Nylon Angel

Marianne de Pierres
Nylon Angel

(Parrish-Plessis-Serie, Bd. 1)

(sfbentry)
Originaltitel: Nylon Angel (London : Orbit 2004)
Übersetzung: Jan F. Wielpütz
Cover: Jim Burns
Dt. Erstausgabe: April 2005 (Bastei-Lübbe-Verlag/SF 23282)
334 S.
ISBN-13: 978-3-404-23282-6

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Das geschieht:

„Bodyguard der Stars“ antwortet Parrish Plessis, wenn man sie nach ihrem Job fragt. Die Realität ist weitaus unerfreulicher: Ihrer Chefin Doll Feast ist Parrish auch Bettgefährtin, dem bösartigen Bandenchef Jamon Mondo muss sie als Sexsklavin dienen. Trotzdem lässt die junge Frau sich nicht unterkriegen, was nur gut ist in dieser Welt einer (undatiert bleibenden) Zukunft. Viracity an der Ostküste Australiens ist eine Megalopolis der Reichen & Schönen; Kranke, Arme, Kriminelle und anderes der Oberschicht unliebsames Pack wurde in den „Tertiären Sektor“ abgeschoben, einen gigantischen Vorstadtslum, erbaut auf radioaktiv und chemisch verseuchtem Untergrund.

Im Tert herrschen die Gangs und ansonsten die Regeln des Stärkeren. Legt man Wert auf eine erhöhte Lebenserwartung, sucht man den Schutz einer Bande. Parrish Plessis würde sich gern der Cabal Coomera anschließen. Leider nehmen diese keine Frauen auf, es sei denn, sie können ihren Wert durch eine besondere Tat unter Beweis stellen. Das ist Parrish bisher nicht gelungen. Um endlich von Mondo loszukommen, geht sie deshalb gleich mehrere Risiken ein. Sie verdingt sich als Hackerin für Io Lang, den mysteriösen Herrn des „Dis“. Parrish bemüht sich zusätzlich um Aufklärung des Attentats auf die berühmte Enthüllungsreporterin Razz Retribution. Sie kann einen Zeugen der Bluttat ausfindig machen.

Eine wilde Hatz kreuz und quer durch Tert und Viracity setzt ein. Ihr Leben verdankt Parrish mehr als einmal dem undurchsichtigen Daac, der sich offenbar in beiden Welten frei bewegen kann. Angeblich verfolgt er einen groß angelegten Plan, der das Elend der Tert-Bewohner mildern soll, doch kann man ihm trauen? Parrish jedenfalls tut es nicht, was sie mehr als einmal in aussichtslose Situationen geraten lässt, die sie der explosiven Finalauflösung des Plots rasant näher bringen …

Datenglanz in Müll-Metropolen

In den 1980er Jahren galt er als DAS Novum der Science Fiction: der Cyberpunk, dessen Repräsentanten keine Märchen mehr von Raumimperien, Zeitreisen & Mutanten-Mätzchen erzählen wollten. Stattdessen ging es ihnen um Relevanz und Interpolation: Die Gegenwart wurde politisch, wirtschaftlich, sozial, künstlerisch usw. in eine gar nicht so ferne Zukunft projiziert, die zwar fortschrittlich aber durchweg düster daherkam.

Wenn man sich eine typische Cyberpunkt-Welt vor Augen führen möchte, schaue man sich den Film „Blade Runner“ aus dem Jahre 1982 an: Riesenstädte beherrschen die Szene, Konzerne haben das Sagen, die Politik tanzt nach ihrer Pfeife. Die Unterprivilegierten werden in Ghettos abgedrängt, wo sie sich untereinander zerfleischen. Umweltschutz, Rücksicht oder Menschenrechte sind Fremdworte geworden. Nur die Harten und Erbarmungslosen überleben. Die Welt ist ein multimediales Dorf. Raffinierte Hightech im Miniaturformat ist (und vor allem in Waffenform) für jedermann (und jede Frau) erschwinglich geworden. Sie wird vorzugsweise in vermüllten Hinterzimmern zum Hacken eingesetzt, denn Informationen sind die eigentliche Währung der Zukunft. Die Menschen lassen sich genetisch und technisch ‚aufrüsten‘ und ‚verschönern‘, was allerlei Chimären und Freak-Gestalten hervorbringt.

Alles trostlos, alles Mist, aber sehr aufregend. Das war einige Zeit spannend zu lesen, wenn es von Könnern komponiert wurde. Schon bald konnten aber nur noch Kritikerpäpste, die ihre Liebe zum Cyberpunk entdeckt hatten, und andere Fackelträger leugnen, dass hier keine Wiedergeburt stattgefunden, sondern sich lediglich ein neues Subgenre der Science Fiction entwickelt hatte. Das geschieht zweifellos selten, ist jedoch nicht zwangsläufig eine literarische Revolution, zumal sich der Cyberpunk als reichlich flachgründiges Genregewässer erwies: Auch implantierte Spiegelbrillen und brennender Chrom verlieren x-fach variiert, plagiiert & verwässert irgendwann ihren Reiz.

Cyberpunk als Folie

Der Cyberpunk ist zwar ein fester Bestandteil der SF geblieben. Betrachtet man das Genre als Schrank, belegt er nun wie Space Opera, klassische Utopie/Dystopie oder Parallelwelt-SF eine eigene Schublade. Deshalb hat auch ihn längst das Schicksal jeder Avantgarde ereilt: Er ist zur Schablone geworden, unter der die alten, den einstigen Rebellen so verhassten, klassischen SF-Stories erzählt werden.

