Skinner – Der blaue Tod

Neal Asher
Skinner – Der blaue Tod
(Spatterjay-Trilogie, Bd. 1)

Originaltitel: The Skinner (London : Macmillan Publishers Ltd. 2002)
Übersetzung: Thomas Schichtel
Deutsche Erstausgabe: März 2003 (Bastei-Lübbe-Verlag/Science Fiction 23258)
Cover: Michael Whelan
718 S.
ISBN-13: 978-3-404-23258-1

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Das geschieht:

Drei seltsame Fremde treffen sich auf dem Wasserplaneten Spatterjay, gelegen in einem abgelegenen Sektor der „Polis“, dem inneren, hochzivilisierten und von zahlreichen verbündeten Intelligenzen bevölkerten Kernbereich der Galaxis:

– Erlin Tazer Drei Indomial, die Forscherin, war schon einmal hier und sucht ihren Gefährten, den alten Kapitän Ambel vom Menschenvolk der Hooper, das sich vor langer Zeit auf Spatterjay angesiedelt und einigermaßen an die feindliche Umwelt angepasst hat, die von einer Blut saugenden, bissigen, auf jeden Fall aber mörderischen Fauna geprägt wird.

– Janer Cord Anders reist im Auftrag der „Schwarmintelligenz“. Als zweite des Denkens fähige Spezies auf dem Planeten Erde hat sich ausgerechnet die Hornisse zu erkennen gegeben. Im telepathischen Verbund unzähliger als Individuen ansonsten geistloser Insekten beteiligt sich besagte Schwarmintelligenz an der Erforschung des Alls und mischt auch in der Politik kräftig mit.

– Sable Keech, Agent der „Earth Central Security“, ist eigentlich schon seit sieben Jahrhunderten tot. Die überlegene Technologie dieser Zukunft ermöglichte es, seine Leiche wieder zu beleben, aber er ist zu einem Zombie geworden und völlig von seinem komplexen Lebenserhaltungssystem abhängig.

Dieses Trio tut sich zusammen, ohne eigene Pläne zu vernachlässigen. Lange dauert es nicht, bis sie auf Konkurrenten stoßen. Auf Spatterjay lässt sich das Geheimnis des ewigen Lebens lüften. Ein Virus schenkt es denen, die es infiziert – freilich mit hässlichen Nebenwirkungen, was dunkle Elemente jedoch nicht fernhält. Freilich lauert auf dem Weg dorthin der Skinner, blauhäutiger Schrecken von Splatterjay, der voller Freude = Hunger Hooper und sonstige unvorsichtige Besucher erwartet …

Wasserblau und blutrot

„Skinner“ ist als Roman zu lang, die Handlung verworren, durch ständige Exkurse und Ellipsen künstlich aufgebläht – stimmt alles, ist aber völlig irrelevant: „Skinner“ ist ein wunderbares, knallbuntes, unterhaltsames Science Fiction-Abenteuer, wie man es schon lange nicht mehr lesen durfte. Die strenge Kritik lehnt SF ohne Gesellschaftsrelevanz in der Regel ab; Gnade vor Recht lässt sie höchstens gegenüber den Gründervätern des Genres walten, die schließlich nicht wissen konnten, dass es auch am Feierabend im Lesesessel die Welt zu verbessern gilt.

Glücklicherweise haben sich immer wieder Autoren über dieses Gebot hinweggesetzt; vielleicht sind sie zu wahrer literarischer Größe nicht fähig, vielleicht wollen sie nur eine tolle Geschichte erzählen. Mit Neal Asher stellte sich jedenfalls ein wahrer Entertainer seinem Publikum vor. „Skinner“ bietet ein Füllhorn bizarrer Einfälle, die epische Breite durchaus verdienen.

Dem Schauplatz angemessen geht es in dieser Geschichte nicht gerade zimperlich zu. Es wird rasch, brutal und in großer Zahl gestorben. Großes Gewese wird nicht darum gemacht, was selbstverständlich politisch absolut unkorrekt ist. Deshalb macht die Lektüre gleich doppelten Spaß. Spatterjay ist ein herrlicher Abenteuerspielplatz, den Asher wiederholt betreten hat. (Diese Romane sind außerdem Teil der „Polis“-Saga, die der Verfasser kontinuierlich ausbaut.) In dem krawalligen Garn ist der eigentliche Plot ohnehin nebensächlich. Er hält die turbulenten Aktionen der zahlreichen Protagonisten zusammen, die uns immer neue und groteske Winkel dieses faszinierenden Wasserplaneten entdecken. Allmählich konzentriert sich die Handlung dann doch auf den großen, bösen Skinner, der unserer Geschichte den notwendigen Schub verpasst, als wir uns fast schon (aber nur fast) zu langweilen beginnen. Der Skinner ist beileibe kein simples Wasser-Monster. Seine wahre Herkunft und damit eine bizarre Vorgeschichte, die ihn und Sable Keech verbindet, enthüllt.

