Willkommen in der Wirklichkeit / Zeitknick

Hrsg. Anton, Uwe
Willkommen in der Wirklichkeit
ISBN: 9783453042988 (früher: 3453042980)
Seiten: 444 S.
Gewicht:          300 g
Verlag:             Heyne Verlag
Erschienen:       1990

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Effinger, George Alec
Zeitknick
(The Nick of Time, 1985)
Wilhelm Heyne Verlag, München 1990
Science Fiction & Fantasy 06/4720
287 Seiten. DM 9,80.
Deutsch von Isabella Bruckmaier

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REZENSION: von Detlef Hedderich und F. Thomas Blauh

Das Gras sah schwarz aus, die Blumen hatten die falschen Farben, und die Gesichter der Menschen wirkten fiebrich und angsterfüllt. Schreckensschreie erfüllten den Raum, aber der Historiker lächelte ruhig und hob eine Hand. „Kein Grund zur Besorgnis“, sagte er ruhig. „Ich habe unsere Wirklichkeit nur vorübergehend geändert …“

GEORGE ALEC EFFINGER, Zeitknick

Wer hat es sich noch nicht gewünscht: die Realität verändern zu können oder ein unangenehmes Geschehnis kraft seines Willens wieder rückgängig zu machen? Die Frage danach, was Wirklichkeit nun tatsächlich ist oder zu bedeuten hat, hat sich wohl jeder Mensch schon einmal im Laufe seines Lebens gestellt. Und natürlich auch die Frage, ob denn die tatsächliche Wirklichkeit sich von einer künstlichen oder vorgetäuschten wirklich unterscheiden lässt. Auch in den grossen Welt-Religionen begegnen wir dieser Frage; was so weit führen kann, dass unsere tägliche Welt lediglich als nicht viel mehr wie der Traum eines Gottes begriffen wird – oder, einfacher formuliert, auch nur wieder Schein und Trug ist, um den Menschen ob seiner Glaubensfähigkeit auf die Probe zu stellen …

Was dabei herauskommen kann, wenn sich eine Reihe von Autoren zum Gedenken an einen der Ihren an einer Kurzgeschichte versuchen, die sie mit dessen Formen des Ausdrucks und des Ambientes versuchen auszugestalten, und wenn ein Autor selbst für die Science Fiction-Literatur so unkonventionell ist, dass er seine Protagonisten durch eine Zeitreise-Odyssee der verschiedensten Wirklichkeiten jagt, zeigen die zwei vorliegenden Bände, die beide im Sommer des Jahres 1990 bei Heyne das Licht der Verlags-Wirklichkeit erblicken durften:

WILLKOMMEN IN DER WIRKLICHKEIT, herausgegeben von Philip K. Dick-Spezialist Uwe Anton, beschäftigt sich mit den Alpträumen des 1982 verstorbenen und inzwischen zur Kultfigur der SF-Szene avancierten Autoren, der mit den meisten seiner Werke gerade auf jene obengenannte trügerische Doppelbödigkeit unserer vermeintlichen „Wirklichkeit“ hinweisen wollte. Wen wundert es da noch, dass auch sein früher Tod vielen als inszenierte Weiterführung seines schriftstellerischen Schaffens erschien und bereits kurz nach dem Hinwegscheiden des Meisters die wildesten Spekulationen über ein Weiterleben desselbigen hinter den Kulissen unserer Alltagsrealität die Runde machte. Was also liegt da näher, als sich diesen Mythos zum Thema zu machen und eine Reihe von Geschichten der verschiedensten Autoren, die sich alle diesem Themas verschrieben haben oder die eigens für diese Idee geschrieben wurden, unter einen Hut zu bringen und eine Anthologie in Erinnerung an Dick zusammenzuschustern? Doch halt! So einfach geht das natürlich auch wieder nicht! –

Immerhin ist solch ein Anthologie-Druckwerk gewissen Zwängen unterworfen, besonders dann, wenn es sich auf dem deutschen Markt verkaufen soll, auf einem Markt, der bestimmt wird durch eine Flut von meist mehrbändigen angloamerikanischen Endloswälzern, die selbst jene Anthologien und Storybände aus den eigenen Reihen aus dem Felde schlagen und nicht einmal mehr Platz lassen für den einen oder anderen deutschen SF-Roman eines hoffnungs vollen jungen Autoren. Was also liegt näher, als hier einen Kompromiss einzugehen und sich aus dem Fundus der angloamerikanischen SF die Storys herauszusuchen, die einen Bezug zur dickschen Schreibe aufweisen; dann bitte man die wenigen hoffnungsvollen Träger der deutschen Szene ebenfalls, eine Arbeit zum Thema abzuliefern und voila, fertig ist ein Werk deutschamerikanischer Zusammenarbeit.

