Welt der Puppen

Clifford D. Simak
Welt der Puppen

Originaltitel: Destiny Doll (New York : Putnam 1971)
Übersetzung: Walter Brumm
Deutsche Erstausgabe: 1974 (Wilhelm Heyne Verlag/Heyne SF 06/3386)
Cover: Karel Thole
142 S.
[keine ISBN]

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Das geschieht:

Raumpilot Mike Ross lässt sich von der Abenteuerin Sara Foster für eine besondere Mission anheuern: Zusammen mit Bruder Tuck, einem eher zwielichtigen Gottesmann, und dem blinden Seher George Smith will sie nach dem legendären Lawrence Knight suchen, der vor vielen Jahren spurlos irgendwo in den Tiefen des Alls verschwand. Begleitet wurde er vom telepathisch begabten Roboter Roscoe, dessen Stimme Smith seit einiger Zeit angeblich in seinem Hirn vernimmt. Leider beschränkt sich Roscoe auf schwer zu entschlüsselnde Andeutungen, die immerhin eine Fährte zu den Sternen andeuten.

Ross ist skeptisch, aber die Bezahlung lässt ihn schwach werden. Auf einem namenlosen Planeten stoßen sie auf eine riesige aber verlassene Stadt. Die Hopper, schaukelpferdähnliche Roboter, nehmen sie freundlich in Empfang, doch kurz darauf ist den vier Reisenden der Weg in ihr Raumschiff abgeschnitten. Sie werden durch ein Portal gestoßen und stranden auf einem Wüstenplaneten. Dort stoßen sie auf den tintenfischähnlichen Alien Tuhut, der ihnen den Rückweg ermöglicht und sich ihnen anschließt.

Die Suche nach Knight wird zur Expedition in das Hinterland des Planeten. Immer wieder finden die Reisenden Spuren unglücklich geendeter Vorgänger aber auch den Hirnspeicher des Roboters Roscoe, der aufgrund einer Störung jedoch nicht mit Informationen aufwarten kann. Als erst Smith und dann Tuck verschwinden, findet Tuhut heraus, dass die Realität des Planeten mehrere parallel verlaufende Dimensionen aufweist. Als sich auch der Sinn der planetaren Anlagen zu klären beginnt, verliert die ursprüngliche Suche ihre Bedeutung. Den Reisenden bietet sich die Chance zum Übergang in eine alternative Existenz, wobei eine Rückkehr freilich ausgeschlossen ist …

Auf der Suche nach der heilen Welt

Je mehr Romane und Erzählungen von Clifford D. Simak man liest, desto deutlicher schälen sich übergreifende Elemente heraus. So kehrte vor allem der späte Simak immer wieder zu einem Gedanken zurück, den er erstmals als junger Autor in den 1940er Jahren formuliert hatte. In jenen Erzählungen, die insgesamt den „City“-Zyklus bilden – in Deutschland erschien er unter dem Titel „Als es noch Menschen gab“ – spielte Simak erstmals die mögliche Zukunft der Menschheit durch. Er kam dabei zu dem Schluss, dass der technische Fortschritt vor allem der Raumfahrt auf lange Sicht eine Ausbreitung ins Weltall zur Folge haben würde.

Der Zug in die Ferne ließe die Erde zu einem Planet unter vielen werden. Nach und nach würde die Bindung an die terranische Scholle schwächer, bis die Erde nur von einer Handvoll Menschen bewohnt wäre. Im „City“-Zyklus verschwanden sie völlig und ließen nur die Hunde zurück. In „Choice of Gods“ (1971, dt. „Die letzte Idylle“) teilen sich einige zu Mutanten gewordene Indianer und Bleichgesichter die Erde, in „Cemetary World“ (1972, dt. „Heimat Erde“) ist sie zum Friedhofsplaneten für die in der Galaxis verstreuten Menschen geworden, in „Welt der Puppen“ dient sie Mike Ross als abgelegenes Versteck, in dem ihn seine Verfolgen nicht vermuten werden.

In Romanen wie „Shakespeare’s Planet“ (1976, dt. „Shakespeares Planet“), „Unternehmen Papst“ (1981, dt. „Project Pope“) oder in dem hier vorgestellten „Welt der Puppen“ lernen wir die andere Seite kennen und folgen den Menschen auf ihren verschlungenen Wegen durch das All. Dieser Weg ist zwar reich an Konflikten, die bei Simak jedoch primär aus Missverständnissen erwachsen: Eroberungskriege kommen in seiner SF nicht vor.

„Fremd“ ist „seltsam“ aber nicht „böse“

Das Weltall ist bei Simak sowohl ein Ort der Wunder als auch ein Spiegel. Alte Vorurteile, die von der Erde mitgebracht werden, sorgen für unangenehme Zwischenfälle. Problematisch ist auch die dem Menschen eigene Aggression: Die meisten Gefahren, in die Mike Ross und seine Begleiter geraten, lösen sie selbst aus, weil sie Ereignisse und Vorgänge falsch interpretieren und mit Gewalt reagieren.

Doch die kosmische Realität ist deutlich vielschichtiger – in unserem Fall besitzt sie sogar mehrere Dimensionen, die durch Portale zu betreten sind. Auch dies ist eine von Simak oft und gern verwendete und variierte Idee, die er u. a. in der mit einem Hugo-Gernsback-Award ausgezeichneten Novelle „The Big Front Yard“ (1958, dt. „Das Tor zur anderen Welt“) sowie noch 1982 in dem Roman „Special Deliverance“ (dt. „Poker um die Zukunft“) zum Einsatz brachte.