„Nylon Angel“ ist so ein Garn. Zwar unmöglich ohne den Cyperpunk, trägt er doch nichts zu seiner Weiterentwicklung bei, sondern plündert nur die Requisiten, um daraus eine neue, cyberpunkähnliche Kulisse zu basteln. Tatsächlich ist „Nylon Angel“ ein x-beliebiges SF-Abenteuer, ein Thriller im futuristischen Gewand, das beim näheren Hinschauen freilich recht fadenscheinig ist. Nichts ist wirklich neu im Sinne von originell. Pure Unterhaltung auf mittelmäßigem Niveau ist das Ergebnis; mehr war wohl auch gar nicht geplant.

Dass freilich die Story aufgelöst wird, muss man der Verfasserin ankreiden. „Nylon Angel“ ist nur der Prolog zur Actionbiografie der Parrish Plessis. Die Handlung bricht einfach ab. Der Bösewicht ist (vorläufig) erledigt, aber andere Ereignisse laufen weiter. Das erspart de Pierres, sich eine gänzlich neue Geschichte auszudenken. In Teil 2 werden die losen Fäden wieder aufgenommen und weitergesponnen. So stellt man Wurst her – und Endlosserien. In dieser Nische sollte man „Nylon Angel“ deshalb orten.

Hauruck-Figuren mit vorgespiegelten Seelentiefen

Der unbeschwerten Knallbunt-Kulisse aus zweiter Hand entspricht die Figurenzeichnung. Parrish Plessis (die auf dem fotorealistischen Buchcover wirkt wie Seven of Nines jüngere Schwester) ist eine kampfstarke, taffe, im Gesicht leicht zerbeulte aber dadurch nur hübschere Frau, wobei sich hinter dieser schroffer Fassade ein harter Kern über einem Herzen aus Weichgold verbirgt. Ständig schützt Parrish die Schwachen, betäubt noch in aussichtsloser Lage, statt zu töten, schielt trotz demonstrativen Männerhasses nach Mr. Right und nervt rasch durch nur scheinbar starke Sprüche, denen selten entsprechende Taten folgen.

Soll heißen: Parrish kann noch so fleißig im Verteilen von Arschtritten sein, doch die beinharte Einzelkämpferin nimmt man ihr keinen Moment ab. Zur attraktiv psychisch angeschlagenen aber insgesamt ungebrochenen Heldin gehören selbstverständlich eine tragische Kindheit (Drogenmutter, Inzestvater) und eine dramatische Ghettojugend. Die übrigen biografischen Klischees mag sich jede/r Leser/in selbst hinzudenken – sie tauchen zuverlässig auf.

Dies setzt sich fort. Freunde und Feinde der Parrish Plessis entsprechen jenen Typen, die wir aus ähnlichen Hauruck-Abenteuern sowie SF-„Direct-to-DVD“-Premieren kennen. Besonders peinlich ist der finstere Jamon Mondo geraten, um dessen diverse Abartigkeiten sich die Verfasserin herumdrückt, um es bei unfreiwillig komischen Andeutungen zu belassen. Daac mimt den charmanten Schurken mit Mission und Charisma, der sogar die brachial feminisierte Parrish zurück ins Land der Liebe lockt. Als Verliererin eines allzu harten Lebens soll Doll Feast für tragische Momente sorgen, die zu kreieren de Pierres ebenfalls nicht gegeben ist. So blende man bei der Lektüre entsprechende Ansprüche besser auf und lasse die Spiele beginnen: Auf dieser Ebene funktioniert dieses Garn am besten.

Autorin

Marianne de Pierres wurde 1961) in West-Australien geboren. Sie studierte u. a. an der University of Queensland kreatives Schreiben sowie die redaktionelle Bearbeitung und professionelle Herausgabe von Literatur. Neben ihrer Autorentätigkeit engagiert sich de Pierres in der populärliterarischen Szene Australiens; sie ist Mitbegründerin der „Vision Writers Group“ und der „wRiters on the Rise“, deren Mitglieder ihre Werke in der Entstehungsphase gegenseitig kritisieren.

De Pierres erster Roman erschien 2004. „Nylon Angel“ wurde erster Band einer Trilogie um Parrish Plessis, einen weiblichen Bodyguard und Kopfgeldjäger in einer postapokalyptischen Zukunft. 2007 startete de Pierres die „Sentients-of-Orion“-Serie, deren vierter und letzter Band mit einem „Aurealis Award“ für den besten australischen SF-Roman des Jahres 2011 ausgezeichnet wurde.

2008 begann de Pierres unter dem Pseudonym Marianne Delacourt humorvolle Kriminalromane zu schreiben. „Sharp Shooter“ gewann 2010 einen „Davitt Award“ als bester Krimi einer australischen Autorin. Ein weiteres Projekt ist die für jugendliche Leser konzipierte „Night-Creatures“-Reihe.

Website

Kurzkritik für Ungeduldige: Im Ghetto einer zukünftigen Riesenstadt wird Glücksritterin Parrish Plessis von allen möglichen und unmöglichen Gestalten diesseits und jenseits des Gesetzes gejagt. Unterstützt von zwielichtigen Bundesgenossen erkennt Parrish, dass sie zur Schachfigur in einem heimlichen Untergrundkampf geworden ist … – Science-Fiction-Abenteuergarn aus der Cyperpunk-Ecke, wobei dieser nur als Kulisse für eine bunte, actionreiche, letztlich anspruchslose Handlung dient und viele Fragen aufwirft, die erst in den beiden Fortsetzungsbänden gelöst werden.

[md]

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