Nur, wird es auch vom Leser akzeptiert werden? Wird dieser sich den Band zulegen? Vielleicht weil Philip K. Dick draufsteht? Oder angloamerikanische Autoren drinstehen? Alles Fragen, die an dieser Stelle sicher nicht beantwortet werden können. (Vielleicht aber in einer anderen Wirklichkeit?) Vielleicht kommt es auch gar nicht so sehr auf all das oben Genannte an, wenn nur die Qualität der Geschichten den Leser davon überzeugen kann, einen lohnenswerten Band erstanden zu haben.

Kommen wir jetzt zur Qualitätskontrolle: Für den Leser mit höheren Ansprüchen dürfte sicherlich John Sladeks ‚Der solare Schuhverkäufer‘ die interessanteste Geschichte des Bandes sein, in der sich die Nordamerikanische Stiefel & Schuh (NSS) und die Eurasische Fussbekleidung bis auf die Zähne bewaffnet eine Reihe von kleinkriegsähnlichen Szenen liefern, die direkt aus Jack Womacks AMBIENT (Heyne 06/4668) entsprungen sein könnten; stilistisch hervorragend und mit viel Witz geschrieben. Eine Plot-Geschichte par exellence.

Einen ähnlich gelagerten Plot weist auch ‚Das Mädchen mit dem Vita-Gel-Haar‘ von Thomas M. Disch auf: Die Haare eines Mädchens, welche diese mit dem aus der Werbung bekannten Vita-Gel behandelt, werden dadurch nicht nur „strahlend schön, lebendig, kräftig und glänzend“ (wie die Werbespots dies immer versprechen), sondern fangen eines Tages auch noch an, mit ihrer Trägerin zu sprechen, um nach und nach deren gesamte Lebensführung zu übernehmen und zu bestimmen.

Auch der Protagonist von Robert Silverbergs ‚Der Stellvertreter‘ muss am eigenen Leib erfahren, was es heisst, nicht mehr Herr der eigenen Lage zu sein und von der Wirklichkeit der Welt, in der er lebt, überrollt zu werden. Dabei fing alles so harmlos an – im Urlaub: Bei einer Tempelbesichtigung verspürte Hilgart nur ein kurzes Schwindelgefühl und flop – schon war sein Leben bis ins letzte Winckelchen durcheinandergeraten, was ihn total aus der Bahn brachte.

Wie soll man sich auch verhalten, wenn einem plötzlich eine wildfremde gutaussehende Frau geradeheraus ins Gesicht sagt, dass man schon seit vielen Jahren mit ihr verheiratet ist und man auf einmal ein ganz anderes Auto fährt, eine andere Arbeitsstelle hat und in einer ganz anderen Strasse in einem wildfremden Haus eine Wohnung und plötzlich einen Hund und eine Tochter sein Eigen nennen darf? …

Aber auch der Meister selbst durfte posthum noch eine seiner Geschichten veröffentlichen: ‚Warnung: Wir sind Eure Polizei‘ fällt dabei etwas aus dem Rahmen dieser Anthologie, da es sich hierbei um ein Expose zu einer Folge der TV-Serie INVASION VON DER WEGA handelt, das jedoch vom Fernsehen nicht angenommen wurde – da es den Verantwortlichen damals wohl (sicher) eine Spur zu paranoid vorgekommen sein musste. Doch wer kann den Fernsehleuten das schon verübeln, da Dick in seiner typischen, dem Verfolgungswahn ähnlichen Stimmungsweise die Erkenntnisse seines Protagonisten – wer denn nun zu den Ausserirdischen gehört und wer wirklich Mensch ist – immer wieder neu in Frage stellt und zum Schluss die Unsicherheit insgesamt eher zugenommen hat, als dass der Leser/Zuschaür sich mit seinem Helden in Sicherheit hätte wiegen können. Trotzdem: Schade dass es nie zur Verfilmung gekommen ist!

