Projekt Luna

Algis Budrys
Projekt Luna

Originaltitel: Rogue Moon (Greenwich/Connecticut : Fawcett Publications 1960)
Übersetzung: Wulf H. Bergner
Deutsche Erstausgabe: 1965 (Heyne Verlag/SF 06/3041)
Cover: Richard Powers
158 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1985 (Heyne Verlag/Bibliothek der Science Fiction Literatur 48)
Übersetzung: Wulf H. Bergner
Cover: Mikulas Rachlik
172 S.
ISBN-13: 978-3-453-31217-3
Neuausgabe: Juli 2016 (Heyne Verlag/TB Nr. 31767)
Übersetzung: Wulf H. Bergner (überarbeitet von Elisabeth Bösl)
Cover: shutterstock/Mopic
272 S.
ISBN-13: 978-3-453-31767-3
eBook: Juli 2016 (Heyne Verlag)
Übersetzung: Wulf H. Bergner (überarbeitet von Elisabeth Bösl)
761 KB
ISBN-13: 978-3-641-18775-0

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Das geschieht:

Der geniale Physiker Dr. Edwards Hawks leitet das Forschungszentrum des US-Konzerns „Continental Electronics“. Ihm gelang eine von der Regierung streng geheim gehaltene Erfindung: der Materietransmitter, der Materie und Lebewesen zu weit entfernten Zielen ‚abstrahlen‘ kann. Dabei werden allerdings sie allerdings gleichzeitig kopiert: Das Ziel erreicht eine völlig identische Kopie, während am Ausgangspunkt das Original zurückbleibt.

Als Massentransportmittel ist der Transmitter daher untauglich. Aktuell dient er bei der Erforschung eines grotesken Mysteriums: Auf dem Mond wurde ein außerirdisches Artefakt entdeckt. Niemand weiß, wozu es dient, denn nach einer gewissen Frist tötet es jeden, der sich in sein Inneres wagt.

Die Projektleitung beschließt einen Mann anzuheuern, der den Tod nicht fürchtet. Man wird ihn per Transmitter kopieren und den Doppelgänger in das Artefakt schicken, wo er sterben, aber vor seinem Tod dem Original, das telepathisch mit ihm verbunden ist, wertvolle Informationen übermitteln wird, die sein ‚Nachfolger‘ nutzen kann. Vincent Connington, der Personalchef des Konzerns, kennt den idealen Kandidaten: Al Barker ist ein Modellathlet und Abenteurer mit einer offensichtlichen Todessehnsucht.

Erwartungsgemäß kann Barker der Herausforderung nicht widerstehen. Er reist als Kopie zum Mond und stirbt dort viele Tode. Allmählich bahnt er sich seinen Weg durch das Artefakt, doch der Preis für den Erfolg ist nicht die erhoffte Erlösung, sondern die endgültige Verdammnis …

Der unbarmherzige Zahn der Zeit

„Projekt Luna“ ist unbestritten ein Klassiker der Science Fiction. In allen Publikationen, die sich sekundärwissenschaftlich mit diesem Roman beschäftigen, wird er als formal wie inhaltlich nicht nur herausragendes, sondern auch wegbereitendes Werk gerühmt, das sogar die heimliche, meist verleugnete Auffassung bestätigt, dass SF ‚richtige‘ Literatur sein kann.

Budrys Projekt Luna Cover 1964

Cover der dt. Erstausgabe

Diese Frage sei an dieser Stelle ausgeklammert bzw. denen überlassen, die einer solche Aufwertung zur Rechtfertigung ihrer Lektüre bedürfen. Doch auch oder gerade eine objektive Betrachtung beschert dem Leser, der sich im 21. Jahrhundert erstmals an diesem Roman versucht, ein Gefühl der Verwirrung: „Projekt Luna“ kann durchaus als nicht nur altmodische, sondern langweilige Geschichte betrachtet werden. Wie konnte „Projekt Luna“ beinahe den „Hugo Gernsback Award“ als bester Roman des Jahres 1960 gewinnen und über Jahrzehnte seinen Ruf wahren? Was soll vor allem der junge Leser von einem Mond-Rätsel halten, das erst auf den letzten Seiten und quasi nebenbei ‚gelöst‘ wird? Meist spielt der ohnehin dünne Roman auf der Erde. Hier finden wir die Protagonisten in endlose Diskussionen verstrickt, die keineswegs selten mit dem Mond gar nichts zu tun haben.

