Dave Barry erklärt, was ein echter Kerl ist

Dave Barry
Dave Barry erklärt, was ein echter Kerl ist

(sfbentry)
Originaltitel: Dave Barry’s Complete Guide to Guys (New York : Random House 1995)
Übersetzung: Edith Beleites
Deutsche Erstausgabe (geb.): März 2005 (Eichborn Verlag)
217 S.
ISBN-10: 3-8218-4914-2
Als Taschenbuch: März 2007 (Bastei-Lübbe-Verlag/TB Nr. 60579)
217 S.
ISBN-13: 978-3-404-60579-8

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Das geschieht:

Es gibt Männer und es gibt Kerle: Dies ist die Prämisse, von der Dave Barry ausgeht. Während erstere relativ unauffällig bleiben, sind es letztere, die als politisch unkorrekte Quertreiber gegen die Regeln einer auf Gleichberechtigung und Gleichbehandlung ausgerichteten Gesellschaft auftreten. Kerle sind geistig einfach gestrickt; wortkarg, wenn es um Gefühle geht, aber offen in der Präsentation diverser Körperfunktionen; sie haben eine eigenwillige Auffassung von körperlicher Hygiene, zwischenmenschlichen Beziehungen und ehelicher Treue. Sport steht bei ihnen zuzeiten höher im Kurs als die Bedürfnisse ihrer Familie, sinnlose Wetten mit vorprogrammiert peinlichem Ausgang locken sie an wie das Licht die Motten.

In neun Kapitel bricht Barry eine Lanze für den Kerl. Er stellt ihn als genetisches Relikt einer Ära dar, in der Grobheit der Menschheit das Überleben sicherte. Immer wieder erzählt er Episoden aus dem steinzeitlichen Höhlenleben, in dem es die Kerle waren, die durch ihr wüstes Treiben die notwendigen Impulse zur Evolution gaben. Eine ganze Historie des Kerls entwickelt Barry, die über Antike, Mittelalter und frühe Neuzeit bis in die aktuelle Gegenwart reicht und einen Blick in die Zukunft einschließt.

Stets gespickt mit einschlägigen Beispielen, Zitaten aus ihm zugegangenen Briefen und Zeitungsartikeln geht Barry dem Kerl in allen seinen Erscheinungsformen und Eigenheiten nach. Besondere Aufmerksamkeit schenkt er dabei dem unkontrollierten Drang des Kerls zu verhängnisvollen Reparaturen im Haushalt, seiner Scheu vor ärztlicher Behandlung und selbstverständlich seinem schwierigen Verhältnis zum weiblichen Teil der Bevölkerung. Hier geht Barry sogar so weit, den Frauen der Welt Tipps im Umgang mit Kerlen zu geben, die, drückt man die richtigen Knöpfe, durchaus brauchbare Lebensgefährten und Väter sein können.

Um das schwierige Thema allgemeinverständlich sachlich zu beleuchten, lockert Barry seinen Text durch Schaubilder und Vergleichstabellen auf, die knapp zusammenfassen, was er zuvor versucht hat, in Worte zu fassen. Sehr einleuchtend ist z. B. ein Kreisdiagramm auf S. 134, das den „Anteil der Hirnfunktionen, die Konzentrationsfähigkeit, Interesse am Weltgeschehen und vitale Körperfunktionen (Atmen etc.) aufrechterhalten“ vergleicht mit dem „Anteil der Hirnfunktionen, die auf eine nackte Frauenbrust fixiert sind“. Geradezu erschütternd aufschlussreich ist das wissenschaftliche Ablaufprotokoll der Beobachtung von Kerlen, die sich fünf Urinale in einer öffentlichen Flughafentoilette teilen müssen (S. 111-114).

Gelungene Restverwertung witziger Einfälle

Ein Buch wie dieses zu besprechen ist eine schwierige Sache. Groß ist die Verlockung, viele der gelungenen Gags zu zitieren, die Dave Barry oft meisterhaft serviert. Die Versuchung ist auch deshalb so groß, weil es wenig gibt, über das man sonst schreiben kann und „Dave Barry erklärt …“ kein Roman ist, über dessen Aufbau und Struktur man sich an dieser Stelle auslassen könnte. Barry ist hauptsächlich Kolumnist, d. h. er schreibt täglich für die Zeitung witzige Sachen über Themen, die ihm gerade in den Kopf kommen und (hoffentlich) von allgemeinem Interesse sind – jeden Tag über ein neues.

