Das Ende der Schwere

Georg Alec Effinger
Das Ende der Schwere

Heyne / Science Fiction & Fantasy Taschenbuch (4842)
367 Seiten
ISBN 3453053672
Originaltitel: When gravity fails (1987)
Erschienen: 1991
Übersetzer: Isabella Bruckmaier
Titelbild: Michael Hasted

Man verlege im menschlichen Körper beliebige Mengen Draht, man injiziere elektronische Mikrobausteine, man montiere an einer beliebigen Stelle des Bodys ein Interface, man denke sich alle nur möglichen Arten von exotischen Suchtmitteln aus, sowie abartige Methoden, einem Organismus diese Drogen zuzuführen, vielleicht sollte man als Zugabe noch eine möglichst herunter gelotterte und abgehalfterte Umwelt konstruieren und diese mit den fiesesten Typen bevölkern, die sich eine ausgeprägte Vorstellungskraft nur auszudenken vermag – zu diesen Zutaten gebe man noch ein bisschen Handlung (es muss nicht unbedingt viel sein), wenn man dann noch den Mut hat, das alles schriftlich zu fixieren und veröffentlichen zu lassen, dann könnte es sein, dass ein wohlwollender Kritiker nach längerem Überlegen zu dem Schluss kommt, dass sich das Ergebnis als Cyberpunk bezeichnen ließe.

Klar, das ist nicht besonders enthusiastisch geurteilt, aber ich kann Leuten, die sich z.B. durch die Anthologien „Spiegelschatten“ und „Atomic Avenue“ gekämpft haben (wie weit ist eine andere Frage), eine solche Meinung nicht übel nehmen. Eventuell sollte man darauf hinweisen, dass die Ursprünge des Cyberpunk nicht genau lokalisierbar sind, aber mit einem Mal war der Begriff da und heutzutage wird der Cyberpunk als „die postmoderne Science Fiction der achtziger Jahre“ bezeichnet. Dabei hat es schon bedeutend eher zumindest Andeutungen zum Thema gegeben. Ich erinnere mich da an eine Geschichte von Niven, „Flash Crowd“ (Menschenauflauf), erschienen 1973, in der u.a. dafür demonstriert wird, „Gehirnsonden“, die auf elektronischem Wege neue Wahrnehmungsebenen erschließen können, zu legalisieren.

Aber genug der Einleitung; als erstes ein paar Textzitate:
„… klopfte an die Tür, die daraufhin von einem ungeschlachten Kerl geöffnet wurde, der wie ein großer Sandstein aussah, der sich bewegen konnte. Ich erwartete nicht, dass er sprechen oder denken konnte, als er es dann doch tat, war ich überrascht… „Rein.“ sagte er. Seine Stimme klang wie ein Sandstein, der sprechen konnte…“
„… und schätzten sich glücklich, wenn sie (Anm.: die Rede ist von allzu neugierigen Touristen) wieder im Hotel angekommen waren. Ein paar weniger Glückliche blieben auf dem Friedhof zurück. Wie gesagt, der Friedhof lag ideal, das sparte uns Zeit und Ärger…“
Letztes Zitat ist aus einem Monolog des Haupthelden des Buches, um das es hier geht, herausgeschnitten. Und er, seines Zeichens Privatdetektiv chandlerscher Prägung, auch wenn er in einem nordafrikanischen Nutten- und Ganovenbezirk des 21. Jahrhunderts agiert, hat noch viel mehr dieser zynischen Bosheiten drauf.

Das ist selbstverständlich das Verdienst G.A. Effingers, dessen Cyberpunkroman „Ende der Schwere“ kürzlich beim Heyne-Verlag erschienen ist. Ich bin ganz durch Zufall an dieses Buch geraten, aber mangelnder Lesestoff und ein dem Text vorangestelltes Chandler-Zitat ließen mich doch meine Abneigung gegen Cyberpunk überwinden. Und das war nicht mal schlecht, denn nun kenne ich auch eine Schwarte, die man zwar nicht unbedingt Chandler-Fans aufnötigen sollte, aber dafür ruhigen Gewissens Leuten empfehlen kann, die neben Hightech noch Wert auf eine gut zu verfolgende, wenn auch nicht unkomplizierte Handlung legen. Sicher, im Text sind ein paar Holprigkeiten enthalten, z.B. wird das Wort „können“ in seiner Vergangenheitsform ganz schön strapaziert, aber da ich den englischen Originaltext nicht kenne, weiß ich somit nicht, ob sich die Übersetzerin nur streng an die Vorlage gehalten hat, oder noch ein klein wenig an ihrem Ausdruck feilen muss. Ansonsten ist es ihr nämlich hervorragend gelungen, ebenso wie dem Verfasser, den Stil der amerikanischen „hard boiled story“ in eine Zukunftsgeschichte zu übertragen.