‚Echte‘ SF-Elemente bleiben dünn gesät. Sie konzentrieren sich auf einigen Technobabbel, der sich um eine Version des Transmitters rankt, der nicht nur transportiert, sondern dabei auch kopiert. Als es endlich zur Sache geht, d. h. Barker und Hawks gemeinsam das Artefakt betreten, beschränkt sich Budrys auf vage Andeutungen.

Als die Zeit noch härter als der Zahn war

Der entscheidende Punkt für eine ‚korrekte‘ Beurteilung ist die Stellung dieses Romans in der zeitgenössischen SF. In den 1950er Jahren war die Science Fiction zwar nicht mehr die Domäne einfach ‚nur‘ spannender „Space Operas“ und Planeten-Abenteuer; damit und mit der naiven Vergötzung einer Zukunft, die primär durch Forschung und Technik immer fortschrittlicher = paradiesischer wurde, hatten der II. Weltkrieg und der sich anschließende „Kalte Krieg“ aufgeräumt.

Wie deutlich wurde, war der Mensch selbst der limitierende Faktor dieser Zukunft. Technischer Fortschritt ging ganz offensichtlich nicht mit der Überwindung der vielfältigen zwischenmenschlichen Konflikte einher. Es dauerte eine gewisse Zeit, bis die SF diesen psychologischen Aspekt aufgriff und aus Figuren Personen wurden. Ab der zweiten Hälfte der 1960er Jahre und parallel zu den realen gesellschaftlichen und kulturellen Verwerfungen dieser Ära widmete sich das Genre auf breiter Front dem „inner space“: Wie ist das Menschenhirn beschaffen? Ist es in der Lage, sich den Veränderungen der Zukunft anzupassen, sich zu entwickeln? Wie sehen diese Veränderungen überhaupt aus?

Jeder Weg beginnt mit dem ersten Schritt

Autoren wie J. G. Ballard, Brian W. Aldiss, Michael Moorcock, Robert Silverberg oder Philip K. Dick – die Auswahl ist unvollständig und willkürlich – spielten bisher undenkbare, weil jeglicher wissenschaftlich-technischer ‚Realität‘ enthobene Szenarien durch, die den Menschen prüften. Gleichzeitig wurden literarische Konventionen außer Kraft gesetzt. Die Autoren der „New Wave“ lösten sich von der Stringenz des Stils. Sie spielten mit der Sprache, brachen sie auf, veränderten sie, pressten ihr neue Bedeutungen ab.

Budrys Projekt Luna Cover 1985

Cover der Neuausgabe von 1985

Algis Budrys wurde mit „Projekt Luna“ zu einem wichtigen Wegbereiter dieses Prozesses. Stilistisch bleibt er noch konventionell, inhaltlich sitzt er zwischen den Stühlen. Aus heutiger Sicht trägt dies zur Lesbarkeit bei: „Projekt Luna“ hat die Jahre wesentlich besser überstanden als die meisten Klassiker der „New Wave“, die heute veraltet oder gänzlich unlesbar geworden sind. Die Schlacht ist geschlagen, der Mensch als zentrales Objekt der SF entdeckt. Es ist auch Budrys Verdient, dass es so kam und geblieben ist.

Doch der Pionier kann vor der Nachwelt vor allem oder nur im milden Licht der Nostalgie bestehen. Nachfolger haben seine Erfindung aufgegriffen, weiterentwickelt, für ein aktuelles Publikum aufbereitet. Auch und gerade in der Unterhaltungsliteratur gab und gibt es zudem Moden.

Der Preis des Fortschritts

Menschen sind keine Maschinen, Raketen und Lasergewehre nicht einfach verlängerte Arme. Zehn oder auch fünf Jahre vor „Projekt Luna“ hätte sich diese Geschichte möglichst spannend um die Erforschung des Mond-Artefaktes gedreht. Budrys dient es als „MacGuffin“: Es bleibt reiner Vorwand und Lockmittel. Ihm geht es um fundamentale Fragen, die sich um Menschen drehen, die sich in der klassischen SF ohne Zögern heldenhaft in ein ‚Abenteuer‘ gestürzt hätten, das dem Verstand realiter völlig konträr ist.

Natürlich bedarf „Projekt Luna“ damit einer Leserschaft, die sich für die daraus resultierenden Konsequenzen interessiert. Wer das reine Spektakel sucht, wird dieses Buch hassen. Budrys konzentriert sich auf die Psyche von Menschen, die den Selbsterhaltungstrieb ausschalten müssen, um ein Rätsel zu lüften, während andere Menschen diesen Todesmarsch organisieren.

