Paradiese der Sonne

James Graham Ballard
Paradiese der Sonne

(sfbentry)
Originaltitel: The Drowned World (London : Victor Gollancz 1962/Berkley Medallion/Berkley Publishing 1962)
Deutsche Erstausgabe (unter dem Titel „Karneval der Alligatoren“): 1970 (Marion von Schröder Verlag)
Übersetzung: Inge Wiskott
198 S.
ISBN-10: 3-547-71153-3
Neuausgabe: März 2008 (Edition Phantasia/Phantasia Science Fiction 1010)
Übersetzung: Joachim Körber
Cover: Herbert Brandmeier
219 S.
ISBN-13: 978-3-937897-28-8

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Das geschieht:

Kaum ein Jahrhundert ist vergangen, seit die Erde den Van-Allen-Gürtel verlor, der sie vor den schädlichen Bestandteilen des Sonnenlichts schützte. Seitdem steigen die Temperaturen ständig, harte Röntgenstrahlen sorgen für Unfruchtbarkeit oder Mutationen. Die meisten Menschen sind gestorben, die wenigen Überlebenden haben sich in den äußersten Norden sowie die inzwischen eisfreie Antarktis zurückgezogen. Das Land zwischen den Polarkreisen musste aufgegeben werden. Es wird von mutierten Insekten, Reptilien und anderen urzeitlich anmutenden Tieren sowie gigantischen Pflanzen beherrscht.

Die neuen, durch Überflutung und Schlick völlig veränderten Küstenlinien der halb versunkenen Kontinente sollen neu kartiert werden. Zu den Wissenschaftlern, die diese Aufgabe übernehmen, gehört der Biologe Robert Kerans. Als Mitglied einer militärischen Expedition hält er sich in den Ruinen des ehemaligen London auf. Er schätzt die Privatsphäre, die ihm seine Arbeit beschert, und ist deshalb entsetzt, als die Order zum Abzug ergeht.

Kerans weigert sich zu gehen. Verbündete findet er in der selbstbewussten Beatrice Dahl und in seinem Kollegen Bodkin. Sie sind süchtig nach ihren Träumen geworden, die sie geistig in einer vorzeitlichen Tropenwelt aufgehen lassen. Das Trio setzt sich ab und gibt sich seinen Visionen und der individuellen Selbstauflösung hin. Nur kurz kann der Freibeuter Strangman sie aus ihrer Lethargie reißen, bevor sie sich endgültig in der flirrenden Hitzehölle verlieren …

Der erste Roman der vier Elemente

Wasser („The Drowning World“, 1962; dt. „Karneval der Alligatoren“/„Paradiese der Sonne“)
Luft („The Wind from Nowhere“, 1962; dt. „Der Wind aus dem Nichts”)
Erde („The Crystal World“, 1966; dt. „Kristallwelt“)
Feuer („The Burning World“/„The Drought“, 1968; dt. “Welt in Flammen”/„Die Dürre”)

Dies sind die vier Urelemente, aus denen sich die Welt laut Schöpfungsgeschichte (nicht nur der christlichen) zusammensetzt. Sie bilden die Grundlage allen Lebens auf der Erde; eine Bindung, die für den Menschen so selbstverständlich ist, dass er sich selten Gedanken darüber macht, welche Konsequenzen es hat, wenn dieses Fundament ins Wanken gerät. Das sollte er aber, denn schließlich ist er es, dem genau dies möglich geworden ist. Er riskiert es um seiner Bequemlichkeit willen, verpestet die Luft und heizt sie mit Abgasen auf, er vergiftet und verbraucht das Wasser, er setzt das Feuer ein, das zwar wärmt und antreibt aber auch zerstört, und er formt das Land nach Belieben aber mit gefährlichen Begleiterscheinungen.

Doch die Erde ist ein komplexes Ökosystem, das Verstöße gegen die Gebrauchsanweisung nur bedingt zulässt. Anfang der 1960er Jahre war dies noch eine Warnung, die überhört und verlacht werden konnte. Man darf J. G. Ballards Tetralogie der Elemente ohnehin nicht als Warnung vor Umweltverschmutzung und -vernichtung betrachten. Die Katastrophe ist in „Paradiese der Sonne“ nicht vom Menschen verursacht. Eine astronomische Laune hat die Erde in einen Brutkasten verwandelt, der allerlei Schrecknisse und Wunder gebiert. Wissenschaftliche Akkuratesse ist dem Verfasser unwichtig: Gleichgültig wie hoch die Mutationsrate angestiegen ist, sie erklärt nicht die massenhafte Anwesenheit von Alligatoren, Leguanen oder gar Seidenaffen. Wie sollten sie auf die Nordhalbkugel gekommen sein? So schnell läuft Evolution nicht ab. Für Ballard sind diese Kreaturen ‚Verstärker‘ seiner bizarren Zukunftswelt.

