Sturm des Verderbens

Douglas Warner
Sturm des Verderbens

Originaltitel: Death on a Warm Wind (London : Rapp and Whiting 1968)
Deutsche Erstausgabe: 1969 (Goldmann Verlag/Goldmanns Weltraum Taschenbücher 104)
Übersetzung: Hans-Ulrich Nichau
Cover: Eyke Volkmer
156 S.
[keine ISBN]

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Das geschieht:

Er verpasst die Chance seines Lebens: Jan Curtis, Chefredakteur des „Evening Telegram“ in London, rasiert sich gerade gemächlich, als auf der Schwelle seines Hauses der Staatsfeind Nr. 1 niedergeschossen wird: Robert Colston wurde seit fünf Jahren vermisst und gesucht. Damals hatte der renommierte Naturwissenschaftler das große Erdbeben von Arminster vorausgesagt, das sich exakt zum angekündigten Zeitpunkt ereignete und 95000 Engländer in den Tod riss. Darüber hätten sich diverse Behörden brennend gern mit Colston unterhalten, als der zuvor ignorierte Rufer in der Wüste verschwand.

Die Arminster-Affäre ist unvergessen und auch politisch ein heißes Eisen. Sir Guy Raynham, der britische Innenminister, der unbedingt zum Premier aufsteigen will, hat Colstons Alarmrufe damals ignoriert. Das möchte er nicht an die große Glocke gehängt wissen. Außerdem verlor er in Arminster seinen Sohn Guy jr., der sich in der Katastrophe als rücksichtsloser Feigling entpuppte und seine ihm frisch angetraute aber überlebende Gattin Margaret im Stich ließ.

Dass diese nun ausgerechnet Jan Curtis die Ehe versprochen hat, der Raynham in der Presse scharf attackiert, wirkt sich verhängnisvoll aus, als die Unterstützung des Ministers gefragt ist. Die Überlebenden von Arminster erinnern sich gut an einen heißen, trockenen Wind, der dem Erdbeben vorausging. Er weht nun erneut – über London, der Millionenstadt, die binnen weniger Stunden geräumt werden müsste.

Aber die Geschichte scheint sich zu wiederholen: Wie Colston bleibt auch Curtis erfolglos mit seinen Warnungen. Stattdessen lässt ihn der hasserfüllte Raynham jagen, zumal sich herausstellt, dass er vom nahenden Untergang Arminsters offenbar gewusst und zuvor heimlich seine dort getätigten Investitionen rückgängig gemacht hatte. Jetzt bietet Raynham seinen gesamten Einfluss auf, die Evakuierung Londons zu verhindern, während Colston und seine Mitstreiter in einem verzweifelten Wettlauf ihre beschränkten Möglichkeiten einsetzen, um möglichst viele Menschen vor dem Verhängnis zu retten …

Auch Apokalypse ist kein Grund zur Hast

Der Weltuntergang bzw. die Frage, wie man sich ihm stellen würde, wird gestellt, seit der Mensch über sich und seine Welt grübelt. In der Literatur ist wohl die Science Fiction jenes Genre, das am intensivsten mit der Apokalypse spielt. Meist ruft sie der Mensch mutwillig selbst auf sich herab, manchmal übernehmen Außerirdische oder Riesenkometen diesen Job; in Japan heuert man notfalls Godzilla an. Wer weiß: Vielleicht lernt der störrische Leser ja auf unterhaltsame Weise endlich, was ihm Politiker, Wissenschaftler und andere Mahner & Warner behutsam eintrichtern möchten: Spart und schont diese Erde für zukünftige Generationen!

In England hat sich eine Variante des Katastrophenromans entwickelt, die der Fachmann „langsame Apokalypse“ nennt. Zwar kommt das Grauen ebenso gewaltig wie vernichtend auch über die Inselbewohner, aber sie gehen das Ende gelassen an. Sie wurden in der Geschichte u. a. von den Römern, den Wikingern, den Spaniern, den Franzosen und im II. Weltkrieg von den Deutschen hart gezaust und haben das alles überstanden. Daher lehnen sie es, sich von kleinen oder großen Weltuntergängen aus der Fassung bringen zu lassen.

Das Trauma steckt dennoch tief. Seit H. G. Wells (1866-1946) suchen immer neue literarische Heimsuchungen die Inselwelt heim. Der Mond stürzt ihnen auf die Köpfe (R. C. Sherriff: „The Hopkins Manuscript“/„The Cataclysm“, 1939/58, dt. „Der Mond fällt auf Europa“), mutierte Mordblumen terrorisieren sie (John Wyndham: „The Day of the Triffids“, 1950; dt. „Die Triffids“), die Sonne will die ohnehin weißhäutigen Briten rösten (J. T. MacIntosh: „One in 300“, 1954, dt. „Einer von Dreihundert“), der schützende Ozean läuft aus (John Christopher: „A Wrinkle in the Skin“, 1965; dt. „Insel ohne Meer“) – und das ist nur ein schmaler Ausschnitt apokalyptischer Leiden aus den Jahren nach 1945.