Die elektronischen Zutaten, die Effinger verwendet, sind leicht aufgezählt: Moddies und Daddies, die sich die so genannten „Drahtköpfe“ in ein in den Kopf implantiertes Interface einschieben können. Ein Moddy ist ein Speichermodul mit einer integrierten Persönlichkeit, d.h. bei Benutzung eines Moddys überlagern die Charakterzüge der gespeicherten Figur die eigenen. Bei den Daddies handelt es sich um kleinere Chips, mit deren Hilfe man sein Wissen erweitern (Fremdsprache) oder unerwünschte körperliche Zustände (Müdigkeit) überblenden kann, so genannte Additive.

Marid Audran, der Privatdetektiv, um den es in der Hauptsache geht, schlägt sich mehr schlecht als recht in einer Kasbah der Zukunft durchs drogenvernebelte Leben. Er ist stolz darauf, noch nicht seinen Grips verdrahtet zu haben, dopt diesen dafür allerdings mit jeder Menge an Rauschgiften aller Art. Als unter seinen Bekannten eine Art unfreiwilliges, weil gewalttätiges und jede Menge blutiges Sterben einsetzt, findet er immerhin heraus, dass gewissenlose Schwarzhersteller unter der Hand Moddies von solch liebenswerten Typen wie Jack the Ripper, Marquiz de Sade oder Kongo-Müller verhökern. Und dann klemmt’s. Dem Obermacher der ortsansässigen Unterwelt, der sich ebenfalls bedroht fühlt, einem väterlichen Uraltganoven namens Friedlander Bey (er erinnert verdammt an den aus vielen Teilen der Krimiserie „Magnum“ bekannten „Icepick“), gelingt es, Audran dazu zu zwingen, sein Gehirn zwecks Erweiterung des logischen Denkvermögens ebenfalls elektronisch erweitern zu lassen.

Unter diesen Voraussetzungen gelingt es Effinger perfekt, die Vertreter der „harten Kriminalgeschichte“ zu persiflieren. Unter anderem lässt er Audran sich ein Nero-Wolfe-Moddy organisieren, samt dem von Archie Goodwin natürlich, da ja Wolfe sein Haus so gut wie nie verlassen hat, aber die Benutzung führt mitnichten zu neuen Erkenntnissen über den oder die Killer, sondern zu einer Schlägerei unter seinen Freunden. Der Kumpel, der Goodwin ersetzen sollte, nimmt es nämlich sehr ungehalten auf, dass Archie bloß Milch trinkt – ganz zu schweigen von Audrans physischen Zustand als Wolfe, da er mit dessen deduktiven Fähigkeiten leider auch das zugehörige Gewicht vorgespiegelt bekommt. Nach rund dreihundertfünfzig Seiten geht die Geschichte insofern gut aus, dass es Audran gelingt, diverse Morde aufzuklären sowie die Verantwortlichen dafür kaltzumachen. Ein Happy End gibt’s trotzdem nicht, denn mittlerweile ist er zu Friedlander Beys Mann geworden, mit Hilfe eines ferngesteuerten Schmerzresonators, der auf seine Veranlassung bei der Verdrahtung von Audrans Schädel heimlich mit eingesetzt wurde. Dieser letzte Gag ist aber nun wirklich so neu nicht mehr.

Die Schwächen des vorliegenden Buches liegen, wie so oft, nicht in ihm, sondern in seiner Fortsetzung, die ich ungefähr einen Monat später erwarb, obwohl in „Ende der Schwere“ eine Fortsetzung mit keiner Silbe erwähnt wird. Aber in irgendeiner Buchhandlung kam mir die Titelillustration so bekannt vor. Dieser neue Effinger-Reißer heißt „Ein Feuer in der Sonne“ und droht im Klappentext eine „Marid Audran Trilogie“ an. Allein den zweiten Teil lesen zu wollen, bereitete ein recht gemischtes Vergnügen. Originalität, Handlung und – am schlimmsten – Stil haben gegenüber dem ersten doch erheblich gelitten. Und das kann nicht an der Übersetzung liegen, denn die Übersetzerin Isabella Bruckmaier hat beide Bände in der Mache gehabt. Sollte ich ein Resümee über Cyberpunk insgesamt ziehen sollen, dann bestimmt dieses: gerade beim Cyberpunk scheinen sich die gelungenen Sachen unter einem großen Haufen Punk um des Punkes willen zu verstecken. (Norbert Danziger)

Titel bei Amazon.de
Das Ende der Schwere. Roman.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.