In ähnlicher Weise ist auch ‚Die Verwandlung des Philip K.‘ von Michäl Swanwick eine Geschichte, die keine wirkliche Sicherheit des Gesagten, des Gesehenen und des Gelebten versprechen kann, und das wirklich dicksche Ende setzt dem eh‘ verdutzten Leser zudem noch eins drauf!

Gleichsam um ‚Die Verwandlung‘ des Meisters geht es in Michael Bishops Kurzgeschichte, der den guten alten Philip K. zu einer kosmischen Tomate mutieren lässt; doch haben die Rezensenten hier eher den Eindruck, dass der Autor mittels einer kleinen, aber wesentlichen Namensänderung aus einer älteren Hommage an Franz Kafka die Geschichte für den vorliegenden Band umgemünzt hat, ohne die doch recht unterschiedlichen und sehr persönlichen Bilder beider Autoren von dem Lebens-Konzept, genannt ‚Wirklichkeit‘, zu begreifen, geschweige denn zu verstehen, so dass sie nur als Offenlegung der postpubertären Erregungsphase des Autoren einen Sinn zu finden vermag.

Ebenfalls um die Figur des „Meisters himself“ geht es in Neil Fergusons ‚Der Mann aus der Zukunft‘, in der dann auch schon mal einige Figuren aus den dickschen Romanen und Storys auftauchen und für Verwirrung sorgen dürfen …

Ganz anders dagegen Richard A. Lupoff, der den zuvor Verstorbenen gleich selbst in ‚Die digitale Armbanduhr des Philip K. Dick‘ fahren lässt, aus der sich jener in einer Art Hansim-Glück-Geschichte als Energie- und Informationspartickelchen mittels Glasfaseroptiken und ähnlichem so weit vorwärts bewegt, bis er schliesslich im Schreibcomputer von Lupoff eindringt und dort unter dem Namen dieses Autors seine Geschichte erzählt …(!)

Ebenfalls von Lupoff, aber unter dem Pseudonym „Ova Hamlet“ gezeichnet, ist auch ‚Schmerz und Reü auf Rhesus IX‘ eine Plotgeschichte; darüber hinaus noch eine Art Persiflage auf Dicks Roman UBIK und dessen Protagonisten auf dem Mars.

Auch ‚Der Mann aus der Zukunft‘ von und mit Neil Ferguson, ist eine Aufarbeitung dickscher Wahrnehmungsparanoia, und trotz oder vielleicht auch wegen seiner Kürze, einer der besten Arbeiten in WILLKOMMEN IN DER WIRKLICHKEIT, für die alleine sich die Anschaffung des vorliegenden Bandes schon fast lohnen würde.

Doch kommen wir zu den Geschichten, die aus der Feder jener wenigen deutschen (noch-)SF-Autoren stammen, die entweder (normalerweise) als Übersetzer angloamerikanischer Science Fiction ihr Dasein fristen, das Schreiben von SF-Texten nur als Neben- oder Freizeitbeschäftigung ansehen, oder bereits in andere Gefilde übergewechselt sind, um wirklich vom Schreiben leben zu können. Auffällig ist dabei besonders, dass die deutschen Autoren meist verzweifelt darum bemüht sind, ihre Geschichten – im zwielichtieogen Nebel von Intellektualität und Authentizität der typisch dickschen visionären Wirklichkeitsbrechung – mit einem bedeutungsschwangeren philosophischen Tiefgang zu versehen, ohne zu bemerken, dass dieses Überfrachten ihrer Werke diesen jegliche Spannung nimmt und sie dadurch teilweise fast schon wieder unlesbar macht.

Die Titelgeschichte des Herausgebers ‚Willkommen in der Wirklichkeit‘ ist bestes Beispiel dafür, was draus werden kann, wenn man sich aus einem Ideenfundus bedient, ohne die Mechanismen des Autors verinnerlicht zu haben, die daraus ein kunstvolles Netz von Beziehung und Hinterfragungen knüpfen, was eben den besonderen Reiz der besseren dickschen Schreibe ausmacht, die sozusagen vom Leser mit dem Bauch aufgenommen und verarbeitet wird, ohne sich gleich ein komplettes Analyseverfahren ausspinnen zu müssen. Es ist dabei ungefähr so wie mit den Witzen, die man zu erklären versucht …

Wirklich wirr und geschwätzig wird es in ‚Das PKD-Projekt‘ von Michäl Iwoleit, dessen Werk jegliches Feingespür für einen spannenden Spannungsaufbau vermissen lässt und nur noch gähnende Langweile beim Leser aufkommen lässt.

