Drei Meilen tief

James Hamilton-Paterson
Drei Meilen tief

Originaltitel: Three Miles Down. A Firsthand Account of Deep Sea Exploration and A Hunt for Sunken World War II Treasure (London : Jonathan Cape 1998)
Übersetzung: Wolfgang Krege
Dt. Erstausgabe (geb.): 1998 (Verlag Klett-Cotta)
317 S.
ISBN-10: 3-608-93448-0
Neuausgabe: 2000 (btb Verlag/TB-Nr. 72575)
346 S.
ISBN-13: 978-3-442-72575-5

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Inhalt:

Vor der afrikanischen Westküste werden während des Zweiten Weltkriegs zwei Schiffe versenkt: das japanische U-Boot „I-52“ und der Passagierdampfer „SS Aurelia“. Beide Vorfälle haben nichts miteinander zu tun. Dennoch gibt es außer der Stätte des Untergangs eine weitere Gemeinsamkeit: Beide Schiffe trugen eine Ladung, die aus mehreren Tonnen Gold bestand!

Fünf Jahrzehnte später wird die Firma „Project Orca“ gegründet. Ihr Ziel ist es, die wertvolle Ladung gleich beider Schiffe zu bergen. Nur so lässt sich das teure Unternehmen amortisieren. Die Aufgabe ist heikel, denn die Wracks liegen in einer Tiefe von 4500 bis 5000 Metern. Niemals wurde eine Bergung unter solchen Bedingungen versucht. Geistiger Vater und Leiter des Projekts ist der charismatische Bergungs-Experte Mike Anderson. Ihm ist es gelungen, zahlungskräftige Investoren zu finden sowie ein Team technischer und wissenschaftlicher Spezialisten um sich zu scharen.

Die Schatzsucher chartern die „Keldysch“, ein russisches Forschungsschiff mit zwei MIR-Tauchbooten, die bereits bei der Untersuchung der „Titanic“ wertvolle Dienste geleistet haben. Sie laden den britischen Journalisten und Schriftsteller James Hamilton-Paterson ein, sie auf ihrer Reise zu begleiten, die rasch aus dem Ruder zu laufen beginnt …

Vom Chronisten zum Zeugen

Ob die Anderson nachträglich glücklich über die Anwesenheit des aufmerksamen Gastes war, ist eine Frage, die hier nicht beantwortet werden kann. Hamilton-Patersons Bericht ist jedenfalls weit von jeglicher Schatzsucher-Romantik entfernt. Üblich – und von Anderson gewünscht – wäre folgender Aufbau gewesen: Darstellung der Vorgeschichte – Schilderung der Suche – Fund – Bergung. Das Ende zeigt die allen Rückschlägen trotzenden Schatzsucher triumphierend inmitten der gehobenen Schätze. Moral: Wer sich tüchtig anstrengt, wird reich belohnt für seine Mühen.

Insofern stand Hamilton-Paterson nach seiner Rückkehr von der „Keldysch“ vor einem Problem: Der „Orca“-Crew war es 1995 nicht einmal gelungen, auch nur eines der Wracks zu finden geschweige denn deren Ladungen zu bergen. Konnte unter diesen Umständen ein Buch über das Unternehmen überhaupt von Interesse sein?

Für Hamilton-Paterson wurde die Irrfahrt der „Keldysch“ durch den Fehlschlag jedoch erst richtig beachtenswert: „Wer aber selbst eine Schatzsuche in der Tiefsee mitgemacht hat, weiß, dass das Faszinierende vor allem in den Menschen und nicht in den Geräten zu suchen ist, die ja nur Werkzeuge sind. Dies sollte selbstverständlich sein, ist es aber aus irgendeinem Grund nicht. Am faszinierendsten ist wohl, dass es gerade denen nicht selbstverständlich ist, die an der Schatzsuche teilnehmen.“ (S. 332/33)

Enttäuschter Traum trifft Wirklichkeit

Diese Aussage trifft völlig zu, wenn man keinen Sponsoren und Anteilseignern Rede und Antwort stehen muss. Den Alltag an Bord der „Keldysch“ schildert der Autor so lebendig, dass zumindest dem Leser das eigentliche Ziel der Expedition bald nebensächlich wird. Auf der „Keldysch“ treffen Welten aufeinander.

Da ist auf der einen Seite die russische Besatzung. Die „Keldysch“ wurde gebaut, als es noch eine Sowjetunion gab. Sie war ein Prestigeobjekt, eines der modernsten Forschungsschiffe der Welt und Stolz des renommierten P.-P.-Schirschow-Instituts für Ozeanologie, einer Einrichtung der russischen Akademie der Wissenschaften.