Großer Eifer zeitigt wenig Wirkung

„Sturm des Verderbens“ kommt ein bisschen spät – der Weltuntergang hat seit der Erfindung der Atom- und Wasserstoffbombe jegliche Gemütlichkeit verloren -, reiht sich aber in die lange Reihe dieser Romane ein. Zum Klassikerstatus hat es nicht gereicht, aber eine handwerklich solide, unterhaltsame Schauermär ist immerhin daraus geworden. Sie kann fesseln, so lange das Rätsel um den mysteriösen Mr. Colston ungelüftet bleibt. Eindrucksvoll gelungen ist auch der Rückblick in das erdbebengeschüttelte Arminster.

In der zweiten Romanhälfte verheddert sich Autor Warner allerdings im zeitgenössischen Dickicht politischer Paranoia und gut gemeinter aber schlecht durchdachter Anti-Atomkriegsparolen. Ganz abgesehen davon fällt die Erklärung für den „Wind des Todes“ und seine Folgen sogar für einen SF-Roman ein wenig zu einfältig aus.

Es mag daran liegen, dass „Sturm des Verderbens“ keine ‚echte‘ Science Fiction darstellt. Der Roman gehört zu einer Serie von insgesamt sechs Thrillern, die der Verfasser in den 1960er Jahren veröffentlichte. Ihre Titel beginnen sämtlich mit „Death of …“ (bzw. „on“), und sie sind selbst in England nur noch wenigen Spezialisten für historische Trivialliteratur bekannt.

Gestanzte Helden & Schurken

Dieser Weltuntergang kommt (trotz Liebesgeschichte) recht nüchtern und technisch daher – britisch unterkühlt, möchte man ulken. Sämtliche Beteiligten wirken nicht gerade überzeugend. Besonders Sir Guy ist ein Bösewicht, über den man nur den Kopf schütteln kann. Wie hat es ein gleichzeitig plump zu Werke gehender und dabei hohlköpfiger Betrüger in sein hohes Amt schaffen können? Die Realität zeigt uns, dass sogar Politiker unter den genannten Voraussetzungen ein wenig geschickter vorgehen müssen.

Genauso wenig traut man einem halbprominenten Jedermann wie Jan Curtis zu, eine Millionenstadt wie London binnen drei oder vier Stunden fast gänzlich räumen zu lassen. Da dürften eher Tage oder Wochen realistischer sein – oder Jahre, wenn man die gutwillige aber chaotische Truppe betrachtet, die Curtis zur Hand geht.

Margaret Raynham wirkt anscheinend nur mit, weil eine publikumstaugliche Geschichte eine Alibifrau benötigt. Dass Warner aus ihr die Ex-Schwiegertochter des Bösewichts macht, die nun mit dessen ärgstem Feind verbandelt ist, lässt sie nicht interessanter wirken. Eine echte Aufgabe gibt es jedenfalls nicht für Margaret. Sie komplettiert damit den Eindruck, hier eines jener Werke vor sich zu haben, die so ausdrücklich für den raschen Lektüreverbrauch geschrieben waren, dass sie gänzlich nostalgieresistent blieben und einfach nur noch altmodisch wirken.

Autor

„Douglas Warner“ gehört sicher nicht zu den großen Namen der Science Fiction. Eigentlich gibt es ihn nicht einmal: Hinter dem Pseudonym verbirgt sich das Duo John Desmond Currie und Elizabeth Florence Warner, über die sogar per Internet bis auf die Namen und die Titel von sechs gemeinsam verfassten Thrillern keine weiteren Informationen zu ermitteln waren.

Copyright © 2015/16 by Michael Drewniok (md)

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Comments

  1. Kurzkritik für Ungeduldige: Vor fünf Jahren überlebte Robert Colston ein großes Erdbeben, das er vorausgesagt hatte, bevor er verschwunden. Nun taucht er wieder auf – und wird erschossen, bevor er sein Geheimnis lüften kann. Es ist ohnehin zu spät, denn nun bläst der Sturm des Todes über London … – „Gemütliche Apokalypse“ klassisch britischen Stils, recht intensiv in den einschlägigen Szenen aber nicht wirklich mitreißend: ein zu Recht halb vergessenes Werk der Science Fiction.

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