft Gegenmaßnahmen. Plötzlich droht der „Krieg der Seelen“ auf den realen Kosmos überzugreifen.

Im Territorium der „Kultur“, einem Zivilisations-Bund von Völkern, dem sich auch die Menschheit angeschlossen hat, bemüht sich die „Quietus“-Organisation um Eindämmung. Eine mögliche Bruchstelle des Krieges wurde im Quyu-System geortet, wo sich die „Anti-Höllisten“ der Unterstützung des skrupellosen Industrie-Magnaten Joiler Vepper vom Planeten Sichult versichern. Die „Quietus“-Agentin Yumi Nsaki macht sich auf den Weg in die Krisenzone.

Auf dem Weg nach Sichult ist Lededje Y’breq, eine ehemalige Sklavin, die von ihrem Herrn – Vepper – umgebracht wurde, als „Seele“ einen eigens geschaffenen Real-Körper übernahm und nun auf Rache sinnt. Weitere Parteien mischen sich ein, bis es im Sichultianischen Enablement zum Kampf auf & zwischen Leben und Tod kommt …

Neue Welt/en mit alten Ansichten

Bevor man sich vor allem als alter Lese-Hase auf einen Unterhaltungsroman einlässt, der stolze 800 Seiten umfasst (die zugegeben für die im Verkauf einträglichere Paperback-Erstausgabe recht locker und in augenfreundlicher Schriftgröße bedruckt wurden), überlegt man sich das damit verbundene Risiko, mit ewig & elend ausgewalzter Action-Makulatur plus Seifenoper-Schaum dort malträtiert zu werden, wo früher selbst ein kosmisches Science-Fiction-Spektakel nach 200 Seiten endete.

Hinzu kommt, dass „Krieg der Seelen“ bereits der achte Band einer Serie ist, die darüber hinaus durch diverse Kurzgeschichten flankiert wird. Es ist deshalb ohne Vorab-Informationen nicht gerade einfach, sich in das „Kultur“-Universum des Iain Banks einzufinden, zumal der Autor offenbar davon ausgeht, dass sich dort vor allem Leser einfinden, die mit der Vorgeschichte bestens vertraut sind. Jedenfalls springt er umgehend in eine Handlung, die der „Kultur“-Neuling bis etwa Seite 150 interessiert aber verwirrt verfolgt, bevor es ihm gelingt, allmählich zu erfassen, was eigentlich vorgeht und wie Banks‘ Kosmos funktioniert.

Erleichtert wird diese Phase durch eine Weltsicht, die mit dem Begriff „schräg“ sicher gut beschrieben ist. Banks bemüht sich nicht um eine Zukunft, deren Bewohner sich evolutionär auf eine Stufe emporgeschwungen haben, die sich höchstens andeuten lässt. Damit ist nicht die technische Entwicklung gemeint, deren Wunder Banks mit enormem Einfallsreichtum präsentiert. Doch unter dem Fortschritt werden sehr bekannte Charakterzüge deutlich, was sich nicht nur auf eine Menschheit beschränkt, die – so ein bekanntes Topos von Kultur-Pessimisten – nie wirklich aus begangenen Fehlern oder überhaupt dazulernen wird.

Verstand fördert vor allem Hinterlist

Banks geht sogar einen Schritt weiter: Er schließt die übrigen Zivilisationen, die das All mit der „Kultur“ teilen, ausdrücklich ein. Der evolutionäre Status ist gleichgültig. Selbst völlig vergeistigte Entitäten haben das Wissen um die Tatsache, dass (Macht-) Gier das Universum regiert, keineswegs vergessen. Sie mischen sogar kräftig auf diesem Niveau mit.

Das Ergebnis ist ein durchweg sarkastischer (sowie auch in einer ohnehin gelungenen Übersetzung fein dosierter) Unterton, den feinfühlige Kritiker blanken Zynismus nennen könnten. (Ein Vorwurf, der Banks seit seinem Erstlings-Roman „Die Wespenfabrik“ folgt.) Der Realist fühlt sich in diesem geradezu anarchistischen Kosmos dagegen überaus heimisch. Wann hat technischer Fortschritt jemals die ausgeprägte Selbstsucht des Menschen eindämmen können? Sie ebnet den Wölfen stattdessen den Weg zu neuen Möglichkeiten, die Schafe zu scheren. Also reihen sich fremde, künstliche und virtuelle Intelligenzen in die bekannten, nun galaxisweiten Ränkespiele ein. Glücklicherweise sind diverse Kontrolleinrichtungen sowie die Tücke des Objekts als Alltagsfaktoren präsent geblieben. Das Universum schlingert deshalb auf seinem Kurs durch Zeit und Raum voran, auch wenn die Kollateralschäden beachtlich sein mögen.

Banks‘ Einfallsreichtum sowie sein Talent, unglaubliche Errungenschaften seiner Zukunft absolut selbstverständlich wirken zu lassen, geben einer ansonsten simplen Handlung wahrlich kosmische Dimensionen. Hilfreich ist außerdem der irre Plot: „Himmel“ und „Hölle“ sind virtuell verwirklichte Sphären geworden, die einerseits sehr real geworden und andererseits vorstellungsfern geblieben sind.