Barker und Hawks sind deshalb nicht nur Figuren. Sie repräsentieren archetypisch jene genannten Menschen, deren Verhalten eben nicht – wie in der SF meist ignoriert – ‚normal‘ ist. Vor Budrys wurde der Versuch solcher Reflexionen selten gewagt. Naturgemäß kann der erste Versuch nicht perfekt sein. Budrys übertreibt es im Versuch, jeden Aspekt aufzugreifen. Ein halbes Jahrhundert später beackert er damit tief ausgefahrene literarische Furchen und produziert Theatralik und Klischees, wo er eigentlich Schöpfer ist.

Mit-Leiden oder Kollateralschäden?

Dies wird noch deutlicher in den Nebenfiguren: Claire, Elizabeth, Connington, Latourette, Gersten – sie repräsentieren den nicht hauptsächlich in das Drama involvierten aber trotzdem betroffenen ‚Mitmenschen‘. Die Tatsache, dass monumentale Ereignisse auch Sekundärfolgen nach sich ziehen, die zunächst unsichtbar bleiben, ist sowohl als Gedanke als auch als Erkenntnis nicht sehr alt.

Budrys kehrt mit seinem unerwarteten Finaltwist noch einmal machtvoll zu diesem Thema zurück. Zunächst stößt er den Leser mit der Weigerung vor den Kopf, das Mond-Mysterium aufzuklären. So konsequent wie Jahre später Stanley Kubrick mit „2001 – Odyssee im Weltraum“ schildert er das Innere des Artefaktes als wirres Kaleidoskop sinnfreier Eindrücke. Barker und Hawks sehen dort nicht einmal dieselben Bilder. Der Sieg über das Artefakt bleibt hohl; sein Sinn bleibt unbekannt, kontrollieren lässt es sich nicht, es bleibt, was es ist: „Rogue Moon“. Womöglich gibt es gar keinen Sinn, den der Mensch begreifen könnte.

Das konsequent böse Ende

Als dieser Schock abklingt, enthüllt Hawks dem triumphierenden Barker eine wahrlich niederschmetternde Wahrheit. Glaubte dieser bisher, der Preis für das ‚Bezwingen‘ des Artefaktes bestünde in einer siegreichen Selbstfindung, raubt ihm Hawks diese Illusion. Für den Mond-Barker wird es keine ruhmreiche Rückkehr auf die Erde geben. So wichtig war der US-Regierung die möglichst rasche Bergung des Artefaktes – in dieser Vergangenheit der Zukunft umkreisen böse Sowjets neugierig den Mond -, dass Menschenleben als Preis akzeptiert wurden. Hawks hat sich wie Mephisto dem Teufel verkauft: Der scheinbar wertneutrale, unbestechliche Wissenschaftler ist zum Handlanger geworden, der „zum Wohle der Nation“ die Drecksarbeit für Militärs und Politiker übernimmt.

Hawks sühnt, indem er Barkers Schicksal teilt. Doch abermals gelingt Budrys ein Twist: Auf der Erde setzen die Originale ihr Leben fort. Welche Konsequenzen werden sie aus dem Projekt Luna ziehen? Sie sind sich ihrer Identitäten ebenso bewusst wie ihre ‚Kopien‘ auf dem Mond. Aber was bedeutet „Identität“? Die bittere Schlusspointe belegt, dass zumindest Hawks sich durchschaut hat. Er schreibt eine Liebesbotschaft an Elizabeth. Als das ‚Original‘ nach beendeter Mission erwacht, wird diese zum Vermächtnis der ‚Kopie‘ auf dem Mond, die auf diese Weise deutlich macht, dass sie ein eigenständiges Individuum ist.

Mit diesem Pauken- und Tiefschlag entlässt Budrys seine Leser. Der finale Schock muss 1960 erheblich intensiver gewesen sein als in der zynischen Gegenwart: Im 21. Jahrhundert haben wir uns längst an die Verquickung von Forschung, Politik und Industrie gewöhnt und akzeptiert, dass der Mensch einerseits Mensch ist und bleibt und andererseits die Ethik dem Fortschritt hinterherhinkt. Liest man „Projekt Luna“ unter dieser Prämisse, werden die intensiven Implikationen dieser mondangestaubten Geschichte plötzlich deutlich – und spannend!

Copyright © 2016 by Michael Drewniok (md)

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sfbentry

Comments

  1. Klasse! Auch diese Rezi hat mir wieder gefallen und mich bereichert und wieder konnte ich diesen interessanten Titel kostengünstig über Eure Bestellinks ergattern! Vielen Dank Buchrezicenter, und vielen Dank [md], du lieferst erstklassige Blogbeiträge ab!

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