Wenn der Mensch eine ‚Schuld‘ trägt, dann ist es die übliche: Er arrangiert sich nicht mit den neuen Verhältnissen, sondern versucht wie seit jeher der Welt seinen Willen aufzuzwingen. Der Natur- folgte deshalb die Kulturkatastrophe: Die Menschheit zählt nur mehr nach Millionen. Ihre Zeit läuft ab, denn es werden kaum noch Kinder geboren.

Ein Versuch der Anpassung?

Ist es dem Menschen möglich, sich tiefgreifenden Veränderungen zu stellen und sich zu adaptieren oder besser: adaptieren zu lassen? Diese Frage spielte J. G. Ballard zwischen 1962 und 1968 viermal durch. Er lässt eine kleine Gruppe aufgeschlossener Menschen ins Innere der Fremde vordringen und beobachtet, was mit ihnen und in ihnen dort geschieht. Sie sind auf sich gestellt. Das bedeutet für Ballard auch und vor allem geistige Isolation. Die Umwelt dringt ungefiltert auf sie ein.

In „Paradiese der Sonne“ weckt die Katastrophe im Menschenhirn begrabene, nie selbst erlebte sondern ‚biologisch‘ nicht unbedingt im Gehirn sondern „in der Wirbelsäule“ (= in den tiefen, dem Instinktiven vorbehaltenen Regionen des Geistes) gespeicherte Erinnerungen an ferne Urzeiten, in denen die Saurier die Welt beherrschten. Dieser Vorgang setzt einen Mechanismus in Gang, der die Betroffenen das Interesse an der Gegenwart verlieren lässt. Sie retardieren geistig oder besser: Sie entwickeln sich zurück, bis am Schluss das vermutlich glückliche Versinken in der primitiven Ursuppe steht.

Diesen Vorgang verdeutlicht Ballard nicht grundlos durch zahlreiche Assoziationen an das vorgeburtliche Dämmern in der Gebärmutter. Heiß und feucht ist das Klima; es erschwert das Denken. Der Hang dem nachzugeben, sich fallen zu lassen und bedingungslos auf das Unbekannte einzulassen wächst stetig.

Ungewöhnlich für einen SF-Roman der frühen 1960er Jahre ist die Frage, ob dies automatisch negativ zu beurteilen ist. Falls es so etwas wie ein klassisches SF-Element gibt, dann personifizieren es einerseits Oberst Riggs, der für innere Schwingungen taube Militär, und andererseits Strangman, der die alte Welt zu seinem persönlichen Vergnügen ausschlachtet, ohne jemals zufrieden mit der angehäuften Beute zu sein.

Das mythologische Element wird in „Paradiese der Sonne“ immer wieder betont. Obwohl die alte Welt in Schlamm und Wasser ertrinkt, wandern Kerans und seine Gefährten geradewegs ins Fegefeuer. In der Hitze der von Plasmastürmen gepeitschten Sonne können sie nicht wirklich existieren. Trotzdem folgen sie ihrer Vision und sind möglicherweise die einzigen Menschen, die wirklich einen Weg für sich finden. Dass dieser mit dem Untergang identisch sein könnte, ist für Ballard keine Tragödie. In den Fensterhöhlen der verlassenen Häuser sitzen die Leguane. Sie haben die Welt der Menschen problemlos übernommen.

Science Fiction oder Literatur? Oder etwa beides?

Stilistisch ist „Paradiese der Sonne“ eine kleine Offenbarung – klein deshalb, weil Ballard 1962 am Anfang einer bemerkenswerten Karriere als Schriftsteller stand, die ihn noch in ganz andere Höhen führte. Erstmals ins Deutsche übersetzt wurde dieser Roman erstmals 1968, weshalb es höchste Zeit für eine Neuübersetzung wurde. Sie ist ausgezeichnet geraten und vermag mitzuhalten, wenn Ballard in epischen Beschreibungen der tropfenden, von exotischem Leben strotzenden Welt nach der Katastrophe schwelgt, die womöglich keine Katastrophe ist.

Über allem schwebt eine Stimmung tiefer Melancholie. Der ‚alte‘ Mensch und seine Werke wurden von der Natur abgeschrieben, die darüber ohne Probleme ‚funktioniert‘. Ohne Bedauern oder gar Rücksicht übernehmen neue Herren das Regime. So war es immer und so wird es bleiben. Der Mensch ist nur eine Episode im Buch der Erd- und Weltgeschichte.

Kein Wunder, dass die üblichen Action-Ausbrüche der klassischen „Post-Doomsday“-SF bei Ballard fehlen. Sogar der nüchterne Oberst Rigg, ein Relikt der Vergangenheit, begreift die Sinnlosigkeit eines Kampfes, der bereits verloren ist. Strangman, der über die technischen Möglichkeiten verfügt, versunkene Stadtteile auszupumpen, veranlasst dies nicht, um den status quo ante wiederherzustellen. Er will mit seiner Macht prahlen und die wieder begehbar gewordenen Teile der alten Welt schlicht ausplündern.