Die Kunst, sich kurz zu fassen und trotzdem ins Schwarze zu treffen, ist eine überaus schwierige. Barry beherrscht sie, aber die fehlenden Zusammenhänge prägen sein Buch. Es gibt zwar einen übergreifenden Leitgedanken, doch keinen eigentlichen roten Faden. „Dave Barry erklärt …“ ist quasi eine Sammlung von Kolumnen, die dieses Mal einem einzigen Thema – den „Kerlen“ – gewidmet ist. Der Vergleich passt; man kann ihn überprüfen, indem man einzelne Kapitel miteinander austauscht. Siehe da, es völlig gleichgültig, wo sie stehen; das Buch ‚funktioniert‘ trotzdem.

Humor, der niemandem wehtut

Noch härter wird die Aufgabe des Rezensenten, wenn er sich dazu äußern soll, ob der Verfasser sein Thema getroffen oder verfehlt hat. Schließlich geht es hier um Humor, der bekanntlich eine höchst komplexe Materie darstellt. Was man oder frau komisch findet, ist furchtbar schwer zu sagen. Barry hat sich ein solides Fundament gezimmert, indem er seinen Humor auf der Basis des größten gemeinsamen Nenners gründet. Möglichst viele Leute sollen seine Scherze komisch finden. Dies bedingt, dass sie harmlos sein müssen. Spezieller Humor zielt immer auf bestimmte Nischengruppen, während das breite Publikum gelangweilt oder empört und damit ablehnend reagiert.

Barry-Humor ist folglich sanft, zumal er US-amerikanisch daherkommt. Das betrifft nicht nur den ständigen Bezug aufs Base- und Footballspiel. Nie wird Barry sarkastisch oder zynisch oder gar verletzend, immer präsentiert er seine Gags mit einem Schmunzeln: Seht her, ich meine es gar nicht ernst! „Dave Barry erklärt …“ ist ein Buch, das wenig Text auf möglichst vielen Seiten verteilt. Es reiht sich somit ein in die Reihe der Barry-Werke, dem die US-Kritik einen „erstaunlichen Anteil weiß bleibenden Papiers“ bescheinigte (wieder ein gelungener Barry-Gag). Wer das schätzt, wird glänzend unterhalten, denn der Mann beherrscht sein Handwerk.

Unter der Regie von Jeff Arch wurde Barrys Buch übrigens mit ihm selbst in einer Hauptrolle 2005 unter dem Titel „Complete Guide to Guys“ verfilmt. Der Low-Budget-Streifen zeigt die Evolution des Kerls von der Steinzeit bis in die Gegenwart. In einer Gastrolle als britischer Experte tritt immerhin John Cleese auf.

Autor

Dave Barry wurde 1947 in Armonk, New York, geboren. Nach seiner Schul- und Collegezeit begann er als Journalist für eine Provinzzeitung zu arbeiten. 1975 nahm er an einem Kurs „Kreatives Schreiben für Geschäftsleute“ teil. Bis 1983 bot er seine Dienste diversen Unternehmen an, dann heuerte er beim „Miami Herald“ an. Dort machte Barry sich einen Namen mit seiner Kolumne, in der er die unterschiedlichsten Aspekte des menschlichen Alltagslebens humoristisch aufgriff. 1988 wurde er mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet.

Barry ist nicht nur Kolumnist, sondern auch ein fleißiger Buchautor, wobei das eine freilich mit dem anderen oft zusammenfällt: Viele Bände sammeln die Kolumnen des Autors, andere sind quasi kolumnenähnliche „Ratgeber“. Von 1993 bis 1997 produzierte CBS die TV-Comedy „Dave’s World“ (dt. „Immer Ärger mit Dave“) mit Harry Anderson in der Titelrolle; die Storys orientierten sich an zwei Barry-Büchern.

Auch in Deutschland ist Barry längst kein weitgehend unbeschriebenes Blatt  mehr. Unter den hierzulande erschienenen Büchern sind die Comedy-Krimis „Tricky Business“ (dt. „Tricky Business“) und „Big Trouble“ („Jede Menge Ärger“) eine Erwähnung wert, denn dies sind „richtige“ Romane, auch wenn die Handlung die barrytypischen Bocksprünge schlägt.

Über Dave Barry und sein Werk informiert die Website („If you leave this website, I will kill this defenseless toilet.“), die viele Texte aus des Meisters Feder sammelt und Lesestoff für vergnügliche Stunden bietet.

[md]

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