Merkwürdiges Trio für kuriose Welt

Dem wüsten Treiben angemessen treffen wir auf Spatterjay ausschließlich außergewöhnliche Zeitgenossen. Unter ihnen ist Asher mit dem schein- oder dreivierteltoten Sable Keach die mit Abstand denkwürdigste Figur gelungen. Immer wieder werden wir mit neuen = schaurig-schönen Details seiner moribunden Präsenz konfrontiert. Dabei ist die Tatsache, dass dieser Keach auch noch über Charakter und ein (in Maßen) intaktes Seelenleben verfügt, der Zuckerguss auf der Dreischichten-Torte. (Zur Erinnerung: Dieses Buch ist wirklich dick!)

Janer Cord Anders ist zwar ebenfalls ein harter Knochen, aber interessant macht ihn erst seine ambivalente Beziehung zur irdischen Schwarmintelligenz. Menschen in Abhängigkeit ausgerechnet zu Hornissen zu zeigen ist ein hübscher Einfall, der einiger Ironie nicht entbehrt, beschränkte sich dieses Verhältnis über viele Jahrtausende doch auf den raschen Griff zur zusammengerollten Zeitung oder zu einem anderen, gerade in Reichweite befindlichen Mordinstrument.

Erlin Tazer Drei Indomial spielt die weibliche Hauptrolle in unserem Abenteuer. Das tut sie mit dem zumindest im Science-Fiction-Abenteuer inzwischen üblichen Schwung, der sie vor ihren männlichen Gefährten nie als hilfloses Weibchen dastehen lässt. Autor Asher verpasst ihr eine tragische Vorgeschichte, der sie zum Katalysator der aktuellen, sogar noch turbulenteren Geschehnisse werden lässt.

Leben wird lästig

Ansonsten tummelt sich allerlei exotisches Volk vor dem Leserauge. Da sind selbstverständlich die Hooper, die aus ihrer Unverwüstlichkeit manche seltsame und den unvorbereiteten Betrachter schockierende Angewohnheit entwickelt haben: Schließlich wird der begehrte Virus ausgerechnet über die heimischen Blutegel verbreitet, die deutlich größer, beweglicher und hungriger als ihre irdischen Gegenstücke sind. Die Hooper sind ‚infiziert‘, sodass selbst förmlich in Stücke gerissene Fischer nicht sterben, sondern sich regenerieren – eine Quelle für wahrlich ‚körperbetonten‘ Humor, den Asher gern einfließen lässt. Seine Kunst besteht darin, solche Absurditäten als natürliches Element einer fremden Kultur harmonisch in die Handlung zu integrieren. Unter dieser Prämisse können selbst Langlebigkeit oder Unsterblichkeit zum Problem werden.

Gewisse Gestalten wie das lebende Segel oder überraschend selbstständige Roboter haben durchaus das Zeug zum kultigen Nebendarsteller. Sie bleiben im Gedächtnis haften, und Asher spinnt ihnen eigene Handlungsstränge, die sie irgendwann doch zum Hauptgeschehen zurückführen.

Der Verzicht auf jene Hightech, die Ashers „Polis“-Romane ansonsten förmlich tränkt, sorgt für eine nostalgische Stimmung: „Skinner“ ist ein Nachfahre der vor allem farbenfrohen Planeten-Abenteuer, die vor allem in der Frühzeit der Science Fiction das Publikum fesselten. Dass sich bei Asher eine gewisse Tiefgründigkeit feststellen lässt, wie manche Kritiker melden, ist eher eine Interpretationsfrage. Womöglich ist ausgerechnet ihm gelungen, woran so viele renommierte Schriftstellerkollegen scheitern: Botschaft und Handlung sind einander ebenbürtig und sorgen für homogenen Lese-Spaß.

Autor

Neal Asher wurde 1961 in Billericay in der englischen Grafschaft Essex geboren. Kindheit und Jugend verliefen nach eigener Auskunft unspektakulär. Die Liebe zum Phantastischen erwachte früh; schon Ashers Eltern schätzten das Genre, in dem ihr hoffnungsvoller Spross bereits im Alter von 16 Jahren recht unbekümmert erste Schritte sprich Schreibversuche unternahm.

Erst einmal holte die Realität den jungen Neal ein verfrachtete ihn u. a. in eine Firma für Stahlmöbel und andere obskure, in der Regel erfolglos ausgeübte Jobs, die offensichtlich in die Biografie jedes später erfolgreich gewordenen Schriftstellers gehören. In der zweiten Hälfte der 1980er fasste Asher beruflich Fuß in der IT-Branche. Nebenbei begann er ernsthaft zu schreiben bzw. zu üben und verfasste schon einen ersten (bis heute unveröffentlichten) Fantasy-Roman.

Nach einer längeren Episode als Gärtner (!) konzentrierte sich Asher auf seine Schriftstellerei. Er verfasste mit „Creatures of the Staff“ den ersten Band der Fantasy-Trilogie „The Infinite Willows“, schrieb Kurzgeschichten, Drehbücher und wurde langsam aber sicher eine feste Größe in der britischen Phantastik. Der Durchbruch ließ bis 2000 auf sich warten. Asher wurde vom Verlag Pan Macmillan für gleich drei Romane unter Vertrag genommen. „Gridlinked“ (2000, dt. „Der Drache von Samarkand“) war der erste, gefolgt von „The Skinner“ (dt. „Skinner, der blaue Tod“) und „The Line of Polity“ (2002). Weitere seitenstarke, meist in der „Polis“ angesiedelte Romane folgten.

Website des Verfassers

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