Wenn er seine Meute durch die Ruinen Londons schickt, wird die Handlung endgültig zum surrealistischen Bild. Die Logik des Geschehens löst sich in einem Wirbel mehr oder weniger deutbarer Szenen auf, die in Dekadenz und Wahnwitz förmlich getränkt sind. Die Irrfahrt der Figuren gleicht in diesen Passagen eher einem mittelalterlichen Totentanz.

Auf diese Reise – diesen freiwilligen ‚Abstieg‘ in die Abgründe der Zeit – muss sich der Leser einlassen. Schwer macht es einem der Autor nicht. „Paradiese der Sonne“ gilt als Vorläufer der experimentierfreudigen „New-Age“-SF, die in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre das Genre revolutionierte, ohne jedoch mit den klassischen und damit zeitlosen (= lesbaren, problemlos konsumierbaren, verständlichen, simplen – dies entscheide wer möchte) Erzähltechniken zu brechen. Stattdessen wirkt „Paradiese der Sonne“ verblüffend modern, während so mancher einst gerühmte Bestseller längst im literarischen Urschlamm versunken ist …

Autor

James Graham Ballard wurde am 15. November 1930 in der chinesischen Stadt Shanghai geboren, wo sein Vater für eine englische Textilfirma arbeitete. Die Familie lebte privilegiert in der „Internationalen Zone“, die europäisch und US-amerikanisch verwaltet und kulturell geprägt wurde. Ab 1937 drangen japanische Eroberer nach China vor. Auch in Shanghai brachen heftig und grausam geführte Kämpfe aus, deren Folgen dem jungen James im Gedächtnis haften blieben.

1943 wurde die Internationale Zone von den Japaner aufgelöst, die Bewohner in ein Gefangenenlager getrieben, in dem sie bis zum Ende des Pazifikkriegs ein von Not, Krankheit und der Willkür der Besatzer bestimmtes Leben fristen mussten. 1946 kam Ballard als 16-Jähriger erstmals nach England und erlitt einen Kulturschock. Ein Medizinstudium in Cambridge brach er nach einigen Semestern ab und begann zu schreiben. Ballards Frühwerk war experimentell und wurde vom Surrealismus geprägt.

Erfolge blieben aus und Ballard ging nach Kanada, wo er sich zum Bomberpiloten ausbilden ließ. In den 1950er Jahren kam er erstmalig mit der (US-amerikanischen) Science Fiction in Kontakt, die er für sich adaptieren konnte, um seinen eigenwilligen Ideen ein Leserforum zu schaffen. Zunächst imitierte Ballard die etablierten Autoren, um sich mit dem Genre vertraut und sich einen Namen zu machen. Nach 1960 entwickelte er seine eigene Stimme und wurde als literarischer Visionär über die SF-Grenzen hinaus bekannt und berühmt.

Als in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre die „New-Age“-Bewegung die Science Fiction erneuerte, gehörte Ballard zu ihren radikalsten Autoren. Für Werke wie „The Atrocity Expedition“ (1970; dt. „Liebe + Napalm: Export USA“) oder „Crash“ (1971; dt. „Crash“), die ebenso heftig wie gekonnt an politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Konventionen rüttelten, musste er sich scharfe Kritik gefallen lassen. Seine Erzählungen gestaltete Ballard als ungemein verdichtete und hohe Ansprüche an den Leser stellende „condensed novels“.

In den 1980er Jahren schrieb Ballard wieder ‚verständlicher‘, ohne dass darunter das Niveau seiner Romane und Stories litt. 1984 gelang ihm mit seiner Autobiografie „The Empire of the Sun“ (dt. „Das Reich der Sonne“), einer literarischen Bewältigung seiner Kindheit in Shanghai, ein internationaler Bestseller, der 1987 von Stephen Spielberg verfilmt wurde. Als SF-Autor arbeitete Ballard bis zu seinem Tod durch eine schwere Krebserkrankung am 19. April 2009 an seinem privaten, vielschichtigen, faszinierenden Universum.

(Wie zu erwarten arbeiten sich Literaturkritiker, Soziologen u. a. Fachleute in großer Zahl an Ballard ab; einen ersten Einstieg in ihre Welt ermöglicht diese Website, doch Vorsicht: Wer sich einmal in diese Informationsweiten wagt, findet womöglich nicht mehr zurück!)

Kurzkritik für Ungeduldige: Die Welt versinkt in Hitze, Wasser und Lethargie. Eine kleine Gruppe von Menschen nimmt nicht an der großen Flucht teil, sondern ergibt sich in ihr Schicksal, das gleichzeitig Neuanfang ist … – Stimmungsgewaltige Katastrophen-Science-Fiction, deren Untergangsszenarien vor allem Rahmen für eine metaphysische, nicht nur die zeitgenössischen Grenzen des Genres sprengende Reflexion über menschliches Verhalten im elementaren Wandel ist: großartig geschrieben und niemals altmodisch, handelt es sich hier um die überfällige Neuausgabe eines SF-Klassikers.

[md]

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