Accelerando

Charles Stross
Accelerando

(sfbentry)
Heyne
Science Fiction
Umfang 562 Seiten
ISBN 978-3-453-52195-7
Herausgegeben von Kuepper, Angela
Übersetzt von Kiausch, Ursula

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Viele Szenarien der ScienceFiction spielen in einem Universum, dass sich technologisch und gesellschaftlich weit von unserer heutigen Welt entfernt hat. In der Regel setzen dieser Zustand eine Phase des Umbruchs voraus. Eine Zeit die von gravierenden technologischen Entwicklungen charakterisiert wird, die massive Wirkung auf unsere Gesellschaft, ja selbst auf unser Verständnis von Menschlichkeit entfaltet. In den 80er Jahren entwickelte der Mathematiker und Autor Vernor Vinge den Begriff der Singularität für diese Phase. In der Futurologie wird davon ausgegangen, dass die Entwicklung oder Erweiterung von künstlicher Intelligenz zu einer rasanten Entwicklung führen wird, die das Leben wie wir es kennen vollständig umkrempeln wird. Singularitäten sind Punkte ab denen die bekannten Gesetzmäßigkeiten nicht mehr zutreffen. Die technologische Singularität bedeutet, dass unser Verständnis von der Welt danach nicht mehr zutreffend ist und die Menschheit sich gewissermaßen neu erfinden muss.

Während die meisten Autoren die technologische Singularität in der Vergangenheit platzieren und als Voraussetzung ihrer Geschichten betrachten, unternimmt Charles Stross mit Accelerando den Versuch das Leben innerhalb einer solchen Singularität zu beschreiben. Für dieses Vorhaben muss er drei Baustellen zugleich in Angriff nehmen. Zum einen wäre da die technologische Komponente selbst. Stross muss natürlich Annahmen treffen, welche technischen Neuerungen er als plausibel betrachten und in seinen Entwurf integrieren will. Gesetzt ist dabei zunächst einmal nur die rasante Entwicklung der Intelligenz, entweder in Form von Künstlicher Intelligenz oder der künstlich erweiterten Intelligenz des Menschen. Ein zweiter Punkt ist die gesellschaftliche Entwicklung. Sowohl die globalen Entwicklungen neuer Strömungen, quasireligiöser Bewegungen und anderer Dinge aber auch der ganz individuelle Umgang von Menschen mit den nahezu täglichen Neuerungen ist dabei von Bedeutung. Zum Dritten kann sich Stross aufgrund seiner Intention einer Betrachtung der Entwicklung der Singularität nicht auf einen fixen Zeitpunkt beschränken. Er muss den Bogen weit genug spannen, um hier tatsächlich eine Entwicklung darstellen zu können.

Gerade der letzte Punkt stellt eine große Herausforderung dar. Allzu leicht nur gleitet eine Geschichte durch solche Zeitsprünge ins episodenhafte ab. Die rasante Entwicklung innerhalb der Singularität erlaubt es Stross seine Protagonisten über den ganzen Roman beizubehalten, auch ohne überlange Lebensspannen oder völlige Wechsel der Bezugsrahmen zu bemühen. Als Vehikel welches gleichermaßen fester Bezugspunkt, wie auch Instanz des technischen Wandels ist, führt Stross die Katze ein. Zunächst nur ein Spielzeug für ein Kind, entwickelt sich die KI weiter, bis sie schließlich zur potenten Superintelligenz heranreift.

Bereits zum Beginn zeigt Accelerando die wichtigste Komponente der technologischen Singularität, den Weg in die Virtualität menschlichen Seins. Dieses Modell stellt letzten Endes auch die Grundstimmung des Romans dar. Ganze Planetoiden werden zerlegt, um genügend Computronium zu erzeugen und darauf die gewaltigen Simulationen und digitalen Persönlichkeiten laufen zu lassen. Dyson Sphären erzeugen die benötigte Energie und die virtuellen Denkmaschinen, die von ihren fleischlichen Schöpfern später der Missratene Nachwuchs genannt werden, entwickeln sich zu etwas weiter, dass längst nicht mehr menschlich zu nennen ist. Die genauen Vorgänge in dieser neuen Welt sind für Menschen nicht mehr zu begreifen. Stross versucht gar nicht erst die Feinheiten des Wirtschaftssystems 2.0 zu erklären, das nach völlig anderen Maßstäben funktioniert, als die Ökonomie unserer Zeit.