Und auch Horst Pukallus zugegebenermassen ungewöhnliche und fast schon abstruse Idee, den Meister selbst in einem Paralleluniversum mit dem faschistoid anmutenden Hugo Gernsback über sein literarisches Lebenswerk diskutieren zu lassen, vermochte die Rezensenten in ‚Was in dem Schlaf für Träume kommen mögen‘ nicht vom Hocker zu reissen, stellte sich diese Frage nach einigen Seiten gähnender Langeweile doch schon wie von selbst ein. Es zeigt sich wieder einmal, dass ein wirklich exzellenter Übersetzer nicht unbedingt auch ein genial und spannend schreibender Autor sein muss – was im übrigen auch auf den vorherigen Verfasser zutrifft.

Vollends auf geistigen Durchzug schaltet Gero A. Reimann, erinnert die Umarbeitung seiner Dickschen Oper zu einer Kurzgeschichte für den vorliegenden Band doch allzu stark an den verzweifelten Versuch Beketts, mit ‚Warten auf Godot‘ aus Alles Nichts und aus Nichts Alles zu machen – auch wenn Reimann ein gewisser Kenntnisreichtum seiner behandelten Materie durchaus bescheinigt werden kann.

Einziger Lichtblick ist da gerade jene Kurzgeschichte, – oder sprechen wir bei ihren 80 Buchseiten lieber von einer Novelle – die von SF-Aussteiger Thomas Ziegler stammt, der sich nach seinem Gastspiel bei PERRY RODHAN vollends aus dem Genre zurückgezogen hat. ‚Eine Kleinigkeit für uns Reinkarnauten‘ hat all das, was sämtliche anderen Geschichten deutscher Prägung vermissen lassen: Locker geschrieben, wird eine Geschichte erzählt, die voller Spannung und Witz ebenso wie politisch und mythisch ist, weder geistige noch psychologische oder philosophische Tiefen vermissen lässt und sich dabei gerade immer so leicht oder schwer liesst, wie es dem Text gerade am besten bekommt. Der Plot ist gut konterkariert und selbst der Bezug zu heutigen Problemen, wie zum Beispiel das Juden- und Palästinaproblem, lässt den Lesefluss nicht stocken oder gar Langeweile aufkommen.

Für die Rezensenten der mit weitem Abstand beste deutsche Beitrag und auch insgesamt die herausragenste Geschichte dieses Bandes. – „Kurtchen-Blasswitz-Preis ich hör dir tapsen“, wie der unverbesserliche Ronald M. Hahn da wohl sagen würde, der mit seinem ebenfalls gelungenen Beitrag ‚Philip K. Dick ist tot und lebt glücklich und zufrieden in Wuppertal-Vohwinkel‘ dem Meister sicher als einziger tatsächlich auf die Schliche gekommen ist und wieder einmal zu altbekannter Bestform auflaufen konnte.

Insgesamt bietet WILLKOMMEN IN DER WIRKLICHKEIT also ein eher trauriges Bild der deutschen Sciene Fiction-Wirklichkeit, welches sich dem Leser da aus den Federn so mancher zum Schreiben verdammt Fühlender da entgegenzustemmen versucht. Aber noch besteht ja Hoffnung, dass sich dies irgendwann einmal ändert, denn der Wirklichkeiten sind ja bekanntlich viele.

Genau diese Hoffnung ist es auch, die Frank Mihalik in George Alec Effingers ZEITKNICK zum Durchhalten veranlasst, ist seine Situation im Vergleich zur deutschen SF-Szene doch noch auswegloser und voller Tücken; hier kann gar von einem Experiment gesprochen werden (zwar nicht von dem der neuen deutschen Science Fiction), dass eindeutig schief gelaufen sein muss: Aus irgendeinem Grund kann Mihalik nicht in seine Zeit zurückkehren …

Dabei hat doch alles – am Mittag des 17. Februar 1996 – so hoffnungsvoll begonnen: Frank Mihalik, der erste Zeitreisende der Welt, sollte lediglich eine kurze Stippvisite ins Jahr 1939 auf die New Yorker Weltausstellung machen, um danach sofort wieder in seine Zeit zurückzukehren. Doch als der Moment zur Rückreise kommt und er die Vergangenheit gutgelaunt mit einer Anstecknadel für seine Frau verlassen will, wird der Temponaut wieder an sein ursprüngliches Ziel katapultiert, an denselben Ort, in dieselbe Zeit und dieselbe Welt, die er bei seiner Ankunft aus der Zukunft erreichte: – zur Weltausstellung 1939, 27. Juli, 10.07 Uhr.