Der Zusammenbruch des Ostblocks machte die ursprünglichen Einsatzpläne zunichte. Das neue Russland war (und ist) ein finanziell marodes, durch Korruption und Misswirtschaft zerrüttetes Land, in dem die Mittel für Wissenschaft und Kultur nur noch spärlich fließen. Ungeachtet ihres Potenzials wäre die „Keldysch” schon lange stillgelegt worden, hätte die Besatzung nicht versucht, ihren Unterhalt quasi auf eigene Faust zu sichern. Seeleute wie Wissenschaftler bieten seitdem ihre Kenntnisse und Dienste denen an, der dafür zu zahlen bereit sind.

Konfrontation zweier Welten

Anfang des Jahres 1995 ist es also das „Orca“-Team, das die „Keldysch“ chartert. Praktisch vom ersten Moment an gibt es Schwierigkeiten: Die Russen sehen sich weiterhin primär als Wissenschaftler und hadern mit ihrem Schicksal, das sie zwingt, sich von gewöhnlichen Schatzsuchern anheuern zu lassen. Auf der anderen Seite können und wollen die Passagiere die Situation ihrer Gastgeber nicht verstehen; sie stehen auf dem Standpunkt, eine möglichst fähige Mannschaft zu bezahlen, die nun ihren Anweisungen Folge zu leisten hat. Hamilton-Paterson verfolgt aufmerksam, wie aufgrund der Kultur- und Sprachbarrieren Missverständnisse entstehen, bis schließlich offene Konflikte ausbrechen.

Dank der Professionalität beider Parteien macht die Suche nach den beiden Wracks dennoch zunächst Fortschritte. Bald stellt sich aber heraus, dass Geldmangel und überzogener Erwartungsdruck die Vorbereitung der Expedition beeinträchtigt haben. Innerhalb der angesetzten Frist wäre es ein reiner Glückfall, auf die Goldschiffe zu treffen. Diese Erkenntnis vergiftet die Atmosphäre auf der „Keldysch“ zusätzlich.

Hamilton-Paterson verlässt das Schiff kurz darauf, verfolgt die Suche aber aus der Ferne weiterhin. „Project Orca“ gelingt es im folgenden Jahr, noch einmal eine Expedition zu finanzieren, die jedoch auch dieses Mal erfolglos bleibt. Die Schätze der „I-52“ und der „SS Aurelia“ – wenn es sie denn wirklich gibt – ruhen bis heute auf dem Grund des Meeres.

Blick für das wirklich Wichtige

James Hamilton-Paterson (*1941) verdient sich seinen Lebensunterhalt auf eine Weise, um die ihn viele beneiden werden: Er reist durch die Welt und berichtet über das, was er dabei erlebt. Das tut er auf seine ganz besondere Weise. Seine Erfahrungen dienen ihm als roter Faden, der ihm zwar nie ganz aus den Augen gerät, aber sehr weit in den Hintergrund rücken kann, wenn er scheinbar abschweift und seinen Bericht mit naturwissenschaftlichen, kulturhistorischen oder ethnographischen Betrachtungen anreichert, zeitgeschichtliche Dokumente oder Anekdoten einfließen lässt, eigene Überlegungen und Gedanken einflechtet oder einfach frei assoziiert und ganz Alltägliches in einer Weise betrachtet, die es in einem ganz neuen Licht erscheinen lässt.

Dafür gleich ein neues Genre – das „poetische Sachbuch“ (AZ, München) – zu kreieren, ist freilich ein wenig übertrieben, weist aber auf ein interessantes Phänomen hin. Schon die Bezeichnung „Sachbuch“ macht deutlich, wie sich die Mehrheit der deutschen Autoren des Themas angenommen hätte: nüchtern, unter strikter Beschränkung auf die Fakten – „sachlich“ eben und damit gleich „seriös“. In den angelsächsischen Ländern (zu denen ich der Einfachheit halber auch die USA zählen möchte) sieht man dies unverkrampfter; dort gilt der Standpunkt, dass ein Sachbuch sehr wohl unterhaltsam und informativ sein kann und darf.

Hamilton-Paterson hat dies schon mehrfach eindrucksvoll unter Beweis gestellt – beispielsweise in „Playing with Water“ (dt. „Seestücke. Das Meer und seine Ufer“), wo er vielleicht noch vollendeter über die See und ihre Wunder berichtet. Auch in „Drei Meilen tief“ beschränkt sich der Autor nicht auf die fesselnde Darstellung einer aufgrund menschlichen Versagens fehlgeschlagenen Schatzsuche. Es gibt genug Interessantes und Wissenswertes über eine Expedition auf hoher See zu berichten. Hamilton-Paterson hat ein Auge dafür. Der Höhepunkt der Reise ist für ihn deshalb gekommen, als man ihm anbietet, mit einem der Unterseeboote der „Keldysch“ mehr als 5000 Meter in die Tiefe zu tauchen. Die Wunder und Gefahren der Tiefsee beschreibt der Autor meisterhaft. Typisch für ihn ist aber auch, dass er nicht verschweigt, welche Konsequenzen es haben kann, wenn man während eines 18-stündigen Tauchgangs zu viel Kaffee trinkt …

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