Interessanterweise geht Stross den philosophischen Fragen, die sich allein durch die Upload-Technologie ergeben aus dem Weg. Nun könnte man durchaus noch argumentieren, dass die Theorie hier wieder einmal von der Realität überholt wurde und doch stehen die Menschen gegen Ende des Romans vor einem ganz handfesten Problem. Der Missratene Nachwuchs konstruiert aus bloßen Beschreibungen die virtuellen Zustandsvektoren historischer Persönlichkeiten und sendet diese später in die menschliche Enklave auf dem Saturn. Dort erhält jeder Neuankömmling umgehend einen Körper, sowie grundlegende Rechte und Zugang zu öffentlichen Ressourcen. Die enorme Flut solcher Persönlichkeiten stellt jedoch zunehmend eine Gefahr für die menschliche Gesellschaft dar. Obschon die Knappheit von Ressourcen hier kein zentrales Thema darstellt, so stellt der stete Zuwachs an Bürgern mit völlig veraltetem Erfahrungshorizont die Grundprinzipien der Demokratie in Frage.

Es liegt in der Natur von Stross Entwurf, dass er sich nicht länger mit solchen Detailfragen aufhält. Sein Blick ist ein viel größerer. So geht es gegen Ende um die Emigration der Menscheit aus dem Sonnenssystem. Dabei ist es weniger der Tod des Sterns, der die Menschheit zum Handeln zwingt, als vielmehr, der missratene Nachwuchs, der immer weniger Verwendung für jene Wesen hat, die noch bevorzugt im Fleich existieren und deren beschränkter Verstand kein Überleben in ihrer Welt erlaubt. Der posthumane Mensch gerät dabei zum anachronistischen Modell einer Existenz, die sich in ihre Nischen zurückzieht und ein Dasein in einer beinahe schon musealen Welt fristet.

Fazit

In der Gesamtschau ist Charles Stross Versuch das Leben in der Singularität zur beschreiben durchaus zu würdigen. Anhand einer Vielzahl von Ideen zeigt er die rasanten Entwicklungen auf, wobei die damit für die Menschen verbundenen Probleme in erheblichem Maße mit der enormen Geschwindigkeit zu tun haben, in der sich die Entwicklung vollzieht. Letzten Endes ist Stross Entwurf eine technokratische Dystopie. Wollte man Accelerando auf eine Grundaussage reduzieren, landete man schnell bei Herberts Denkmaschinen oder anderen Maschinengeistern, die sich gegen ihre Schöpfer wenden. Immerhin darf man Stross komplexere Motive unterstellen, denn in diesem Roman ist der Weg gewissermaßen das Ziel.

Bei allen Kniffen und Ideen gelingt es Stross allerdings nicht wirklich, eine spannende Geschichte zu erzählen. Allzu oft nur verliert er sich in den Erklärungen juristischer Modelle oder technischer Belanglosigkeiten. Die verschiedenen Wechsel zwischen persönlichen Problemen der Protagonisten und den Themen mit gesellschaftlich übergreifender Relevanz führen zu einer recht starken Zergliederung. Die sprachliche Dichte, ja schöpferische Vorreiterrolle, die dieser Roman dem Vernehmen nach im Heimatmarkt erreicht hat, kann ich an dieser Stelle nicht so recht nachvollziehen. In sofern stellt Accelerando ein Experiment dar, welches als gelungen betrachtet werden darf. Einen sonderlich spannenden Roman hat dieses Experiment jedoch nicht hervorgebracht.

Copyright 2010 by Johannes Heck

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