Und immer wieder, nachdem Frank sich einigermassen zurechtgefunden und eingerichtet hat in dieser Zeit des Trylon und der Perisphäre, wird er an seine ursprüngliche Ankunftszeit zurücktemportiert. Bald schon kennt er jeden Stein und jeden Besucher der ‚39er Weltausstellung und kann jede Situation vorhersagen; doch all dies nützt ihm nichts, denn wenn der Zeitpunkt zum Verschwinden angesagt ist, kann er nichts weiter mitnehmen als die Kleidung auf seiner Haut (noch nicht einmal seine geliebte Anstecknadel)! In dem Dilemma dieser Zeitreiseschleife gefangen, scheint es für Frank keinen Ausweg aus seiner Situation zu geben, muss er dieses Schicksal wohl bis ans Ende seiner Tage erleiden und erdulden; bis er eines Tages schliesslich einige geringe Abweichungen seiner Umwelt wahrzunehmen beginnt.

Tatsächlich gelingt es ihm sogar, diese Veränderungen richtig zu deuten: Entweder verändert sich die Vergangenheit ständig oder er selbst bewegt sich von einer Parallelwelt zur anderen. Und wirklich: eines Tages werden ihm Botschaften übermittelt und es kommt zu einem bedeutungsschweren Versuch, der ihn wieder zurück in seine Zeit transportieren soll. Doch statt des erwünschten Erfolgs wird ihm seine Frau zuteleportiert, die ihm in seiner Situation zur Seite stehen soll und ihm vor dem Wahnsinn retten will …

Dann endlich, nach langen Stunden, die so häufig wiederholt wurden, dass man sie kaum zu zählen wagt, ist es soweit: mit einem weiteren Experiment sollen Frank und Cheryl nach Hause geholt werden! Und tatsächlich scheint das Experiment gelungen und die Beiden wieder zu Hause zu sein. Doch plötzlich entdeckt der Protagonist einige Abweichungen, die sein Zuhause von dem unterscheiden, wie er es in Erinnerung hat. Doch dem nicht genug, macht man nun auch noch Jagd auf sie, so dass es nur einen Ausweg gibt: Frank und seine Frau müssen mittels der Zeitreisemaschine in ein angrenzendes Universum, ein weiteres Paralleluniversum  telezemporiert werden, um dadurch wieder zu ihrem wirklichen Zuhause zu finden.

Und tatsächlich scheint es endlich gelungen; bis auf einige kleine Merkwürdigkeiten … – So wird Frank von einem Paralleluniversum in nächste gehetzt, bis ihm schliesslich sogar gewahr wird, dass seine Frau gar nicht seine Frau ist, die ihm dann auch noch irgendwo abhanden kommt; bis ihm endlich nur noch ein gewagtes endgültiges Experiment eines Wissenschaftlers retten kann: Frank muss sich „den Mond auf den Kopf fallen lassen“, um soviel Energie aufzutanken, dass er endlich in seine Zeit zurückkehren kann. Und tatsächlich gelingt das Wagnis und Frank befindet sich am Ende wieder zu Hause; wenn da nur nicht diese klitzekleinen Merkwürdigkeiten wären …

Natürlich ist ZEITKNICK von George Alec Effinger und eine Persiflage auf so ziemlich alle Zeitreisegeschichten, die das Genre so mit sich brachte. Effinger wäre nicht Effinger, würde er dabei nicht voll Schwarzen Humors den Leser, den Protagonisten und auch sich selbst durch den Kakao ziehen und die Alltäglichkeiten und Besonderheiten des ‚ganz normalen‘ Lebens dabei vergessen. Und natürlich ist ZEITKNICK auch eine Veräppelung der amerikanischen Lebensart und deren Auswüchsen. Doch auch dieser Erklärungsansatz reicht bei weitem nicht aus, um all die kleinen humorigen Seitenhiebe, die Effinger so im Laufe der Handlung verteilt – die für seinen Protagonisten wie auch für den Leser zu einer nimmerendendwollenden tour de force ausartet – an dieser Stelle nachvollziehbar begründen und darstellen zu wollen. So kommt es etwa nicht nur hin und wieder zu solch unglaublichen Dialogen zwischen dem Protagonisten und dessen Frau wie im folgenden Fall:

(…) „Wir können uns genausogut etwas ausruhen hier“, sagte Mihalik. „Wieder zu Kräften kommen, solange wir Zeit dazu haben. Schliesslich wissen wir nicht, welche Gefahren auf uns warten. Lassen wir Fünfe gerade sein und nehmen wir’s, wie’s kommt.“

„Gefahren? Welche Gefahren, Frank? Hier gibt es nichts, weder Gefahren noch sonstwas.“

Er sah mit halb geschlossenen Augen zu ihr hoch. „Cheryl, ich gebe dir recht, hier gibt es nichts. Aber das heisst nicht, dass hier nicht jeden Augenblick eine Gefahr auftauchen kann.“

Diese Bemerkung Mihaliks brachte Cheryl völlig aus dem Konzept. Daran hatte sie nicht gedacht. Sie hatte ihn wieder einmal unterschätzt. (…)

Oder wenn es darum geht, einem Fremden ihre Herkunft zu erklären:

(…) „Wir sind aus New York“, sagte Cheryl. „Und woher kommst du?“

Petie sah sie mit unverhohlener Neugier an. „Von nirgendwo“, antwortete er. „Woher kann man den sein?“

„Zum Beispiel aus New York“, sagte Mihalik.

„So einen Ort gibt es nicht“, antwortete Petie. „Es gibt überhaupt keine wirklichen Orte. Es gibt nur das hier, und das ist kein wirklicher Ort. Wenn es einen wirklichen Ort gäbe, wäre er nicht hier; wenn es also einen wirklichen Ort gäbe und er nicht hier wäre, würde es ihn nicht wirklich geben. Es kann ihn nicht geben, was zu beweisen war. Zum Beispiel Euer New York.“ (…)

In ähnlicher Manier geht es durch den gesamten Roman, und wenn Mihalik am Ende wieder in seine Welt zurückgekehrt ist, hat dieser zusammen mit dem Leser die wohl abstruseste Zeitreise-Odyssee der Science Fiction-Geschichte durchlebt und Orte besucht, die den verrücktesten Gesetzmässigkeiten gehorchen oder auch gar keinen Gesetzmässigkeiten oder die gar keine Orte sind, bis selbst Mihalik sich zu der Aussage genötigt sieht, mit der sich der Kreis schliesst und wir wieder an den Ausgangspunkt der Besprechung der beiden Bände ankommen und es vorerst dabei auch bewenden lassen wollen:

„Ich glaube, es führt zu nichts, überhaupt die Frage nach der Wirklichkeit zu stellen: Wirklichkeit kann man einfach nicht definieren. (…) Ich denke es ist am besten, ich höre auf, mir darüber den Kopf zu zerbrechen, und kümmere mich lieber um unsere Probleme. Ist doch völlig egal, ob das nun wirkliche oder keine wirklichen Probleme sind.“

„Frank“, wiegelte Cheryl ab, „darüber haben sich die Philosophen schon vor der Zeit Sokrates‘ den Kopf zerbrochen. Das ist eine der Menschheitsfragen. Du fängst schon wieder an, Wirklichkeit zu definieren, und dabei wolltest du das doch nie mehr tun.“

„Ich habe als Kind auch ständig in die Hosen gemacht“, sagte Frank. „Aber ich bin damit fertiggeworden. Und damit werde ich auch fertig.“

Copyright (c) 1992/2015 by Detlef Hedderich und F. Thomas Blauh

Hrsg. Anton, Uwe
Willkommen in der Wirklichkeit
ISBN: 9783453042988 (früher: 3453042980)
Seiten: 444 S.
Gewicht:          300 g
Verlag:             Heyne Verlag
Erschienen:       1990

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Effinger, George Alec
Zeitknick
(The Nick of Time, 1985)
Wilhelm Heyne Verlag, München 1990
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287 Seiten. DM 9,80.
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