Mit einer Diskussion über die Konsequenzen, die es mit sich bringt, wenn kein postulierter „Gott“, sondern sehr diesseitige Zivilisationen die Entscheidung fällen, ob, wann und weshalb ein Pechvogel in eine der (durchweg sehr archaisch bzw. analog strafenden) „Höllen“ geworfen wird, hält sich Banks klug nicht weiter auf. Seine durchaus vertretenen Meinungen zu politischen, wirtschaftlichen oder kulturellen Aspekten fließen in die Handlung ein, statt diese zu ersetzen.

Wo waren wir gerade?

Wie es sich für einen Roman eindrucksvoller Seitenstärke gehört, ist die Handlung nicht nur mehrzügig, sondern nimmt auch manche unerwartete Wendung. Dabei stört es keineswegs, dass einige Stränge nie zusammenfinden. Banks entwickelt ein Ereignis-Panorama, und seine Bühne ist so gewaltig, dass man „Krieg der Seelen“ wahrlich als moderne Space Opera bezeichnen kann. Freilich hat dies zur Folge, dass die Figuren nie wirklich Persönlichkeiten entwickeln. Sympathien oder Antipathien spürt der Leser nicht, das oft detailfroh geschilderte Leiden lässt ihn kalt: Banks hält seine Figuren durchweg auf Abstand. Das Individuum hat es nicht leicht in einem Kosmos, in dem selbst Super-Zivilisationen spurlos verschwinden können.

Banks Prämisse eines zwar gewaltigen aber nicht unbedingt unendlichen und deshalb dicht besiedelten Universums ist ungewöhnlich. So eng ist es dort, dass virtuelle ‚Sub-Kosmen‘ eingerichtet werden müssen, um für Ausweichquartiere zu sorgen. Das Ergebnis ist ein künstliches Multiversum, das noch durch die Möglichkeit kompliziert wird, die Sub-Kosmen ihrerseits virtuell zu erweitern. Da wundert es nicht, dass selbst die geistig und körperlich zusätzlich aufgerüsteten, vernetzten und anderweitig omnipräsenten Intelligenzen die Übersicht verlieren: Was ist hier noch „Realität“? (Übrigens postuliert Banks zusätzlich ‚natürliche‘ Parallel-Universen; in „Krieg der Seelen“ geht er darauf dankenswerterweise nicht ein, was den Leser vor dem endgültigen Wahnsinn rettet.)

Die daraus resultierende Unsicherheit fördert paradoxerweise die Illusion dieser möglichen Zukunft. Wie in der realen Gegenwart ist das Leben ein kontrolliertes Chaos geblieben, das nichtsdestotrotz funktioniert. Banks‘ Kosmos wird von Realisten bevölkert, die zwar unter den Sternen leben aber nicht zwangsläufig nach ihnen greifen. Diese Umkehr des recht naiven „Star-Trek“-Glaubens an eine Evolution, die sich mit dem Vorstoß dorthin, wo noch nie ein Mensch zuvor gewesen ist, quasi automatisch einstellt, kommt den Lesern einer globalisierten und schon jetzt kompliziert gewordenen Gegenwart entgegen. „Krieg der Seelen“ mag keine ‚literarische‘ SF sein, doch ideenreich, spannend und unterhaltsam ist dieser Roman auf jeden Fall! Durch den deutschen Allerwelt-Titel oder das langweilige Cover sollte man sich nicht täuschen lassen.

Autor

Iain Menzies Banks wurde am 16. Februar 1954 in Dunfermline in der schottischen Region Fife geboren. Er studierte an der nördlich von Edinburgh gelegenen Universität von Stirling Philosophie, Englisch und Psychologie. Nach seinem Abschluss 1974 durchlief Banks die übliche berufliche Odyssee eines späteren erfolgreichen Schriftstellers und verdiente sein Geld u. a. als Gärtner oder Portier eines Krankenhauses. In der zweiten Hälfte der 1970er Jahre reiste Banks durch Europa. Ein ausgedehnter USA-Trip schloss sich an. 1978 kehrte Banks nach England zurück.

Schon in den 1970er Jahren wurde Banks schriftstellerisch aktiv. Mit „The Wasp Factory“ (dt. „Die Wespenfabrik“) erschien 1984 ein erster Roman, der Banks auf einen Schlag bekanntmachte. 1989 startete er den Zyklus um die „Culture“ (dt. „Kultur“), ein lockeres Bündnis intelligenter Zivilisationen, zu denen auch die Menschheit gehört. Die Serie wird kontinuierlich fortgesetzt und bildet eine „future history“, deren Teile indes nicht in chronologischer Reihenfolge erscheinen.

Außer seinen ‚reinen‘ Science-Fiction-Romanen (für die er im Original als „Iain M. Banks“ zeichnet) schrieb Banks (dann ohne „M“) belletristische Werke und Thriller. Er lebte und arbeitete in Kilcady, einer Hafenstadt in Schottland, wo er am 9. Juni 2013 einem Hirntumor erlag.

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