In diesen fremden Dimensionen löst sich Simak von der Logik des Realen. Manche Szenen – in „Welt der Puppen“ vor allem die Begegnung mit einem lebendigen Riesenrad – muten surreal an. Durch den Verzicht auf Erklärungen, die durch Beschreibungen ‚ersetzt‘ werden, vertieft Simak den Charakter des Fremden im Sinne des (nur) dem Menschen Unbekannten.

Andere Welten, andere Sitten

Fremd ist Simak seit jeher die automatische Verteufelung des Fremden als Rivale und Gefahr. Sehr schön gelingt ihm dies mit der Darstellung des Aliens Tuhut zu verdeutlichen: Ein menschengroßer Tintenfisch bietet sicherlich keinen vertrauenerweckenden Anblick. Doch mit der ihm eigenen Meisterschaft – die der Anhänger der „Military Science Fiction“ vermutlich „Naivität“ nennen würde – verwandelt Simak Tuhut in einen Sympathieträger.

Auch die Hopper, von denen sich die Menschen zunächst in die Falle gelockt fühlen, sind nicht hinterhältig. Sie folgen eigenen moralischen Regeln, die denen der Menschen nicht zwangsläufig entsprechen müssen. Ebenfalls Simak-typisch beginnen die menschlichen Besucher ihre Lektion allmählich zu lernen. Die Belohnung besteht in einem tieferen Verständnis des Alls, das sich nicht nur über Entfernungen definiert. Mark Ross und Sara Foster finden schließlich ihre Erfüllung dort, wo sie diese niemals vermutet hätten. Von George Smith und Tuck wissen wir es nicht, können es aber annehmen.

Die Reise im „Inner Space“

Die Suche nach Lawrence Knight wird bald unwichtig. Sie löste eine Reise aus, die zum Weg der Erkenntnis wurde. Obwohl unsere Expedition dabei in bizarre Situationen gerät, erzählt Simak mit „Welt der Puppen“ eine ‚ruhige‘ Geschichte. Kurze Action-Einschübe stellen sich in der Regel als Fehl- und Überreaktion heraus. Wer wissen möchte, muss sich anpassen, so Simaks Credo. Als dies den Reisenden gelingt, unternehmen sie den nächsten evolutionären Schritt.

Für diejenigen Leser, die eher eine vordergründige und turbulente Handlung bevorzugen, wird „Welt der Puppen“ keine Offenbarung bieten. Objektiv betrachtet gehört dieser Roman zudem nicht zu Simaks besseren Werken. Ein deutlicher Minuspunkt ist beispielsweise, dass die menschlichen Figuren den Leser nicht wirklich interessieren und ihre Schicksale kaltlassen. Allerdings bleibt die Frage, in welchem Maße sie unter einer deutschen Übersetzung leiden, die das Originalwerk auf 142 Seiten herunter schnitt. Da Clifford D. Simak hierzulande leider zu den vergessenen Großmeistern der SF gehört, wird man Nebenwerke wie „Welt der Puppen“ wohl niemals neu und dieses Mal ungekürzt herausgeben, sodass man mit diesem Makel leben (bzw. lesen) muss.

Autor

Clifford Donald Simak wurde am 3. August 1904 in Millville, einem Städtchen im Südwesten des US-Staates Wisconsin, geboren. Naturwissenschaft und Journalismus waren seine frühe und lebenslange Leidenschaft. Simak studierte an der Universität von Wisconsin und wurde 1922 zunächst Lehrer. 1929 wagte er den Absprung und wurde für diverse Zeitungen des Mittelwestens tätig. Ab 1939 war er fest beim „Minneapolis Star“ angestellt, wo er bis 1976 blieb und u. a. die Wissenschaftsbeilage betreute.

Der junge Simak war von den Science-Fiction-Magazinen fasziniert, die in den 1920er Jahre erschienen. Er wurde bald selbst schriftstellerisch aktiv. Eine erste Kurzgeschichte erschien 1931 in Hugo Gernsbacks „Wonder Stories“. 1938 wechselte Simak als Autor zu „Astounding Science Fiction“. Unter dem charismatischen Herausgeber John W. Campbell jr. (1910-1971) begann er seine eigene Stimme zu finden. In den nächsten Jahren entstanden jene Storys, die 1952 zum „City“-Zyklus zusammengefasst wurden.

Obwohl Simak zu den Gründervätern der Science Fiction gezählt wird, begann seine eigentliche Karriere erst nach dem II. Weltkrieg. Der Autor sperrte sich gegen aktuelle Modeströmungen und blieb ‚seiner‘ SF treu. Einfache Männer bilden seine Hauptfiguren: Handwerker, Journalisten, Lehrer, oft am Rande der Gesellschaft lebend, etwas verschroben aber aufgeschlossen, tolerant und neugierig (sowie in der Regel begleitet von einem Hund). Gern lässt Simak das Fremde in den vertrauten Landschaften des Mittelwestens auftauchen, wo außerhalb der großen, anonymen Städte Männer und Frauen in übersichtlichen Gemeinschaften leben und gesunder Menschenverstand allemal über weltfremdes Spezialistentum gestellt wird.

Mit seinen ‚pastoralen‘ SF-Werken schuf sich Simak eine literarische Nische, in der er sich behaglich einrichtete. Selbst die eifrigen und manchmal eifernden Vertreter der „New Wave“, die Ende der 1960er Jahre der SF grundlegende neue Impulse gaben, ließen ihn in Ruhe. Schon 1973 wurde Simak in die „Science Fiction Hall of Fame“ aufgenommen. In den 1970er Jahren erweiterte er sein Repertoire und verfasste erfolgreiche Fantasy-Romane. Erst sein Tod am 25. April 1988 in Minneapolis setzte dieser erstaunlichen, fast sechs Jahrzehnte umspannenden Karriere ein Ende.

Copyright © 2011/2017 by Michael Drewniok (md)

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